928 3. Zeitraum. 2. Periode. 1. Zeitabschnitt. 1. Capitol.
lichen Orden, Einziehung der Kirchengüter, Besetzung der Bisthiimer ohnepäpstliche Bestätigung, Beraubung der geistlichen Jurisdiction an den päpst-lichen Nuntiaturen, Jsolirung der Landeskirchen von dem Mittelpunkte. Undalles dies wurde unter dem Vergeben nützlicher und nothwendigcr Reformendurchgeführt! „Uebcrhaupt machte man fetzt gegen die Kirche und den PapstGrundsätze gellend, deren Verschiedenheit von den neufränkischen Rechtsprin-cipien, wie Spittler sagt, schwer zu finden sein möchte, und deren Opferdie meisten dieser Mächte bald nachher selber wurden." Joseph II. befahl,daß die päpstlichen und bischöflichen Verordnungen dem landesherrlichenPlacet unterworfen werden müßten, schränkte den bischöflichen Eid ein, hoballe Reservationen auf, und verbot Titel und Würden von Rom ohne seineEinwilligung anzunehmen, untersagte die Verbindung inländischer Klöstermit ausländischen, hob deren eine große Anzahl auf, schaffte Procesfionenund Brüderschaften ab, befahl aber auch strenge Prüfungen der jungen Geist-lichen u. A. Die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg unter-nahmen es, diese Grundsätze auf dem Emser Congresse (1786) vonkirchlicher Seite zu confirmiren. Nicht besser verfuhren sein Bruder derHerzog Leopold von Toscana, der an Scipio Ricci, B. vonPistoja, einen eifrigen Unterstützen fand, die Republik Venedig undder Minister Tanucci in Neapel'). In Spanien war man unzu-frieden, daß der Papst den Bischof Palafor, den erbitterten Feind der Je-suiten, nicht kanonifireu wollte. Daneben noch Bewegungen gegen den Prie-stercölibat in Italien und Deutschland Die Gefahr, welche von der be-freundeten Macht Oesterreich dem apostolischen Stuhle wie der katholischenKirche überhaupt drohte, abzuwenden, entschloß sich Pius VI., vertrauendauf das apostolische Ansehen und seine persönliche Würde, nach Wien zu rei-sen. „Ans jedem Schritte seines Weges fand der Papst Tausende, die kniendseinen Segen empfangen wollten. Nur der Kaiser und der alte Kaunitzließen ihn ziemlich bitter empfinden, wie ungelegen er ihnen kam. Niemanddurfte den Papst sprechen, ohne ausdrückliche Erlaubniß des Kaisers, unddamit sich Niemand unbemerkt zu ihm schleiche, wurden alle Eingänge zuseiner Wohnung vermauert, bis aus einen, den man bewachte. Wollte derPapst mit dem Kaiser von Geschäften reden, so sagte dieser, er verstündenichts davon, er müsse erst seine Räthe fragen, und bitte die Sache schrift-lich zu behandeln. Kaunitz küßte die Hand, die ihm der Papst reichte, nicht,sondern schüttelte sie derb, besuchte auch den Papst nicht; und als dieser ihnunter dem Vorwände besuchte, seine Gemälde zu sehen, empfing er ihn ineinem leichten Morgenkleide ^)." Nachdem der Papst nur das Verspreche»erlangt hatte, daß die Reformen nichts gegen die Lehre der Kirche und dieWürde ihres Oberhauptes enthalten sollten, reiste er nach 4 Wochen ab.Nur der Eindruck, den er auf die Geistlichkeit und das Volk gemacht hatte,der nicht durch die schmähenden Flugschriften des Kanonisten ValentinE yb el u. A. verwischt werden konnte, war für die Zukunft bedeutsam. DerKaiser begleitete ihn bis Mariabrunn, kündete aber diesem Kloster ein paar Stun-den später die Aushebung an, um zu zeigen, wie wenig ihn der Papst umgestimmthabe. Alle diese Bewegungen gegen die päpstliche Macht wurden aber von denUmwälzungen überboten, welche in Folge der Revolution in Frankreich ein-
t) Walch, Th. V. S. 2-118. - 2) Ebendas. Bd. II. S. 431 ff.3) Wolfg. Menzel, Geschichte der Deutschen. Cap. 548 u. 49.