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3 (1830) D bis E
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Einfalt

wieder bewußt zu werden, hat die Einbildungskraft auch lj) die Fähigkeit, Bor-stellungen aller Art mit einander zu verbinden, und dadurch neue Bilder zu er-! zeugen. Hier heißt sie pcoductivc Einbildungskraft oder Phantasie in, engern

> Sinne. Hier wirkt sie unwillkürlich nach den bloßen Gesetzen der Vcrgesell-

^ schaslung (Association) der Vorstellungen, wobei das Gemüth dem Strome der

Vorstellungen, wie sie der Zufall herbeiführt, überlassen ist, und Traume desWachenden hervorbringt; oder nach dem Gesetze der Zweckmäßigkeit, und in ge-wisser Abhängigkeit von dem Verstände. Die Vergesellschaftung der Vorsiellnn-

> gen kann aber entweder einem bestimmten Zwecke des Verstandes gemäß geschehen,

> oder sie geschieht nur dem Verstandesgcbrauch überhaupt angemessen, den allge-meinen Gesetzen desselben entsprechend, und dann wirkt sie in unbestimmter Zweck-mäßigkeit. Im erstem Fall ist sie durch den bestimmten Zweck gebunden, im

! zweiten ist ihr Wirken frei, ohne darum doch regel- oder gesetzlos zu sein; das

' allgemeine Gesetz der Zweckmäßigkeit setzt ihrer Willkür Grenzen, innerhalb deren

! sie ihr Spiel mit Freiheit treiben, die sie aber nicht überschreiten darf. Die freie

^ und doch zweckmäßige Thätigkeit der Phantasie begründet allein die Möglichkeit

einer schönen Kunst. Hier bildet sie nach Ideen, — sie dichtet, und wird daherDichtungsvermögen genannt. Nach jener doppelten Wirksamkeit der Einbil-dungskraft kann man eine solche zwiefache Sphäre derselben unterscheiden: eine, niedere prosaische, und eine höhere poetische. Ihre erste und nächste Bestimmung

l ist nämlich, das Denk- und Bildegeschäft des Verstandes für die mannigfalti-

^ gen Bedürfnisse und Zwecke des Lebens und des Erkenntnißtricbes zu besorgen:

hier ist sie stets durch bestimmte Zwecke gebunden; ihre zweite aber besteht darin,durch ihre freie, jedoch zweckmäßige, Thätigkeit das Gemüth harmonisch zu be-leben, durch ideale, über gemeine Wirklichkeit erhabene, Dichtungen und Gebildeihrer schöpferischen Kraft den Geist über die Befchränkungen des Daseins zu er-heben, und dadurch das Dasein selbst zu verschönern. Man kann nichts schönerund wahrer über die Einbildungskraft in ihrer poetischen Sphäre sagen, als wasGöthc in s. Gedicht: „Meine Göttin", oder Liedge in d. „Urania" über siegesagt haben. Zu groß, um übersehen, zu weit, um völlig gefaßt, zu reich, um er-schöpft zu werden; mannigfaltig genug, um allen Abänderungen der Lage des Alters,jedem Bedürfnisse eine eigne Befriedigung zu gewähren; geschickt, jedem Tone derSeele eine so volle Harmonie zurückzugeben, daß vom Helden bis zum LiebhaberJeder glauben sollte, sie wäre bloß für seinen Zustand geschaffen; groß mit dem Ei-nen, sanft mit dem Andern, überall bereit, jedem Wunsch und jeder Sehnsucht Er-füllung zu geben, sich in jede Farbe zu kleiden, ist sie auch nach Gram und Leiden diesanfte und letzte Gefährtin unserer Klagen. Ihre Bilder sind es, die uns in Freudeund Unglück beherrschen, Hoffnung und Furcht wird uns durch sie erregt. Das ganzeGeheimniß von der Wirksamkeit aller schönen Kunst beruht darin, daß die Einbil-dungskraft schöpferisch wird. ES versteht sich, daß dies selbst nur durch eine schö-pferische Einbildungskraft zu bewirken sei. Daß der Mensch ein solches schöpferi-sches Vermögen, selbstthätig Bilder und Ideen in sich zu erzeugen, besitzt, lehitJeden sein eignes Bewußtsein; denn kaum wird einer von der Natur so sehr ver-wahrlost sein, daß er nicht Wesen, Scenen, Lagen, Zustände sollte dichten können,die er nie erlebt hat. Unendlich verschieden aber sind die Grade dieses schöpferischenVermögens der Einbildungskraft, und nur in seinen höher» Graden, wo es eigen-thümliche Formen und Charaktere zu erfinden, ein Mannigfaltiges von Begeben-heiten, Bildern und Ideen zu einem für die Vernunft zweckmäßigen Ganzen zu ver-knüpfe» vermag, kann man es als eine entschiedene Anlage zur Kunst ansehen.(S. Genie, Phantasie, Darstellung, Kunst, Poesie.)

Einfalt ist dem Vielfältigen und Mannigfaltigen entgegengesetzt, wie dasleicht Übersehbare dem Verwickelten, schwer zu Übersehenden, zu Erkennenden.