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Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
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965
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§. 376. Die Glaubenslehre und die Theologen. 965

Dieser starre Buchstabendienst schien Manchem alles Streben nach Hei-ligung überflüssig zu machen. Einer der vortrefflichsten Zeitgenossen klagte:Die heutige Christenheit hat vier stumme Kirchengötzen, denen sie nachgeht:den Taufstuhl, Predigtstuhl, Beichtstuhl und Altar; sie tröstet sich ihres äu-ßerlichen Christenthums, daß sie getauft ist, Gottes Wort hört, zur Beichtegeht, das Abendmahl empfängt, aber sic verleugnet die innere Kraft desChristenthums." Gegen die starre Orthodoxie pries PH ilippJacob Spe-ner') das lebendige Christenthum. Zu Nappoldüweiler im Oberelsaß gebo-ren (1635), ward er zuerst Prediger in Straßburg und dann (s. 1666) Se-nior der Geistlichkeit in Frankfurt a. M., darauf Oberhofprediger zu Dres-den, und von da verdrängt, Propst in Berlin. Mit vieler Gelehrsamkeitverband er ein so tiefes Gefühl für die Wahrheit und eine so richtige Er-kenntniß des christlichen Geistes, daß ihm bei aller von Jugend auf genähr-ten Vorliebe für das Lehrsystem und die gottesdienstlichen Einrichtungen sei-ner Kirche die bedenkliche Richtung der Theologie und die Unfruchtbarkeit deshergebrachten Predigtamtes einleuchtend wurde, zumal der tiefe gemüthreichekatholische Prediger Johannes Tauler fein Vorbild war. Diesem ver-dankt er das Hinreißende, nicht das oft Langweilige seiner Predigten, inwelchen er für seine beabsichtigte Reform des ganzen Kirchenwesens denGrundgedanken aufstcllte: Religion sei Sache des Herzens unddas Predigtamt müsse sie dem Gemüth e einprägen. Er hieltdaher in seinem Hause Versammlu-ngen (cil-Heistu pietatis s. 1670), in wel-chen daö fromme Gefühl durch erbauliche Auslegung und fromme Gesprächegenährt wurde. Das Bestreben, aus einem Bedürfnisse der Zeit hervorge-gangen, fand anfangs vielen Anklang; in der weitern Entwickelung abernahmen die Kirchcnresormen Spener's einen fast bizarren Charakter an. SeinStreben nährte einerseits den innernHochmuth desSektengeistes undimpfte eine trübselige Kopfhängcrei im Gegensatz zu der Frischedes wahren christlichen Lebens ein '). Daher erhoben sich gleich anfangs ge-lehrte Theologen gegen ihn, indem ste ihm zur Last legten, daß er die meistenDogmen für unnütz zur Erbauung erkläre, wenn auch nicht gerade bestreite,und zogen auch die Fürsten in das theologische Gezänk hinein. Die größteBewegung entstand in Leipzig, wo drei Magister, worunter A u g. Herrn.Franke, deutsche erbauliche Vorlesungen über die h. Schrift hielten (1689).Wegen der übertriebenen Darlegung ihrer Frömmigkeit wurden siePietistcngenannt. Die Anklagen der College» Carpzov und Löscher lauteten aufVerachtung des öffentlichen Gottesdienstes, der Wissenschaft, auf Erregungeiner trübsinnigen Lebensansicht und eines hochmüthigen Sektengeistes. AusLeipzig vertrieben (1690) gründeten sie mit Thomasius die UniversitätHalle (1694). DaS nahe Wittenberg erhob sich nun aber um so schrofferals die Burg des Lutherthums. Bei vielem Verkehrten bewies sich diese theo-logische Richtung im Leben oft höchst wohlthätig; das mit seltenem Gottver-traue» von Franke gestiftete Waisenhaus zu Halle hat das Zeitalter unddie Nachwelt davon überzeugt.

Aber auch auf die wissenschaftlichen Theologe» hat diese, wenn auch ein-seitige Reaction einen wohlthätigen Einfluß geübt. Am sichtbarsten ist dies

>1 Hoßbach, Spcncr und seine Zeit. Bcrl. 824 ff. 2 Bdc. Knapp, Leben». Charakter einig, frommen n. gelehrten Männer des vorig. Jahrh. Hal. 829.

2) ?in ässnloria, oder herzl. Verlangen nach gottgcf. Besserung der wahrencvang. Kirche. (Erst. Vorr. z. Arndt's kosrilla ovnoZ. 675.) Frkf. 678 sg,-