846
3. Zeitraum. 1. Periode. 3. Capitel.
§. 337. Der Cu Nus und die Diseipli».
Kibl. herausg. von König. Zelle 726. 4. Funk, Geist und Form
des von Luther angcordneicn Cultus. Berl. 8<9. gß
sdantisino nrtibus liaust inkost». 8iuttZ. 839. 4. Giesel er, Lehrb derKG. Bd. 111. Abth. 2. S. 390 ff.
Während die Feier des eucharistischen Opfers seit der apostolischen Zeitin der kathol. Kirche der Mittelpunkt des ganzen kirchlichen Lebens war, bil-dete nun in der vorgeblich regencrirten apostolischen Kirche die P redigtden Hauptgottcsdienst. Natürlich konnte diese auf die Dauer nicht gleichesInteresse erregen und erhalten wie jenes. Durch die überall eingeführteLandessprache für die andern gottesdienstlichen Gebräuche bekundete sich dasBestreben, das Volk an den Versammlungen thätiger Theil nehmen zu lassen.Als Luther die erste Form des Gottesdienstes aufstellte (1526), äußerteerim momentanen Gefühle des Mangelhaften seiner Einsichten: er wolledadurch der christlichen Freiheit keine Fessel anlegen, und die Agende nichtals stete Norm vorschreiben ^).
Bei dem unerleuchteten Eifer gegen Alles, was an das kathol. Kirchen-thum erinnerte, und bei dem einseitigen Auffassen der apostolischen Zeitmußte Luther sich auch den Gebilden der christlichen Kunst abhold zeigen.Doch hatte seine Opposition gegen Carlstadt'S Bilderstürmerei ihn zu einerrichtiger» Beurtheilung der Künste geführt, so daß er bisweilen mit Aner-kennung von ihnen gesprochen, und darum Albrecht Dürer und LukaSCranach hochschätzte. Aber die künstlerischen Talente mußten sich in seinenengen religiösen Jdecnkreis einzwängen lassen; die mstor äoloros» solltenicht abgcbildet werden, obschon indem sehr beschränkten FcstcycluSdes Kirchenjahres an vielen Orten das Volk sich noch an den Marienfestenerfreute. Vor Allem aber schätzte Luther die Musi ca^); erwolltesiezueinem volksthümlichen erbaulichen Kirchengcsange benutzen, dem er herrlicheHymnen des kirchlichen Altcrthumö, einige Gesänge der böhmischen Brüder,aber auch mehrere eigene Lieder unterlegte. Doch ist Luther keineswegs derErfinder des deutschen Kirchengesanges; die lange vor ihm in der kathol.Kirche gebrauchten und approbirten Gesangbücher (s. S. 721 ff.) enthaltendurchgehends Choralmelodien, die größtentheils vom ganzen Volke beimGottesdienst gesungen wurden. Viele Klöster im MA. pflegten nicht alleindie Wissenschaften, sondern waren auch die Pflanzschulen der Tonkunst,besonders des erhabenen Choralgesangcs. Bei dem Gebrauche der Musikbenutzte Luther häufig die Antiphonaricn der kathol. Kirche und legte ihnendeutschen Text unter. Die Melodie: „Nun freut euch liebe Christcng'mein"ist nichts als der uralte Hymnus „lortom viril, poators", und selbst dieKrone aller Choral-Compvsitionen jener Zeit: „Eine feste Burg ist unserGott," ist von dem Hymnus an den Apvsteltagen: „Lxultot orbis gsuäiis"nur darin verschieden, daß sie mit 2 Intervallen bereichert ist, um das Metrumzu ergänzen. Eben so find die Melodien eines Walther, Selnecccr,Burk meistens nicht originell, sondern aus Reminiscenzen kathol. Chorälezusammengesetzt ^).
Zu den heil. Handlungen der Lutheraner gehörte außer den übrig geblie-
1, Walch, Luth. Werke. Vd. X. S. 266 ff. - 2) Ebendas. S. 1723.
3) S. Pietz, neue thcol. Ztschr. Jahrg. XIII. Heft 1. — C. Wiiiterfcld,vr Martin Luthcr'S gcistl. Lieder nebst den während seines Lebens dazu gebrauch!.Singweisen u. s. w. Lpz. 841.