!>88 3. Zeitraum. 2. Periode. 2. Zeitabschnitt. 1. Capitcl.
die Wahrheit ausgesprochen: „ein Volk ohne Religion, vhncCul-tuS, ohne Kirchen und öffentlichen Gottesdienst müsse ohneVaterland und ohne Sitten sein, und bereite sich selbst seineSklaverei. Die Verachtung der Religion habe das großeReich zu Grunde gerichtet, und dies werde das Schicksaljedes Volkes sein, dessen Gesetzgebung sich nicht aus dieunveränderliche Grundlage der Sittlichkeit und Religionstütze." Ein Decrct (30. Juni 1795) erlaubte die Ausübung der kathol.Religion in den noch nicht veräußerten Kirchen, was nach den vvrhcrgegangc-ncn Schrecken als eine große Wohlthat von dem bessern Theile des Volkesbegrüßt wurde. „Wie süß, schrieb M ercierp ist das Christcnthum nachder Moral eines Robcspicrre, Marat und ihrer Gefährten, wie nothwendigist cs für uns, daß Jemand nach solch' blutigen SchrcckcnSscencn zu uns vondem Gotte des Friedens spreche." Von den Geistlichen verlangte man an-fangs nur eine Erklärung ihrer Unterwerfung unter die Gesetze der Republik,bald darauf aber auch die Anerkennung des Princips der Volkssouveräuctät:eine abermalige Gelegenheit zu neuen Verfolgungen. Auch das so auffallendschnell eintretende göttliche Strafgericht an den Urhebern und Letter» der Re-volution: dem Herzog von Orleans, Danton, Marat, Robcspicrre, Chabot,Gobel u. A. hatte noch kcincöwcges in der Allgemeinheit die Sehnsucht zurRückkehr in die alte Muttcrkirche geweckt.
Die mit der Verwerfung des Christcnthums entstandene Irreligiositättrat noch in eine neue Phase: cs bildete sich unter der neuen Verfassung desDirectoriums (1790) die Sekte der Th eophilanthropen') aus ei-nigen vcrhcirathetcn Priestern, ehemaligen Clubbistcn, Jacobinern und Red-nern der Sektionen. Anfangs traten 5 Familienväter zusammen, bald abervergrößerte sich ihre Anzahl, undRcveillöre lePaur, einer der 5 Direkto-ren, trat an ihre Spitze. Vom Direktorium begünstigt, nahmen sie allmälig 10Pfarrkirchen ein, und fanden auch in den Provinzialstädtcn oft Gleichgesinnte.Sic bekannten sich zu einem puren Deismus; ihre abgeschmackten Liturgienwaren eben so wenig ansprechend. Sie konnten weder gegen das Christenthum,noch gegen den Jndifferentismus bestehen, und verfielen daher, vom Spotte deröffentlichen Meinung verfolgt, als der Reiz der Neuheit verschwunden war.Als Bonapartc das Direktorium stürzte (9. Nov. 1799), und dicConsular-reg ierung errichtete, erklärte er als erster Consul: diese Sekte dürfe ihrenCultus nicht ferner in den Kirchen, den Nationalgütern, halten (1802).
Innerhalb der kathol. Kirche selbst aber behauptete jener Thcil des Kle-rus, der den Eid auf die bürgerliche Constitution geschworen hatte und janse-nistische Umtriebe ausübte, noch die Oberhand, und machte dem rechtmäßigenKlerus die Jurisdiction auf jegliche Weise streitig. Unter seinem Haupte, demB. Grcgoire, hielt er zu Paris cincSynode (s. 25. Aug. 1797), derenDecretedie Bestimmungen der bürgerlichen Constitution theilweise wiederholten,z. 389. Die römische Republik.
Pius VI. hatte durch die Bulle die bürgerliche Constitution deö
Klerus verdammt, und den Geistlichen die Leistung des Eides darauf verboten.Als später zwischen den Franzosen und andern Mächten der Krieg ausbrach,
I) Auch Theauthropophileu d. i. Freunde Gottes und der Menschen,ölainiel dos 33>ü,>glnb^. l'ai. 797. übersetzt von Friede!. Mainz 798. Hmeeri'ichiaiiZu «lo-; Rbuozdnl. tre,u,ü! das lOstourn). Our. 797 Gr> gvire, Gesebder Theophilauthr. übers von Ltäudli». Hau. 806.