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6 (1830) K bis L
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Kunst (Schöne Kunst)

weit übertreffen. Die Kunst kann also auch in diesem Sinne nicht Nachahmerinder Natur sein. Aber in einem hohem Sinne ist die Natur selbst, oder die Wett,die höchste lebendige Schönheit; indem sie als allumfassende Mannigfaltigkeitsinnlicher Erscheinungen in Wechselwirkung mit dem Geiste, der sich an ihr voll-kommen offenbart, auch das vollkommenste Ganze bildet, in welchem die höchsteMannigfaltigkeit und Einheit, die höchste Ruhe und Bewegung sich verbinden undalle streitenden Gegensatze vereinen. In diesem Geiste gedacht, und als die nim-mer ruhende, bei keiner Bildung stehenbleibende bildende Kraft, als rastlose Er-zeugerin der unendlichen Fülle endlicher Producte und Gestalten, schwebt sie alsVorbild über dem menschlichen Kunstwerke, und nach ihrer Idee werden die einzel-nen äußern Erscheinungen von uns beurtheilt. Denn vermöge jener Fähigkeit,von der äußern Welt allseitig berührt zu werden, welche an ein besonderes Systemfein gebildeter Organe geknüpft ist, und indem sich im Menschen die Ursloffe derganzen, uns sichtbaren Welt so innig vereinen, daß die beseelte Menschengestaltuns selbst als das vollkommenste Sinnbild der Welt (als eine Welt im Kleinen)erscheint, spiegelt sich im Geiste gleichsam die Natur: und wie der Mensch sichals das Ebenbild der Gottheit erkennt, so ist auch das anschauliche Werk, vas indiesem Geiste empfangen wird, Nachschöpfung, oder ein Sinnbild der lebendigenWelt, abgeschlossen und selbständig wie sie, und die mannigfaltigen Gestaltenund Wirkungen der Natur erhalten einen höhern Glanz, wenn sie in geistiger Be-ziehung, wie Strahlen in einem Spiegel, aufgefaßt und in einem idealen Bildezurückgeworfen werden. Auch vermag der Mensch den Sinn und die Idee derNaturerscheinungen aufzufassen und die Veränderungen der Natur selbst auf dem-jenigen Punkte zu ergreifen, wo sie am meisten der Idee sich nähern. Und in die-sem Sinne kann man von Nachahmung der Natur — nicht ihrer einzelnensinnlichen Erscheinungen — reden, da ohnehin nicht letztere allein, sondern auchdas innere Leben der Menschheit und dessen Einwirkung auf die äußere Um-gebung, sofern es der Einbildungskraft anschaulich verstellbar, als abgeschlossenesBild in mannigfaltigen Charakteren, Gruppen, Thaten und Schicksalen der Men-schen sich überschauen läßt, mithin als Geschichte zu einem Gegenstände der Kunsterhoben wird. Die freie Darstellung des Schönen, wie wir die Kunst nannten, istaber zugleich Darstellung des Lebens: denn das Schöne ist etwas Lebendiges, unddarstellen läßt sich nur etwas Inneres, was zum Leben gehört oder das Leben aus-macht. Das Kunstwerk soll aber vollendete Darstellung sein, mithin dasvoll -endete Leben oder die Erscheinungen, Äußerungen und Regungen eines genialenGemüths (d. i. eines solchen, in dem die höchsten Kräfte, vorzüglich aber Vernunft,Phantasie und Gefühl in einem natürlichen Gleichgewichte stehen, und das voneinem höhern Geiste, dem Geiste der Welt, gleichsam bewegt wird), mithin zu-gleich die Idee des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Gestalten und Äu-ßerungen in einem organischen Bilde zur äußern Anschauung bringen. Das Kunst-werk ist also gleichsam das Zeichen, durch welches dieses innere Leben festgehaltenwerden soll, und das Erzeugniß eines lebendigen Dranges; mithin zwar nicht das(innere oder äußere) Leben selbst (dadurch steht es auch in gewisser Hinsicht hinter derNaturerscheinung zurück), sondern nurS ch ei n, oder die vollkommenste Erscheinungdesselben (wodurch es sich wiederum über die Naturerscheinungen erhebt). Aberder Künstler muß das Leben in sich tragen und es darzustellen wissen als den eigent-lichen Gegenstand des Kunstwerks; und so wird er auch das Schöne darstellen.Ferner ist das Kunstwerk ein endliches und individuelles Werk, die Schönheit,Idee; die nähere Bestimmung ist also: 1) die Schönheit ist das Gesetz des Kunst-werks, die Beziehung auf dieselbe dem Kunstwerke wesentlich; aber 2) das Kunst-werk, als einzelnes Werk, umfaßt nicht die Schönheit, schließt uicht die höchsteSchönheit ein (denn diese ist unendlich, Aufgabe aller Kunstwerke, und wird nurConv-tzex. Siebente Aufl. Bd. VI. f 22