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Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
Entstehung
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70 Die alte Welt, Vorhalle z. Gesck. d. Christenth.

der Seele verwarfen sic, und damit zugleich die Belohnung und Bestra-fung nach dem Tode, so wie die Hoffnung auf Auferstehung der Lei-ber (Match. 22, 23. Mark. 12, 18. Luk?2tt, 27. .^»l. XVM, 1. 4.).

2luch die Engel und Geister, und namentlich den Loatan scheinen sie ge-leugnet zn haben (Apg. 23, 8.). Hiernach konnte der Einfluß der nicht sehrzahlreichen Saddncäer auf das stets an einen festen Glauben gewöhnte Volknur gering sein, und selbst wenn er großer gewesen wäre, konnte die Ein-wirkung bei dieser religiösen Tendenz nicht wohlthätig sein.

Durch diese beiden Richtungen, die damals die öffentliche Gesinnungbeherrschten, unbefriedigt, bildete sich in der Mitte des 2. Jahrh. o. Ehr.die Sekte der Essener ch, eine Gesellschaft von Asteten, die mehr griechi-schen, orpstisch-pytbagoreischen als eigentlich jüdischen Anschauungen hingege-ben, darum schwerlich ein Produkt der südisch-alcrandrinischcn Religivns-philosophic war, wie vielfach behauptet worden. Sie sammelten sich anderWestseite des todten Meeres und führten in völliger Zurückgezogenheit einasketisches Leben. Ihr Grundgedanke war, durch festgcrcgclrc Ordnung,Entsagung und Ausübung von mancherlei Werken sich dem Einflüsse desKörpersdes Kerkers der Seele" und der Sinnlichkeit zu entziehen,zu einem körperfrcien Dasein sich zu erheben. Nach ihrer praktischen Tendenzwollten sic wahrheitsliebende Menschen bilden; sie verabscheuten den Eidunter sich, und gestatteten ihn nur bei der Aufnahme in ihre Gemeinschaftund hier in furchtbarer Gestalt. Sic beschäftigten sich mit dem Ackerbau,Viehzucht, Handwerken, vorzugsweise mit der Heilkunde, weswegen manwobl nichr unrichtig ihre Benennung von dem chaldäischcn dtOK, (er

keilte)die Heilenden," ableitct. Doch scheint ihreMedicin- und Natur-kcnntniß mehr einen theosophischen Charakter gehabt zu habe», so wie sie sichdenn auch einer bcsondern prophetischen Gabe rühmten. In ihrer gei-stigen Richtung und ihren religiösen Ansichten sind sie also vielfach überein-stimmend mit den ThcrapcutenAegyptens, doch ncnntPhilo die Essenerweil sic zugleich ein betriebsames, die Therapeutenweil sic nur ein beschauliches Leben führten. Indem er die Essener wie dieTherapeuten vielfach idealisiert, behauptete er: daß sie bei ihrer idealisirt gei-stigen Verehrung Gotteö den Opfcrcultus gänzlich verwarfen; nach IosephuShingegen hielten sic denselben heilig, jedoch nur nach der Art, wie die Opferb e i ihne n gefeiert würden. Acußcrst streng beobachteten sie die Sabbats-feier, lebten in Gütergemeinschaft, und widersprechend mit ihrerHaupttendcnz hatten sie in ihren Einrichtungen viel Aeußcrtichcs, und beob-achteten dasselbe mit peinlicher Aengstlichkeit. Dahin gehört die Unterschei-dung in vier Grade; die Enthaltung von allem Unreinen; die Lustra-tion cn ü. m. A., so daß ihre Frömmigkeit einerseits einen mystisch-contem-plativcn Ebaraktcr, andrerseits aber etwas Peinlich-Gesetzliches hatte, einengesteigerten Pharisäismus verrietst. Dabei erwiesen sic der Sonne eine der-artige Verehrung, daß sic vor Sonnenaufgang von nichts Profanem redeten.ES war darum ein arger Mißgriff, die Essener mit dem Christenthumc ineine directc Verbindung zu bringen, mangelte ihnen doch gerade der tiefsteKern des Christcnthums; höchstens mögen die verwandten Thcrapcutenvcreinebisweilen auf einzelne Formen des christlichen Klosterlcbens eingewirkt haben.

1) Philo nennt sic Zos. Flav. Vgl. oben S. 68. Note 1.

u. Lutterbeck I. e. Bd. I. S. 270314.; Frcib. Kirchcnler. Bd. III. S.715 ff.