§. 334. Ursachen der schnellen Verbreitung des Protestantismus. 841
daß die Kirchentrcnnung mit zw ei politischen Umständen zusammen-,raf ohne welche sie vermuthlich eine ganz andere Entwickelung würde gehabthaben. Diese waren die auf einmal hervorspringende Uebermacht des Hau:seS Oesterreich, welche die Freiheit Europa'ö bedrohte, und der thätige Eiferdieses Hauses für die alte Religion. Das erste weckte die Regenten, daszweite bewaffnete ihre Nationen." Die Regenten benutzten diese Gelegenheitum so lieber, weil sie dadurch hofften, sich vom Reichsobcrhaupte unabhängigzu machen, zumal ihnen Luther dieEinziehung derKirchen - und Klo-stergüt er förmlich gebot, und sie zugleich zuOberhäuptern der Kirche machte.Dadurch wurde unter den Fürsten eine Habgier erweckt, die er später selbstbekämpfen mußte. „Viele sind noch gut evangelisch, klagte er in einer Pre-digt, weil es noch kathol. Monstranzen und Klostergüter gibt." Und in den„Tischreden" wünscht er den Fürsten und Adligen, welche die geraubtenKirchmgüter für sich behalten, — den Teufel, weil er sehen mußte, daß dieDiener des Evangeliums so arm waren, „daß sie möchten verschmachtensammt Weib und Kindern." Um sich solche Vorthcile nicht entgehen zu las-sen, haben
g) die Fürsten ihre weltliche Macht angewandt, der Reforma-tion Eingang zu verschaffen. „Es ist unstreitig, sagt der reformirte Theo-loge Juri eu, daß die Reformation durch die Gewalt der Staatenbeherr-scher geschehen ist. So ging es in Genf durch den Senat, und in anderen Thei-len der Schweiz durch den großen Rath jedes Cantons; in Holland durch dieGeneralstaaten; in Dänemark, Schweden, England und Schottland durchKönig und Parlament. Und die oberste Staatsgewalt blieb nicht dabei stehen,daß sie den Anhängern der Reformation volle Freiheit gab : sie ging so weit,daß sie den Papisten die Kirchen nahm und die öffentliche Religions-übung verbot. Sogar die stille Ausübung des kathol. Gottesdienstes wurdean mehreren Orten durch den Senat untersagt." „In Schlesien, berichtetMenzeH), hatte die neue Kirche unter Begünstigung der ihr zugethanenFürsten und Stadtobrigkeiten den größten Theil für sich gewonnen. — Dergrößte Theil der Gemeinde war weit entfernt, bei dem fortgesetzten Gebraucheihrer alten Pfarrkirchen an eine Veränderung ihrer alten Religion, des Glau-bens zu denken. Die polnisch sprechenden Landleute nahmen wie die deutschsprechenden die Kirchensorm an, welche ihre Herrschaften einführten. — InSchweden ergriff König Gustav Wasa, der Hersteller der Selbstständigkeitseines Vaterlandes, die neue Kirchenform, weil er es zur Befestigung seinesneuen Thrones für nothwendig erachtete, demselben die Güter und die Machtder Geistlichkeit zuzueigncn und zur Unterlage zu geben. — In England warder Ehescheidungshandcl des Königs und der deshalb mit dem Papste entstan-dene Zwist die Veranlassung zur Einführung der Reformation." Darnachist die Aeußcrung Friedrich's d. Großen ') treffend: „Wenn man die Ur-sachcn der Verbreitung der Kirchenreform auf einfache Prinzipien zurückfüh-ren will, so wird man finden: daß e s in Deutsch l and d aö Werk d eSInteresses, in England das der Liebe und in Frankreich derReiz der Neuheit war." Hiebei ist noch beachtcnswerth, daß die für
' >) A. a. O. Bd. II. S. 2. Bd. III. S. 91 ff.
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