Grundriss der physischen Geographie Europas.
Die natürlichen Gränzen dieses Welttheil» sind das Gebirg und derFluss Ural, das kaspische Meer , die Flusse Manitscli, Kuma , undein Stück weit der Don ; dann Gewässer vom azo wischen bis zumatlantischen Meer. Iin Mittelmeere ziehen wir der Linie nach , dievon Inseln am meisten frei ist, und rechnen also Naxos, StampalaSkarpanto etc. zu Europa. Die Inselgruppe von Malta bleibt zweifelhaft;die Canarien aber , die Azoren und Madeira gehören zu Afrika, sowie Island und Grönland zu Amerika. Die Inseln Färöer und das Eis-meer schliesseu unsern Welttheil im Norden. Auf diese Art hat Eu-ropa 180,000 d. QM. und im Jahre 1828 wahrscheinlich an 200 Mill.Einwohner. — Die Länge vom Cap St. Vincent bis zum Ural ist 728 ,die Breite vom Cap Matapan bis zum Nordcap 402 d. Meilen. Unterden Ländern bildet Böhmen das Centrum von Europa. — Keinanderer Welttheil ist auf allen Seiten mit so vielen in das Landeindringenden Meeren , Busen und Baien versehen ; daher dieses einphysischer Charakterzng. —■ Die Gegenden mit Landseen sind Östlichund westlich des haitischen und bothnischen Meeres ; ferner im Alpen-gehiete.
Gebirge, 7 an Zahl , sehr ungleich in ihrer Ausdehnung. — i.DasVralgebirg, von europäischer Seite betrachtet, ist weniger .eineGebirgskette als Hochebene, die sich aas Russlands Mitte allmähligerhebt, östlich zieht nnd kaum 7000 Fuss Höhe errricht. Sie hängtnicht einmal durch Hügel mit irgend einem andern europäischenGehirgstocke zusammen. — 2. Die Dofrinen oder skandinavischenAlpen sind eben so sehr isolirt; allein ihr Charakter ist viel bestimm-ter und sie erstrecken sich vom Cap Lindesness an der südlichstenSpitze Norwegens bis zum Nordcap auf der Insel Magerok , nurdie südlichen Theile zwischen Norwegen nnd Schweden, oder dieeigentlichen Dofrinen, bilden eine Gebirgskette mit Felskuppen,steilen Abgründen , Wasserfällen und Glätschern. Ihre höclisteu Gipfelerreichen 7000 bis 83 7 o Fuss über Meer. — 3 . Die Grampmn oderdie kaledonischen Gebirge fonuiren gleich jenen von Wales einzelneParallelketten und hängen ohne Zweifel unter Meer mit den Orkadenetc. zusammen. — 4. Die herrlichste und am meisten inwenig aus-gedehnte Gehirgsfamilie ist die der Alpen , deren vorzüglichsteKette den Montblanc , Europas Gipfel, von i 4 » 79 ° Juss Höhe überMeer enthält. Sie reicht in der Länge 120 d. Meilen, vom BergeVentoux im Dauphine bis Kahlenberg in Oestreicli, und vieleihrer Bergspitzen sind 10 bis 14,000, ja sogar Strassen 5 bis6000 Fuss über Meer. Zwischen 7 bis 8000 Fuss Höhe fängt ewigesEis an , welches im Mittel des Alpensystems ein Eismeer bildet,|gleich jenem der Polargegenden. Seen von 1200 Fuss Tiefe , steileWasserfälle, das Alpenglühen, die manigfachsten Anblicke underhabensten Naturschönheiten, die Einflüsse auf Temperatur undVölkerverkehr, all dieses macht die Alpen zum interessantesten allerGehirgstocke Europas. — Die Apenninen , von 4 bis 9000 FussHöhe, der Aetna 10,278, bilden den südlichen Ast der Alpen;Sardiniens und Corsikas ansehnliche Gebirge werden hieher gezälilt,
Ein östlicher Arm, dinarische Alpen, streicht zwischen Donaulandund Meer hin , vereinigt sich mit dem Häinus und hat in Kärnthensowohl als Dalmatien Gipfel zwischen 7 bis 10,000 Fuss Höhe.
Ein nördlicher Ausläufer , das Juragebirg , reicht von Genf bis Basel,und die Vogesen von Langers bis gen Mainz. Diese verbindensich mit den Gebirgen vom innern Deutschland und folglich mit denKarpathen. — Die Cen*ennen sind ein Uehergang von den Alpen zuden Pyrenäen. — 5 . Die Pyrenäen gewähren der westlichen HalbinselEuropas im Norden , so wie die Alpujarras oder Sierra Nevada imSüdcu eiu Bollwerk; jene habeu 9 bis 10,000, diese 10 bis it,oooFuss Höhe. — 6. Den Osten Europas erfüllt das Hämusgebirg , vondessen Centrum Despoti - Dag , oder Skomios der Alten, nördlich Ma-cedoniens , vier Aeste auslaufen : der albano - dalmatische gen die
Alpen ; der eigentliche Hämus gen das schwarze Meer ; das GebirgRhodope , welches Thracien vom ägeisclien Meere trennt; der süd-liche , welcher die poetischen Berge Olympos , Pindos , Oeta,Parnassus, Helikon enthält und bis in die Inseln des Archipels reicht.Ihre Höhe übersteigt hie und da jene der Apenninen. — 7* D ieKarpathen oder Krapacks und das hercynische Gebirg , nirgendsüber 9000 Fuss , bilden die Vorterasse der Alpen, von welchen siewie vom llämus , nur durch die Donau getrennt sind. Sie begreifendie metallreichsten Höhen, Siebenbürgen oder die bastarnischenAlpen , das Riesen - und Erzgebirg etc. in sich.
Europas Flüsse lassen sich je nach den Wasserbecken , worein sieströmen , in 7 Klassen abtheilen: 1. Zum Eismeer ; 2. zum haitischen ;3 . zur Nordsee; 4 * zum atlantischen Ocean; 5 . zum Mittelmeer;6. zum schwarzen und 7. zum kaspisclien Meer. — Der grösste euro-päische Fluss ist die Wolga ; dann folgen Donau, Don, Dwina , Rhein ,Weichsel, Elbe etc.
Von Thälern oder weiten Ebenen sind die merkwürdigsten : Mol-dau und Walachei ; Ungarn ; das Pothal mit seiner reichen Cultur ;das kreisförmige Böhmen, das ovale, herrliche Rheinthal von Baselbis Mainz ; das schöne Rhouethal (Valais), welches aber au manigfal-tigem Reiz von Kärnthen noch übertroffen wird.
Das Klima der Halbinsel Europa , bemerkt ein sehr einsichtsvollerAutor, hat ira Ganzen eine der verwickeltsten Zusammensetzungenund die auffallensten Ausnahmen, die es auf dem Erdbälle gibt;denn ausser der Sonnenwärme, die sicher die erste Ursache derverschiedenen europäischen Temperaturen ist, wirken noch dreiEinflüsse darauf; nämlich die Kälte der Hochebene Mittelasiens,welcher zufolge das östliche und nordöstliche Europa einen mindernGrad Wärme hat, als die westlichem Länder auf gleicher Breite;ferner die Nachbarschaft des heissen Afrika, ans welchem uns dieSahara und die kahlen Felsen von Nubien und Aegypten jenenjWind zusenden, der alle Uferlande des Mittelmeeres erhitzt nnd bis,an den Fuss der Alpen dringt; endlich die unaufhörliche Bewegungder Wasser des atlantischen Oceans, wodurch die Eismassen derjPolargegend zurückgescheucht werden, und unserm W'esten ein sojerstaunlich viel milderes Klima zu Theil wird, als den GegendenAmerikas auf der nämlichen Breite. 1
Ueberliaupt kann man das Klima Europas nach seinen drei grossenUnterschieden durch einen Triangel versinnlichen , dessen Winkeldas Cap St. Vincent, das Nordcap und den nördlichsten Punktdes kaspisclien Meeres berühren. Folgt inan ira Winter der ersteuSeite des Triangels , so wächst die Kälte von Süden nach Norden;folgt man der zweiten, so vermehrt sich die Kälte in regellosemWechsel, je weiter man nach Osten kömmt; der dritten Seite ent-lang bleibt die Temperatur, indem man von Süden nach Nordenrückt, fast dieselbe. Die Wärme des Sommers aber folgt andern all-gemeinen Gesetzen : im Norden wird sie sehr durch die Länge derTage verstärkt ; auf der Triangelseite am Ocean durch die bestän-dige Temperatur des Meeres gemässigt, und auf der asiatischenI.iuie oft durch Contrast mit der Wiuterkälte unerträglich; auf derTriangelseite geu das Mittelmeer ändert die Wärme je nach denjWinden und andern örtlichen Ursachen ; vermindert sich aber ohneAusnahme nach Osten zu.
Bemerkung. Der Text dieser Tafel, der im Originale grössten-theils schon 1808 geschrieben worden, ist in der Uebersetzung viel-fach roodificirt, und enthält keine jener politischen Bemerkungen,die durch Y die neuern Ereignisse völlig unnütz geworden sind. DasBlatt ist indessen in historischer Beziehung um so wichtiger, alsjetzo keine Spur mehr von dem politischen System , das es darstel-len soll, existirt. — Wie sich alles wieder verändert und demfrühem Zustande genähert hat, findet man auf Tafel 34 und 35 .
Kritisches Rei c'li.
ENGLAND.
2761 d. QM.9»5oo,ooo E.
SCHOTLAND.
1441 d. QM1,900,000 E.
IRLAND.
1307 d. QM.5 , 5 oo,ooo E.
Physische Beschaffenheit. 720 d. M. Küstenland ; im Ganzengesund, hoch, init einer grossen Anzahl sicherer und bequemer See-häfen , u. vortrefflicher, wohlversehener Uferplatze ; eine wundervolleVereinigung von allem, was die Vertheidigung, den Handel, dieSchiffahrt und die Ausübung eines Monopols begünstigen kann.
Producte, Handel. Acker-bau wird vortrefflich be-trieben ; die Ländereiensind aber nicht getheilt, vie-les noch nicht urbar ge-macht. Industrie aller Artauf dem Gipfel der Voll-kommenheit, durch denGeist der Bewohner, durchAnwendung der Wissen-schaften u. Künste, etc.
Producte, Han- Producte, Handel,del. Ackerbau, Ackerbau vernach-Manufacturen u. lässigt, Handel be-Handel blühend; schränkt, Industrieführt Leinwand, gedrückt. Manufac-Batist, Teppiche turen in ziemlich gu-etc. aus; treffliche tem Zustande. FührtWolle, berülnn- Leinwand aus, ver-te Eisenwerke; sieht die Marine mitWallfisch• u. Hä- Ochsen, gesalzenemringfang. Fleische, Butter, Käse.
Die grossen Vorzüge seiner industriellen Erzeugnisse, ihre un-erreichbare Wohlfeilheit durch den Gebrauch der Maschinen, dieausschliessliche Benutzung seiner ausgedehnten Colonien und seineunvergleichbare Seemacht schienen England mit der Universalherr-schaft aufd. Meere zugleich das Monopol des Welthandels zu sichern ;besonders als der grosse Umsturz der Dinge den Continent in Ver-wirrung brachte. Damals versuchte der französische Kaiser miteiner Riesenmaassregel das britische Reich zu erschüttern ; es wardie gewaltsame Einführung des Continentalsysteins, das der englischenIndustrie die meisten Hüten Europas verschloss. Aber England,trotz mancher Verlegenheit, erhielt sich. England und Russlaudblieben die einzigen Pfeiler, die der Macht des gewaltigen Erobe-rers widerstanden. Der hohe Nationalgeist des britischen Volkes ,der immer auf das Grosse gerichtet ist, die freie Entwickelung derherrlichsten Kräfte, die unerschöpflichen Quellen, die nach Umstän-den wechselnd in allen Welttheilen für dieses Reich (Hessen, erhiel-ten und erhalten es auf seiner Höhe.
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Politische Systeme in Europa.
Wir finden seit dem Anfänge christlicher Zeitrechnung drei politische Systeme, die inEuropa uacli einander Herrschend waren i i. System der Universalmonarchie ,* 2. lehetisystein /3 , System des Gleichgewichts . In neuern Zeiten bildete sich, aber nur vorübergehend,eiu Bundessystem. Werfen wir einen flüchtigen Blick auf ihre Geschichte, auf ihre Vor-theile und Nachtheile.
Nachdem die Römer fast den ganzen damals bekannten Erdkreis unterjocht hatten,konnte sich ihre Republik bei der Ungeheuern Ausdehnung nicht mehr aufrecht erhalten , sic zer-fiel und die Herrschaft kam an Einen , der auf diese Weise die Universalmonarchie schonganz gebildet vorfand. Ein allgemeines Bedurfniss nach Ruhe begünstigte den Augustas beiLrgreilung der Zugel und er besass die Klugheit, fast alle republikanischen Formen und selbstdie Benennungen derselben beizubehalten. Tiberius hielt die Monarchie durch die Kraft seinertiefen und finstern Politik aufrecht; dass sie aber unter den Ausschweifungen Caligidas , unterNeros greuelvoUer Regierung nicht unterging , bis sie unter den fünf seltnen Kaisern , welchedie Zierde der Menschheit und das Heil ihrer Völker waren , wieder glänzender fortblühenkonnte , muss man als glücklichen Zufall betrachten. Ueber diese Zeit hinaus finden wir inder römischen Universalmonarchie, wenn sie anders noch diesen Namen verdient, währendeines Zeitraumes von zweihundert Jahren nichts als furchtbare Anarchie ; das Reich wirdder Schauplatz blutiger Kämpfe. Kaiser, von Parteien in verschiedenen Ländern gewählt,erheben sich und fallen in schnellem "Wechsel. Zuletzt ergreift einer von ihuen, um demtraurigen Schicksale seiner Vorgänger zu entrinnen, den Ausweg, mit seiuem Bruder das
Reich zu theilen ; er bewirkt hiedurch eine Art von Gegengewicht, und bildet sich für denNothüill einen Allirten und Rächer. So waren sie freilich besser gegen Angriffe auf ihrLeben gesichert; aber von dem Augenblick an hatte auch die Universalmonarchie ein Ende.Betrachtet man nun die Geschichte der vierthalbhundert Jahre dieser Universalmonarchie, somag man vielleicht erkennen, dass ein solches System das vollkommenste wäre, wenn maneine ununterbrochene Folge von festen, aufgeklärten und gerechten Regierungen anncbuieukönnte. Durch Einheit wäre die grosse Plage der Kriege völlig beseitigt, und alle Leiden-schaften , von einer unumschränkten wohltliätigen Gewalt gebändigt, müssten der schonenHerrschaft aller Tugenden das Feld überlassen. Aber hei den vielen Wechselfällen mensch-licher Unvollkommenheiten ist es nicht zu vermeiden, wie das Beispiel der eben erwähutenPeriode offenbar zeigt, dass eine so ungeheure Ausdehnung des Reichs dem Oberbaupte oftGefahr bringt, indem die Heere bald hier bald dort in Aufruhr gerathen, Fürsten mit bösenAnlagen zu furchtbaren Tyrannen werden, und die Zügellosigkeit der Menge Greuel hervor-bringt, vor denen die Einbildung schaudert; Bürgerkrieg, Brand und Plünderung, Völker-schlachten und Fürstenmord.
Wenden wir uns nun zum Feudalsystem. Die Barbaren hatten das abendländische Reichgestürzt; die verschiedenen Völkertaunne suchten über seineu Trümmern neue Sitze; einerdrängte den andern und ward oft dessen Vertilger. Dieses Ungestüm, diese anarchische Fluthder Völker dauerte au vierhundert Jahrelang, bis auf Carl den Grossen , dessen hoher Geisteinen schönen Glanz auf diese Epoche der Barbarei warf. Durch ihn bildetesicheinegros.seMonarchie ; er führte Gesetze ein , und die Ordnung fing an sich herzustellen. Kaum warer aber vom Schauplätze verschwunden, als durch seiner Söhne Zwietracht über die getheiltcErbschaft das Reich selbst unter Einrichtungen zu Grunde ging, die Carl zu dessen Erhaltunggetroffen hatte. Vom ihm waren nämlich (»rossbeamte eingesetzt worden : Herzoge als An-führer der Truppen ; Grafen zur Handhabung der Justiz. Diese anfangs nach "Willkür wider-ruflichen Aemter bildeten sich nun im Laufe der Zeit durch Bürgerkriege, durch Schwächeund Noth der Könige, durch allgemeine Verwirrung zu erblichen Stellen nm, und ihreInhaber machten sich unabhängig. Auch die , so unter ihnen standen , erhoben sich allmäliligdurch die Gunst der Umstände , folgten ihrem Beispiele und machten sich frei. So war dasReich bald mit einer Menge kleiner Landes - und Grundherren übersäet, und ganz Europa fielunter die Herrschaft des sogenannten Feudalsystems , das von vielen so arg verschrieen , vonaudern so über die Maassen erhoben worden , weil es iu der That auch alles enthielt, wasden grössten Tadel und das grösste Lob verdienen mag.
Eine Gehurt der grässlichsten Unordnung, mit der die vollständigste Anarchie förmlichUnerkannt war, führte diese tausendköpfige Hydra überall Gewalt und Schrecken mit sich.
I Nur zwei Klassen gab es jetzt: Unterdrücker nnd Sklaven. "Was aber das Uebel, das schonin den Verhältnissen lag, noch aufs äusserste brachte, war die thierische Rohheit der Menschen.( I)ie Herrschaft war Räuberei, jede Berghöhe ein Raubschloss , jeder Fels eine feste Burg;^dein Wanderer nahm man seine Habe, die Rechte trat man mit Füssen, an Justiz war nichtzu denken. So erscheint uns das zehnte Jahrhundert, welchem die Geschichte , um seine furcht-bare Gestalt zu bezeichnen , den Namen des eisernen Zeitalters gibt. Rettungslos schien die letzteSpur jeder Cultur unterzugehen , als die Vorsehung durch eine wunderbare Erscheinung Hülfesandte : das Ritterthum entstand. Diese herrliche Anstalt, eine Schöpfung unserer Väter, dieuns vielleicht bei dem geregelten Zustande jetziger Staaten nur wie eine edle Schwärmerei vor-kommt , war in jenen Zeiten der Anarchie die Stellvertreterin der Gesetze, und die schützendeMacht für die theuersten Menschheitrechte.
Das Ritterthum ist die poetische Seite der nenern Geschichte, der Ruhm des Abendlandes ,und der Glauz seiner Annalen. Segen kam dadurch über unsere Väter, und es weckte oderschuf vielleicht erst all jene liebenswürdigen Tugenden , welche die Zierde der Menschen , denReiz des gesellschaftlichen Zustandes ausmachen : Biederkeit, Uneigennutz , Treue , Beschützungund Liebe der Frauen , reines Ehrgefühl. Frankreich, Deutschland und Spanien waren dieLänder, wo es am meisten blühte. — Das Feudalsystem blieb, auf verschiedene Weise gestaltet,und in manigfacher Abwechslung zwischen fünf und sechshundert Jahre lang das herrschendein Europa. Von seiner besten Seite betrachtet, scheint es die Regierung zu vereinfachen,indem ihr die Sorge für die Ausführung im Einzelnen abgenommen ist, und einem Feldherr»zu vergleichen, der, um seine Armee in Bewegung zu setzen, nur an seine Officiere Befehlaustheilt. Was wurde nun aber ans dem Feldherrn , im Falle die Soldaten mehr seinen Offi-cieren als ilnn angehörten ? — Das grosse Gebrechen dieses Systems liegt darin , dass es dieGewalt in die Hände derjenigen legt, die gehorchen soUten, und das Oberhaupt dadurch in die jNothwendigkeit versetzt, jeden Befehl mit einer Armee zu begleiten, um des Gehorsams ge- jwiss zu seyn.
Aus diesem Heere von kleinen Herrschaften hat sich eine Anzahl wirklicher Staaten gebildet,von denen die einen 11m die Erhaltung ihrer Existenz bemüht sind , während andere mit Begierde jauf Vergrösserung ausgehen. Mitten unter heftigen Bewegungen sehen wir den menschlichen Geistin alle Zweige der Cultur frisches Lehen hauchen , und das Regieren zu einer Kunst ausbilden. IHatte man sich früher von der Leidenschaft zu den Kriegen hinreissen lassen , so zog man jetzo *seine Interessen zu Rath. Der Schwache lernte sich an den Schwachen anscliliessen , um dem [Stärkern zu widerstehen , nnd man fing nun an , eine Art von Waage zu halten. So bildetesich das berühmte System des Gleichgewichts, diese glückliche Erfindung , wodurch der Ehrgeiz ides Mächtigen in Schranken gehalten, die Existenz des Schwachen gesichert und dem Bestand [des Ganzen Festigkeit gegeben wurde. Die Natur der Kriege ward jetzt anders; das Loos derVölker verbesserte sich nnd wie die Gewalt einen freisinnigem Charakter annalini, so wardauch der Gehorsam von edlerer Art. Die Fürsten hatten nur Kriege für die Interessen ihres Lan-des zu führen , die Untertlianen nur für diese und den Ruhm ihrer Fürsten zu kämpfen , ohne einPrivatinteresse oder persönliche Rache.
Mit diesem Systeme begann die Epoche der Anfklärung, der Wissenschaften , Künste undder edlem Cultur. Unter seine Nachtheile zahlt man , dass es sich einer Politik bedienen müsse ,die an den Höfen Trag , Falschheit und Hinterlist nähre ; man wirft ihm weiter vor, dass dieStaaten gezwungen seyen, grosse Heere zu unterhalten, indem sie das Palladium des Gleich-gewichts j um das sie beständig besorgt sind , nur mit dem Canonendonner erhalten könnten,etwa wie manche Schiffer das Gewitter auf der Sec damit zu beschwören glauben.
Wir sahen dieses System durch den furchtbaren Ausbrach der franz. Revolution Zusammen-stürzen. Ein wüthender Kampf erhob sich , der aller Civilisation den Untergang zu drohenschien; Greuel folgten auf Greuel, Heldenmuth und Seelengrösse, die sich auf dem nämlichenSchauplatz entwickelten, konnten nicht mehr widerstehen, und hätte der Dämon des Bösen ge-s i e gt 1 g anz Europa wäre verloren gewesen. Zum Gluck erschien ein gewaltiger Mann, der demToben der losgelüssnen Elemente ein Ziel setzte. Riesenhaft erhob er sich im Angesicht derWelt über der grossen Zertrümmerung, legte die wilden Leidenschaften in Ketten, hielt die neuenIdeen im Zaume, krach die Hartnäckigkeit der alten , und schuf Ordnung in dem Chaos. Abersein rastloser Geist, der die Ruhe nicht kannte, von keinem Genasse des Vollbrachten gefesseltwar , sondern nur immer von Ziele zu Ziel vorwärts strebte , konnte dabei nicht stehen bleiben.An der Spitze des Stromes, der sich schon nach Aussen ergossen hatte, flog er in entferntenLändern von Siege zu Sieg; die Kühnheit seiner Entwürfe ward nur von der Schnelligkeit über-troffen , womit er sie vollführte. Begebenheiten von Jahrhunderten sahen wir in Monate zusam-mengedrängt. Mitten im Laufe stets erneuerter Kriege rief sein nach allen Seiten thätiger Geistzugleich eine neue Gesetzgebung ins Leben, und ordnete ein neues politisches System in einemgrossen Theile von Eüropa, das Bundessystem , welches aber nicht zur Erhaltung der Ruhe ,sondern zu immer neuen und grossem Angriffen erwählt schien. Wie gross , wie ansserordentlichindessen alle diese Ereignisse waren , so sollten wir doch noch ein grösseres erleben , den Sturzdes zum Weltdespoten gewordenen Helden in den Jahren i 8 i 3 und 1814. Sein ganzes System,das sich nur durch ihn erhalten hatte, fiel mit ihm, zum wiederholten Beweise, dass nichts,wenn auch init noch so viel Kraft anfgerichtet, bestellen kann, was nur auf der Persönlichkeiteines Mannes, und nicht auf den ewigen Grundlagen der menschlichen Natur und ihrer Rechteberuht.
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Französisches Kaiserthum 12,410 d. QM. 39 , 5oo,ooo Einw. Samt den Bundesstaaten 3 a ,400 d. QM. 80 MUL Einw.
FRANKREICH.
12,410 d. QM.39,500,000 E.
PY REN AE IS CHE HALBINSEL.
Spanien 844 ° d. QM. I Portug. i 656 d. QM.10 Mill. E. 3 Mill. E.
Physische Beschaffenheit. 408 Meilen ge-sundes und bequemes Küstenland von zweiMeeren umspült, hohe und weite Gebirgs-ketten. Eine der schönsten Lagen in Bezugauf Krieg, Schiffahrt und Handel. Seit 1808unter französischer Herrschaft, (Joseph, Na-poleons Bruder) oder vielmehr, von Fhiglandunterstützt, dem furchtbarsten Kampfe umseine Befreiung preis gegeben.
HALBINSEL ITALIEN.
Neapel 1257 d. QM. I Rom u. Hetrurien 1 Künigr. Italien (Lomb.)4>5oo,ooo E. I unt.Frankr. begriff. J i 800 d. QM. 6 Mill. E.
Physische Beschaf-fenheit. 420 MeilenKüstenland, init vor-trefflichen Arsenalenausgerüstet, und ebenso für den Handelmit sehr tauglichenSeehäfen versehen;unstreitig eines derherrlichsten Länder,
wohl arrondirt, eine grosse festgeschlossene Masse, meistens mit sehr guten Naturgränzen ; zu jener Zeit das mächtigste Reich , das einemgrossen Theile des Contineuts den Impuls gab. Ein Volk, reich an schönen Anlagen, geistvoll, lebhaft, empfänglich für alles, was deuReiz des geselligen Zustandes bildet und erhöht, tapfer im Kriege, liebenswürdig im Frieden, nur zu beweglich, oberflächlich, unbe-ständig , u. damals vom Siege berauscht, vom Ruhm geblendet, als au seiner Spitze der Held des Jahrhunderts die Welt in Erstaunen setzte.
Physische Beschaffenheit. 480 Meilen Küstenland am adriatischenund Mittelmeere. Die Alpen trennen es nördlich uud nordwestlichvon Helvetien und Frankreich ; die Apenninen ziehen durch dieHalbinsel hinab. Mit seinem reinen und sanften Himmel contrastirtseltsam sein fast unaufhörlich stürmisches Schicksal. Wie in allenfrühem Jahrhunderten, so war es auch wieder in den neuern Zeitender Schauplatz blutiger Kriege. Italien, dem es immer an einer poli-tischen Vereinigung fehlte, kam endlich ganz unter franz. Herrschaft,und war eine bedeutende Stütze für die Plane des grossen Eroberers.
Producte , Handel.
Frankreich gehört beieinem sehr günstigenKlima und Boden zud. fruchtbarsten Län-dern. Fast alle Indu-striezweige, Manufac*turen, Fabriken stehenauf einer hohen Stufe.
Indessen muss es doch sehr wichtige, ja unentbehrliche Artikel in grosserQuantität einführen, als: Getraide, Vieh, Metalle und Metallwaaren; Hopfen,Pferde, Holz, Hanf, Colonialwaaren, rohe Stoffe für die Manufaeturen. Ausfuhr:Wein, Brantwein, Tücher, Baumwollen - und Seidenzeuge, Südfrüchte, Salz etc.und eine unzählige Menge der verschiedensten Industriewaaren , als: Geschmeide
und Gerätschaften von Gold, Silber und andern Metallen; Uhren aller Art
Producte, Handel. Ein von der Natur sehrbegünstigtes Land, wo aber Ackerbau, Manu-facturen u. Industrie unter schwerem Druckezu keiner grossen Entwickelung kommen. Alses seine grossen Colonien in Amerika noch be-sass, war sein Handel beträchtlicher. Vorzüg-liche Producte sind Südfrüchte, IVein, Meri-nos und andalusische Pferde.
Producte , Handel. Das fruchtbare und reizende Italien bringt diemeisten Erzeugnisse im Ueberfluss hervor. Getraide aller Art, Wein,Oel, Reis, Zucker, Baumwolle, Seide, Südfrüchte, herrlichen Mar-mor, Jaspis etc. Fabrikate sind Strohgeflechte, Seife etc. Sammet undandere Seidenwaaren. Handel: hauptsächl. in Venedig, Genua, Livornoetc.; ausserdem sind noch als Gegenstand des Handels beniej-kenswerthStatuen, Gemälde, ect. Der Seehandelist im Verhältnisse zu den gün-stigen Lage und seiuem frühem Flor nicht bedeutend.
HELVETIEN.
648 d. QM.
1,700,000 E.
Phys. Beschaff. Das höch-ste Land in Europa, 111. seinenGebirgsketten u. Alpenästenin militär. Hinsichtv. grosserWichtigkeit, weil man vonda die Eingänge nach Italien,Deutschland und Frankreichbeherrscht. — Trotz vielerStürme erhielt sich Helvet.,wie immer, auch hei d neu-ern Umwälzungen; nur be-kam es durch d. Mediations-acte unter Frankr. Protekto-rat einen audern Bestand.
Producte etc. In niedernEbnen Getraide, Wein, Obst,in d. Gebirgen treffl. Rinder,Schafe, Holz etc. Grosse Be-triebsamkeit mit Baumwolleu. Seide etc. Manufaeturen,Leinwand , Käse , Leder ,Uhren etc. Viel Handel.
DER RHEINISCHE BUND samt dem sächsischen Herzogthum WARSCHAU 16,750,000 E.
Baiern2005 d.QM.3,700,000 E.
Würtenrerg3 oo d. QM.1,200,000 E.
Baden272 d. QM.1,000,000 E.
Westphai.en(>94 d.QM.1,900,000 E.
Sachsen3oi3 d. QM.6,200,000 E.
Die übrigenStaaten2,750,000 E.
Physische u. politische Beschaffenheit. Der rheinische Bund umfasste ein weites, wohlhaben-des und reichbevölkertes Gebiet, das sich längs der östlichen Gränze von Frankreich und inwohlgeschlossener Masse gegen die östlichen grossen Reiche hirt erstreckte. Aus lauter kleinenStaaten zusammengesetzt, die eher eine Macht zur Vertheidigung als zum Angriff bildeten, wardieser Bund in der Mitte Europas unter andern Verhältnissen vielleicht geeignet, den allgemei-nen Frieden zu erhalten, oder zur Ruhe doch wesentlich beizutragen; allein in gänzlicher Ab-hängigkeit von der Gewalt, die ihn gestiftet, fortgerissen von dem unwiderstehlichen Strome,musste er die Plane des grossen Eroberers unterstützen. Wenn in Folge der damaligen Ver-änderungen in Deutschland mehr Feinheit in die Organisation , mehr Kraft in die Verwaltungder Regierungen kam , und viele alte Missbrauche ihr Grab fanden , wenn durch die Terschwen-derisehe Consumtion der Kriege sowohl Ackerbau als Industrie in schneller Entwickelung fort-schritten : so wurden dagegen auch viele Rechte verletzt, und die Summe des Familienunglückeswar gross; die Justiz, der Grundpfeiler aller menschlichen Gesellschaft, ward erschüttert, u. dieStaaten erschöpften sich , indem sie ihre Capitalien angreifen mussten. Vor allem aber unerträg-lich war der geistige Druck, der auf Völkern und Regierungen lag; und jeden wahren Deutschenempörte es, unter fremdem Joche zu leben.
Producte, Handel. Baiern , ira Ganzen nicht so gut angebaut, bat doch mehr Ackerbauals Manufaeturen , und führt hauptsächlich Getraide und Vieh aus.
Hürtenberg und Baden siud äusserst fruchtbare, wohlangebaute Staaten, die Getraide,Wein, Tabak, Oel, Hanf, Flachs, Krapp^Holz, Vieh etc. im Ueberfluss erzeugen.
Das Königreich fVestphalen bat nicht hinreichend Getraide, aber vortreffliche Bergwerke,besonders im Harzgebirg und in Oberhessen.
Sachsen , reich an Mineralien; ziemlich fruchtbar ; vortreffliche Schafzucht; die höchsteIndustrie unter deutschen Ländern.
kunstreiche Tapeten und Teppiche;merien, Essenzen etc. Durch seii
Tressen, Shawls, Spitzen, Spiegel,glücklichen Kriege bereichert , von
Parfü-
deru
Contineutalsystera unterstützt, durch sein politisches Uebergewicht auch im Handelbegünstigt, erhob es sich mit allem Aufwand seiner Kräfte bald zum höchstenFlor. Auch Künste und Wissenschaften kamen allmählig wieder empor; allein derAckerbau entbehrte die Hände, so ihm der Krieg entzog ; die Justiz ging
unter in Specialgerichten, und gründliche Belehrung samt Erziehung des Men-schen konnten unter beständigen 1 affengerausche nicht gedeihen; daher dennFrankreich um jene Zeit in der eigentlichen allgemeinen Volksbildung auderngut geordneten Staaten nicht gleich kam.
KOENIGR. HOLLAND,
m.Fnnkr. verein. gJul. z8lo
5 7 6 d. QM.2,000,000 E.
Phys. Beschaffenh. 108M. Küste, die dem Mee-re abgewonnen, durchgrosse Sorgfalt erhaltenwird. In den Revoln-tionskriegen der neuernZeit hatte Holland vielgelitten, und ward genö-thigt, seine lang bestan-dene Regierungsform zuändern ; ja es konnte heiseiner Lage zuletzt nichtvermeiden, dem grossenfranz. Reiche einverleihtzu werden.
Producte. Die Hollän-der haben vortrefflicheViehzucht, mancherleischätzbare Manufaetu-ren , Fabriken; ihrenReichthum aber, der sieberühmtmachte, verdan-ken sie ihren Colonienund dein Handel. In die-ser doppelten Beziehunghaben sie viel verloren;der Glanz ist vorüber,aber beides ist noch jetzteine Hauptquelle ihrerExistenz. ( S. No. 4 un< ^24 und im Anhang No.35.)
Nordische Königreiche.
DÄENEMARKmit Norwegen.5652 d. QM.
2,700,000 E.
Phys. Beschaffenh.534 M. Küstenland anzwei Meeren; gemein-sam m. Schweden kannes den Eingang in dasbaltische Meer beherr-schen, und ist nichtbloss für den Handel,sondern auch in poli-tischer Hinsicht treff-lich gelegen. Seinelang beobachtete Neu-tralität brachte ihmgrossen Schaden, undes sah sich am Endegenöthigt, obwohl eskeine Föderation ein-ging, mit FrankreichOffensiv- u. Defensiv-allianz zu schliessen.
Producteetc. Getrai-de fast hinreichend.Dänemark führt Rin-der und die berühm-ten holsteiner Pferdeaus. Norwegen bedarfGetraide, liefert aberim Ueberflusse Holz,Kupfer, Eisen, Tlieer,Häringe u. a. Fische.(S. No. 4 u. 24 u. überden neuern politischen
r,__ j vr. »jr \
PREUSSEN.
2880 d. QM.5,200,000 E.
Phys. Beschaffenh.120 M. Küstenland amhalt. Meere. Preussenspolitische Lage waräusserst kritisch. Eshatte Ungeheuern Ver-lust gelitten, war zumTheil mit französisch.Truppen besetzt. Eswar genöthigt, seinBenehmen nach denUmständen zu beque-men; aber National-sinn , diese letzte undgewaltigste Hülfe ei-nes Volkes, reifte nurum so schneller unterdem Drucke, u. zeigtesich herrlich, als spä-ter d. Preuss. unter An-führung ihres Königesdas Signal zum gros-sen Befreiungskämpfegaben, und der Staatsich wieder höher alsjemals emporschwang.Producte etc. Getraide,Hülsenfrüchte, Obst.Vieh, Wildpret, Fi-sche, Bienen etc. Gu-te Manufaeturen undFabriken.
{S. Taf. 5 .)
SCHWEDEN.
6696 d. QM.2,200,000 E.
Phys. Beschaffenh.36 oM. Küstenland; ge-meinsam m. Dänemarkdie Pforte zum halt.Meere. Auch Schwe-denbatte im Laufe derneuern Ereignisse vielerlitten. Seine langfestgehaltene hartnä-ckige Politik widerFrankreich schien spä-ter dem Einflüsse die-ser überwiegendenMacht zu weichen;doch wandte es sichbald wieder zu Eng-land u. Russland, bises im Befreiungskäm-pfe förmlich zum Stur-ze der französ. Herr-schaft mit den Allirteneinmiithig focht.
Producte etc. DerLaudhau reicht nichthin für das Bedürfnissder Einwohner. AnWäldern und Berg-werken, vorzüglichEisen , Kupfer, Blei,Schwefel, Steinkohlenetc. ist Schweden sehrreich. (S. Taf. 27und 35 .
Oestro ich isches Kaiserthum.
OESTREICH undBOEH JIEN.2412 d. QM.7,200,000 E.
UNGARN, GAL-LIZIEN etc.6696 d. QM.ii,65o,ooo E.
Physische und politische Beschaffenheit. Einwohl arrondirtes Land, das eine feste Massemit grossen innern Kräften bildet, obwohles aus verschiedenen Völkern von mancher-lei Gerechtsamen besteht. Durch Lage, Kraftund polit. Beziehungen von jeher eine derwichtigsten europ. Mächte für Erhaltung desGleichgewichts und derRuhe. Aber eine Reiheunglückl. Kriege hatte das Reich geschwächt;seine Militärgränzen waren durch Abtretungverloreu gegangen. Nur Ruhe konnte in langerZeit die geschlagenen Wunden allmählig wie-der heilen , und vergebens hatte der friedlie-bende Kaiser das Opfer dessen gebracht,was seinem Herzen am theuersten war, seineTochter , um endlich eineu dauerhaften Zu-stand herbeizuführen. Zu nahe gelegen, demAngriffe zu offen, konnte damals Oestreiclidem gewaltigen Impuls des kolossalen franz.Reiches einzeln nicht widerstehen.
Producte und Handel.
Oestreicli bringtnicht genug Getraidehervor; Kärnth. treff-liches Eisen; Steier-mark das berühmteBlei; Idria besitzt dasan Quecksilber reich-ste Bergwerk in Euro-pa ; Böhmen die öst-lichsten Zinnbergwer-ke, deren sich erst inJapan wieder finden.
L’ngarn: Gold, Sil-ber, Kupfer und Ei-sen, reiche Aernten ;köstliche Weine, be-rühmte Pferde. Galli-zien hat die reichstenSteinsalzwerke in Eu-ropa und führt sehrviel Getraide aus.
{S. No. 20 , 21, ■26, und Anhang No.35 .)
Türkisches Kaiserthum.
ASIATISCH.
19,900 d. QM.12,000,000 E.
EUROP AEISCH.
9,607 d. QM.19,000,000 E.
Physische u. politische Beschaffenheit. Eineherrliche Lage für Handel und alle Genüssedes Lehens ; ein classiseher Boden, der unsdurch die Erinnerung an seine unsterblichenHelden, Philosophen, Dichterund Künstler,ihregrossen Thaten und wundervollen Werketlieuer seyn muss. Aber die neuern Siegerhaben diese herrliche Bildung mit F’üssen ge-treten, und alles in Schutt der Barbarei be-graben. Dennoch ist es derselbe Boden,dasselbe Klima, der nämliche Himmel; undvielleicht bedürfte es, um diese Völker ausdem Staube emporzuheben, u. das VaterlandHomers und Alexanders wieder zu wecken,nur eines I’unken der neuen Cultur. — DieTürken waren bei ihrem Einfall in Europafurchtbar; aber sie sind seitdem in der Auf-klärung und Bildung nicht weiter gerückt,auch ihre Kriegskunst stellt noch beinahe aufdemselben Punkte, und sie haben durch festeNiederlassung und lange Ruhe ihre ursprüng-liche , wilde und ungestüme Tapferkeit ver-loren. Ihre polit.Existenz ruhte späternuraufdem europ. System des Gleichgewichts; sie be-stehen wie ein Monument, weil es einmal er-baut worden. Während der franz. Gewaltherr-schaft blieb die Türkei grüsstentheils unterderen politischen Einflüsse.
Producte etc. Bei der Trägheit der Türkenu. ihrem gänzlichen Mangel au Industrie ste-hen sie fast in gar keinen commerciellen Ver-hältnissen mit anderen Nationen. (.£. No. 28und im Anhang No. 35 .)
Russisches Kaisertlium.
EUROPAEISCH.
72,861 d. QM.37,600,000 E.
ASIATISCH.
286,000 d. QM.6,800,000 E.
Physische und politische Beschaffenheit. Einkolossales Reich, das den neunten Theil desErdbodens einnimmt. Seine grössten materiel-len und geistigen Kräfte ruhen in den Länderngegen Europa hin, zwischen dem finisehen ,schwarzen und caspischen Meere. Weiternach Asien hin dehnen sich unermesslicheStrecken, deren allinahlige bessere Bevölke-rung und Cultur durch lu*äftige und weiseMaassregeln der Regierung befördert wird.Russland, seiner Lage, Ausdehnung undMilitärmacht wegen unbesiegbar, war da-mals, wie jetzo, das grosse Gewicht in derpolitischen Waagschale Europas, und vonder französischen Herrschaft unerreicht.
Producte , Handel. Obgleich nicht die Hälftedes weiten Reichs in regelmässiger Cultursteht, so sind doch die Centralprovinzen undeinige nördliche so fruchtbar, dass eine be-deutende Ausfuhr von Getraide möglich wird.Russland hat eine ausserordentl. starke Vieh-zucht, u. liefert im Ueberflusse Talg u. Leder;es führt Hanf, Eisen, Bau- u. Mastenholz, Theerund kostbares Pelzwerk etc. aus. Bergwerkereich an Gold, Silber, Kupfer, Eisen. Durchseine treffl. Kaiser begünstigt, schreitet dasReich rasch iu Bildung, Industrie u. Produc-tionen aller Art vorwärts. Es hat sehr guteSeehäfen u. reicht zu Land u. See unmittelbar andie Gebiete, welche die kostbarsten Artikel desWelthandels liefern: an Persien, China, Japan;u. in Amerika hat es ebenfalls Besitzungen.; (»S. No. 27 u. 28 und ira Anhang No. 35 .)
XXX. EUROPA GEOGRAPHISCH, POLITISCH UND STATISTISCH IM JAHR 1812.
Gedruckt und verlegt bei J. Yelten , Kunst - nnd Musikalienhändler iu Carlsmhe , 1827.