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Ja, der ernstlichste Wille muß da seyn, sich in allenund jeden Tugenden zu üben und sich das alles eigen zumachen, was der Beruf und dieser Stand von uns er-heischet; da darf keine Tugend übersehen, sie müssen allegeübet werden, bis die höchste Stufe aller Tugenden er-stiegen ist, auf welcher die Tugend zur Gewohnheit undgleichsam zur zweiten Natur geworden ist. Unterlassest dumit Wissen und Willen auch nur eine Tugend, dann bistdu abgekommen vom wahren Wege zur höchsten Geistes-armuth und eines gottschauenden Lebens; denn kann dieseArmuth wohl in etwas Anderem bestehen, als im Ent-sagen und Ablegen aller Untugend und aller sündlichenNeigungen, und im Ergreifen und Ucben aller Tugenden?und das beschauliche Leben, ist es und kann es wasanderes seyn, als der Schlußstein, die Frucht und dieVollendung des thätigen und wirkenden Lebens? Hast dudie Tugend nicht, dann fehlet dir auch die Armuth; hastdu unthätig und ohne Wirkung des Guten dahin gelebt,so bist du des schauenden Lebens unfähig und unempfäng-lich. Denn hast du in gehöriger Ordnung alle Grade desthätigen, tugendlichen Lebens durchgearbeitet und bist andas Ziel und den Endpunkt alles Thuns und Wirkensgekommen, dann erst stehest du an der Pforte des gott-schauendcn Lebens; und nimmermehr wirst du die gött-liche Klarheit schauen, es sey denn, daß die Tugend involler Kraft dich ergriffen, dich dir selbst entrissen, dicherhoben habe aus der Finsterniß und dem Dunkel desGeschaffenen hin in die göttliche Klarheit, wo du reinenHerzens Gott schauen wirst. Ohne diese volle Kraft derTugend kannst du dich nicht dahin erschwingen, du wirstund mußt unten bleiben; denn über seine Kraft hinauskann kein Ding wirken, und aus dir selbst, aus eigenerKraft vermagst du, das weißt du ja wohl, du armer,gebrechlicher Mensch, nicht dahin dich zu erheben, dichmuß die Kraft der Gnade heben. Diese Kraft aber ent-springet aus der Tugend, die mußt du denn in dir be-