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Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
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§. 293. Die Blüthc der Kunst in der Kirche.

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Das Charakteristische der gothischen Baukunst besteht zuvörderst in Anwen-dung deS Spitzbogens: der Gedanke an Erhebung und Richtung nach demHimmel (Koloss. 3, 1- u. 2.), Erinnerung an ein anderes Leben herrschtdarin vor ^). Sodann strebt sie wie nach der möglichst größten Höheso nach Ueberwindung der schwcrenMasscn durch ihreZertheilung.Die Thürme, die aus dem Bedürfnisse eines hohen Glpckenhauses hervorge-gangcn, als einsame Säulen erschienen, wußte die Kunst geistvoll mit demganzen Baue zu verbinden und als Höhe- und Schlußpunkt des allgemeinenStrebens darzustellen. Die Grundform der Kirche blieb auch setzt dasKreuz, das Zeichen der Erlösung und der Mittelpunkt der christlichenReligion. Die Vierung zwischen Chor und Schiff bczeichnete die Evan-gelisten, und des letztcrn Wölbung wurde gewöhnlich durch zwöl (Säulen,als durch die Apostel getragen. Die dünnen Wände sind durch Strebe-pfeiler verstärkt, und diese mit allerlei halbdurchbrochcner Arbeit in Bogen,Knospen, Kräutern und allerlei Pflanzen verziert"), so daß der Bau beireicher Ausführung einem steinernen Walde gleicht. Man bediente sich vor-zugsweise des Pflanzenreichs zu Symbolen religiöser Wahrheiten, weil diePflanze sich der Erde entwindet und nach dem Himmel strebt, während dievierfüßigen Thiere sich zur Erde hinbcugen. Zudem hing die Wahl auchmit dem Natursinne der germanischen Völker und ihren früheren geheiligtenEichenhainen zusammen. Doch fehlen auch die Thiere nicht; neben derWeinrebe war auch der Löwe ein herrliches Symbol des Glaubens, außerder Rose auch Pelikane und Tauben Symbole der heil. Liebe und Erbarmung,und wie das Epheu, so auch der Hund das Bild der Treue. Mitten daruntererschienen auch schauerliche Drachen und unheimliches Gewürm, Symboleder bezwungenen diabolischen Macht. Der Boden ist mit Delphinen u. a.Mecrthieren, die Tiefe der Gewässer darstellend, belebt. Ueber diesen er-heben sich die Chöre und Kapellen wie das feste Land, die zwei laugen Reihenvon Pfeilern wie Inseln, über denen sich der Himmel mit seinem zahllosenHeere von Sternen wölbt. Alle drei Reiche der Natur: Himmel, Erdeund Meer, und die ganze Geschichte nach ihrer geistigen Bedeutung sindhier zusammengedrängt, und in dieser verjüngten Welt waltet der lebendigeGeist Christi in der Gemeinde, in heil. Handlungen, Gebeten und Lobge-sängen. Und sogar in der Vcrthcilung jener Standbilder in, an und umdie Kirchen wale°t eben so viel klares Bewußtsein, als tiefer Sinn. Hochüber den Thoren stehen die Fürsten der Kirche, des Bisthums Gründer oderWohlthäter, gleichsam hinabschauend auf die Geschlechter, die fortan hincin-ziehcn zu den Thoren des Hauses der Ehre, des Heils und des Friedens.3» der Bogenhalle (Paradies), die zum Eingänge führt, gemahnendie Märtyrer, Bischöfe, Jungfrauen, von denen die einen die gesammte,die andern die besondere Kirche geziert, an die Früchte, welche durchdieses Haus in dem darin Weilenden heranrcifen werden. Von derHöhe der Wölbung blicken Diejenigen, deren Schall ausgcgangen ist, um zusammeln von Morgen und von Abend, von Mittag und von Mitternacht dieGemeinde, die der Herr durch sein Blut erkauft, und der er überliefert hatsein kundgewordenes Gehcimniß, seinen Willen, seine Verheißungen, die

Wiegemann, über den Ursprung des Spitzbogens. Düsscld. 842.

2) Metzger, Ornamente aus deutsch. Gewächsen zum Gebrauch für Plastiku. Malerei. Münch. 841. u. Cölner Domblatt v. I. 843 u. 844.