388 Kunst (Schöne Kunst)
durch die ganze Kunst, d. i. durch das unendliche Ganze aller Kunstwerke aller Zei-len und Völker fortschreitend verwirklicht), sondern es stellt nur 3) das Schone dar,d. h. die Schönheit an einem einzelnen, individuellen Gegenstände, oder das Ideale(das Leben) in individueller Gestalt. In letzterer Beziehung nehmen die Kunst-werke, wie die Naturerscheinungen, nach der Verschiedenheit der Idee, die in denDingen waltet, bald mehr den Charakter des Erhabenen (gleichsam des männlichSchönen), bald mehr den Charakter des Reizenden, der Anmuth, der Grazie (oderdes weiblich Schönen) und alle andern Modifikationen (z. B. des Ernsteslind Scherzes) an, deren das innere Leben und seine Äußerung, wie überhaupt dieSchönheit, fähig ist. (S. Schön.) In ersterer Beziehung, oder insofern dieSchönheit Gesetz und Aufgabe der Kunst ist, muß jedes Kunstwerk ideal (von einerIdee belebt), individuell (diese Idee in eigenthümlichen, mannigfaltigen Zügenausdrückend — in Beziehung auf gewisse darzustellende Gegenstände auch charak-teristisch genannt), und Beides in innerer Durchdringung (mithin harmonischüberhaupt, gegliedert in seinen einzelnen Theilen und abgeschlossen wie eine eigneWelt, oder organisch); in Beziehung auf den Künstler und seine innere An-schauung, welche als rein menschliche zur äußern Erscheinung gebracht werden soll,objectiv (keine zufällige, mit der rein menschlichen Anschauung nicht bestehendeSubjektivität des Darstellenden verrathend, sondern gegenständlich und selbstän-dig), fre i und eigenthümlich (aus dem Innern selbstthätig, ohne sichtbare Mühe,nicht aus Nachahmung oder bloßem Nachdenken, sondern aus einem eigenthümli-chen Dränge des genialen Menschen entsprungen), endlich in Beziehung auf denregelmäßigen Gebrauch der Darstellungsmittcl auch cocrect (s. Correctheil)sein. Denn die Schönheit, als Vollkommenheit der Erscheinung, ist ja in sichselbst die höchste, vollkommenste Harmonie des Idealen und Individuellen in oerErscheinung, die Offenbarung des Göttlichen in sinnlich vollendeter Hülle; in wel-cher Ansicht die eben angegebenen Erfodernisse des Kunstwerks, d. i. Idealität,Individualität, Organismus, Objcctivität, Eigenthümlich-keit, Correctheit u. s. w. eingeschlossen sind, und das Gesetz der Kunst: Ideeund Form sollen in dem Kunstwerke unzertrennlich Eins sein, ausgesprochen ist.Was wir von dem Kunstwerke, dem Geiste der Kunst gemäß, federn, dazu mußder Künstler, d. i. Der, welcher ein Kunstwerk hervorbringen soll, die Fähigkeit insich tragen. Das Leben soll er darstellen, was sich im Gleichgewichte des Geisti-gen und Sinnlichen als vollendet zeigt. Die höchsten geistigen Lebensthätigkcitenalso, vornehmlich die, durch welche wir der Ideen und ihrer Darstellung in anschau-lichen Sinnbildern des Lebens fähig sind (Vernunft und Phantasie), müssen mithoher Kraft und in unzertrennlicher Verbindung also wirksam sein, daß das innereLeben, als rein menschliches, leicht seinen entsprechenden Ausdruck, die Idee ihreharmonisch ausgebildete Form und Hülle finde, und in dieser Wirksamkeit das in-nere Gefühl sein Ideal belebe. Eine solche Beschaffenheit des Gemüths, derenherrschendes Organ (weil hier von Darstellung, als dem Wesentlichen der schönenKunst, die Rode ist) die von dem Gefühle des Unendlichen angeregte Phantasiesein muß, eine solche glückliche Harmonie der höchsten Kräfte des Gemüths istnicht Sache der Freiheit allein, nicht des Fleißes und der Anstrengung, nicht durchKlarheit des Wissens erreichbar; jene Eigenthümlichkeit des Kunstwerks setzt viel-mehr eine Eigenthümlichkeit des Künstlers, eine Schöpfungskraft, mit EinemWorte, die Genialität voraus, welche, als Anlage angeboren, durch Freiheilnur entwickelt und ausgebildet wird. (S. Genie.) Ja das wahre Kunstwerkwird nur durch Genialität hervorgebracht, daher man das Kunstgenie auch vor-zugsweise Genie genannt hat. In der Wirklichkeit gibt es aber unendliche Ver-schiedenheiten der Genialität und Grade der Künstlerkraft, deren niedere wir mitdem Namen der einzelnen Kunsttalente belegen, die sich bald auf das Innere