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VON LESAGE,
GRAF VON LAS CASES.
l 826.
VORREDE ZUR DEUTSCHEN AUSGARE.
Die ganze Masse der geschichtlichen Ereignisse vom Anbeginn der Welt bis auf unsre Zeitennicht blos für den Verstand, sondern auch für das Auge zu ordnen, die Ilauptmomentedurch sinnliche Auszeichnung hervorzuheben, durch stete Verbindung mit der Geographieden Begebenheiten, wenn ich so sagen darf, Grund und Boden zu geben, durch räumlicheDarstellung und durch den Gebrauch der Farben das Erscheinen der Völker und Staaten,ihr Nebeneinanderseyn , ihr Aufeinanderfolgen , ihre Ausdehnung , ihren Untergang,Dinge , die beim Lesen der Bücher so leicht durch und in einander fliessen , zu festenBildern zu gestalten , ja die Genealogie selbst auf eine anziehende Weise zu beleben —das sind die grossen eigentümlichen Vorzüge dieses historischen Werkes, die es einerUebersetzung werth machen konnten, und um derentwillen es dem Verlegcr zum Verdienstgereicht, ein grosses Unternehmen gewagt zu haben, bei dem ihm noch Schwierigkeitenund Verzögerungen aller Art in den Weg traten.
Nicht die Lust am Uebersetzen , sondern nur die Neigung , mich mit der Geschichtezu beschäftigen , konnte mich veranlassen die Arbeit zu übernehmen , deren Ausdehnungmich vielleicht hätte abschrecken sollen. So wie es nun Jedem ergeht, der sich eigneAnsichten bildet und nicht gern auf Treu und Glauben blos nachschreibt was ein Andrergesagt hat , so fasste ich wohl im ersten Augenblicke die Idee , eher eine Bearbeitungals eine strenge Uebersetzung zu liefern ; aber bei näherer Ueberlegung musste diese Ideesogleich wieder zerfallen.
Ein auf die Autorität gewisser Schriftsteller begründetes, nach einem besondern Systemin Tabellen geordnetes historisches Werk nach eignen Ansichten und andern Autoritätenbearbeiten , heisst eigentlich mit bloser Entlehnung der Darstellungsart ein ganz neuesWerk versuchen , wenn man nicht ein jämmerliches Stück - und Flickwerk liefern will.Man müsste die ganze innre Oekonomie jener tabellarischen Ordnung, wo Alles in einandergreift , eine Gruppe der andern als Theil des Gemäldes gegenüber steht , ein Satz sichauf den andern bezieht , eine Tabelle auf die andre verweist , Umstürzen ; man müssteAlles aus einander reissen , und würde die ganze \ erantwortlichkeit , nicht blos fürAendcrungen , Zusätze und Auslassungen , sondern auch für jedes V ort, das man stehengelassen , zu übernehmen haben.
Eine solche Bearbeitung hätte wohl nicht mehr mit Grund den Titel des historischenAtlas von Las Cases führen können, und würde schon darum von höchst zweifelhaftemErfolge für den Verleger gewesen seyn. Nur ein Schriftsteller von grossem Rufe imhistorischen Fache hätte das Vertrauen des Publikums dafür gewinnen , nur ein Mann,der , umgeben von reichen Hülfsmitteln , dem Studium der Geschichte seine volle Kraftgewidmet, wäre im Stande gewesen , diesen Versuch im Verlauf einer bedeutenden Zeitauf eine würdige Weise auszuführen. Denn darüber lasse man sich durch Ankündigungennicht täuschen; bei allen Kenntnissen, bei allem Talente wäre eine lange Reihe von Jahrenunter anhaltendem Fleisse dazu erforderlich , und wie Las Cases einen grossen Theil seinesLebens auf sein Werk gewendet hat, so würde derjenige, der bei einer Bearbeitung wenigerthun wollte , die Grösse seiner Aufgabe völlig verkennen.
W enn sich nun auch alle andre Bedingungen zu einem solchen Versuche , wie es nichtder Fall ist, bei mir vereinigt hätten , so würde mir doch , nach einmal von dem Verlegererlassener Anzeige einer deutschen Ausgabe des historischen Atlas von Las Cases , wederdie Ungeduld des Publikums , in den Besitz dieses berühmten Werkes zu kommen , nochder gleichen Schritt haltende Eifer des Verlegers , die nöthige Zeit dazu gegönnt haben.Die Uebersetzung selbst musste oft aus der ersten Feder sogleich in die Druckerei wandern.
Aus diesen Gründen erscheint denn die deutsche Ausgabe, ohne irgend eine wesentlicheAenderung, treu dem Originale, dessen grosser Ruf dem Publikum zur Bürgschaft dessendient, was darin geleistet ist. Critik , selbst eine gründliche , ist immer weit leichter alsverbessern ; daher hat wohl das französische Werk , neben grossem Lobe und nochgrösserm Absätze , auch manchen Tadel und manche Verunglimpfung erfahren, ohne dass
seit seinem ersten Erscheinen vor zwanzig Jahren eine vorzüglichere oder überhaupt nurgleiche Arbeit in dieser Gattung erschienen wäre. So viel darf man in jedem Falle fürgewiss annehmen, dass das Werk nicht ohne reellen Grund bis auf den neuesten Augenblickseinen grossen Ruf erhalten hat, dass es sich nicht ohne Grund in zehn Auflagen über dasganze civilisirte Europa, selbst bis nach Amerika hin verbreitet hat. Was die Gelehrtendaran zu tadeln finden , für die es nicht geschrieben worden , obschon auch sie denpraktischen Werth desselben nicht aus dem Auge lassen sollten , das wird die grosse Welt,für die es sich besonders eignet, nicht daran vermissen , zum Theil als einen Vorzugschätzen.
Eine angenehmere , und eben desslialb das Studium ungemein fördernde Weise , sichmit den allgemeinen Umrissen der Geschichte vom Anfang der W T elt bis auf unsre Zeitenbekannt und vertraut zu machen , wird man in keinem Werke finden ; leichter und sichrerwird man in den unermesslich ausgebreiteten Materialien nicht zur Klarheit gelangen, sichdie Hauptmomente der Geschichte der Menschheit, so wie einzelner Staaten und Nationennicht einprägen können , als durch den Gebrauch dieser Tabellen. Die Genealogie, sonstschon wegen der äussern Form, in der sie geboten wird, der Schrecken derer, die sich mitder Geschichte beschäftigen möchten, und doch für das Verständniss der Begebenheiten undihres Zusammenhangs unentbehrlich, gewinnt hier sogleich das Auge durch die freundlicheGestalt, in der sie erscheint. In diesen genealogischen Tabellen ist mit den Namen zugleicheine Charakteristik und skizzirte Geschichte verbunden , und durch die vortrefflicheAnordnung , durch die wohl benutzten sinnlichen Zeichen zum Hervorheben , zumZusammenfassen und Unterscheiden werden sie zu einem das Gcdächtniss unterstützendenBilde , und erleichtern das Nachschlagen in einzelnen Fällen so sehr, dass schon dadurchallein das Werk einen besondern Vorzug erhält. Wie häufig tappt man nicht bei Fragen,die im Laufe des Tags über Begebenheiten , Zeiten und Namen aufgeworfen werden , blosdesshalb im Dunkeln und versäumt sich Aufschluss zu verschaffen , weil es mit zu grosserBlühe verbunden ist, in einer historischen Bibliothek und selbst noch in einem einzelnenBande , was man gerade zu wissen wünschte, aufzufinden !
In dem Texte, der durch das ganze Werk hindurch die Carten und Tabellen einfasst,und theils zur Erläuterung theils zur Vervollständigung dient, wird man nicht seltenanziehenden Darstellungen, interessanten Bemerkungen und treffenden Ansichten begegnen.Besonders ist es erfreulich , darin die Geschichte der deutschen Kaiser ausführlich undvorzugsweise gründlich abgehandelt zu finden , so wie der Geschichte Deutschlands dennüberhaupt verhältnissmässig die grösste Anzahl Blätter gewidmet ist. Was in den Bemerkungenund Urtheilen zuweilen der verzeihlichen Nationallicbe des Verfassers und dem Einfluss derUmstände angehört, unter denen er schrieb , einiges Schwache in der alten , einigesUebertriebene in der neuern Geschichte , ist leicht zu erkennen und zu würdigen. ImGanzen wird man überall Ursache finden, sich des geistreichen und eleganten Schriftstellerszu erfreuen.
Wer sich dem tiefem Geiste der Geschichte durch Schriften nähern will, der lese diealten , die englischen Schriftsteller , unsern grossen Herder , den unvergleichlichen,inhaltschweren J. Müller, den edlen Heeren, den scharfsinnig glänzenden Rotteck u. A. —AVer sich aber stets auf die leichteste Weise zurecht zu finden, alles Gelesene sogleich zuordnen und an seine gehörige Stelle zu bringen wünscht, um mit seinen Materialienniemals in Verwirrung zu gerathen, der lasse den Atlas des Las Cases nicht von seiner Seite.
Wenn das Werk einem Jeden , der es in dieser Absicht zur Hand nimmt, denselbenGenuss und Nutzen gewährt den ich daraus geschöpft habe, so werden das grosse deutschePublikum und der Verleger gleich sehr Ursache haben mit dem Unternehmen einerdeutschen Ausgabe zufrieden zu seyn.
DER UEBERSETZER.