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Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
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§, 339. M-stikcr und Schwärmer.

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§. 339. Mystiker und Schwärmer.

Arnold, Kirch,- und Ketzerisch, sehr ausführlich darüber. Lromai/sr, äs^eigoliauismo, Rssno-Orneiauismo st?aracelso. I,ps. 669. Gieseler,Lehrb. der KG. Bd. III. Abth. 2. S. 433 ff.

Die fromme Richtung eines Johannes Tanler, Thomas vonKempen und früherer katholischer Mystiker, namentlich des VerfassersderteutschenTheologie hatte wie auf Luther, so auch auf mehrere Mit-glieder der protestantischen Kirche einen anregenden und belebenden Einflußgeübt. Dies zeigte sich am bestimmtesten bei dem GeneralsuperintendentenJohann Arndt zu Lüneburg (ff zu Celle 1621), dem Verfasser der 4Büchervom wahren Christenthume" (s. 1605), die wegen ihres tie-fen religiösen Gehaltes ein befreundetes Volksbuch geblieben sind, und ihrenInhalt zum Theil wörtlich altern mystischen Schriften entlehnen *). AuchJohann Gerhard, Professor zu Jena (ff 1637), der gründliche undmilde Theolog (loci tlieolorstci', coukessio tlwologica) neigte sich in seinersclwln pietatis" zum Mysticismus. Noch entschiedener aber verkündeteHeinrich Müller in Rostock (ff 1675) die unendliche Liebeöfülle imLhristenthume (geistliche Erquickstundcn). Vor allen gehört hierher der ge-segnete Dichter dergeistlichen Lieder" Paul Gerhard (geboren 1606 inChursachsen), erst Diakonus an der Nikolaikirche zu Berlin, dann flüchtig,weil er sich der vom reformirten Churfürstcn beabsichtigten Union widersetzthatte (1666), zuletzt Pastor Primarius zu Lübben in der Lausitz (ff 1676).Seine herzlichen und innigen Lieder sind seiner Brust entquollen, wo sie ambedrängtesten war. Die schönen Lieder: Besieh! du deine Wege",Nunlaßt unö gehen und treten" und:Wach aus mein Herz und singe" werdenallen Geschlechtern von der tiefen Gcmüthsfülle und religiösen Weihe diesesgottcsfürchtigcn Predigers zeugen^). Valentin Weigel^), Prediger inMeißen, nahm ein inneres Licht an, durch dessen Vermittlung allein dieäußere Gottes Offenbarung in der h. Schrift erkannt und wahrhaft religiöseEinsicht gefördert werde, während die Menge aller übrigen Kenntnissen»! dazudiene, den Geist zu verwirren; aber er behauptete auch, Christus sei mitFleisch und Blut auf die Erde gekommen und gab so Veranlassung zu derSekte der W eig eli aner. Einen theosophischen Charakter erhielt die My-stik bei dem Arzte Paracelsus aus Einsiedeln (ff als Katholik 1541 zuSalzburg), der die Theologie mit der Naturlehre und Chemie verschmolz*).Seine Grundansicht ist, daß die Art, wie die Gottheit in der Natur wirke,der Wirkungsweise im Reiche der Gnade analog sei; die Chemie gebe denSchlüssel nicht nur für die Veränderungen der Körper-, sondern auch derGeisterwelt; durch sie hoffte er die Essenz des Lebens, den Stein der Wei-sen zu finden. Am originellsten prägte sich diese Idee aus bei dem Schusterzu Görlitz Jacob Böhme (ff 1624), der schon in seiner Jugend glaubte

1) Neue Ausg. mit biogr. Notizen v. Krummacher. Lpz. 847. u. v. cvang.Buchcrvcrcin. Bcrl. 847. vgl. Ni ebner, Gcsch. der chr. Kirche S. 759.

2>Panl Gerhard's geistliche Lieder nach d. bei sn. Lcbzeit. erschien.Ausg. abgcdruckt. Stuttg. 843. Trepte, P. Gerhard. Dclitsch 828. Roth,P. Gcrh. Lpz. 829. Langbcckcr, Leb. u. Lied. P. Gcrh. Bcrl. 841.

3) Der güldnc Griff, d. i. Anl. alle Dinge ohne Jrrthum zu erkennen. Neust.

4-; icin. Schule: Hisol. IVsixsIii d. i. Glaubcnsbckcnntniß. Neust. 618.

I. Vgl. Standcnmaier, Philos. des Christcnthums. Bd. I. S. 72326.

4) Schrr. Bas. 589 ff. 5 Bdc. 4.; Rirncr u. Siber, Leben u. Lehrenbmihmtcr Physiker. 829. H. 1. Preu, die Thcol. des Paracelsus. Bcrl. 839.

Alzog's Airchengcschichte. 7. Auflage. 54