1086 3. Zeitraum. 2. Periode. 2. Zeitabschnitt. 2. Capttcl.
eine unmittelbare, innere Offenbarung der Vernunft alsalleinige Quelle alles göttlichen Erkennens, und gewann später sammt demFries'sch en Systeme, welches an Kant und Jacobi ankniipfend, eineLehre von s. g. ästh etisch en Ideen entwickelte, Einfluß auf die Theologie.Durch das Anschließen an Kant bildete sich unter den Theologen ein eigen-tümliches System aus, welches seit Reinh ard den Namen Ratio n alIs-mus erhielt, und das höchste Gesetz in der Verrinn st (besser wohl demgemeinen, räsonnirenden Menschenverstände) als einer natürlich en Offen-barung Gottes findet. Nach Eckermann, Teller, Henke, Tief-trunk verteidigten in der neuern Zeit dieses System namentlich derGeneralsuperintendent Röhr') in Weimar, als populärer Schriftsteller,W egsch eid er 2) , Professor zu Halle, als Dogmatiker, und Paulus^),Professor zu Jena, später zu Heidelberg, als Ereget. Sie dünkten sich dieKämpfer für Freiheit und Wissenschaft, vernachlässigten aber den historischenCharakter der göttlichen Offenbarung gänzlich, behandelten die h. Schriftauf eine höchst unwürdige Weise, und huldigten dem Wahne, daß die Lehrederselben durch die nun ausgebildete Vernunft vervollkommnet werden könne.Dieses nackte System, oft der v u l g är e Rationalismus genannt, zog denGlauben von seiner bisherigen Höhe herab, suchte an ihm Alles begreiflichund populär zu machen, d. h. den tiefsten Gehalt des Christenthums entwederzu verflachen oder ganz preis zu geben. Daher konnte cs auch nur bei dens. g. Gebildeten auf dauernde Anerkennung rechnen, während philosophischeGeister und tiefere Gemüther sich nach etwas ganz Anderem sehnten. Tref-fend nannte Schelling^) diese Operationen der neuern Aufklärerei in Be-zug auf das Chriftenthum eine „Ausklärerei," und von ihren Vertreternsagt er: „Nicht geistreich aber ungläubig, nicht fromm und doch auch nichtwitzig und frivol (?) , ähnlich den Unseligen , wie sie Dante im Vorgrundder Hölle eristiren läßt, die weder rebellisch gegen Gott noch treu waren, dieder Himmel ausstieß und die Hölle nicht ausnahm — haben vornehmlichdeutsche Gelehrte mit Hilfe einer s. g. gesunden Exegese, einer aufklärendenPsychologie und schlaffen Moral alles Spekulative und selbst das subsectiv-Symbolische aus dem Christenthum entfernt. Der Glaube an seine Göttlich-keit wurde auf empirisch-historische Argumente gebaut, das Wunder der Of-fenbarung in einem sehr handgreiflichen Zirkel durch andere Wunder bewiesen.Da das Göttliche seiner Natur nach empirisch weder erkennbar noch demon-strabel ist, so hatten biemit die Naturalisten gewonnenes Spiel." Dochhatte er keine Berechtigung zu solcher Sprache, da er, entschiedener Pan-theist, sich nicht scheute zu erklären: „man könne sich des Gedankens nichterwehren, welch ein Hinderniß der Vollendung (des Christenthums) die s. g.biblischen Bücher für dasselbe gewesen seien, die an echt religiösem Gehaltekeine Vergleichung mit so vielen andern der frühern und spätern Zeit, vor-nemlich der indischen, auch nur von fern aushaltcn." Die „Aar au erStunden der Andacht" waren der vollkommenste Ausdruck dieses aus-
1) (Röhr), Briefe üb. d. Nationalism. Aachen (Zeitz) 813 u. die krit.Predigcrbiblioth. s. 1820; Grund- und Glaubenssätze der cvang. prot. Kirche.Neust. (832) 834.
2) iustit, Ideal. cbr. äoZin. Hai. 81Z. sä. VII. 833.
3) Paulus, Commentar. üb. die 3 erst. Evang. Lpz. (800) 804 ff. 3Bde.;zu Johannes; Leben Jesu. Heidelberg 828. 2 Bde.
4) Sch elling, Vorlesungen üb. d. Methoded.akadem. Studien. 2A. S.198 ff.