760 Lysander
konnten. Obgleich nun in der lyrischen Dichtkunst sich Alles im Gefühle auflöst undzum Gefühle wird, so ist doch nicht jeder Ausdruck des lebhaften Gefühls in Ver-sen ein lyrisches Gedicht zu nennen. Überhaupt hat man den auf das Wesen derlyrischen Poesie gegründeten Satz: die lyrische Poesie soll das innere Leben undGefühl des Dichters (d. i. das harmonische, poetische Gefühl) darstellen, von je herin die falsche Behauptung umgekehrt, der lyrische Dichter (wofür sich Jeder halt, dermit einiger Leichtigkeit im Gebrauche der poetischen Sprache ein lebhaftes Gefühlverbindet oder irgend ein Mal ein lebhaftes Gefühl in sich wahrnimmt) sollte seinsubjectives Leben oder sein Gefühl darstellen. Es fragt sich also, inwiefern ist dasGefühl poetisch zu nennen? Ein solches muß, zufolge der Natur des Kunstwerks,in sich selbst harmonisch und nicht nur würdig sein, in der Sprache aufbewahrt zuwerden, sondern sich auch durch eigenthümlichen und schönen Lauf der Rede undin einer gewissen Mannigfaltigkeit von Gedanken und Bildern selbständig ausspre-chen. Durch Ersteres wird gefedert, daß ein bestimmtes Gefühl das herrschendesei, gleichsam der Grundton, aus welchem sich die Empsindungsreihe entwickelt, unddaß es nichts Widerstreitendes in sich enthalte, was mit der zum Grunde liegendenStimmung unvereinbar wäre, daß es mithin des Gegenstandes, welcher es veran-laßte, würdig, demselben sowol der Act als dem Grade nach entsprechend (nichtmatt oder überspannt) sei, eine Reihe von Anschauungen hervorrufe, welche dazudienen, die innere Stimmung zu schildern, und daß es den durch die Sprache dar-gestellten Gedanken ganz durchdränge. Dieses Gefühl aber in allen anschaulichenBeziehungen des Gedankens auszudrücken, dasselbe in der Bewegung der Worte(Rhythmus) und ihrem entsprechenden Klänge gleichsam äußerlich zu machenund entsprechend darzustellen, sodaß es nicht bloß als das Gefühl des Einzelnen,sondern als das Gefühl des vollendeten Menschen erscheine, ist nur dem Geniusmöglich, und man kann in dieser Beziehung das lyrische Gedicht die in derSprache festgehaltene Stimmung des genialen Dichters als solchen nennen; wes-halb auch nichts so sehr, als eine Reihe oder Sammlung lyrischer Gedichte, dasinnere Leben eines Dichters schildert. Aus der Natur des Gefühls ergibt sichder beschranktere Umfang des lyrischen Gedichts, sowie der Wechsel und die großeMannigfaltigkeit des StylS und Rhythmus, welche sich in den tausendfältigenlyrischen Vcrsarten, in der kühnern Gedankenverbindung und in der Eigenthüm-lichkeit lyrischer Bilder an den Tag legt. So mannigfaltig sich nun das Ge-fühl poetisch äußern kann, so mannigfaltig ist das lyrische Gedicht; zunächstaber offenbart sich das Gefühl, und am reinsten in der Gegenwart; mittel-barer, wenn es als Vergangenes durch die Erinnerung modisicirt erscheint. Hier-nach könnte man die Lyrik in die reinlyrische Poesie, wozu der Hymnus (bei unsgrößtentheils eine religiöse Ode), die Ode und das Lied gehören, an welche sichmehre metrische Formen der Italiener und Spanier (Sonetten, Canzonen, Sesti-nen, Glossen rc.) anschließen, und in die elegische eintheilen, an welche sich dasEpigramm im Sinne der Griechen, und mehre sogenannte didaktische Gedichteanschließen. (S. die besondern Art.)
Lysander, der laccdämonische Feldherr, welcher den peloponnesischen Kriegdurch die Eroberung Athens (404 v. Ehr.) beendigte. Mit der Thätigkeit, demEhrgeize und dem durchdringenden Scharfsinne des Themistokles vereinigte er dieBiegsamkeit und das einschmeichelnde Wesen des Alcibiades; nur wußte er dieGunst der Großen und Mächtigen ebenso leicht zu gewinnen und länger zu erhal-ten, als Jener die Herzen der Weiber und des Pöbels. Ohne Bedenken opferte erdas Wohl des Vaterlandes seinem eignen Ehrgeize auf. Wer sein Freund war,den suchte er durch Aufbieten aller seiner Kräfte zu heben, sowie er aus der andernSeite auch nichts sparte, um seinen Feind zu stürzen. Gerechtigkeit und Wahr-heit warm ihm leere Worte, die nur Werth durch ihre Nützlichkeit erhielten. Er