Lysander 761
, pflegte zu sagen, daß man sich da, wo man in der Löwenhaut den vorgesetzten Zwecknicht zu erreichen vermöge, des Fuchspelzes bedienen muffe. Seine Politik kanntenur Gewalt und Betrug. Am Hofe des jungem Cyrus, wo er sich eine Zeitlang aufhielt, ertrug er den empörenden Stolz der asiatischen Satrapen ohne Mur-ren; gleich darauf ließ er die Griechen die nämliche Verachtung erfahren. SeinHaß war unversöhnlich, und seine Rache fürchterlich. Dieser Mann, dessen herr-schende Leidenschaft der Ehrgeiz war, zertrümmerte das mächtige Athen und faßteden Plan, sein Vaterland auf den höchsten Gipfel zu heben, um dann über dasselbeherrschen zu können. Zu dem Ende benutzte er alle Mittel, brachte eine Flotte zu-
' sammen, mit welcher er die Athcnienser schlug, die dabei 50 Schiffe einbüßten. Das
' Ansehen, welches ihm dieser Sieg gab, suchte er durch Ränke noch zu vergrö-
ßern. Als daher sein Nachfolger im Heerbefehl, Kallikcatides, beiArginusä Schlachtund Leben gegen den Athcnienser Konon verloren hatte, wurde dem L., wider die inSparta eingeführte Gewohnheit, zum zweiten Male der Oberbefehl über die Flotteaufgetragen. Er suchte die der spartanischen weit überlegene athenicnsische Flotteauf, die auf der Rhede von Ägos Potamos vor Anker lag, und überfiel sie. Nur9 Schiffe retteten sich; eins brachte die Nachricht von der Niederlage nach Athen,mit dem andern entfloh der atheniensischc Admiral Konon zum Evagoras nach Cy-pern. Die übrige Flotte siel fast ohne Schwertschlag in die Hände der Spartaner,und L. lies triumphirend mit ihr in den Hafen von Lampsakus ein. Die 3000Gefangenen ließ er, nebst ihren Feldherren, ermorden, weil sie die Mannschaftzweier korinthischen Schiffe von einem Felsen gestürzt und den Beschluß gefaßt hat-ten, allen gefangenen Peloponnescrn die rechte Hand abzuhauen. Als nach die-ser Niederlage alle Bundesgenossen der Athcnienser zu den Spartanern übergegan-gen waren, und er in allen Städten und Inseln, die sich ihm ergeben hatten, dieDemokratie abgeschafft und an deren Stelle die Oligarchie eingesetzt hatte, sperrteer mit einer Flotte von 180 Schiffen Athen von der Seescite, während Agis undPausanias mit einem mächtigen Heere dasselbe von der Landseite einschlössen.Als die Hungersnoth in der Stadt aufs höchste gestiegen war, ergaben sich die Athe-nienser, verloren die Unabhängigkeit und mußten sich glücklich schätzen, daß nicht,wie die spartanischen Bundesgenossen verlangten, ihre Stadt zerstört wurde. Aberes begann nun durch die Einsetzung der 30 Männer eine mit der schrecklichsten Ty-rannei verbundene Oligarchie. L. kehrte nach Lacedämon zurück, wo er, obgleichman seinen Charakter an sich zu würdigen wußte, dennoch durch den Glanz seinerSiege, durch seine außerordentliche Freigebigkeit und durch seine scheinbare Uncigen-nützigkcit sich einen solchen Anhang verschaffte, daß er, wo nicht dem Namen, dochder Sache nach das eigentliche Oberhaupt von ganz Griechenland wurde. Da ernun auch ungeheure Summen Geldes und einen unermeßlichen Schatz von Kost-barkeiten, ganz gegen Lykurg's Gesetze, nach Sparta brachte, so wurden dadurchdie eigenthümlichen spartanischen Tugenden vernichtet, und alle Laster herbeigeführt.Den längst gefaßten Plan, die Verfassung seines Vaterlandes umzustürzen, näm-lich die Thronfolge nicht allein auf alle Heraklidcn, sondern sogar auf alle einge-borene Spartaner auszudehnen und dann sich selbst auf den Thron zu setzen, suchteL. nun durch List auszuführen. Apollo selbst sollte erklären, Sparta könne nurdann vor künftigen Unglücksfällcn gesichert sein, wenn es die Tugendhaftesten unterseinen Mitbürgern zu Königen wählte. Aber in dem Augenblicke, wo im Tempelzu Delphi der Betrug gespielt werden sollte, trat einer von den Priestern aus Furchtvor den Folgen zurück, und der ganze Plan scheiterte, obgleich er erst nach L.'sTode durch einen von ihm selbst geschriebenen Entwurf entdeckt wurde. L. wardals Anführer im böotischen Kriege in einem Gefechte von den Feinden erschlagen(394 v. Chr.). Sein Andenken wurde in Sparta in Ehren gehalten, denn blindgegen seine großen und abscheulichen Verbrechen, hielt man ihn bloß deßhalb süß