72
Die alte Welt, Borhalle z. Gcsck. d. Cbrisrciich.
würfniß auf das Volk übergegangen. Als dazu noch politische Bedrückungvon Seiten der Römer kam, wurde die Hoffnung und Sehnsucht nach einembesseren inneren wie äußeren Zustande angeregt. Aber je getrübter der Glaubeder Inden war, desto geneigter waren sie, selbst die herrlichste ihrer Verhei-ßungen ü b e r d e n M c ssi a s nach ihren sinnlichen Begierden und ihrer äuße-ren Auffassung zu deuten, und erwarteten daher in demselben einen mächtigen,gewaltigen Krieger und weltlichen Beherrscher. Rur ein geringer Thcil, dessenRepräsentanten Zacharias, Elisabeth, Simeon, Anna, Mariau. A. (Luk. e. 1. u. 2.) sind, harrte sehnlichst auf den Messias als einen Be-freier von Sünde und Jrrthum. Besonders auf die letzte Verheißungbei Daniel 9, 24. von den 70 Jahrwochcn (490 Jahren) gestützt, erwar-teten die Juden gerade damals bei deren Ablauf den verheißenen Mes-sias, und da auch die Weissagung Jaeobs vom Verluste des Sccpters inJuda (Genes. 49, 10) bereits erfüllt war, steigerte sich jene getrübte Er-wartung bis zur Ungeduld.
Solch einen traurigen Anblick gewährte damals das römische Reich inreligiöser und sittlicher Beziehung, selbst Palästina, das heilige Land des Vol-kes Gottes, nicht ausgenommen. DicMcnschhcit war ohn c G ott, von Gottentfremdet (Ephes. 2, 1. 5. 12. ); aber überall war jener Erlöser, wie derProphet vorhergesagt, von allen Völkern sehnlich erwartet. Soverließ Er denn, der Sohn Gottes, die ewigen Wohnungen des Vaters underschien, wie derb. Augustinus sagt: „den Menschen, der alternden, hin-sterbcnden Welt, daß, während Alles um sie her hinwelkt, sie durch i h n einneues jugendliches Leben empfangen sollte." Es war jetzt, wieder Weltapostelsagt: „die Fülle der Zeit, wo Gott seinen Sohn zu senden beschlossenhatte, damit wir erlöst und an Kindes Statt wicd e r angenommen würden."(Galat. 4, 4. Röm. 5, 6. Ephes. 1, 10. Tit. 1, 3.). Es war dies auchzugleich der geeignetste Zeitpunkt für die Anknüpfung der universellen Wirk-samkeit des Christenthums.
Was Hcidenthum und Judenthum negativ und positiv zur Anbahnungder neuen Zeit und zur Vorbereitung auf Christus nach dem göttlichen Welt-plane leisten sollten und konnten, war erreicht. Niemals sehnte sich dieMenschheit mehr nach der Religion des Geistes und der Wahr-heit, und niemals war auch die Welt so empfänglich dafür. Die sonst soschroff gegenüberstehenden Juden und Heiden hatten sich bei dem allgemeinenGefühle der inneren Zerrüttung und äußeren Bedrückung einander genähert.Wie schon die Platonische Philosophie durch ihren monotheistischen Gottes-begriff für viele Heiden eine Brücke zum Christenthume ward und die heidni-schen Trinitäts- und Jncarnationslehren und Sagen von Götter-Söhnen aus Christum hinwicsen, so hat der gelehrte Jude Philo wie späterJosephus Flavius noch bestimmter Griechen und Römer der wahrenReligion und Hoffnung auf Christus zugewendct. Auch derdamaligep o-litische Zustand der meisten civilisirten Völker war der universellen Wirk-samkeit des ChristenthumS günstig. Das römische Reich erstreckte sich im er-sten Jahre der christlichen Zeitrechnung nicht allein über die ganze gebildete,sondern fast über die ganze damals bekannte Welt aus. In dem westlichenTheile dieses großen Reiches hatte die Sprache und Sitte der Römer meistensEingang gefunden; in dem östlichen dagegen erhielt die griechische Bildungmit Alexanders Eroberungen das Uebergewicht, ja sie wurde in der Zeit der rö-mischen Kaiser sogar in Rom immer einheimischer. Diese Vereinigung so vie-