Lykurgus 755
? die Gewalt, über die Staatsangelegenheiten seine Stimme geben zu dürfen, ohnejedoch die Freiheit der eignen Berathschlagung zu haben, indem es sich darauf be-schranken mußte, Das, was die Könige oder der Senat vorschlagen würden, ent-weder zu genehmigen oder zu verwerfen. Die Spartaner willigten meistens inalle Einrichtungen L.'s; bloß die gleiche Vertheilung des Eigenthums erregte un-ter den Reichen einen Aufruhr, der so heftig wurde, daß L. nur durch die Fluchtin einen Tempel sein Leben rettete. Auf dem Wege dahin erhielt er einen Schlagüber den Kopf, der ihm ein Auge gekostet haben soll. Er aber that weiter nichts,t als daß er sich umwandte und seinen Verfolgern das von Blut überströmte Ge-7 ficht zeigte. Dieser Anblick erfüllte Alle mit Scham und Reue; sie baten ihn umVerzeihung und begleiteten ihn ehrfurchtsvoll nach Hause. Der Thäter, ein vor-nehmer Jüngling von aufbrausendem Charakter, ward ihm ausgeliefert. L. ver-zieh ihm und entließ ihn mit Beschämung. Nachdem die Verfassung Spartasgegründet war, sorgte L. für deren Aufrechthaltung. Er ließ alle Bürger einenfeierlichen Eid schwören, daß sie vor seiner Zurückkunst nichts an den eingeführtenGesetzen ändern wollten, reiste dann nach Delphi und fragte den Gott, ob dieneuen Gesetze für Spartas Glück hinreichend wären ? Die Antwort war: „Spartawird der blühendste Staat bleiben, so lange es diese Gesetze beobachten wird".Diesen Spruch sandte er nach Lacedamon und verbannte sich selbst. Fern von' seinem Vaterlands starb er, wie man sagt, eines freiwilligen Hungertodes, nach! Einigen zu Cirrha, nach Andern zu Elis oder Kreta. Auf seinen Befehl ward seinKörper verbrannt und die Asche in das Meer gestreut, damit sie nie nach Spartat zurückgebracht, und das dortige Volk sich des geleisteten Eides für entbunden hal-ten könnte. Ihm zu Ehren ward in Sparta ein Tempel errichtet und von seinenFreunden eine Gesellschaft gestiftet, welche bis in die spätesten Zeiten Spartasfortdauerte und den Zweck hatte, das Andenken seiner Tugenden zu feiern. DerHauptzweck der liturgischen Gesetzgebung war, eine gemischte Rcgierungsformin Sparta einzuführen. Diese setzte L. aus Monarchie, Aristokratie und De-mokratie zusammen, sodaß die eine durch die andre eingeschränkt wurde. Die beidenKönige und de«»ihnen zur Seite stehende Rath der Gcrontcn standen an der Spitzeder Regierung, jedoch erhielt das Volk einen mittelbaren Antheil an der Regierung.^ Er theilte alle Bürger Spartas in 3, nach Andern auch in 6 und mehre Stämme,und diese wiederum in 30 Zünfte ein. Hiermit hing wahrscheinlich die Polizei-, und Rechtsverwaltung, sowie die Anordnung zum Kriegsdienste zusammen. Daübrigens die Einwohner von Sparta schon eine mäßige Stufe von Bildung erstie-gen hatten, so muß man billigerweise die Macht des Willens und des Genies inl L. bewundern, der es vermochte, sie nicht allein bürgerlich, sondern auch mora-! lisch und sittlich umzuwandeln, und einem solchen Volke Entsagung und Auf-opferung bis aus die Nothdurft des Lebens aufzuerlegen. Selbst sein Vorschlagzur gleichmäßigen Vertheilung des Eigenthums, der anfangs den heftigsten Wi-derspruch fand, ward dessenungeachtet ein von allen Bürgern genehmigtes Ge-setz. Als L. Spartas Verfassung umänderte, gab es 3 Classen von Einwohnern:die herrschenden Spartaner, die zinsbaren Lacedämonier und die leibeignen He-- loten (s. d.). So hart es nun scheint, daß L. die Heloten in ihrer Sklaverei, lassen konnte, so wenig Anstößiges hatte dieses bei den Griechen, deren Freiheit
» den Gegensatz der Sklaverei nothwendig machte. Man hatte damals noch keine
Idee von der Unrechtmäßigkeit eines solchen Unterschiedes zwischen Menschen. L.suchte die Bande, welche Natur, Blutsfreundschaft und Liebe zwischen Menschenknüpfen, möglichst dem Wohle des Staats unterzuordnen. Die Liebe behandelte! er als ein bloßes Mittel, dem Staate kraftvolle Bürger und damit Unabhängig-keit von Außen her zu verleihen; er setzte für Hagestolze, oder solche Personen, die! zu spät, oder eine Person von ungleichem Alter und Leibeskräften geheirathet hat-^ 48 *