Druckschrift 
6 (1830) K bis L
Entstehung
Seite
386
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Z?6

Lafayette (Gilbcrt Mottier, Marquis de)

eine Zeit lang den Gang der Dinge zu beobachten, um zu sehen, ob Bonaparte dieFreiheit Frankreichs feststellen oder unterdrücken werde. Dieser Zweifel beleidigteden ersten Consul, und L. erschien nie wieder an dessen Hofe, sondern beschäftigtesich mit dem Landbau auf seinem ihm übriggebliebenen Landsitze Lagrange in Au-vergne. Hier sah ihn auch Fox nach dem Frieden von Amiens und wurde sein Freund.Als die europäischen Heere 1815 gegen Frankreich heranzogen, erschien er in denWahlversammlungen, lehnte die von Napoleon ihm angetragene Pairswürde abund ward von seinen Mitbürgern zum Mitgliede der Deputircenkammer ernannt.Nach der Schlacht bei Waterloo sprach er für die Feststellung der Grundsätze von1789. Er bewirkte, daß die Kammer fortwährend versammelt blieb, drang ausNapoleons Abdankung, und war einer von den Commiffarien, welche bei den Ver-bündeten auf einen Waffenstillstand antrugen. Er richtete aber nichts aus, undman verzögerte seine Rückreise, bis die Nachricht von der Capitulation von Pariseintraf. Da gab er dem englischen Gesandten, welcher ihm Bonaparte's Auslie-ferung vorzuschlagen wagte, die edle Antwort:Ich bin erstaunt, daß Sie mitdem Vorschlage einer solchen Niederträchtigkeit sich an den Gefangenen von Ollmützwenden". Den 6. Juli erstattete er der Kammer Bericht über die Vcrhanolun-gen zu Hagenau; als hierauf die Deputirten am 8. Juli den Saal ihrer Sitzun-gen geschlossen fanden, begab sich L. mit den meisten derselben zu dem PräsidentenLanjuinais, wo sie eine Erklärung gegen die militairische Aushebung der Kammerabfaßten und unterzeichneten. General L. lebte seitdem auf seinem Landgute La-grange. Zur Zeit der Wiederherstellung war er ein Mal bei Hofe erschienen undvon den Prinzen wohl aufgenommen worden. Allein er fand in ihren Umgebungen1814 die nämlichen Ansichten und Pläne, welche Ludwig XVI. unglücklich gemachthatten und jetzt die Krisis von 1815 herbeiführten. Dennoch war er stets bereit,Alles, was die Freiheit zuließ, für die Bourbons zu thun. 1817 wollte ihn dasWadlcollegium von Paris zum Deputirten ernennen, was jedoch die Regierung zuverhindern wußte. Dagegen wählte ihn 1818 das Depart. der Sarthe zum De-putirten, und er behauptete, wieder gewählt, seinen Sitz auf der linken Seite bis1824, wo die von der Regierung geleiteten Wahlen ihn ausschlössen. Als Mit-glied der Kammer sprach er gegen alle Ausnahmegesetze, und mit Vorliebe für dieAnsichten der Männer von 1789 empfahl er mehrmals die Errichtung eines Volks-heeres und der alten Nationalgarden, widersetzte sich dem Reactionsspstem und ver-theidigte die Befestigung der unverletzten Eharte. Auf die von dem Präsidentendes Congrcsses der Verein. Staaten erhaltene Einladung verließ er Frankreich,lehnte jedoch die Fregatte ab, welche ihm der Präsident schicken wollte, und schifftesich mit seinem Sohne zu Havre de Grace, wo ihm ein großer Theil seiner Mit-bürger ihre Bewunderung und Achtung zu erkennen gaben, am 13. Juli 1824 nachNordamerika ein, wo die Stadt Neuyork ihn als Gastsceund der Nation würdigempfing. Er kehrte im Sept. 1825 nach Frankreich zurück. S. dieVorige>Iu Keil. aux Ktats-Iänia en 1824 et 1825" (Paris 1825 fg., 4 Bde.)

und seines Secretairs, M. A. Levasseur,lourn. ch'un vo^age aux Vltata-Dni«,ou I^ala/ette en 4märig>ie en 182425" (Paris 1829). Seitdem ist er wie-der Mikgl. der Wahlkammer, und f Mitbürger ehren ihn bei jeder Gelegenheit.Nach seinem Wollen edel, fest und wahr dabei stets gemäßigt, uneigennützig undbescheiden, hat der von der neuen wie von der allen Welt gefeierte Held seiner Zeitdennoch den Haß der Partelmänner auf sich geladen. Auch Gourgaud urtheilt überihn in einer Note der Memoiren Napoleons 4,121) sehr ungerecht. Er spricht ihmalles militairische und Verwaltungstalent ab; sein Verstand sei beschränkt; in sei-nem Charakter liege Verstellung; doch sei er ein rechtschaffener Mann! Allerdingshatte Napoleon Gründe, diesen General nach Dem, was derselbe im Juni 1815 ge-than, hart zu beurtheilen. Indeß waren die Ansichten Beider stets entgegengesetzt;