Druckschrift 
Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
Entstehung
Seite
981
Einzelbild herunterladen
 

§. 387. Die französische Nationalversammlung (Constituante). 981

reich verbreitete deistische Litteratur und materielle Philosophie es auf einplanmäßiges Untergraben und Verhöhnen der christlichen Religion und Sitt-lichkeit angelegt. Peter Bayle, Voltaire, d'Alembert, Diderot,Jean Jacques Rousseau u. A. waren dafür in verschiedener Weisethätig. Die am Hofe Ludwig'ö XV. eingerissene Maitressenherrschaft mitihrer Unsittlichkeit, und die irreligiösen Minister leisteten dieser Richtung nochVorschub. D er ahnungsvolle Angstruf und die Gegenvorstellungender Geistlichkeit wurden wenig berücksichtigt'). Da erschienen alsbald auchSchriften, welche die Kirche und das Königthum zugleich in den Kothzogen 2), und Ludwig XV. starb bereits mit dem qualvollen Gedanken (10.Mai 1774): daß sein Enkel im Kampfe mit den Parlamenten die Kronenur mühevoll werde erhalten können. Der greise frivole Minister des edlenund wohlwollenden Ludwig XVI. Maurepas rief in Mitten der immersichtbarer hereinbrechenden Staatszerrüttung wiederholt aus:Wenn es nurso lange noch hält als wir."

Bei solcher Entfesselung der Leidenschaften gegen Kirche und Königthummußten die durch Verschwendung und Vernachlässigung der materiellen In-teressen des Landes eintretenden Finanzverlegenheiten und lästigenBesteuerungen des Volkes Auflehnung deü dritten Standes gegen dieSteuerfreiheit des begüterten Adels und der wohlhabenden Geistlichkeit zurFolge haben, obschon beide bereits durch freiwilligeGeschcnke zu den Staatö-lasten beitrugen. Die amerikanische Freiheit, noch dazu durch Frank-reichs Geld und Waffen mit erkämpft und von den heimkehrenden Officierenmit Enthusiasmus verkündet, mußte in diesen zündbarcn Stoff wie Feuer-funken fallen. Eine besondere Veranlassung dazu gab der König noch da-durch , daß er nach einem gefährlichen Kampfe mit den Notabeln wegen desjährlichen Deficits von 115 Millionen, und schnellem Ministerwechsel bis zudem radikalen Necker in die Berufung der Generalstaaten einwilligte,dazu Wahledicte erließ, wonach die Zahl der Deputaten des dritten Stan-des verdoppelt werden sollte. Die Eröffnung geschah am 4. Mai 1789 zuVersailles, in der Nähe der furchtbar gährenden Hauptstadt, die noch imWinter 178889 durch Hunger und Kälte war demoralisirt worden").Kaum waren die Generalstaaten zusammengetreten, als die Abgeordnetendes dritten Standes sogleich beschlossen: daß der Adel und Klerus sich mitihnen zu gemeinschaftlichen Berathungcn vereinigen sollten, was seitPhilipp dem Schönen zwar mehrmals geschehen war, aber schon von denletzten Gcneralstaaten 1614 nicht beobachtet wurde. Der von den beidenbevorrechteten Ständen gegen diese Zumuthung geleistete Widerstand machtedie Forderung der Commune» noch leidenschaftlicher, indem Graf Mtra-be au dafür das Wort führte. Diese erklärten sich ( 17. Juni) in einerstürmischen nächtlichen Sitzung für die einzige gesetzmäßige Ver-

1) Die asssmblü du olcn'M sprach ln ihrer Denkschrift an den König vom20. Juli 1789 die ahnungsvollen Worte aus: Lnauro guolgu68 nunüos da si-lenco et I'übraulomvut, davon» Zünürnl, ne Inissara. plus uparrovuir gus liesüebris et des ruinös, b. 4'. II. >>. 53.

2> Die 1768 erschienenephilvs. Geschichte des Handels beider Indien v.Rapnald" erklärte ununiwnndcn:Die Welt wird nicht glücklich sein, so langeum» nicht alle Könige und Priester ansgerottct hat" ;die Hochzeit des Figaro v.Beaumarchais, "Satprc gegen alle Gewalten u. gegen den Adxl.

3) lieber die vorbereitenden Ursachen d. franz. Revolution s. i» Aneillou-m Vermittlung der Ertrcme. Brl. 838. Bd. I. S. 249 ff.