§. 292. Der Cultus während der ganze» Periode (1073-1517). 721
Hinneigung zur Berührung der h. Jungfrau Maria entstand auch noch durchAnregung des h. Bonaventura das F est der Heimsuchung Mariens,welches aber erst Urban VI.') zu einem allgemeinen erhob (1389). ZuLorctto bei Ancona') und Zell in Steiermark wurden zufolge frommerSagen und dankbarer Erinnerungen herrliche Marienkirchen zur Freude desVolkes »erbaut. Als das letzte H au p t-Fest unseres jetzigen christlichenKirchenjahres wurde das der h. Dreieinigkeit (l'o8tum 8s. Vriiiitatis)eingcführt, welchem abweichend von den übrigen Festen keine historischeThatsache zu Grunde liegt'). Man war darum in früherer Zeit der An-sicht, daß eine solche Grundwahrheit des Christcnthumü an jedem Sonn- undFesttage, ja bei jeder kirchlichen Handlung und bei jedem kirchlichen Gebetewiederkchre und keines besonderen Festes bedürfe. Doch begann man im12ten Jahrhunderte in einzelnen Kirchen, wie zu Arles und Lüttich, ein sol-ches Fest als Compler der drei Hauptfeste und Nachfeier desPfingstfestes zu begehen, welches dann bei immer größerer Theilnahme P.Johannes XXII. für die gesammte Kirche einführte (1334), doch nur alsFest zweiter Elaste (lastum 8ec>mcla6 clossis). Unter Bonifacius VIII.hatte bereits die Erhebung der Apostel „Evangelisten" und der Festtage dervier großen abendländischen Kirchenlehrer (Ambrosius, Augustinus, Hierony-mus und Gregor d. Gr.) zu höhern Festen (losts ciiiplicin) stattgefunden.
Die Hauptfestzeiten wurden jetzt außer den früheren durch neue Hym-nen verherrlicht, wie denn diese Periode hierin Vorzügliches geleistet hat*).Der hl. Bernard pries den Namen Jesu als den süßesten Gedanken einerChristenseele (1o8u cl»lci8 momori-i), und verherrlichte in kindlicher Liebedie Jungfrau Maria iclilatars aperiro). Ein Jünger des h. Franziscus,Thomas von Celano (( 1220), hinterließ uns das I)ie8 irse, diesenerhabenen Schreckensgesang, und ein anderer Franziscaner, Jacopona(( 1306) machte dein P. Jnnocenz III. den Ruhm streitig, indem er in sei-nem stabst mater das schönste Lied dichtete, das jemals der reinste undrührendste aller Schmerzen dem Menschen eingegeben hat. Viele Anderehaben der Mutter Gottes in stets erneuerter, unbefriedigter Sehnsucht ihrenGruß entsendet.
Obschon nach dem Obigen der Hauptgottesdienst in lateinischer Spracheabgehalten ward, so bildete sich doch allmälig besonders durch die Brüder-schaften in den Nationalkirchen ein kirchlicher Bolksgesang aus, zu-nächst für die hohen Feste durch Uebersetzung der lateinischen Hymnen, anwelche sich bald eigcnthümliche Volkslieder anreihten. Zudem lassen sich inDeutschland schon seit des h. Bonifacius Zeiten vereinzelte Spuren deutschenKirchengesanges Nachweisen. Im 12. Jahrhunderte wurden dieselben zahl-reicher; eine Urkunde vom Jahr 1323 verbürgt den deutschen Gesang beimGottesdienst e in Bayern vollständig''). Seit der Erfindung der Buchdrucker-
>> Vgl. Lsewrr rmu. ad 1389. ur. 2. vgl. Binterim a. a. O.
2) Lorakrus DurseLnus, lumrotaiias bist. iibb. V- Uom. 597 u. oster.
3> Latus, I'apas Xvsu. V. 1. ;i. 177. ek. not. p. 793. Leirsckr'ct. XIV., deissiis Oboist! st Llarias lib. I. c. 13. (»pp. V. X. p. 360.) Lcrurro», bist. acad.Xavno. II. p. 473. Vgl. Bonn er Ztschr. H. 13. S. 133 ff.
*) Vgl. tbssanrus b)'mnoIoAieus sivs bvinaor. eantieor. seguentium
eirea a. 1500 usitatarum ste. Ilal. 841 sg. D. I. lbvmni) 3'. II. (ssgiisnt. cant.anchibanne). (Mone, latein. Hymnen des MA. Frcib. 853 ff. (Schlosser,die Kirche in ihren Liedern, Mainz 851. 2 Bde. Simrock, Lauda Sion, Cöl»850.
4) Hessin an n, Gesch. des deutsch. Kirchenlied, bis Luth. Brest. 832. Höl-
Alj-g's Kirche,lgcschichtc. 7. Auflage 46