712 2. Zeitraum. 2. Periode. 2. Zeitabschnitt. 4. Capitel.
die Bibel unter der Bank hervorgezogen und zuerst ins Deutsche übersetzt I
habe, obschon Luther selbst behauptete: „Denn am Tage ist, daß in den Uni-versitäten eine lange Zeit solches nicht gehandelt, dahin gebracht ist, daß dasheil. Wort Gottes nicht allein unter der Bank gelegen, sondern von Staubund Motten nahend verweset." (Vorrede z. Teut. Thcol.)
Uebersieht man nun die vorgeführten wissenschaftlichen Leistungen, welcheübrigens durch die mit Hilfe der nun erwachten Kritik gewonnenen histori-sch en Resultate eines Nicolaus von Cusa, Laurentius Valla, An-tonius, EB. vonFlorcnz, Johannes, A b t vo n Tritt enh eim,und des Domherrn Albrecht Cranz, so wie durch andere bedeutendeGeschichtswerke aus dieser Zeit vonMacchiavelli, Bembo, Guicciar-dini, Aenea 6 Sylvius u. A. nicht unbedeutend vervollständigt werden,so ward man über diesen schnellen und schönen Anlauf wissenschaftlicherBestrebungen in allen Sphären nicht allein zufriedengesteüt, sondernüberrascht. Nur das erscheint beklagenswerth, daß die Wissenschaft, einstmit und für die Kirche innigst verbunden, bei der immer noch nicht erfolgtenReformation vielfach opponirend gegen sie auftritt und den religiös kirchlichenSinn thcilweise schwächt.
Viertes C n p i t c t.
Das religiöse Leben, der Cultus, die Bußdisciplin.
§. 287. Das religiöse sittliche Leben.
Mehr als je hat hier die protestantische Gcschichtödarstellung von derVerderbniß der alten Kirche Alles gesagt und aufgedeckt, Vieles sogar ver-größert und entstellt; von den Tugenden, die sie bewahrte,hat sie hartnäckig geschwiegen. Wir berichten nnserm Principe getreu nebendem Einen das Andere. Die schmachvolle Lage des Oberhauptes der Kirchehat wie aus den Klerus, so auch auf das religiöse Leben des christlichen Vol-kes höchst nachtheilig eingewirkt. Zur Zeit des Schisma waren die Gemiitheroft in den traurigsten Zwiespalt versetzt, nicht wissend, welchem der gleich-zeitigen Päpste sie kirchlichen Gehorsam zu leisten hätten. Weder die Welt-geistlichen, noch die Klöster konnten in ihrem jetzigen Zustande wie früherden religiösen Sinn beleben und erhalten, geschweige erhöhen. So schwandallmälig die religiöse Begeisterung und die Fülle der Poesie aus dem Volks-leben; an die Stelle der Minnesänger traten die oft handwerksmäßigen Mei-stersänger. Dagegen nahm an manchen Orten der Aberg laube aufhöchst betrübende Weise überhand, und steigerte sich bis zu dem vielfach ge-formten Hexenwesen^), weil im 15ten Jahrhunderte die von Maurenund Arabern auch zu den Christen gedrungenen und gepflegten abergläu-bischen Wissenschaften der Kabbalistik und Magie, wie dieAlchymie,Astrologie, Theurgie und Nekromantie solchem Wahne das Wortredeten. Petrarca verspottete solche Verirrungen, Johannes XXII.erließ eine Bulle gegen die Alchymie, und auf Betrieb G er so n's verdammte
allerält. gedruckt, dcnt. Bibl. Niirnb. 774 u. Gesch. der röm. kath. dcut. Bibel.Nnrnb. 781. Kchrcin, zur Gesch. der dcut. Bibclnbcrs. vor Luth. Stuttg. 851.
1) Horst's Dämonologie oder Gesch. des Glaubens an Zauberei u. dämon.Wunder, — seit der Zeit Jnnocenz VIII. 2 Thl. Frkf. a. M. 1818. DessenZaubcrbibliothck. Mainz 821-26. 6 Thle. Soldan, Gesch. der Hcrenproccsseaus den Quellen dargcstcllt. Stuttg. 843. Bonner Zeitschrift für Philos. u.kathol. Thcol. v. 844. H. 1. S. 71 ff.