52 Die alte Welt, Vorhalle z. Gesch. d. Chnstenth.
höchste, einzig in sich vollendete Gut setzte, und in der Selbstgenügsamkeitder eigenen Gesinnung das Schlechte verachten lehrte. Sie steigerte aberzugleich auch den leicht zu verführende» Hochmuth bis zur Selbstvergöt-terung, und zerstörte so alle Religiosität. Der stoische Pantheismusund Determinismus schloß übrigens noch den Glauben an einen Allesmit Liebe leitenden Gott aus , statuirte vielmehr einen Allgeist, aus demAlles geflossen, und der Alles wieder in sich aufnehme, je nachdem er sichausdehne oder znsammenziche (TeXaröneaSu, u. kx-rklnebSut).Daß ihr Begriff von Freiheit mit dem von dem Fatum unvereinbar sei,wurde ihnen schon frühzeitig vorgeworfen. Die neue Akadem'ie seitArkesilauS (um 318—241), entschiedener noch durchKarneadcs (215—130),kündete der Wahrheit selbst den Krieg an, zunächst in der Bestreitung dervon den Stoikern angegebenen Kriterien des Erkennbaren; dann aber dieGewißheit aller menschlichen Erkenntniß überhaupt in Zweifel ziehend, sodaß alle ihre Bestrebungen mit der sarkastischen Frage endeten: „was istWahrheit"? Durch diesen Skepticismus vermehrte sie aber auch dieTrostlosigkeit bei dem gänzlichen Verschwinden der Volküreligion.
Mit einem solchen Verfall der Religion verband sich dann auch nothwen-dig schmachvolle Gewissenlosigkeit und gänzlicher Verfall der Sitten.Der Grieche Polybius ') mußte das für sein Nationalgcfühl so peinlicheGeständniß ablegen: „Wenn ein Grieche auch zehn obrigkeitlich beglaubigteHandschriften mit ebenso vielen Siegeln und koppelt so vielen Zeugen auf-stclle, so dürfe man ihm dennoch kein Talent Goldes anvertrauen, währendrömische Beamten die größten Summen, eingedenk ihres Eides, mitGewissenhaftigkeit verwalten." Und die weit verbreitete Knabenliebe,die im Ganymed ibre Vergötterung fand , die nicht ungewöhnliche Begeiste-rung griechischer Dichter für Päderastie, und die darauf bezüglichenbeliebten Kunstgebildc, so wie endlich die unsittlichen Culte der Aphrodite u.A. geben uns ein deutliches Bild von der fast allgemeinen sittlichen Verkom-menheit. Die besseren Gemütber, unter denen der spätere Plutarch vonEbäronea (um 50 n. Ehr. geboren) am schönsten hcrvorleuchtet ^), empfan-den hierüber tiefen Schmerz, und wurden von einer unüberwindlichen undimmer noch unbefriedigten Sehnsucht nach Wahrheit und einer neuen Verbindung mit Gott getrieben. Allgemeiner und lauter wurde jetzt das Ver-langen nach einer göttlichen Offenbarung, die allein unter dem Streitewidersvrechendcr menschlicher Meinungen Zuversicht und Ruhe gewährenkönne. Die Zeit, in k er b a s b eiß eV erl an g en g c stillt werdensollte, war nabe!
§. 27. Religion, sittliche und sociale Znständc der Römer.chAmbrosch, die ReligionSdnchcr der Römer, Bonn 843. H^Döllinger,Heidenth. w. S. 457-558; 567-663 u. 694-734.
Von der vorherrschend künstlerisch-ästhetisch ausgebildeten Religion derGriechen war die der Römer durch das Hervortreten des politisch-sitt-lich en Elementes verschieden. Gemäß ihres etrurischen Ursprungs war sieernst, fast düster. Die Etrusker verehrten neben s. g. verhüllten Göt-tern als Hauptgottheiten: Jupiter, Juno, Minerva, sodann Ja-nus, den Alles überschauenden Himmelsgott, Mantus, den Beherrscherder Unterwelt, Vedius, den Todtenrichter und Charun, den Begleiter
1) Dalr/bn bistor. VI, 54.
2) Döllinger, Heidenth. S. 580—583.