-k-> ^ I o h s. a n n T a u l e r ' s Nachfolgung des armen Lebens Khristt. Neu herausgegeben von Nikolaus Casseder, Pfarrer zu Eltmann in Franken. Selig sind, die da geistlich arm sind Denn das Himmelreich ist ihr. Marrh. s, g. Frankfurt am Main Verlag der Hermann scheu Buchhandlung 18 2 1 . Wir wollen die Lehre vom Anfang des christlichen Lebens jetzt lassen und zur Vollkommenheit schreiten^ Hebr. 6, i. Zueignung und Vorrede. ^Hn der ewigen und unaussprechlichen Liebe des himmlischen Vaters und Seines ewigen Wortes grüße ich euch, Geliebte in Christo! Der liebe Gott, zu Dem ich gestehet habe, hat mich als Seinen armen, lehrbegierigen Schüler in eine reiche und große Schule gesendet, in welcher man allzeit und alle Tage unaussprechliche und hohe Wunder erlernen kann: nur muß man aus Liebe zu dieser segensvollen Schule durchaus und ganz allen Dingen entsagen; denn will sich Einer dem liebenswürdigen Lehrer dieser Schule übergeben, so muß er seiner selbst und aller Kreaturen ledig seyn. In dieser ede- len Schule trägt der würdige Lehrmeister aus dem höchsten und vortrefflichsten Buche täglich diese Lehre vor: „ Wir sollen in gänzlicher Verzichtleistung unseres Eigenwillens und in vollkommener Hingabe in den allerliebsten Willen Gottes standhaft und unveränderlich uns einergeben, so daß es uns nicht nur IV gleich gelten, sondern auch lieb und angenehm seyn soll, in welche Lage immer der Herr uns zu versetzen beliebe, ob in Besitz, oder in Mangel und Nothdurst, ob wir als Weise oder als Unweise angesehen werden, daß wir nichts begehren, nichts wünschen und nichts wollen, als einzig den Willen und die Anordnung unseres lieben Meisters, im Können und Vermögen, wie im Unvermögen und Schwachheit, im Thun und Unterlassen, in allen Anliegen und Leiden des Geistes wie des Leibes, im Leben wie im Tode; mit einem Worte: wo und wie wir uns befinden und sind, ohne alles Wanken, ohne alles selbst Erwählen, und nicht Erwählen dessen oder jenen, gerne oder ungerne soll einzig des allerliebsten Lehrers Wille in uns leben, und alles, was gegen oder außer Seinem Willen ist, sott uns ganz todt und fremde seyn; nur Sein allerliebster Wille in seiner vollen und reinen Kraft muß von uns ohne Zuthun oder Hinweg- nehmen sowohl vor als in und nach unserm Tode vollbracht werden. Die Schule selbst nun, in die der Herr uns geschickt hat, ist der heiligste Wille Gottes; der Lehrmeister in derselben ist der heilige Geist Selbst in all Seiner Güte; das einzige und wahrhaftige Lehrbuch ist der liebenswürdigste Herr Jesus Christus, Er in Sich Selbst und in allem, was Sein ist und Ihm zugehört. - Außer dieser Schule kenne ich ferner keine, sie sind nur alle entschwunden; außer diesen: Lehrmeister sind mir alle andere fremd und ferne; außer diesem Buche kenne ich kein anderes. Diese Schule, dieser Lehrer, dieses Buch haben mich zur Entsagung aller Dinge V » vermögt; diesen Dreien will ich wahrhaftig allein nnr leben. Nun denn, liebe Kinder, lernet auch ihr diesen Dreien allein nur leben, aber in Wahrheit leben; so nur werdet ihr den wahren Frieden in allen Dingen finden, anderö aber wahrlich nicht. Gehet oft ein in diese gesegnete Schule, denn wohin wollten wir lieber gehen, als dahin, wo dieser liebenswürdige Lehrmeister allzeit und ohne Unterlaß gegenwärtig und für uns immer bereit ist, wo das Buch der Liebe niemals geschloffen, immer offen ist? Liebe Kinder, bleibet auf mein Wort froh und zufrieden in dieser heiligen Lehranstalt, denn ich kenne wahrlich keinen besseren, keinen kürzeren, keinen sicherern und keinen erhabneren Weg. Diesen Lehrer hat euch der allmächtige Gott aus dem reichen Schatze Seiner unermeßlichen Liebe gegeben, folget Ihm getrost auf mein Wort; es ist wirklich euer Bestes, wenn ihr allein in diese heilige Schule gehet. Wer immer da eingeht, der wird mit aller Gewißheit gelehret, wie er seine Gedanken, Worte und Werke, sein ganzes Leben auf Gott unsern Vater beziehen, aus Ihm alles herleiten und Ihm Selbst, dem Herrn, am besten und höchsten wohlgefällig werden könne." Und soll ich noch Etwas beisetzen zur Rechtfertigung der Herausgabe dieser Schrift, so seyen es die Worte des Apostels: „Läßt sich Jemand von euch weise dünken, der werde vor dieser Welt ein Thor, damit er weise werde; denn die Weisheit dieser Laulcr's rSster Brief nach der lateinischen Ausgabe der Lauter'- schcn Schriften des Laurentius Surius vom Jahr iZM VI Wett ist vor Gott Thorheit." i. Cor. 3 / 18.19. — D. i, für iweise muß sich keiner halten, der zur wahren Weisheit gelangen will; als Thorheit muß er anerkennen, was diesem Zeitalter für Weisheit gilt, so daß die Narren ihn für einen Thoren hatten, indem sie sich weise dünken; ihre Weisheit muß er nicht zu der seinigen machen, denn sie ist in den Augen Gottes Thorheit. — Das Büchlein selbst ist nach der Frankfurter Ausgabe vom Jahre 1681 bearbeitet worden; bei dieser meldet der damalige Herausgeber: er sey einem im Jahre 1448 geschriebenen Exemplare wörtlich, und wie er sich ausdrückt, „ohne Parteilichkeit gefolget, und sey mit Fleiß kein einziger Buchstabe verändert worden." — Diese Schreibart nun konnte ich freilich in einer neuen Ausgabe nicht beibehalten, wenn nicht das Aeußere der günstigen Aufnahme des gehaltvollen Inhalts, ja selbst der Deutlichkeit entgegenstehen sollte. -Gewisse, Taulern ganz eigene, kräftige und scharf bezeichnende Worte wollte und durfte ich jedoch ihres wahren Reichthums wegen keineswegs bei Seite setzen, denn daß Tauler unstreitig ein Meister unserer Sprache und ein besonderer Versicherer derselben gewesen, wird nicht geläugnet werden wollen *). Die in erstgenannter Ausgabe befindlichen Paragraphen konnte ich der Verständlichkeit und des Zusammenhanges wegen nur selten beibehalten. *) Siehe W. Petersen's Preisschrift: Welches sind die Veränderungen und Epochen der deutschen Hauptsprache seit Karl dem Großen rc. in den Schriften der kurfürstlichen deutschen Gesellschaft in Mannheim, Bd. 3 . S. 117 — l vn Des Werkes Inhalt zerfällt in zwei Theile. Jin ersten zeigt Tauler, was die wahre Armuth des Geistes sey und worin ste bestehe; er nennet ste //die rechte/ wahre/einfache/ bloße/ lautere, abgeschieden/ ledige/ freie, edle, reiche, wesentliche, nützliche, demüthige, freiwillige, tugendhafte, göttliche Armuth." Der zweite Theil giebt die Wege an, die dahin führen, und die Zielpunkte, auf welche das innere Auge müsse gerichtet seyn, um diese höchste Vollkommenheit zu erreichen. Auch in dieser Schrift finden wir, und zwar vorzüglich in dieser, was Taulers einziger Zweck war, wohin er führen wollte, und den er selbst erreichte, den Mittelpunkt, von dem er ausging und auf den hin er alles zurückführte; er will nämlich den Menschen durch Tödtung der Sünde und der sünd- lichen Gebrechen, durch Verläugnung des Eigenwillens und der Eigenliebe, durch standhafte und unausgesetzte Uebung der Tugenden zu seinem innern Ursprung zurückführen, in welchem die Seele Gott wiederfinden kann, Der Sein ewiges Wort in ihr zeuget und Seinen Geist in ihr offenbaret. Er zeiget, wie die Seele durch diese beständige Einkehr in sich in diesem seligen Stande und in diesem inneren göttlichen Leben bleiben und bestehen und Gott Seine Wunder fortgesetzt in ihr wirken könne. Eine Empfehlung des Büchleins sieht der Herausgeber als eine ganz unnöthige Sache an; es wird sich dem religiösen Leser wohl selbst empfehlen, und den Andern? — Wer wird da zu empfehlen wagen, wo entschiedene Abneigung, Verachtung und Ekel obwal^ ten? Für diesen Fall mögen die Worte K. 9. Les VIII singS hier stehen: ,/man tadelt, sagt er *), meines Bruders Briefe an seine Frau als uninteressant. Hierauf kann ich nichts antworten, als die Einwendung eines Bauern, der seine Ackerpferde zu Markt brachte und dem ein Stallmeister mitleidig zu verstehen gab, daß sie weder als Schulpferde noch als Reitpferde taugten. Wunderlicher Herr! habe ich sie denn dafür ausgegeben oder ausgeben können und wollen? sie stehen zur Nachfrage da für Leute, wie ich bin." Noch habe ich einige wenig bekannte Lieder Tau- ler'S beigelegt, deren erstes Terfteegen in seiner „kleinen Perlenschnur" aufgezeichnet hat; die vier übrigen hat der Herausgeber aus der lateinischen Ausgabe der Tauler'schen Schriften des LaurentiuS SuriuS zu übersetzen versuchet. Lieber Leser! ist dir das Büchlein angenehm, so gebrauche seiner, wo nicht, so dulde eS, du duldest ja sonst noch Vieles. Geschrieben im Ostcrmonate 1820. Der Herausgeber. Im Leben seines Bruders Gotth. Ephr. Lessing. Von verwahren Armuth des Geistes oder der höchsten Vollkommenheit des Menschen. Erste Abtheilung. Z. 1. höchste Vollkommenheit des Menschen bestehet ursprünglich in wahrer und vollkommener Armuth des Geistes; ja sie selbst ist die wahre, eigentliche, höchste Vollkommenheit. Deshalb kommt es wohl einzig darauf an, daß wir lernen und erfahren, was die wahre Armuth des Geistes sey, worin sie bestehe, und wie weit sie sich erstrecke? Nun ist aber diese Armuth des Geistes eine Ähnlichkeit Gottes. Gott ist nämlich ein von allen Kreaturen unabhängiges, in Sich Selbst bestehendes Wesen, Er ist eine freie Kraft, Er ist ein reines Wirken. Ist nun die wahre Armuth eine Aehnlichkcit GotteS, so ist sie ein von keiner Kreatur abhängiges, vielmehr von jeder abgeschiedenes Wesen; denn an Nichts hasten und hängen, heißet von jedem Dinge geschieden seyn, nun hastet die wahre Armuth des Geistes wirklich an Nichts, und Nichts an ihr. 1 2 Z. 2. Fragst du, wie das möglich sey, da doch alle Dinge von einander ahhangen, eines von dem andern erhalten wird, sollte denn der Arme im Geiste allein von keinem Geschaffenen abhängen? Wirklich hangt er von keinem Geschaffenen ab, noch hangt er ihm an, alle geschaffenen Dinge sind unter ihm, nur von dem hangt er ab, und nur dem hangt er an, was über alle Dinge erhaben ist, der heilige Augustin nennt es das Beste aus allen Dingen, nämlich Gott; Ihn allein sucht die wahre Armuth, Ihm allein hangt sie an, von Ihm allein banget sie ab, und sonst von keinem anderen; das ist aber auch gerade der höchste Adel der Armuth, daß sie allein, und Alles aus- schlieffend, dem Allerhöchsten anhanget, und sich alles Erschaffenen, alles Niedrigen, so viel möglich, entlediget, und frei machet. 8 . 3 . Was Einige von der höchsten, lautersten, und wahren Armuth des Geistes behaupten, dass sie nämlich darin bestehe, wenn der Mensch wieder so sey und werde, wie er war, da er noch nicht war, da nämlich, sagen sie, verstand er nichts, da hatte er keinen Willen, da war er gleichsam Gott mit Gott; — das wäre allerdings wahr, wäre es nur möglich; denn der Mensch, als ein geschaffenes Wesen, musi auch menschliches Wirken, muß Willen und Verstand haben, er muß Gott erkennen, und lieben, davon hangt seine Seligkeit ab, wie der Jünger Jesu, Johannes, spricht 'I: „Das ist das ewige Leben, daß wir Dich Vater erkennen, und, Den Du gesandt hast, Jesum Christum." Wenn es möglich wäre, wie es aber wahrhaftig um möglich ist, daß eine Kreatur, was die Wirkung betrifft, gar zu nichts, und so arm würde, als sie war vor ihrer Erschaffung, das ist, daß sie auf solche Weise mit Gort *) Joh. . 7 , 3. 3 eins würde, als sie damals war nach der Idee, dann konnte sie traun! nichts verdienen, sie würde weder heiliger noch seliger seyn, als ein Stein oder Klotz; denn ohne Liebe und Erkenntniß Gottes, ohne eigene Werke können wir nicht selig seyn; Gott aber würde nichts desioweniger * eben so selig seyn, als Er ist und von Ewigkeit war, uns aber würde das nichts helfen, darum ist diese Entle. digung und falsch genannte Armuth des Geistes nichts, als ein arger Betrug. Rusbrochs Schriften: Von dem , Schmucke der geistlichen Hochzeit, 2teö Buch, S. 129.' §. 4. Da nun aber der Mensch Gott erkennen und lieben soll, wie kann ibm da noch Armuth des Geistes im Ew kennen und Lieben bleiben? Ich sage, sie bleibt ihm allerdings, wenn er Gott erkennet mit Gott, wenn er Ihn erkennet und liebet, wegen Ihm, wenn sein Kennen und Lieben nur zu Gott gerichtet ist, und nur dieses, sonst > kein anderes Kennen und Lieben Gottes, macht ihn selig, und giebt ewiges Leben; des Menschen Kennen Gottes in Bildern, Formen und Vorstellungen, die ihm die Sinne zuführen, giebt ihm keine Seligkeit, das wäre bloß natürliches Erkennen und Lieben, dessen muß aber der wahre Gcistesarme ledig, o. h. arm daran seyn, will er selig und ein wahrer Armer seyn. Z. 5. Nun könnte freilich die Frage entstehen: wenn vernünftiges Vorstellen in Bildern und Formen, die dem Menschen die äusseren Sinne bringen, ihm nicht nur nicht die Seligkeit bringet, ihn vielmehr an der Vollkommen- ^ heit und wahren Geistesarmuth hindert, und er deren ganz ledig und leer seyn muß, wozu sind sie ihm denn gegeben, wozu ist ihm die Gabe der sinnlichen Unterscheidung denn nütze? Ich sage: so lange das Viele und Man- nichfaltige noch auf den Menschen wirket, und er damit beladen ist, ist ihm dieser bildliche und vernünftige Unter 4 schied wohl nütze, und er kann dessen nicht entbehren, wenn er anders zum Besseren und Höheren kommen will; sobald aber der Mensch von dem Mannichfaltigen und Vielen zum Emen, und Einfachen, zum Entwcrden Seiner gekommen ist, und so erlanget hat die wahre Armuth des Geistes, dann muß er entsagen aller bildlichen Unterscheidung, muß rein und entlediget von Allem, gleichsam als Einer eingehen in das Eine; würde er hier, setzt noch, hangen an Bildern und Formen, an sinnlichen Wahrnehmungen und Unterschieden, dann wäre er wohl noch gebrechlich und schwach, und entfernt von wahrer Armuth des Geistes. — Das Unterscheiden in Bildern und Formen, das Aufnehmen der Dinge durch die Sinne ist dem natürlichen Menschen freilich nothwendig, er soll, und will etwas erlernen; auch weil der Mensch lebt in der Zeit, so muß er auch wirken mit der Zeit in seinem äußerlichen Leben, seiner Lage, und zeitlichen Verhältnissen, und daß er nicht stehen bleibe auf der Zeit, träge und unwirksam, vielmehr daran sey, seinen äusseren Menschen in Ordnung und Uebereinstimmung zu bringen mit dem inneren: zu dem Allen verhilft ihm eine vernünftige Unterscheidungsgabe. Endlich, auch dazu ist diese ihm nütze, ja nothwendig, widerstehen zu können sündlichen, verderblichen Einfällen, die den Menschen so oft und so leicht befallen, und so sein Herz zu bewahren vor Sünde und Unrath. Die wahre Vollkom menhcck, die wahre, reine Armuth des Geistes aber bedarf der Eindrücke, der Belehrungen durch die Sinne durchaus nicht, sie erkennet nicht nach der Natur, sie erkennet Gott mit Gott, sie liebt Gott wegen Gott, ihr Erkennen und Lieben ist einzig zu Gott gerichtet, darum ist sie auch eine Aehnlichkeit Gottes, sie ist ein reines, einfaches Wesen, eine Einheit, geschieden von aller Kreatur und Mannichfaltigkeit. §. 6 . Ja nicht nur arm am natürlichen Erkennen und Lieben Gottes muß ein ganz vollkommener Mensch seyn, will er zur innigsten Vereinigung mit Gott kommen, er 5 muß sogar an Gnade und Tugenden arm seyn; denn die Gnade ist eine Kreatur, auch die Tugenden sind kreatür- lich. Die Gnade nämlich ist ein Licht, welches Gott schöpfet oder schaffet in Sich Selbst, und es der Seele eingleiset, womit Er sie abziehet vom Leiblichen in das Geistige, vom Zeitlichen und Vergänglichen in das Ewige, von der Mannichfaltigkeit in das Einfache und Eine; ist nun die Seele mittelst der Gnade erhaben über alles Irdische, über Zeit und Mannichfaltigkeit, allem entrücket, sich einzig einigend dem Einen, bann ist sie rein Geist, stehend in der Ewigkeit, dann wird Gnade gewandelt in Gott, nicht ferner zieht Er sie durch krcatürliche Gnaden-Weiie, Er ziehet sie unmittelbar durch Sich zu Sich, Er führet sie von Sich zu Sich, wie der heil. Augustin spricht: „O Herr! wer giebt mir einen andern Dich, daß ich von Dir zu Dir gehe?" und in dieser Rücksicht ist die Seele auch gnavearm, denn sie ist erhoben über die Gnade, durch Gott in Gott versetzet. §. 7 . Ferner, auch tugendarm muß der Mensch seyn, dem es um wahre Vollkommenheit ernst ist; die Tugenden sind nämlich nach ihren Werken natürlich, nach ihrer Meinung aber und Absicht göttlich. Nun soll der Mensch aus lauterer reiner Meinung, welche Gott ist, wirken, denn Gott liebt und nimmt die Tugend nicht nach den Werken, sondern nach der Meinung, und so wird die Tugend nicht natürlich , sie wird übernatürlich und göttlich; und da jedes Wirken sein Ziel hat, so muß des Menschen Ziel Gott seyn, und nichts anderes, und mit solcher Tugend bestehet die Armuth wohl. — Auch in folgender Hinsicht soll der Vollkommene tugendarm seyn, nämlich, die Tugend muß in ihm in solche Fertigkeit übergegangen seyn, er muß sich in allen Tugenden so ausgewirket haben, daß ihm das Bild der Tugenden gänzlich entschwunden sey, und er nicht mehr wirke tugendlich im Zufalle, sondern im Wesen, nicht in der Vielartigkcit, sondern in voller Einheit, und diese Tugend ist dann nicht mehr natürlich, sie ist göttlich; und 6 so wie Gott alle Dinge in sich begreifet, so begreifet eben auch ein vollkommen armer Mensch alle Tugenven in der Einheit der Liebe, denn in dieser Liebe wirket er alle Tugenden, und diese Tugend ist wesentlich, und bestehet gar wohl mit wahrer Geistesarmuth; ja er wird nimmermehr diese wahre vollkommene Armuth erreichen, wenn nicht alle » Tugenden sein Wesen werden. 8 . 8 . Dann aber gehet der Mensch in das Wesen der Tugend über, wenn er alles Zufalles ledig ist, und dann ist er alles Zufälligen ledig, wenn die göttliche Liebe ihm alle vergängliche Dinge entzogen hat, und er dann äusserlich und innerlich frei, entlediget und blos stehet von allen diesen Dingen, und nicht mehr irgend eine Tugend mit Befangenheit zu wirken vermag, sondern einzig mit einem einfältigen und reinen Willen sich Gott zu überlassen und hinzuopfern in alle Tugenden. Das ist aber jenem Menschen nickt möglich, der noch nicht jedes Acusserlichcn, jedes Zufälligen entlediget ist, und dem die göttliche Liebe noch nicht alles Acusserliche' entzogen hat; er hat die Tugend nicht, und kann sie noch nicht haben im Wesen, er wirket blos zufällig: denn zufällig ist alles, was jetzt ist, und dann nicht ist. So wirket er nun tugendhaft, wie sich Zeit und Gelegenheit, Lust oder Noth giebt', oder nicht ergiebt, dagegen wirket ein wahrer Geistesarmer allzeit und immer tugendlich, und so wie sein Wesen unzerstörlich ist, so ist es auch seine Tugend, darum hciffet sie auch wesentliche Tugend, weil sie zum Wesen geworden ist. 8 . 9 . Daraus ergiebt sich nun, daß, wer eine Tugend wesentlich und vollkommen hat, sie zumal alle habe; denn alles, was der Mensch äusserlich und innerlich thun kann, gehöret zu einer vollkommenen Tugend. Richtet er nun alle > Dinge, jedes seiner Werke auf die eine Tugend hin, dann gewinnt er sich das Wesen dieser Tugend, und ziehet nur diesem alle andern Tugenden an sich, und machet selbe sich wesentlich; richtet aber der Mensch sein ganzes Streben und seine ganze Kraft nicht auf die Tugend, die er erreichen will, so entgehet ihm das Wesen der Tugend, und ihm wird keine Tugend wesentlich werden, denn dem Wesen der Tugend steht er selbst entgegen. §. 10. Auch stcbct die Vollkommenheit des Menschen nicht einzig in der Ledigkeit und Freiheit des inneren, sondern auch des äusseren Menschen, — denn der Mensch ist Mensch nicht allein der Seele, sondern auch dem Leibe nach. — Darum ist es nicht genug, nur ledig zu seyn nach dem inneren Menschen, auch der äussere muß entlediget seyn, so viel es ihm möglich ist, und dieses äußerliche und innere Hinwenden und Kehren aller Dinge aus die Tugend macht ihn allein ganz vollkommen, denn" in der Tugend bestehet die Vollkommenheit. Ist nun der Mensch innerlich und äusserlich abgestorben allem Irdischen und jeder Kreatur, haftet er an nichts weiter, so schadet es dem Adel und der Reinheit seiner Armuth keineswegs, wenn Zeitliches ihm äusserlich zukömmt, und die Kreatur mit Gunst sich zu ihm wendet; er ist ja ledig dessen allen der Neigung nach, und was ihm zufällt, oder sonst zukommet ohne sein Zuthun, das steht er an, wie es auch wirklich ist, als eine Gabe von Gott, der nur sein Bestes will, es sey nun was es sey, Liebe oder Leid, bitter oder susse. Denn dein aller Dinge Ledigen, der sich einzig an Gott hält, dem muß der gütige Gott mit allem Gute gleichsam entgegengehen, es sey leibliches oder geistliches Gut, er nehme es nur an von Ihm, er nimmt es ja von Gott, und nicht von den Geschöpfen. §. 11 . Wie aber, wenn ihm zu viel zufiele, wie soll der Vollkommene sich hier benehmen? Er nehme, daß ihm seine Armuth allzeit bleibe, und er nicht hafte daran, als sey er durch die kleinere oder grössere Gabe nun reicher; ist doch nur Gott sein Reichthum, und nicht zeitliches Gut! X 8 So man ihm aber gäbe, soll er annehmen? er sehe darauf, wer es giebt; ist der Geber selbst arm am zeitlichen Gute, jedoch reich an Liebe, die ihn alles hinzugeben, gleichsam treibet, oder giebt man dir aus natürlicher Liebe, dann nimm in beiden Fällen nichts, vom Letzteren schon garnicht, laß ihn placken und sich balgen mit seinem Gute, bleib du ledig und frei. Ist ein Anderer indessen reich an Gütern, aber arm an Liebe, er gäbe dir aber um Gotteswillen, und du bist augenblicklich der Gabe dürftig, nimm sie hin, und was über die beschwichtigte Nothdurst ist, das vertheile an Andere; daß du hier der Gabe dich hingeben mußt, ist kein Hasten daran, sondern Gottes Werk, Wille und Gabe. Z. 12. Fallet dir aber wenig zu, suche einzig deiner Nothdurst zusteuern, giebt man dir, nimm hin, bekommst du nichts, trage es geduldig, denn Mangel ist gar oft nutzer, als Haben; im Mangel lernt man sich besser kennen, als beim Haben, ersterer machet uns fähig, zu empfangen ewige Dinge, leibliche Krankheit giebt gar oft geistliche Kraft, und diese übertrifft doch wohl jede leibliche; höre, was Paulus sagt H : ,, Die Kraft wird vollendet in Schwachheit. " §. 13 . Wende dich auch nicht zu reichen Leuten, sie ermangeln gemeiniglich der vollen Liebe und Treue. Ich erweise das durch Folgendes: Ungleich sind sich schon der Arme und der Reiche, nun liebet, wie bekannt, nur Gleiches seines Gleichen, zwischen beiden findet somit keine wahre, volle Liebe statt, sie ermangeln nämlich des Grundes, aus dem ächte Liebe und Treue sprosset. Der Reiche giebt seine Gabe gewöhnlich aus einem gewissen Interesse, er möchte sich dadurch den Himmel verdienen , und die Hölle damit von sich abwenden, dieses Hoffen und dieses Fürchten ist 2. Cor. 12, y. V y nun gewiß weder Liebe, noch ächte Treue, sie lieben damit doch nur sich selbst, und glaubten sie, ohne den Armen, in den Himmel zu kommen, sie würden wahrlich mit dem Armen wenig Umgang, und Zuthat zu ibm, haben; auch ist es ja nur Weniges, was sie den Armen leisten , sie kön- » neu sich nicht zur vollen Gabe, wie sie die achte Liebe erfordert, bringen, und auch das nur mit vielem Zwange, und harter Noth. Ferner ist ja ein armer Mensch entlediget aller Kreaturen, der Reiche haftet noch an und in ihnen, / wie können beide nun — so weit abstehend von einander — sich wechselseitig mit Liebe ergreifen? und die rechte Liebe kann doch nichts anderes seyn, als ein gänzliches Ausgehen aus sich, und allen Dingen? Der Reiche ist in sich und allem Irdischen noch ganz befangen, wie sollte er der wahren Liebe fähig seyn? auch ist ja die ächte Liebe nur geistlich, denn sie urständct aus dem heiligen Geiste, sie hingegen sind irdisch, wie könnten sie geistliche Liebe erzeigen? Endlich ist der wahre Arme den Reichen ganz unbekannt, folglich auch ungeliebt von ihnen, denn unbekannt und ungeliebt sind sich Ursache und Wirkung, wie Augustin sagt: „Was man sieht, kann man wohl lieben, das Unerkannte und Unbekannte kann Niemand lieben." 8 > 14 . Die Armuth des Geistes beurkundet auch dadurch ihre Aehnlichkeit mit Gott, nicht nur, daß sie, wie Er, ein von allen Kreaturen unabhängiges, in sich selbst bestehendes Wesen ist, sie ist auch hierin ähnlich mit Gott, da sie, wie Er, eine freie Kraft ist, unbczwungcn, und unbc- zwinglich von Niemand; ihr Adel und ihre Würde ist volle Freiheit. Nur wenn die Seele sich mit irdischen und gebrechlichen Dingen selbst beschweret, dann verlieret sie ihre Freiheit, und seufzet unter einer Bürde; alles Irdische ist eine Bürde, es machet die Seele blind, unbehülftich, und nimmt ihr alle Kraft und Tugend; darum entsage sie, und werfe ab alle irdiscke Bürde, nur dann ist sie edel und frei; denn nur Armuth ist led-'g aller Dinge, und so ist auch sie nur der einzig wahre Adel der Seele, die einzig wahre Freiheit. 10 §. 15 . Diese Freiheit nun ist eine allseitige Lauterkeit, ein gänzliches Getrenntstem von Allein, sie reichet hin in die Ewigkeit; diese Freiheit ist ein von Allem entblößtes, getrenntes Wesen, solch' Wesen ist Gott, und Ihm allein und ganz eigen; ein gleich bloßes, von allen Kreaturen getrenntes Wesen ist nun die Armuth, und so ist sie auch die wahre Freiheit. Eine freie Seele hat allen gebrechlichen und geschaffenen Dingen entsagt, sie dringt ein in das »»erschaffene Gut, das Gott ist, sie ist's, die da gewinnet mit Gewalt, was Christus mit Gewalt zu gewinnen verheißet, da er spricht H : „Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewaltigen reisten es zu sich." Nun ist Gott der Seele Himmelreich, entsaget sie nun allen Dingen, und hanget Gott allein an, so gewinnet sie Gott mit Gewalt; dieser Seele will und kann sich Gott nicht entziehen. Er muß und will Sich ihr geben, es ist ja Seine Natur, daß Er Sich gemeinsamet der Seele, die Seiner empfänglich ist. — Nun sind ihr alle Dinge gleich. Lieb' und Leid, Lob, wie Tadel, Armuth, wie Reichthum, Wohl, oder Wehe, der Freund, wie der Feind; Nichts ist ferner vermögend, sie anzuziehen, nichts kann sie weiter von Gott scheiden, nichts vermag ferner sich zwischen ihrem Gott und sie zu stellen, recht wie Paulus spricht : „Wer ist, der da uns scheiden könne von Gott?" Vielmehr ziehet sie alle Dinge hin auf Gott, und dringet durch alle Dinge frei auf ihren ersten Ursprung ein, sie erstrebet sich nicht nur die Tugend, sie gewinnet das Wesen der Tugend, nichts bindet sie, aussek der Tugend, und zwar nur die höchste und reinste Tugend, und das ist nicht nur kein Band, es ist vielmehr die Art und Wirkung der Freiheit, die nur dann wahrhaftig frei ist, wenn sie das Höchste und Beste zu wirken vermag, und das Schlechte gänzlich dahinten läßt; denn Freiheit bestehet nicht in der *) Matth. ii, i«. **) Mm. 6. 33. 11 Sünde, nur Knechtschaft ist Sündendienst, wie Paulus sagt P : ,, Wer Sünde thut, ist Knecht der Sunde, und nicht ein Freier." So edel und erhaben ist ächte Freiheit, daß sie Niemand, denn Gott, der Vater, allein geben kann, da sie eine Kraft ist, die da unmittelbar fleußt in die Seele aus Gott, der ihr alles Vermögen giebt, nach Paulus Worten : „Aue Dinge vermag ich in Dem, Der mich stärket." §- 16 . Eine Seele, die da einkehret in sich, und nachdenket über sich, betrachtet sorgfältig, was sie war, was sie sey, und was sie nicht ist; was sie war, nämlich in ihrer süud- lichcn, gebrechlichen Weise, mit Sünden befleckt, entfremdet Gott, und sich selbst, tugendleer, und gnadelerr, das erkennet sie mit bitterer Reue und Schaam, und diese Reue, diese Bitterkeit, dies Gedränge und Mißfallen an sich selbst reiniget, und läutert sie, und in dieser Läuterung ursprin- get ein Licht, ein klarer Lichtstrahl, der ihr alle Wahrheit entdecket, und der heilige Geist entflammet noch mehr dieses Licht, machet die Seele aufwallen und inbrünstig, treibet sie in Erkenntniß der ihr aufgedeckten Wahrheit hinein, daß sie ihr nicht mehr entschwinde, daß sie ihr unwiderstehlich anhange, und nimmermehr zurücktrete in ihre alten Gebrechen. Gewaltig und frei führet Er sie in alle Wahrheit; und ist sie dann in die Wahrheit gekommen, von ihr durch und durch ergriffen, hat sie in der Wahrheit die süße Frucht der Freiheit gekostet. So ist ihr denn die Wahrheit so köstlich und tröstlich, daß sie Allein und Jedem entsaget, ausschließend der Wahrheit sich hingiebt, Verzicht leistet auf die Freiheit ihres eigenen Willens, und so in die wahre Armuth eingehet. Bei diesem Ausgange, und dieser Aufgabe ihres eigenen Willens, nimmt Gott ihren Willen, umkleidet ihn mit Seinem Willen, giebt ihm völlige Frei- Rom. r> , > 6 . J>)h. 8 , 34. "*) Phil. .4, > 3 . 12 best, und einiget Sich mit ihm, nach des Apostels Ausspruch''): „Wer Gott anhanget, der wird Ein Geist mit Gott." Diese Vcrzichtlcistung ihres eigenen Willens hat ihrem Willen erst den rechten Adel, die wahre Höhe und Erhabenheit gegeben; nicht nur nicht ist sie dadurch als Sclavin geniederet, sie ist eine Freie geworden, weit mehr und besser, als wenn sie nie darauf verzichtet hätte; wird doch jedes Ding, je näher seinem Ursprünge, um so edler und vollkommener. Ist nun der Wille geciniget mit dem Höchsten und Ursprünglichen, mit der höchsten Freiheit, so ist er gewiß der edelste und freiste, gnd eine andere Freiheit des Willens giebt es nicht; und in dieser Vereinigung des Geistes mit dem göttlichen Geiste wirket die Seele mit dem Allmächtigen allmächtig in voller Freiheit, „wo der Geist ist, da ist Freiheit", sagt Paulus Est'cn- nest du nun, wie die wahre Armuth des Geistes eine wahre Ähnlichkeit Gottes ist, da sie mit Gott alle Dinge vermag? §. 17 . Hier könnte sich nun wohl eine Schwierigkeit ergeben, wenn gefraget würde: wenn der Mensch, der sich seines eigenen Willens Verzichtethat, nun sich hingiebt unter den Gehorsam eines andern Menschen, ob das nicht seine Freiheit störe? In vierfacher Hinsicht, antwortest!), kann, ja muß der Mensch dem andern sich überlassen; erstens muß der Unwissende sich dem Lehrer überlassen; zweitens, ist der Mensch noch nicht aller Sünde und allen Gebrechen gestorben, schwanket er noch zwischen Tugend und Fehler, dann ist ihm wohl ein wahrer Gcistcs-Lehrer nothwendig, dem er sich hingebe zum Besserwerden mit sich. Drittens, sey es auch, daß er der Sünde wirklich abgestorben, mit seinem Inneren ins Klare, und zur Kenntniß der Wahrheit gelanget ist, so rühmt er sich dessen doch nicht, in tiefer Demuth des Herzens hält er sich für nichts, als einen Sün- ) I. tz'oi'. 6 > 7 - 1ä der, und m diesem Gefühle der Niedrigkeit unterwirft er sich einem Anderen, mehr vertrauend diesem, als sich. Endlich soll der Mensch sich den Geboten und Anordnungen der heiligen Kirche unterwerfen, was sie befiehlt, das thue er willig. §. 18 . Indessen stehet der rechte, ganz Vollkommene, seiner selbst und aller Dinge Entledigte, der wahre Geistesarme allerdings in einem andern Verhältnisse, als in dem so eben bemerkten. Er kann nämlich nicht, unter die Unwissenden und Unerfahrenen, wie wir oben zuerst sagten, gezählt werden, er ist als entledigter und armer Mensch ein reiner Mensch; wo diese Reinheit ist, da ist Licht, und dieses Licht, das ihm leuchtet, zeiget ihm auch das Verborgene und Unbekannte. Aechte Geistesarmuth ist ein reines Liäit in sich selbst, in diesem Lichte erkennet und schauet der Mensch alle Wahrheit, und ihm ist'S nicht Noth, erst auszugehen, und zu suchen anderswo, was er schon in sich hat; dieses Ausgehen aus sich, dieses Suchen ausser sich könnte ihn gar leicht abführen von seinem Mittelpunkte, ihn vennannichfaltigcn, und das Unmittelbare, in dessen Besitze er ist, durch Vermittelung anderweitiger Dinge, ihm trüben und ihn zerstreuen. Er gehet vielmehr in sich, und bleibet stehen in sich, und findet hier volle Befriedigung; ist - er ja doch ausgegangen von aller Eigenheit seiner selbst, von der Befangenheit aller Dinge, und ist in Gott eingegangen, Der Sich ihm hingab, wie wir oben zeigten; hat er nun Gott, und ist er in Gott, so ist er auch im vollen Besitze der Wahrheit, die ihm alles Andere entbehrlich machet. §. 19 . Ferner sagten wir, daß der Mensch sich unter dem Gehorsam, unter die Leitung und Führung eines Andern geben könne und müsse, um fähig zu werden, der Sünde und ihren Gebrechen nach und nach ganz abzusterben; das ist nun abermal der Stand eines vollkommenen Geistcs- arincn nichr, er ist ja gestorben der Sünde, und dieses wahre Sterben bedarf keines zweiten. Diese Behauptung bedarf indessen einer genauen Unterscheidung. Wohl kann der Mensch mir der Zeit und nach und nach dahin gelangen, daß er der Sünde, der er abgestorben ist, nicht ferner zu sterben habe, d. h. es kann so weit mit dem Menschen kommen, daß alle Geschöpfe und Menschen nichts weiter mehr an ihm finden, was sie todten konnten an und in ihm; denn er hat sich seiner selbst und alles Geschaffenen entlediget, ihm ist alles geworden, wie dem Paulus, — „alle Dinge als Gassenkotb", denn des armen Menschen vielfältiges und vielseitiges Sterben ist so geheim und so verborgen, daß es andere Menschen wohl wenig erkennen können. Demohngeachtet aber, und was hier nicht zu übersehen ist, bleibt es immer wahr: nie kommet der Mensch in diesem Leben zu solchem Sterben, und zu solchem Leben, das; Gott an i h m nicht etwas zu tödten fände; diesem Todten Gottes giebt sich nun der arme, ganz entledigte Mensch hin, nicht aber dem Geschöpfe, das an ihm nichts ferner zu tödten erkennet, noch vermag. 8 . 20 . Auch der obenangeführten Demuth wegen ist es dem wahren Gcistesarmcn nicht nöthig, nicht dringend für ihn, sich unter den Gehorsam und Leitung Anderer zu stellen; er hat ja die Wurzel aller Demuth in sich, soll er sie zu Schau tragen in gewisser Manier und Weise? Gott rennet sein Herz, er traget auch das Wort des Herrn darin: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmüthiz und demüthig von Herzen"; habe ein demüthiges Herz, das ist genug. Sollte es denn aber genug seyn, sprichst du, Tugend zu haben nach innen, und sie nicht zeigen nach aussen, daß Andere dadurch gebessert und erbauet würden? Ach! gehe doch nur ganz und vollkommen von dir aus, sey ganz abgestorben, dann werden die alle, die da wahrhaft sterben wollen in Cbrlsto, durch dich mehr gebessert, und in diesen Tod eingeführet werden, als du nimmermehr 15 thun und wirken kannst durch äußerliches Zuthun. — Es ist wvhl recht, sagst du, aberinal entgegnend, daß der Mensch zum vollen Schauen der Wahrheit gekommen, und die Sünde in ihm ganz überwunden sey, er darf sich doch nicht selbst das zutrauen, und so wäre es denn doch besser und sicherer, wenn er sich vertrauend Andern übergäbe? Gewiß darf und wird sich dcsien der wahre Geistcsarme in seinem Herzen nicht rühmen, gewiß solcher Zuversicht sich nickt anmaßen, er stellet es Gott heim, aber weder sich X, noch einem andern Menschen; denn hat er die Wahrheit und ächte Vollkommenheit, so ist sie ihm ja bloße Gabe Gottes, Der allein, und kein Mensch, sie geben kann. Weit entfernt, daß der Geistesarme Andere verachten, geringe schätzen, oder mißtrauiich gegen sie seyn sollte, er hält sich immer als den Geringsten, zieht alle Andern sich vor, aber immer und unabärcherlich stebt ihm Gott oben an; so wie Ihm, vertrauet er Niemand, so hoch, wie Ihn, stellet er Niemand. §. 21. Endlich, so wenig der wahrhaft Vollkommene, der ächte Gcistesarme der heiligen, christlichen Kirche und ihren Gesetzen und Anordnungen sich entzsthet, oder gar widersetzet, so ist er denn doch als solcher nicht gebunden zu allen Gesetzen derselben, nach äusserlicher Weise, wie Andere, die noch befangen sind in sich, lebend in der Sunde, käinpfcnd, siegend, unterliegend. Der Geistesarme hat nämlich das, was die heilige Kirche nach äusserlicher Weise angeordnet, und zu thun befteblt, innerlich, geistig, wesentlich schon erfüllet, er ist dahin gekommen, wohin die Kirche mit allen ihren Geboten, Gesetzen und Anordnungen ihre Kinder führen will; sie will doch gewiß nicht anderes, als daß man die Sunde unterlasse, dagegen die Tugend gewinne. Der vollkommene Geistcsarme hat nun die Sünde abgelegt, er hat die Tugend gewonnen, er hat demnach den Zweck und das von der Kirrste gesteckte Ziel erreichet; er wird auch fcrnerbin Alles in Einfalt seines Herzens thun, was das Kirchengesetz vorschreibt, und er zu thun vermaa. 4 » 16 oder sonst verpflichtet ist; was er unterlasset oder nicht vermag, das wird es deshalb nicht schmähen, noch verachten, nickt für böse, vielmehr für gut halten, zumal alles gut ist, waS die christliche Ordnung heischet. Und so bleibt dem achten Gnstesarmen bei allem Gehorsame und Ergebenheit an die Küche durchaus seine innere Freiheit. 8 . 22 - Auch die Uebung der ausser liehen Liebeswerke kann, wenn sie zur rechten Zeit und in gehöriger Absicht verrichtet werden, der inneren Freiheit des Geistes nicht hinderlich senn. Bedarf dein Bruder der Anweisung zur Tugend, und er hat Niemand, der ihm dazu helfe, komme du ihm zu Hülfe, gehe aus von deinem Herzens- Kämmerlein, solltest du auch in dem Augenblicke in der höchsten Schonung gestanden seyn; unterlassest du es, dann fehlest du wirklich: du hast ja das Beispiel und das hohe Bild deines Herrn, wie Er Liebe, Hülfe, Beistand schenkte an seine Jünger und an so viele Andere; diesem Bilde wirst und willst du doch folgen? auf die Liebeswcrke hat der Herr ja das ewige Leben gesetzct, und diese Werke der Barmherzigkeit fordert Gott von einem Jeden. Tugend- leer seyn, heißt nicht frei und entäusscrt seyn; gerade die Hebung aller Tugenden, die von dir gefordert werden, verlässt zur Freiheit, und nur nach verrichtetem Liebeswerke gebest du ohne Gebrechen in dein Inneres wieder ein, und wirst darin den hohen Segen des Friedens, den die Liebe giebt, wahrnehmen. §. 23 . Doch sehe zu, welcher Geist dich zum ausserlichcn Werke der Liebe treibe, ob der böse Geist, ob dein eigener Geist, oder Gottes Geist dich anrege? lerne aus ihren Wirkungen sie alle drei erkennen. Treibt es dich aus deiner Jnwen- digkeit heraus, und hin zu reichen Leuten, ohne daß die Tugend deiner hier bedarf, oder dich fordere, ist es zu unnützem Zeitvertreib, zum Wohlleben in gut Essen und Tritt, 17 ken, und meinest bei dir, es bedürfe dessen deine schwache Natur, du wellest sie etwas erquicken, um Gott desto besser dienen zu können; siehe zu, wie du dich täuschest, wie dir der Hinblick auf Gott getrübct, wie du zerstreuet, wie hart und schwer du den Weg zu deinem Herzen wieder,?n- den werdest. Sey fest überzeugt, dich treibe der böse Geist, dich treibe dein eigener Geist; oder meinest du, das Himmelreich bestehe in Essen und Trusten; nennet es Paulus nicht ganz anders, wenn er sagt ch: „Das Himmelreich ist Friede, Freude und Gerechtigkeit." Auch das ist vom bösen Geiste, wenn man das, was den Armen und Dürftigen geboret, und man ihnen geben sollte, an reiche Leute hängt, durch üppige Gastmahle und Wohlleben mit ihnen. Was sucht man darin 's dock wohl nur, daß man uns lobe und ehre, daß man uns wieoer lade, und ach! du versäumest dabei die Tugend, und verlierest allen Lohn bei Gott, denn du vergißest ganz, was Christus gesagt hat : ,, Machest du ein Gastmahl, so sollst du nicht laden deine Freunde und die Reichen, sondern lade die Armen", nimm nicht deinen Lohn hier, sondern im Himmelreiche. Ferner, wenn du in der Einkehr deines Herzens bist, und Gottes Gnade und Seine Gegenwart in dir wirken will, es dünket dich aber, du seyest jetzt zu schwach dazu und vermögest die göttliche Wirkung nicht zu ertragen, kehrest dich, ehe du solltest, auf unnöthige Liebeswerke hin und dadurch in Ergötznchkeit der Sinne; wisse es: dazu treibt dich der böse Geist, dazu treibt dich dein eigener, sinnlicher Geist, dem es bekanntlich nickt darum ist, viel und lange innen zu seyn und zu bleiben. Endlich auch da ist der böse Geist im Spiele, wenn sich der Mensch ohne alle Bescheidenbeit, ohne alle Noth, über seine Kräfte gewissen äußerlichen Werken und Uebungen bingiebt, z. B. übermäßigem Fasten, Wacken und dergleichen strengen Uebungen, wodurch der Mensch sich nur vor der Zeit zu Grund richtet, seine Sinne schwächet, sich unfähig machet zu ferneren guten Werken, Nöm. >4, 17. **) Luc. >4, >2 — ,3. 2 18 die der Herr in ihm würde gewirket haben; darum mahnet Pauluü: „Euer Dienst soll bescheiden seyn." H Z. 24. Aeufferliche tugendliche Werke sind von Natur, nämlich aus natürlichem Triebe, wenn der Mensch bei Wirkung derselben nur auf sich stehet, und im Werke nur sich meinet, denn die Natur liebt und meinet allwege sich selbst; oder sein Liebedienst erstrecket sich nur über seine leiblichen Freunde, und dieses Wirken hat er denn mit Heiden und Sündern gemein. Leisten reiche Leute sich wechselseitig Treue und Dienste, das ist denn eben auch sehr natürlich, denn Gleiches liebt seines Gleichen. Darum hänge sich doch ja, der geistig arm seyn will, an reiche Leute mit seiner Dienstsertigkeit nicht, er verrathet dadurch nur zu deutlich, daß er noch nicht aller Dinge entlediget sey und mit diesen Reichen noch in gewisser Gleichheit stehe; wäre er ganz arm im Geiste, er würde sich bei diesen nicht so viel üben, er würde alles bei ihnen darauf beschränken, ob seinen Dienst die Tugend fordere! S. 25. Aus göttlichem Antriebe geschehen endlich jene äusserlichen Liebcswerke, wenn der Mensch, der Liebe erweiset, blos Rücksicht nimmt auf die Noth dessen, der seiner bedarf, sey es nun Freund oder Feind, ein böser oder ein guter Mensch, wer immer in der Noth ist, hat Anspruch auf unsere Liebe; so will und befiehlt es Christus „Bittet für die, so euch verfolgen, thut Gutes denen, die euch Haffen, damit ihr Kinder seyd eures himmlischen Vaters, der seine Sonne läßt scheinen über die Bösen, und über die Guten." In diesen! Sinne gethan, ist jeder Dienst ein göttliches Liebewerk. Röm. is, >. Matth. S, 44—45., §. 26. Stehen Zwei in gleicher Noth, so soll der Mensch in Lei, stung seines Licbewerkes allerdings die Personen berücksichtigen, sie seiner Hülfe bedürfen. Mehr soll er den Guten, als den Bösen berücksichtigen, denn ein guter Mensch beziehet und führet zurück alle Dinge auf Gott, er verherrlichet Gott allzeit und in Allem; das thut nun der böse Mensch nicht. Ueberdies gehören alle Dinge einem guten Menschen viel eher, als dem, der sie wirklich besitzet; will nun der Besitzer seine Schuld gehörig abtragen, so theile er mit dein guten Menschen, und das Dank- und Liebegebet eines Frommen zu Gott erwirbt dem Geber wohl mehr, als das eines Anderen. Z. 27. Ueberhaupt ist alles daö ein göttliches Liebewerk, wenn der Mensch bei Leistung desselben verzichtet auf alles Andere, ausser Gott und des Nächsten Nothdurft, daß er in seinem Werke nichts meine, noch suche, denn die Ehre Gottes, nicht suche Befriedigung der Lust der Natur, noch sonst irgend Etwas. Solche göttliche Liebewerke soll der Vollkommene, der wahre Geistesarme wirken, frei dagegen sich entschlagen aller anderen Dinge und Werke, entspringen sie aus Antriebe des Bösen, oder seines selbst eigenen sinnlichen Geistes. Und so ist wahre Armuth auch hierin ein freies Vermögen, eine freie Kraft. 8. 28. Da wir nun bisher von der Freiheit' des Geistes geredet haben, wird es nun wohl auch nöthig seyn, zu untersuchen, in wicferne die Freiheit eines Menschen geordnet, folglich göttlich, oder ungeordnet und regellos, folglich schädlich, verderblich und ausser Gott sey ? Die wahre Freiheit, die von Gott ausgehet und Alles auf Gott zurückführet, entspringet aus wahrer Demuth, sie endet in Demuth, in Geduld und allen Tugenden, und in Gott, der ihr Zielpunkt ist. Stürmen gleich Menschen oder der böse Geist, 20 hassend, quälend und verfolgend auf ihn ein, so wirket das an einem wahrhaft freien, armen und gottgefinntcn Menschen nichts, als noch tiefere Demuth und Geduld, noch innigeres Anhalten an Gott, volle, gänzliche Hingabe Alles und Jeden an Ihn; Schweigen, Leiden, Tragen, Gott danken, das wirket in ihm das Leiden und Verfolgen. Ungeordnete, ungöttliche Freiheit hingegen entstehet aus Hof- fart, und endet in Hoffart, im Zorne, im Uebermuthc und in allen übrigen Untugenden. Wird sie angefochten von Jemand, so entbrennt sie in Zorn und fordert augenblickliche Rache, ihr Uebermuth brauset auf, ihr Haß bricht in Scheltworts aus, sie lästert und verläumdet, verkleinert und setzet herab ihren Gegner, sie kann sich weder enthalten noch mäßigen, sie muß losbrechen gegen ihn; Gerechtigkeit nennet sie ihr rachesüchtiges Unwesen, der Gerechtigkeit will sie genug thun, sie soll von ihr gehandhabet werden, ja Gott selbst, wähnet sie, darin zu ehren. Das ist aber eine falsche, ganz irrige Gerechtigkeit, ihre Quelle ist Hoffart und nicht Demuth, denn wahre Gerechtigkeit hat Mitleiden und Erbarmen, die falsche aber wilde Bitterkeit; an ihren beiderseitigen Aeusserungen werden sie erkannt: die eine fährt auf und stürmet, die andere schweiget, duldet, demüthiget sich, und stellt alles Gott heim; aber dieses Schweigen des göttlich freien Menschen ist bei weitem nicht Furcht, er schweiget, weil er überzeugt ist, daß seine Worte nicht fruchten, denn sollte er erkennen, daß Gott die Rede von ihm verlange, er würde reden ohne alle Furcht, er ist bereit, um der Wahrheit willen alles zu leiden und hinzu- opfern; dagegen verzaget der falsche und ungerechte Freie, wenn Noth über ihn einbricht, er wird niederträchtig, feige und kriechend, nur um das bischen Leben zu retten. Z. 29. Gar oft wird ein göttlich freier Mensch falsch beurtheilet, man hält ihn öfters für einen ungeordneten Menschen, seine Freiheit für eine falsche, man muthet ihm manchmal etwas zu, was an sich gut ist, er unterziehet sich aber dem Antrage nicht, er giebt die Sache auf, — weil er erkeir- 21 riet, die Sache fromme ihm nicht, er greifet deshalb nach dem erkannten Bechern, und genüget sich damit ; das scheinet nun Andern nicht gut, und ist doch gut. Dagegen bält man oft die Unterlassung einer wirklich nöthigen Sache bei einem unordentlich Freien für gut, sieht seine genommene Freiheit wohl gar als eine cdele an, und doch ist sie böse und unrecht; wo wirkliche Noth ist, da fordert Pflicht und Tugend, daß du wirkest, wo das nicht ist, da bleibe davon. Z. 30. Die ungeregelte Freiheit ist zweifach, eine ist leiblich, die andere geistlich. Die leibliche entspringet aus zeitlichem Gute, aus Ansehen und Macht, aus zeitlicher Ehre und Freundschaft. Wem diese Dinge geworden sind, der will immer besser, edelcr- freier seyn, denn Andere; diese Freiheit aber ist verderbter Art, zumal sie nicht aus Gott, sondern von eigenem Uebcrmuthe herkömmt, und dieser Art sind gewöhnlich reiche und sonst angesehene Leute. Aber du solltest derlei Dingen durchaus nicht mit Neigung anhangen, soll anders deine Freiheit ächter Art seyn, und diese erprobt sich nur durch Demuth, dahin mäßest du gekommen seyn, wenn diese Dinge deine Freiheit nicht gefährden sollen; denn Demuth, unv sonst nichts, ist die Quelle ächter Freiheit, und diese ist die Kraft, jede Untugend und jedes Gebrechen abzustoßen, dafür aber jede Art der Tugend sich eigen zu machen. Zeitliches Gut, irdische Freunde, menschliches Ansehen und Macht bleiben gewiß immer der Zunder und die nächste Gelegenheit zur Sünde und Vergessenheit seiner selbst; darum stoße sie ab, willst du die wahre Freiheit des Geistes erringen und der Tugend dich ganz ergeben. Hänge deinem Reichthume, deinem Ansehen nicht, zu deiner eigenen Täuschung, das Mäntclchcn um, daß du sagest: „Ich will diese Dinge nicht mit Neigung des Gemüthes besitzen"; du bist zu schwach und der Reih ist zu groß, daß du Wort zu halten vermögest, was allerdings zu tragen wäre, möchte es nur geschehen und wahr seyn; merke, wie ganz anders das Evangelium spricht: „Verlasse (sagt es), gieb ab." 22 Willst du die Sache anders ansehen? es spricht nur deine ungeregelte, falsche Freiheit aus dir, die da sündiget straflos, furchtlos, die sich der Tugend rühmet, ohne sie zu besitzen, die da Vollkommenheit heuchelt, ohne von sich selbst und jedem irdischen Dinge ausgegangen zu seyn. §. 31 . Die andere Art der ungeordneten Freiheit ist geistlich, und zwar deswegen, weil sie gewissermaßen vorn Geiste ausgehet, und leider! Viele, die da geistlich seyn wollen, darin befangen sino. Sie äußert sich auf dreifache Weise: und zwar zuerst bei dem ersten Anfange des Befserwerdenwollens eines Menschen. Als bisheriger Sünder wendet sich der Mensch ab vom stündlichen Leben, er blicket auf Gott hin, die verübte Sünde fordert Buße, er übet strenge Bußwerke bis zur harren Züchtigung seines Leibes, seinen äusseren Lebenswandel ordnet er der Tugend gemäß ; dabei übersieht er aber sein Inneres, wird des Herrn in seinem Gemüthe nicht gewahr, und treibet sich immer im äusserlichen Wesen herum. So kommt er aber lischt zur Kenntniß seiner selbst, die doch einzig nur von innen her entstehen kann; bei dieser Unkenntniß ihrer selbst gelangen sie denn auch nie zur Erkenntniß der Wahrheit, sie sind und bleiben blinde, gefallen sich aber indessen selbst, zählen sich gleichsam die vielen geübten Bußwerke und äusserlichen Uebungen vor, und wähnen endlich, sie wären die rechten und gerechten Leute, die der Lehre und Leitung Anderer wohl entbehren können; denn so viele äussere Buße, wie sie, haben diese nicht gewirket, nun werden sie auch frei, zumal sie ja die Bessern und Besten sind, steigen über Andere mit Verachtung und freventlichem Urtheile strafend herein, — die Blinden! die des inneren Lichtes ganz ermangeln! Mit dieser Art Menschen ist es gar schwer und kümmerlich umzugehen , noch schwerer sie zur wahren Erkenntniß ihrer Gebrechen und Fehler zu bringen, sie glauben Niemand als sich, denn wie sie, haben Andere äusserlich noch nicht gewirket ; so bleiben sie befangen im Aeusseren und kommen nie zur wahren Demuth des Herzens, die nur von innen urstän- 23 den kann, nimmermehr von aussen. — Indessen dürfen wir doch die äussere Uebung nicht beiseite setzen. Sie allein zwar macht den Menschen nicht vollkommen; allein getrieben, gebühret sie vielmehr eine unordentliche Freiheit im Menschen, wie wir erst geboret haben. Wird sie hingegen in gehöriger Bescheidenheit und Ordnung, oder vielmehr in der nöthigen Unterordnung unter Gott, und der richtigen Erkenntniß seiner selbst und seines Innern betrieben, dann ist sie wohl gut unv nützlich, dann stimmet das Aeusserc mit dem Innern zusammen, und sie beide gehören zur wahren Vollkommenheit, aber keine ohne die andere. 8 . 32 . Diese ungeordnete Freiheit verlasset indessen gewisse Anfänger des geistlichen Lebens noch nicht; sie äussert sich zweitens auch wieder, wenn der Mensch nach vielen und mannichfaltig geübten äusseren Werken endlich in sich selbst sich wendet, und gleichsam in sich ruhet. Bei diesem Innebleiben in sich entspringet in ihm ein Licht, aber ein natürliches, durch welches er natürliche Wahrheit zu erkennen und zu unterscheiden vermag, was ihn denn sehr freuet und crlustiget, und ihn immer mehr und weiter treibet zum Kennenlernen des Wahren, so daß er gar sehr vernünftig und erleuchtet wird. Dieses Vcrnunftlicht aber ist doch nur natürlich. Stehend nun in diesem natürlichen Lichte, vermögend, alles, was er wolle, zu erkennen und zu unterscheiden, wähnend auch, nun sey alle Wahrheit in ihm, blicket er mit Wohlgefallen auf sich selbst, sich mit Wohlbehagen schmeichelnd, er sey der Mann, dein Niemand gleiche 'N Seine Seele geht in solchen Uebermuth, in solche unbändige Freiheit ein, daß er nun Niemand weiter hören, keinem mehr glauben, keiner andern Lehre oder Kenntniß ferner huldigen will, ausser der seinigen; denn wie er, kennet Keiner die Wahrheit, was er ver- *) Im altdeutschen Originale steht am Rande die Bemerkung: „Hi-u- üiito üt iävtuiil" — „Das vermeinte Wissen w'rd ein Götze." Der Herausgeber hielt sich verbunden, diese Note nicht zu übergehen. 24 stehet, weiß Niemand, so wie er, ist Keiner, so weit wie er, ist Keiner gekommen; dann gehet es an ein Urtheilen, Rezensircn, Hofmeistern, Belächeln Anderer, hoffähiges Tadeln und Wägen, denn sein Urtheil ist untrüglich, scui Wissen unübertrefflich. Ihm fehlet nichts mehr, nur leider! die Tugend und die ächte Wahrheit, — die erstere achtet er nicht mehr, die zweite wähnt er zu besitzen, der Lehre des Glaubens und des Christenthums kann und will er sich seiner ungeregelten Freiheit wegen ferner nicht fügen. So, in seinem natürlichen Lichte hinwandclnd, und in diesem alle Dinge erforschend, fallt er endlich natürlich auch darauf, den Glauben zu meistern mit seiner Vernunft ch, mit dem Verstände ihn zu erfassen, was ihm Die Phi'osophie ist gut, lieber Vetter, sagt Asmus >m dritten Bande seiner sämmtlichen Schriften, und die Leute haben Unrecht, die ihr sogar Hohn sprechen : aber Offenbaruna verhält sich nicht zur Philosophie wie viel und wenig, sondern wie Himmel und Erde, oben und unten! Ich kann's Ihm nicht besser begreiflich machen, als mit der Seekarte, die Er von dem Teich hinter seines scl. Vaters Karten gemacht hatte. Er pflegte gern auf dem Teiche zu schiffen, Vetter, und hatte sich deswegen auf seine eigene Hand eine Karte von allen Tieren und Untiefen des Teichs gemacht, und darnach schiffte er nun herum, und 's aing recht gut- Wenn nun aber ein Wirbelwind, oder die Königin von Otahite, oder eine Wasserhose Jchn mit seinen, Kahn und mit seiner Karte aufgenommen, und mitten auf dem Ocean wieder niedergesetzt hätte, Vetter, und Er wollte hier nun auch nach seiner Karte schiffen, das ginge nicht. Der Fehler ist nicht an der Karte, für den Teich war sie gut; aber der Teich ist nicht der Ocean, sieht Er. Hier müßt/ Er sich eine andere Karte machen, die aber freilich ziemlich in Blanco bleiben würde, weil die Sandlänke hier sehr tief liegen. Und, Vetter, schifft hier immer nur gerade zu; auf 'n Mccrwundcr mögt Ihr stoßen, auf den Grund floßt Ihr nicht. — Hieraus mögt Ihr nun selbst urtheilen, wie weit die Philosophie ein Besen sey, die Spinnweben aus dem Tempel auszufegen. Sie kann auf gewisse Weise 'n solcher Besin seyn, ja: mögt sie auch einen Hasenfuß nennen, den Staub von den heiligen Statuen damit abzukehren. Wer aber damit an den Statuen selbst biUhanen und schnitzen will, seht, der verlangt mehr von dem Hasenfuß, als er kann, und das ist höchst lächerlich und ärgerlich anzusehen. Paulus, der Vieles in der Welt versucht hatte, der auch n Sadducäec und l'»> i üsisprii gewesen, und hernach eines andern war belehrt worden, bei allem seinem Enthusiasmus für das neue System > doch aber in seinem Brief an die Römer d>'e Dia- lektic noch so gut treibt und versteht, als einer, dieser alte erfahrene Mann sagt, und bringt daran'' ''eine alten Taqe in viel Arbeit und Fähr- lichkeit zu, u„d läßt sich fünfmal vierzig Streiche weniger Eins darauf geben, „ daß der Friede Gottes höycr sey , denn alle Vernunft!" und so 'n Gelbschnabel will raisonniren. — Daß das Christenthum alle Höhen erniedrigen, alle eigne Gestalt und Schöne, nicht wie die Tu- 25 nun freilich nicht gelingt. Dieses nicht Erfassen-Können nun empört sein Herz; jetzt sieht er an der Gränze des Satans, der gaukelt ihm statt der Wahrheit ein falsches Licht vor, dem folget er nun, er hält das Falsche, er hält die Lüge für Wahrheit; so kömmt er zum Falle, und sein Fall ist Lucifers Fall, denn er ist geistlich, und er wird nimmer oder kaum davon aufstehen, sein ganzes Thun ist ihm ja ferner nicht mehr Sünde, auch sein Gewissen straft ihn dessen ferner nicht, er kennt keine Reue, er kennt keine Buße und Besserung mehr. Diesen Verblendeten kann Niemand retten, denn Gott allein. — Dergleichen Mensthen heissen und nennen sich „freie Geister"; sie ist aber eine gar schädliche Freiheit, ihr Vater ist der böse Geist, sie ist nicht jene Freibeit, von der wir oben sprachen, nicht die Freiheit eines wahren Geistesarmen, denn diese ist von Gott, und richtet Alles zu Gott hin. Mit dieser Melstchenklasse umzugehen, ist gefährlich, ihr Wollen, Streben und Treiben erkennet nur der, welcher mit natürlichem und göttlichem Lichte, mit Wissenschaft und Glauben, von Gott erleuchtet und begnadiget ist. 8 . 33 . Sollte endlich ein Mensch im innern Gebete auch bis zu Gesichten, Visionen und geistigen Erfahrungen gekommen seyn, er ist auch hier der Gefahr, in ungeregelte und falsche Freiheit zu gerathen, bei weitem noch nicht entgangen, denn auch bier sucht sie sich Anzuschleichen. Des Geschauten erhebt sich etwa der Mensch, das Erkannte blähet ihn auf und machet ihn sicher; so verlieret er die Demuth, hält sich für Etwas, und falsche Freiheit entspringet daraus. Und wie leicht ist es dann möglich, das; dieser Mensch den Täuschungen und Blendwerken des bösen Geistes anheim gend mäßigen, und ins Kleis bringen, sondern wie die Verwesung gar dahinnehmen soll, auf daß ein Neues daraus werde, das will freilich der Vernunft nicht ein ; das soll es aber auch nicht, wenn's nur wahr ist. Da also die heiligen Statuen durch die Vernunft nicht wieder hergestellt werden können, so ist's patriotisch, in einem hohen Sinn des Wortes, die alte Form unverletzt zu erhalten und sich für ein Tüttel des Gesetzes todtschlagen zu lassen- Klügle nicht, lieber Vetter rc. — 26 falle, der ihm statt wahrer, falsche Bilder unterschiebe? sagt es nicht Paulus, daß der Satans-Engel sich in einen Engel des Lichtes umstalten könne? Deshalb mahnet der Apostel Johannes, „nicht jedem Geiste zu trauen, vielmehr die Geister wohl zu prüfen, ob sie aus Gott sind, oder nicht." Denn schwer sind ihrer Viele schon betrogen worden, die diese Geistcsprüfung übersehen, sich deshalb — im blinden Selbstvertrauen — in arge Irrthümer und in ganz falsche Freiheit, zu ihrem Verderben, gcstürzct haben, und so jeder Besserung, jeder wahren Belehrung zur Rückkehr unzugänglich geworden sind. §. 34 . Wir haben Eingangs gesagt, die wahre Armuth des Geistes sey eine Aehnlichkeit mit Gott, und zwar dadurch, daß sie sey, wie Gott, ein von allen Dingen getrenntes, unabhängiges, in sich selbst bestehendes Wesen; ferner, daß auch daraus ihre Aehnlichkeit mit Ihm sich beurkunde, indem sie eine freie, von nichts gefesse te Kraft sey: und haben dieses durch das bisher Gesagte zu erweisen gesuchet. Wir haben demnach nun auch ihre dritte Aehnlichkeit, nämlich das reine Wirken der Armuth, ähnlich dem Wirken Gottcv, darzustellen, und dadurch ihren höchsten Adel und ihre höchste Würde zu erweisen. Gottes Wirken ist ein reines Wirken; hat nun die wahre Armuth eine Aehnlichkeit mit Gott, dann muß auch sie so rein wie Gott wirken. Rein ist nur das Eine, das von Allein und Jedem Geschiedene; in dieser Einheit steht die Armuth, geschieden und ledig von Allem, darum ist sie rein, und das Reine wirket rein. Dieses Wirken kann nun in vierfacher Weise genommen werden; Wirken ist, entweder das Nichtseyende zum Senn bringen, oder das Bestehende zu etwas Anderem machen, oder selbiges in bessern Stand setzen, als es zuvor war, oder die Sache zu nichte machen, um eine andere an ihre Stelle zubringen. Diese vierfache Weise, zu wirken, hat nun die wahre, reine Armuth; sie machet aus Nichts Etwas, denn der alles und jedes Irdischen entledigte, von allem, was Gott 27 und göttlich nicht ist, freie, Gott allem nur anhangende Mensch, findet in diesem Verlieren Gott, und mit Ihm Alles, und so wird das, was nicht sein war, sein Eigenthum. In ihn gehet der ganze Schatz des Verdienstes Christi, die Tugenden und die frommen Werke aller heiligen und guten Menschen über, so zwar, als ob Alles sein eigen Werk wäre; denn durch dieses Ausgeben aus sich selbst und aller Dinge, die Gott nicht sind, durch dieses Hinwenden mit ganzer Liebe zu Gott tritt er unmittelbar in Gemeinschaft mit Gott und allem Göttlichen. Wohin seine Werke nicht reichen, dahin dringet seine Liebe, und was Andere thun mit Werken, das ergreifet und ziehet sich an seine Liebe; denn die Liebe, sagt der Kirchenlehrer Gregorius, machet fremde Tugend zu unserer eigenen. Und so machet ja wirklich der Geistesarmc aus Nichts Etwas, und dieses Schaffen und Wirken ist nicht ein nach und nach werdendes, es ist ein augenblickliches Wirken, Schaffen, Hervorbringen und Ergreifen aller und jeder, sowohl äußerlicher als innerlicher Tugenden und guten Werke; denn der Arme wirket in Innigkeit, in gänzlicher Entblößung seiner selbst und alles Irdischen, er wirket nicht, wie es der Zufall erheischet, oder die Gelegenheit bringet, er wirket wesentlich, ihm ist, göttlich wirken, zum Wesen geworden, seine Tugend ist eine wesentliche, nicht eine zufällige, und deshalb ist die Tugend eines Geistesarmen edeler, denn eines andern, nur nach Gelegenheit tugendhaft wirkenden Menschen. Z. 35- Zweitens machet die Armuth aus einem Dinge ein anderes. Der gewöhnliche Mensch nämlich ist dienstbar der Zeit und dem Geschaffenen, er vermag nicht anders, denn mit der Zeit und. den Geschaffenen zu wirken, stehend in der Zeit, lebend und befangen in den Kreaturen ist sein Wirken zeitlich, vergänglich und irdisch. Kehret er sich aber, und das thuet der Geistesarmc, von der Zeit und von dem Geschaffenen hinweg, hin zu Gott und in die Ewigkeit, dann wirket er mit Gott, er wirket im Ewigen und 28 Unvergänglichen, er hat die Zeit in Ewigkeit, das Vergängliche zum Ewigen, die Kreatur in Gott um- geschaffen. So wirket die Armuth, so rein ist ihr Wrrken! Z. 36. Drittens machet die wahre Geistcsarmuth das schon bestehende Gute besser, die Tugend erhabener und vollkommener; denn ein armer Mensch, entlediget des Man- nichfaltt'gen und Vielen, wandelt als solcher ungestört auf dem Wege Gottes, er hat das Eine im Auge uno im Herzen, Gott, sein Streben ist immer auf das Höchste, Beste und Erhabenste gerichtet, es ist nichts mit und bei ihm, als Gott, er wandelt einsam und für sich seinen Tugendweg. So kömmt er immer naher der Wahrheit, nimmt immer mehr zu während seiner irdischen Wallfahrt, veredelt das Gute zum Besten, das Hohe zum Höchsten durch sein reines Wirken. Z. 37. Endlich viertens zeigt sich das reine Wirken der wahren Geistcsarmuth auch in seiner zernichtenden Kraft; sie töv- tet die sündliche Neigung, um die Tugend einzupflanzen; was der Mensch hat Sündliches und Gebrechliches von Adams Falle, die Neigung zum Bösen, dies tödtet sie mit der Tugend, sie pflanzet an die Stelle des zerstörten Bösen das Gute, sie kämpfet mit Tugend gegen die Untugend, denn willst du der Sünde ganz Meister werden, so mußt du Meister seyn in der Tugend. Das vermag nun aber nur die wahre Armuth, sie ist der Tod der Sünde, und führt an ihre Stelle die Tugend ein; hast du die Tugend nicht, so hat die Untugend und die Sünde dich, je größer der Besitz der Tugenden, je schwächer die Gewalr der Sünde. Nun aber sind dem Geistesarmen alle Dinge förderlich zur Tugend, denn in allen Dingen beabsichtet er Gottes Ehre, und bei ihm trifft das ganz ein, was Paulus sagt: „Dem Reinen ist alles rein." 29 Z. 38. Fragest du, wie die Armuth wirken könne, da sie als reines Wesen unbeweglich, und jedes Wirken doch beweglich sen, wie mag Entledigung und Wirken zusammenstehen? Gleich Anfangs sagten wir, die Armuth ist eine Aehnlich- keit Gottes, der höchste Geist ist in sich selbst unbeweglich, und doch beweget Er alle Dinge; so ist eben auch die Armuth unbeweglich in sich selbst, doch beweget sie mit Gott alle Dinge, sie ist übergegangen in Ihn, vereiniget mit Ihm, sie ist Eins mit Ihm, sie hat gleiches Wirken mit dem Einen. Ferner besieht ja der Mensch aus Zeit und Ewigkeit: erbebt sich nun der Mensch mit seinen obern Kräften, mit seinem edeleren Selbst aus der Zeit in die Ewigkeit, so sieht er nach diesem höheren Selbst unbeweglich, er steht nämlich in der unbeweglichen Ewigkeit; in dieser Unbcweglichkeit nun regieret, leitet und beweget er denn doch seine niederen Kräfte, die der Zeit dienen. Gleicherweise ist die wahre Armuth unbeweglich, und wirket mit der höheren Seclenkraft in die untergeordneten Kräfte, beiwci- tem aber diese nicht auf jene. So ist ist demnach die Armuth ein reines Wirken, und doch unbeweglich. Z. 3Y. Nun wirken aber dreierlei Dinge im Menschen, die Natur, die Gnade, und Gott; das erste soll der Mensch reinigen, das zweite wird durch sich selbst rein, das dritte ist das reinste. Das natürliche Wirken zeiget sich in dreifacher Weise: der Mensch wirket leiblich, er wirket durch die Sinne, er wirket durch den Geist. Das erste natürliche Wirken des Menschen ist blos leiblich; er ißet, trinket und schlaft. Daß er nun in diesen blos leiblichen Dingen Gott nicht vergesse und bei Seite setze, soll er sie reinigen auf folgende Weife: er soll Maaß und Ziel halten, die Mitte nicht überschreiten durch zu viel oder zu wenig, er soll sie gebrauchen als Nothdurft des Leibes, nicht über die Mitte hinüber schreiten; so bleibet sein Werk rein und wohlgeordnet zu Gott. » A. 30 Uebertritt er aber diese Mitte, so wirket er ungeordnet und unrecht. Beziehet er aber auch dieses natürliche nothdürftige Werk in frommer Meinung auf Gott, so reiniget er dasselbe und veredelt es ; dadurch aber wird es rein und veredelt, wenn er seines Leibes Nothdurft aus der Wahrheit und dem heiligen Geiste nimmt: und zwar aus der Wahrheit, daß er nur dann, und so viel nur nehme, wann, und wie viel seine Natur dessen bedarf hinsichtlich seiner Verhältnisse und seines Standes, nicht zur Ungebühr für Erreichung derselbe» sich bekümmere, noch Andere deshalb ungestüm und ohne wahre Noth angehe, um so weniger, wenn er derselben nicht strenge bedarf, was Lüge wäre und Büberei. Auch aus dem heiligen Geiste und im heiligen Geiste nehme und suche er seine Nothdurfi; er soll nämlich nicht wollen, daß man ihm seine Nothdurft reiche aus natürlicher Liebe und Neigung zu ihm, eines schmeichelnden Wortes wegen, sondern wünschen und bitten soll er, daß einzig der heilige Geist die Gabe der Liebe und der Nothdurft gebe, Er allein dazu treibe und bewege: so bleibet das Werk rein, wird gcreiniget und veredelt durch sich selbst. Endlich gehöret zur Läuterung und Reinigung eines natürlichen Werkes, daß der Mensch das, was er issrt und trinket, im heiligen Geiste verzehre: in seinem Herzen nämlich soll unausgesetzet die Liebe des heiligen Geistes brennen, die leiblich genommene Stärkung ziehet nun gewissermaßen der heilige Geist an sich, die Speise wird im göttlichen Liebefeuer verzehret und wird eine geistliche Speise; so wird dem Menschen statt der leiblichen Speise und Stärkung, oder auch mit ihr eine innere geistliche Kraft, die höher ist als alle leibliche Stärkung, und das sind denn recht geistliche Leute, ihr Essen ist Gott angenehmer, als das Fasten Anderer, und wer solche speiset, der speiset Gott, denn was sie essen und trinken, das verzehret die Liebe Gottes in ihnen. Ein Glcichniß dessen finden wir an der Sonne; ihre Hitze ziehet alle Feuchtigkeit der Erde an sich, und trocknet selbe aus: so geschieht es auch hier. Leuchtet die göttliche Sonne in ein reines Herz, dann siehet sie alles, was im Herzen ist, an sich, das Herz erlechzet 31 und wird gleichsam dürr, die leibliche Kraft schwindet, aber auch jede noch nicht reine Neigung, und die göttliche Liebe brennet es ganz rein. Wer nun diesen Menschen leiblich stärket, der stärket gleichsam Göttin einem Werke, woran Er Sein Wohlgefallen hat, und wodurch Er alle Dinge zeitlich erhält; hörte Er nur einmal auf, auf die Erde so zu wirken, dann verginge alles, was auf Erde und in der Zeit ist. — Das ist doch wohl ein reines Wirken, das aber dem geistig Armen allein zugehöres. Z. 40. Die zweite Weise des natürlichen Wirkens des Menschen geschieht durch die Sinne, durch sie sieht, höret, tastet schmecket er w. Diese fünf Sinne soll der Mensch so regeln, ordnen und leiten, daß sie ihm seine Reinheit nicht trüben, er vielmehr immer rein und lauter bleibe. Er halte sie stets unter dem Zügel der Bescheidenheit, und gestatte ihnen nichts, als was die bloße Nothdurft erheischet; denn läßt er sie über die Nothdurft hinaus sich erstrecken, dann bringen sie Zerstreuung ins Herz, machen es unlauter, und erfüllen es mit Mannichfaltigkcit, so verlieret er die Einheit, und in ihr nur mag Reinheit bestehen. Will der Mensch viele und mancherlei Dinge sehen und hören, wahrlich, der bleibet nicht rein, hängen ja doch die Seelcnkräfte zusammen! Wirkt eine vorherrschend, dann störet und hindert sie die andere; ist das äussere Auge und Ohr zu sehr nach Aussen beschäftiget, dann ist das innere Ohr und Auge gestöret und gehemmet, was gewiß verderblich ist. Deshalb gebrauche deine äusseren Sinne zur bloßen Nothdurft und niemals darüber, brauche sie einzig zur Ehre Gottes, nicht zu des Leibes Lust und Gefallen, so bleibst du rein, und Gott wird und will einst Rechnung fordern von dir, welchen Gebrauch du von ihnen gemacht habest, darum wende sie gut und nützlich an. Z. 41. Das dritte natürliche Wirken des Menschen ist das Wirken des Geistes, er erkennet, liebet und erinnert 32 sich der gehabten Vorstellungen und Erfahrungen; und auch cieser Kräfte soll der Mensch nie zum Ucbermaaße, nur zur Nothdurst des Lebens sich bedienen. Durch den Verstand und die Fähigkeit zu erkennen, unterscheidet sich die menschliche Natur von jener des Thieres; diesen Verstand nun wende der Mensch nicht hin auf das Viele uno Mannichfaltige, was ihn doch nur zerstreuet, vielmehr richte er diesen auf das Eine und Einfache, aus Gott und göttliche Dinge; thut er das nicht, so bleibt ihm Gott unbekannt, und er fallt in Irrthum. Hätte Lucifer sein natürliches Erkennen, statt auf sich selbst, auf Gott hin geleitet, nimmermehr wäre er gefallen, denn so würde seine natürliche Erkenntniß in eine göttliche verwandelt, er von Gott darin bestätiget worden, und nie dem Falle unterlegen seyn; er aber hat dieses gckchret auf sich selbst, und da er aus eigener Natur nicht bestehen konnte, so mußte er fallen. Und das nämliche Schicksal mit Lucifer muß jeder Mensch theilen, der mit seinem Verstände und seiner Vernunft, nicht einzig auf Gott, sondern aus sich und andere Dinge, die Er nicht sind, eingehet; er muß fallen, und hätte er Lucifers erhabene Natur und Verstand: denn aus sich und befangen in sich kann er nicht bestehen. Richtet er aber sein natürliches Erkennen im Lichte des Glaubens auf Gott und auf göttliche Dinge, und bleibt dieser Richtung, auch darnach lebend, getreu, dann ändert Gott das natürliche Erkennen in ein göttliches Licht und Erkenntniß, Gott wird ihn darin befestigen, so, daß er nicht mehr fallen möge, wie Er die ihm trcugebliebenen Engel bestärkte, so, daß sie nun nimmer fallen können; denn in demselben Augenblicke, da sie mit ihrem Verstände von sich aus, und in Gott übergingen, da schauten sie das göttliche Wesen, und dieses Schauen Gottes zog sie allzumal aus sich, in Gott hin, Der sie aufnahm und befestigte. Das Gleiche wirket und thut Gott nut uno in dem Menschen; sobald der Mensch aus sich selbst aus, und mit seinem Erkennen in Gott übergehet, sobald ergreifet ihn Gott, und befestiget ihn; das ist die Geschichte Gottes mit den Aposteln am Pfingstfeste, Wer 33 Gott einmal recht kennet, der kann nicht mehr fallen in Sünde zum Tode; hätte Lucifer reckte Kenntniß Gottes gehabt, nie wäre er dem ewigen Tode Heimgefallen. Durch dieses Hinwenden alles unsers Erkenncnö auf Gott, wird das natürliche ein göttliches Licht, unser Kennen ist aus dem Lichte Gottes, und nicht mehr natürliches Kennen. Nimm eine Aehnlichkeit wahr an der Sonne. Gehet sie auf, so verwandelt und nimmt sie alle Lichter in ihr Licht auf, da sie das höchste und stärkste Licht ist, und sie leuchtet dann allein mit ihrem Liebte. Gleiches geschieht in einer reinen Seele; gehet in ihr die göttliche Sonne auf, dann verwandeln sich alle Lichter in ihr Licht, so, daß keines mehr scheinet, als das göttliche, denn Gott ist das Licht über alle Lichter. Leuchtet Er nun mit Seinem Lichte, so ist es ja wohl billig und recht, daß andere Lichter untergehen, sie seyen nun Lichter der Natur, oder selbst der Gnade; nicht zwar in dem Sinne, daß das natürliche Licht zu nickte und gänzlich aufgehoben wäre, als wäre es ein Unding, sondern verwandelt, veredelt, erhöhet wird es in ein göttlich Licht; geht die Sonne auf, dann gehet das Licht des Mondes verklärt und gemehrct in das Sonnenlicht über, so auch hier. Darum spricht der heilige Au- gustin: „Gott zerstöret nicht die Natur, Er ordnet sie, und machet sie vollkommen." §. 42 . Deshalb ist es auch zuweilen, und im gewissen Stande des Menschen wirklich nöthig, jeder natürlichen Erkenntniß zu entsagen, so wie es wieder in einem andern Verhältniß sehr gefehlet seyn würde, diesem natürlichen Lichte und Erkennen nicht nachzuspüren und dasselbe gehörig auszubilden. Entbehrlich nun, ja entsagen muß der Mensch diesem natürlichen Erkennen, wenn er so weit gekommen ist, daß sein Erkenntniß jede Erkenntniß und jeden Unterschied derselben durchgegangen, und er auf diese Weise den wahren Unterschied der Wahrheit ergriffen und inne hat; dann soll er allem natürlichen Unterscheiden sich entziehen, und. sich 3 34 dann einigen mit dem Einen, und in diesem soll er bleiben und es mit reinem, einfachem Geistesblicke schauen. In die.- sein einfachen Schauen des Einen entschwindet alles und jedes natürliche Erkennen, das doch nicht anders zu erhalten ist, als durch gewisse Formen und Bilder, die aber den Menswcn zur Kenntniß und zum Schauen Gottes nicht bringen; vielmehr soll er Gott erkennen ohne Bild, mit einem von allen Bildern und Formen entblößten und entledigten Geiste, sonst vermag er das nicht: denn wer Gott erkennen soll und will, sagt ein gewisser Lehrer, muß aller geschaffenen Kunst ledig seyn. Nur der ganz entledigte Mensch strebt nach dieser Erkenntniß, ihm genüget ferner keine bloß natürliche Wahrheit, er hat so lange keine Ruhe und Rast, bis er zu dieser völligen Bloßheit, Leerheit, Entledigung alles natürlichen Erkennens, und so zur unmittelbaren Schauung und Erkenntniß Gottes komme. Ist er dahin gelanget, dann verzichtet er auf alles natürliche Dichten und Vorstellen, er ist in den hohen hehren Sabbath deS Herrn eingegangen, er ruhet im höchsten und reinsten Scillesevn, der Geist hat seinen ersten Ursprung wieder gefunden , von woher er einst ausgegangen ist; an und in ihm ist's nun erfüllet, das Wort des Herrn : „Ich gebe euch den Geist oer Wahrheit, der euch alle Wahrheit lehret 8 . 43 . Im Gegentheile soll der Mensch, der das Gewisse vom Ungewissen, tue Wahrheit vom Irrthume noch nicht gehörig zu unterscheiden weiß, und deshalb zwischen beiden noch schwanket, seiner natürlichen Erkenntniß-Kraft nicht nur nicht entsagen, er soll und muß sie vielmehr gehörig auszubilden und durch Uebung zu vervollkommnen suchen. Da er der Wahrheit gemäß leben soll, so muß er sie denn auch suchen ausser sich und in sich, und sie kennen lernen; so viel ihm an Erkenntniß mangelt, so viel ermangelt er des wahren Lebens, das aus der *)- Siehe: Schriften des heil. Makarius aus Eghvtcn. Bamberg, bei Kuich,8m. rter Band. 45fte Homilie. i—l>. S- aih— 22 «. Erkenntniß nur quellet. Strebt er nun diesem nicbt nach, dann ist er nicht Mensch, sondern Vieh; nach Wissen und Kennen strebt des Menschen Natur, Wahrheit suchet der Mensch, ihr strebt er nach, vernünftig will er leben, das Gute will er kennen und das Böst, und sie beide von einander unterscheiden lernen. In dieser nöthigen Hinsicht darf und kann er auf natürliches Erkennen nicht verzichten, es wird ihn vielmehr, bei rechtem Gebrauche, zu jenem Erkenntniß, das die Gnade aiebt, und dieses zu jenem, das unmittelbar zu Gott suchet, le'ten, und ihn beider fähig machen, was ihn dann in wahre Vollkommenheit versetzet. Z. 44. Wir müssen demnach jetzt den Unterschied zwischen natürlicher Erkenntniß und jener der Gnade, und endlich der wahren, göttlichen Erkenntniß zeigen; auf beide erstere wollen wir hier besondere Rücksicht nehmen. Das natürliche Erkennen gehet auf alles Erschaffene, es sep nun geistlich oder leiblich. Der Mensch will gemäß seiner Natur jedes erschaffene Ding erkennen; welche Unterschiede immer er dann an und zwischen dielen allen entdek- ket und findet, das hat er von seinem natürlichen Wissen; dieses Wissens nun, und dieses Erkennens erfreuet er sich sehr, das treibt ihn zum weiteren Forsäwn; bleibt er nun befangen in diesem natürlichen Wiffcn, und ordnet es nicht höher, nämlich auf ein geistiges und göttliches Wissen, dann fällt er mit seiner natürlichen Wissenschaft auf sich selbst, wird befangen in sich selbst, liebt sich selbst, und wird nie zur wahren Entlcdigung und Sclbstverläugnung gelangen, denn die bloße Natur lenket alles nur auf sich und ihre Lust hin. Solche natürliche Weise sind an ihrem Benehmen leicht zu erkennen, sie wollen überall und immer vorne und obenan stehen, sie sprechen in alles darein, fuhren immer das erste Wort, denn so weise und gut spricht keiner, denn sie; sie wollen allzeit recht haben, sintemal alle Wahrheit in sie genistet hat, jeder Widerspruch bringet sie in Zorn, in diesem erlauben sie sich alles, und ihr Wort 36 muß gelten. Ehret man sie, sie nehmen die Ehre als einen schämigen Zoll dahin, sind sie ja, in ihrem Wahne, aller Ehre und Achtung werth, ein Dummkopf wäre der, der Andere ihnen vorzöge. In dieser Weise nun ist natürliches Wissen und Erkennen gewiß schädlich. Würde es aber besser angewendet, und nicht auf das eitele, liebe Selbst bezogen, dann wäre es wohl die erste Stufe, auf welcher der Mensch zur wahren Selbstoerläugnung und freier Ent- ledigung aller Dinge gelangen könnte und würde, ja er käme leichter und gewisser zur Kenntniß der göttlichen Wahrheit, als ein Anderer, der solcher natürlichen Wissenschaft ermangelt; denn was der mit großer Muhe und Arbeit, und doch nur ferne suchen muß, das findet der natürlich Gebildete in der Nähe, ohne sonderliche Mühe, in sich selbst. Eine wohlgeordnete Vernunft ist eine große Vor- bülfe, zu Gott zu gelangen; ist sie aber ungeregelt und voll Eigenliebe, dann ist ihr Abfall größer, ihr Jrrgang schädlicher und gefährlicher, als der eines unwissenden Menschen. Das war der Fall Lucifers, des edelsten Naturgcistcs, der sein Wissen nicht auf Gott, nur auf sich bezog im Hoffart und Eigenliebe: er, der erhaöenste der geschaffenen Geister, war deshalb auch der Erste im Falle; und das geschieht noch an den Menschen. Darum ist die Armuth des Geistes so gar edel und nützlich, nur durch sie besteht der Mensch, nur in Entledigung Seiner und aller Dinge wird er vom Falle bewahret. Z. 45. Das zweite Erkennen des Menschen geschieht durch die Gnade. Die Gnade nämlich läßt ihn den rechten Unterschied un d die Wahrheit in der heiligen Schrift erkennen, sie befähiget ihn, ihren ächten Sinn zu erfassen, so daß er das, was er in ihr liefet, höret und sieht, nicht nur verstehet, sondern auf die beste und vollkommenste Art verstehe. Dieses Verstehen nun und dieses Erkennen giebt ihm die Gnade, er hat es nicht von Natur; die Natur ist nimmermehr fähig, den Menschen in die ächte Kenntniß der heiligen Schrift zu versetzen, denn Gottes Wort 37 in der Schrift ist aus dem heiligen Geiste, sollst und willst du nun dieses Wort recht verstehen, so mußt du erlcuch- tet seyn mit dem Lichte des heiligen Geistes, begabt seyn mit Seiner Gnade. Sprichst du: es sind ibrer aber doch Viele, an denen man gerade keine Gnade Gottes, noch weniger ein beüiges Leben bemerket, die da auslegen und verstehen wollen die heilige Schrift? das ist wahr: aber ihr Verstehen ist auch nur ein natürliches, ein äusseres- ein sinnliches, den Grund haben sie wohl noch nicht erschauet, dahin führet nur die Gnade des heiligen Geistes, dazu befähiget nur ein frommes und heiliges Leben, nur das Licht der Gnade, keineswegs das Licht der Natur giebt den wahren Verstand der heiligen Schrift, dessen aber ist nur der wahre Gcistesarme, dieser Begnadigte empfänglich, ihm giebt Gott das ächte Verständniß Seines Wortes, wie Christus gesagt hat : „Den Armen soll das Evangelium verkündet werden"; denn sie allein verstehen es recht. Wir sehen das an den Aposteln: sie verkündigten dem Volke das Evangelium und bekehrten selbes und gewannen es Christo, wahrlich nicht durch ihren behenden natürlichen Verstand, durch Witz und Vernunftschlüssc; es war die Kraft ihres reinen, alles ungöttlichen entledigten Geistes, mit diesem überwanden sie Alles, durch ihn erkannten sie Alles. Die Gnade fliestet und kommt von Gott, sie giebt sich aber nur dem Herzen ein, das leer und entlediget ist von allem, was Gott nicht ist. Wenn nun, wie es wahr ist, die heilige Schrift allein verstanden werden kann durch die Gnade, und nur der wahre Geistesarme der Gnade Gottes empfänglich ist, so ist auch er allein vermögend, die heilige Schrift recht zu verstehen. Das heißt nun nicht, daß er die Schrift verstehe, in so ferne sie durch menschliche Gelehrtheit, Wissenschaft und Sprache erkläret werden kann, sondern ich meine hier das Wesen, den Geist und die Wahrheit, die in der Schrift ist, und wegen welcher alle Schrift da ist; sie verstehet der Geistesarme, denn er ist eingedrungen in das Wesen aller Wahrheit, er bedarf nicht erst der Deutungen Matth. ii, S. 68 durch Figuren und Gleichnisse, die in der Schrift vorkommen , er geboret zu den Jüngern Christi, zu welchen der Herr sprach"): „Euch ist gegeben zu erkennen das Ge- heimniß des Reiches Gottes, den Andern muß es in Gleichnisten gegeben werden." Wer die Wahrheit rein verstehet, der bedarf keiner Gleichnisse, und wenn denn der Gcistcs- arme leer und entblösset ist aller Dinge, die nicht im Einklänge mit der Wahrbeit stellen, so erkennet er denn auch die Wahrheit rein, und ausser ihr will er nichts, sie allein ist ihm genug. §. 46. Auch den Unterschied zwischen wahrer und falscher Tugend, zwischen wahrem Guten und wahrem Besen lehret einzig das Licht der Gnade, und das ist wohl eine sehr nöthige Erkenntniß; soll man die Untugend lassen, dagegen die wahre Tugend ergreifen, so ist wohl vor allem nöthig, sie beide in ihrer wahren Art und Weise zu kennen. — Wohl haben die Weltweisen von jeher viel über die Tugend geschrieben, aber auf den wahren Grund derselben sind sie nicht gekommen. Sie schrieben von der Tugend, als von einer der menschlichen Natur angenehmen Sache, und natürlich genommen, ist auch die Tugend lieblicher als das Laster; dieser Annehmlichkeit wegen liebten sie selbe, sie fanden ihre Lust in ihr, und darum übten sie solche, sie suchten also nicht die Tugend, sondern nur ihre Lust, so war sie nur Eigenliebe, nicht Tugcndliebc, sie suchten nämlich in ihr sich selbst; daran dachten sie nicht, daß gerade in Verzichtleisiung auf alle natürliche Lust die wahre Lugend bestelle;.aber wie konnten sie, geleitet von der Natur, auf diesen Grund gelangen, den einzig das Liebt der Gnade, nimmermehr das Licht der Natur zeiget? Wer sich und seine Lust in der Tugend suchet, sie deshalb übet, dessen Tugend ist eine blos natürliche, die er mit dem Sünder gemein hat; die Tugend hingegen, mit völliger Entsagung aller natürlichen Neigung und Lust üben, das ist das Werk 39 der Gnade, und in dieser Gnade stehet der entledigte Geistesarme. Darum kennet er auch das Fundament der wahren Tugend; die Weisheit der Welt aber unv ihre Schüler, beladen mit ihrem sündlichen Selbst, vermögen nicht zur Erkenntniß dieser Wahrheit zu gelangen, sie üben eine Tugend, weil es sie so behaget zu thun, oder sie sonst einen irdischen Pvrtbeil dadurch gewinnen, ihre Tugend ist Kunstübung, ist Werk der Natur, nicht Wirkung der Gnade, der sie ermangeln. §. 47 . Aber nicht nur die Tugend lehret die Gnade kennen, sie ist es auch, die uns unsere Sünden und Gebrechen entdecket. Es ist eine große Vollkommenheit, sagt Erego- rius, seine Unvollkommenheit erkennen, denn die Sünde blendet den Menschen, daß er seine Gebrechen nicht erkenne; fanget er aber endlich an, Ekel zu finden an sich und der Sünde, sich und sie zu verabscheuen, dann gebet in seinem Innern ein Licht auf, in diesem erkennet er seine Gebrechen und seine Sündhaftigkeit, jetzt weiß er, was Sünde ist, nun kann er ihr und er wird ihr entsagen und sich wenden zur Tugend. Dieses Erkennen und dieses Können ist Wirkung der Gnade, die ihm nicht nur allein die Sünde, sondern die Ursache der Sünde, und nicht nur die groben, im Aeussern sich zeigenden Unthaten, sondern auch die geheimen, innern, nicht so leicht merkbaren Fehler und Gebrechen entdecket, das Schwanken seiner Vernunft, die Schwäche seines Willens: und es gehöret wahrlich viel des göttlichen Gnadenlichtes dazu, um seine Schwache und sein Elend ganz zu erkennen; dazu ist aber Niemand fähig, dieses Gnadenlichtes ist keiner empfänglich, als der wahre Arme im Geiste, er allein ist vermögend , seinen Seelenstand ganz zu durchschauen. Darum haben wir oben schon mit Mehreren: gesagt und gezeigt, daß einzig in der ächten Armuth des Geistes, in völliger Entledigung seiner und aller Dinge die wahre Vollkommenheit bestehe, in ihr allein alle Wahrheit erkannt und unfehlbar verstanden werde, so wie Tugend und Laster, HO Gutes und Böses. Aechte Armuth kann nickt täuschen, wo Täuschung und Trügniß ist, da ist auck das Herz noch nickt ganz rein, oa haftet es noch an irgend Etwas, es sev nun ein geistliches oder leibliches Gut, aber in gänzlicher Entblößung Alles und Jeden, was nicht Gott ist, steht der Mensch m wesentlicker Wahrheit, da ist keine Täuschung, kein Betrug möglich, er nimmt die Wahrheit ja nickt nach dem Scheine, er nimmt sie nach ihrem Wesen, welches Gott oder göttlich ist; und diese göttliche uns unfeblvare Regel entdecket ihm jeden Betrug, er sey nun augenblicklich in ihm oder in einem anderen, das Böse muß sich seinem truqloscn Blicke enthüllen, so verbannet er es dann von sich, und wählet das Gute. §. 48 . Und nicht nur die Sünde entdecket uns das Licht der Gnade, sie zeiget uns auch den Schaden, und das unausspre ch liche Verderbe n, das die Sünde stiftet und hervorbringt; sie zeiget uns nämlich, wie die Sünde den Menschen alles Guten beraubet, des natürlichen wie des geistlichen Gutes. Die Sünde entsetzet die menschliche Natur ihres Adels, stürzet sie in eine solche Verworfcn- b-it, daß ihr alle Geschöpfe gram und abhold werden; diese Verworfenheit und schändliche Entwürdigung der Natur ist selbst dem Teufel eine Hölle, er fühlet sie zu seiner Verzweifelung, da er ihrer ledig und frei zu werden nicht vermag. Es ist eine Lüge, wenn man spricht: „Sündigen ist menschlich!" Es ist nicht nur nicht menschlich, es ist teufelisch; die Sünde macht den Menschen zu einem Teufel; wer wissentlich in schweren Sünden lebt, der ist nicht nur kein Mensch, er ist ein Teufel, ja er ist ärger und schlechter als dieser: denn hätte er das Vermögen und die Fähigkeit noch in sich, zurückzukehren zu Gott und zum Gehorsam gegen Ihn, er würde nimmermehr in seinem Sünden-Elende bleiben, sie aber, die sündigenden Menschen, haben diese Kraft, diesen freien Willen noch, sie können der Sunde entsagen, und wollen es doch nicht, darum sind sie auch wirklich schlechter und ärger, denn der Teufel. Die Neigung und der Hang zur Sünde liegt wohl in des Mengen Natur, das ist das Erbübel von Adams Falle, er ist aber nicht gezwungen zur Sünde, er hat seinen freien Willen; sündiget er nun, so thut er das Böse aus ebenem bchen Willen, er thut das, was nicht in seiner wahren Natur liegt, er handelt also gegen dieselbe: denn die Sünde zerstöret die Natur und entwürdiget sie ihres Adels, nur die Tugend giebt diesen Adel wieder, wenn er entehret ist, nur die Tugend erhält und bewahret ihn vor jeder Erniedrigung. Gott hat die Natur des Menschen zum Guten, nicht zum Bösen geschaffen, darum strebt sie nach diesem und verabscheuet das Andere als etwas ihr Unähnliches und Widerstrebendes. Auch der Teufel hasset nach seiner ursprünglichen Natur die Sünde; seit er gefallen ist, liebt er sie, und diese Sündenlicbe macht ihn zum Teufel, und das thut die Sünde mir Allen, die sie lieben. §. 4y. Die die menschliche Natur immer nur schelten und schimpfen, kennen sie wahrlich nicht; sie ist wohl sehr edel und gut, behandelst du sie nur recht; klage immerhin über verderbte, böse gewordene Natur, sie selbst aber in ihrer ursprünglichen Anlage achte hoch; Gott selbst achtet und liebet sie, zu ihrem Dienste hat Er alle Dinge geschaffen, in menschlicher Natur hat der Sohn Gottes den Tod erlitten, sein menschlicher Tod hat des Menschen Natur über alle Engel erhöhet. — Es ist nicht wahr, was man oft hört, daß nämlich ein natürlicher Mensch nur ein böser und schädlicher Mensch sey! Ich behaupte vielmehr: ein in ächter Natu r lebender Mensch ist ein reiner Mensch. Wir müssen jedes Ding nehmen in seiner ächten Anlage und Zustande; des Menschen Natur an sich ist gut, als solche ist sie rein, das Reine ist ohne Gebrechen; lebet nun und stehet der Mensch in seinem ächten natürlichen Adel, so ist er ledig und befreiet von jedem sündlichen Zufalle, und das ist dann der reine Naturstaud, in dem der achte natürliche Mensch, als reiner Mensch lebet. Was die Natur verunreiniget und verdirbt, ist nicht ihr Wesen, es ist eine Krankheit, die 42 sich ihr erst zugesellet, die nicht ursprünglich in ihr ist, die erst zufällig sie befallen hat, was die eben auch wieder hinzukommende Tugend wieder bessern und ordnen, und die zufällig gebrechlich gewordene Natur in ihren wahren Ursprung und zu ihrem ächten Wesen zurückfuhren kann, so wie im Gegentheile nur die Sünde die Natur verdirbt, sie von ihrem Ursprünge ferne hält, und nacht zu ihrem ächten Wesen kommen läßt. Steht der Mensch in seinem Ursprünge, d. i. in seinen; wahren We. Tor. 6 16- 63 Wohl kann man leiblich arm, und doch ein Sünder seyn; der Sünder aber ist niemals geistlich arm, folglich auch nicht Erbe der Seligkeit. Es ist hier die Rede, daß der Mensch selig werde; dazu ist nöthig: nicht haften und hangen mit Neigung am zeitlichen Gute, es sey nun viel oder wenig. Dieses Anhangen, dieses Hingeben der Neigung zum Irdischen schließt von der Seligkeit aus, indem es das Herz von Gott abziehet. Die Vollkommenheit aber, von der hier gesprochen wird, steigert ihre Forderung höher; Christus sagt von dieser Vollkommenheit: ,, Willst du vollkommen seyn, so verkaufe alles, was du hast, gieb es den Armen und folge Mir nach." Er fordert von den Vollkommenen nicht nur Armuth des Geistes — die zur Seligkeit nothwendig ist, Er fordert auch Armuth des Leibes, nämlich: Abgebung alles Irdischen, bis hin zur unentbehrlichen, wahren Nothdurft; darum sagt Er : Verkaufe Alles, was nämlich zum täglichen Unterhalte nicht unmittelbar nöthig ist. So hatten Petrus und die Apostel alles abgegeben "), nur was sie mit ihrer Hand, wie Paulus sagt, verdienten^), war ihre Nothdurft, die unter das zu Verkaufende nicht gehörte; und sie konnten sagen: „Wir haben Alles verlassen." „Und gieb es den Armen", fährt Christus fort; den Armen, sagt Er, die dessen bedürfen, und die zu unterstützen die Liebe und die Tugend fordern, die dir auch nichts wiedergeben und vergelten können: denn Gott will dir es vergelten, und Seine Wicder- vergeltung nur ist eine vollkommene Gabe, denn sie selbst machet dich vollkommen. Giebst du es aber den Reichen, die es nicht bedürfen, und die es dir wiedervergelten können und werden, dann machet dich diese Gabe nur unvollkommen, weil dir Gott das nicht wiedervergelten will, was Menschen schon vergolten und ersetzet haben. Und: „ Folge Mir nach." Lasse deinen auffern und innern Menschen arm seyn. *) Matth. iy, 27. Ap. Gesch. 20, 3 .;. §. 58 . Indessen findet man unter den geistlich arm seyn Wollenden zwei Partheien, die sich einander widersprechen, sich wechselseitig beurtheilen und richten, und jede meinet, die Anderen haben Unrecht und gingen nicht auf dem wahren Wege der Vollkommenheit, und darin haben sie beide recht: denn alle beide stehen nicht in der höchsten Vollkommenheit. Einige derselben behalten ihre Habe äusserlich bei, übergeben aber ihr Herz an Gott, wachen über dieses Herz, und tragen die möglichste Sorge, es rein zu erhalten, geben sich übrigens mit äufferlichen Uebungen und Werken wenig ab, vielmehr ist ihr einziges Merken auf Gott, was Er, und wie Er in ihnen spreche und werke, wozu sie sich immer in gehöriger Bereitung halten; so gelangen sie manchmal zu großer, innerlicher Betrachtung, und erfahren in sich vorzügliche Gnadenwirkungen Gottes. Dazu verhilft ihnen ihre unermudet fleißige Einkehr in sich, ihr stätes inneres Versammeltseyn, ihr andächtiges Betrachten des Lebens und Leidens unseres Herrn, das Wahrnehmen ihrer selbst; dadurch werden sie gereinigct und bewahret vor sünd- licben Gebrechen, und gelangen zur Reinheit des Herzens, i Sind sie so weit fortgeschritten, dann theilet ihnen Gott > Seine Gnadenfüllc, deren sie nun schon fähiger und em- ! pfänglicber sind, reichlicher mit, und sie gewahren ihrer in ihrem Innern auf munnichfaltige Weise. Geben sie sich nun ^ in dieser süßen, seligen Erfahrung ganz und ausschließend ! alles, Gott und aller Seiner Ermahnung ohne Rückhalt hin, ! so stehen sie an dem letzten und höchsten Punkte, Alles, gar ! alles Aeußerliche und Innerliche, die Welt und sich selbst , unbedingt zu verlassen und zu verläugnen, und Christo in ! einem vollkommen armen Leben nachzufolgen. Das höchste Ziel haben sie nun errungen, sie stehen auf dem höchsten Grade der Vollkommenheit; können sie sich aber zur ganz- > liehen Entsagung alles Irdischen nicht entschließen, geben aber im gottliebcnden Sinne der Armuth die Gaben der ! Liebe, und wachen über ihr Herz: dann sind sie auch so gute, fromme Menschen, die eigentliche, wahre Vollkommenheit aber haben sie nicht. 65 s. 59. Andere hingegen geben wirklich um Gotteswillen alle äußerlichen, zeitlichen Dinge hinweg; dazu aber sind sie mehr durch Sagenhören, als durch ihren innern Menschen getrieben worden. Sie haben nämlich gehöret: das sey die Vollkommenheit, alles zu verlassen, und Christo nachzufolgen in einen: armen Leben; das wollen sie nun thuen und richten es auch aus: aber sie bleiben leider! nur bei der äusseren Armuth stehen, nehmen ihres Herzens nicht gehörig wahr, noch der wahren Reinigung desselben, üben und beschäftigen sich nicht in Betrachtung göttlicher Dinge, wodurch sie ihr Herz reinigen und Gottes Gnade erhalten würden und könnten; nur auf viele äusserlichc sogenannte gute und tugendliche Werke halten sie, dabei aber entgehet ihnen der vertraute Umgang mit Gott und das beseligende, liebliche Wirken desselben im Innern. Von diesen kann man sagen, daß sie es zwar gut meinen; aber die göttliche Erleuchtung fehlt ihnen, zur vollen und ächten Kenntniß der göttlichen Wahrheit sind sie noch nicht gekommen, welcher nur eine ganz reine Seele fähig ist; sie sind immer nur nach aussen beschäftiget, und Gott wirket innen, dahinein wollen sie nun nicht, so vernehmen sie denn auch Gottes Rede und Wirken in ihnen nicht und gelangen nicht zur wahren Vollkommenheit, die nur den wahren Geiftesarmen zugehöret. Deshalb sollten sie sich alles Ur- theilens über Andere, als nicht Vollkommene enthalten, denn weder sie noch diese haben die höchste Stufe der Vollkommenheit erreichet, die ich jetzt verzeichnen will. §. 60. Allem entsagen nach aussen und innen, sich ganz ver- läugnen, mit unausgesetztem Fleiße das Herz bewachen, eingehen in dieses Herz und forschen, und bereit seyn, wie, wann und was der Herr in uns spreche, wozu Er uns mahne; diese Mahnung Gottes befolgen, das Leben und Leiden unseres Herrn mit Ernste und Andacht betrachten. Alles, was das Fortschreiten der geistlichen Vollkommen» heit hindert, beseitigen, in allen guten und tugendlichen 5 66 äusseren Werken, wie es der uns gewordene Beruf, oder die Zeit und Nothdukft fordern, sich emsig üben, die Pflichten unseres Standes genau erfüllen, das, wozu unsere mögliche Kraft nicht hinreichet, wenigstens mit dem Willen vollbringen, und dann glauben und vertrauen, der Herr wolle und werde den guten Willen als das Werk selbst annehmen und Seine Kraft werde das ausführen, was unsere Uukraft nicht vermag, da ja der Liebevolle die Unmöglichkeit nicht fordere; alles hin auf Gott beziehen, sich in das, was unseres Amtes nicht ist, nicht einmischen, nicht vorwitzig sich um fremde Dinge bekümmern, Andere nicht bekritteln, ihnen nicht schaden, sie ^ nicht lästern oder verläumden, sich nicht als Richter über ^ Andere auswerfen, niemand verachten, vielmehr alles dem Urtheile Gottes anheimstellen, haben wir ja doch uns selbst und allen Dingen vollkommen entsaget, warum sich darum annehmen, was uns nicht angehet? Bist du so, ganz so, dann bist du vollkommen; so viel du von dir selbst nun ausgegangen bist, so viel gehet Gottes Geist in dich ein, in dir findet Er die schickliche Stätte, zu ! wohnen und zu ruhen, Er umkleidet deinen Geist mit t Seinem göttlichen Geiste, einiget ihn mit Sich, und du ^virst „ein Geist mit Ihm." Nun spricht der heilige - Geist ungehindert an deinen menschlichen Geist, nimmt jedes, auch das kleinste Hinderniß vollends aus dir, um rein und lauter in der gereinigten Seele wirken zu kön- ! nen; und sey versichert, dieses Wirken Gottes in einer reinen Seele ist viel köstlicher und edelcr, als alles, was Gott je gcwirket hat in Zeit und Ewigkeit. Denn da Gott alle Hinge schuf, stand Ihm nirgends etwas Hinderndes entgegen; bei dem Wirken und Schaffen aber im menschlichen Herzen kann sich Ihn: die Freiheit des menschlichen Willens entgegen setzen, und daß der Mensch das nicht i thut, vielmehr seinen Willen dem göttlichen unterwirft , und ihn mit diesem vereiniget, das ist das köstliche und ! edele Werk, das Gott und der Mensch hier wirket. ! 67 8 . 61 » Willst du es kennen, dieses köstliche, einzige Werk Gottes in der menschlichen Seele? Es ist nichts anderes, als eine Offenbarung Gottes in der Seele, da Sich Gott der Seele zeiget; Gott ist der Wirker und das Werk Selbst, was Er wirket, ist Er selbst; darum hat Er ihr entzogen alle Dinge, daß sie einzig Seiner und Seines Werkes empfänglich und fähig sey. Dieses Empfänglichseyn, diese Fähigkeit, dieses Werk Gottes machet die Seele zu eine m Geist mit Gott, und das ist ja der allerliebste und sehnlichste Wille Gottes; was Er von uns verlanget, daß der Mensch immer so stehe und sey, damit Gott ungehindert in ihm wirken und Er Sich mit ihm vereinigen könne, das hat Er ja genug entdecket mit den Worten : „Meine Lust ist, mit den Menschenkindern zu seyn." §. 62 » Zu dieser Vereinigung mit Gott tragt vorzüglich die Nachfolge des Lebens Jesu Christi bei. Christus ist im wahren Sinne Eins mit Gott. Willst du nun ein Geist werden mit Gott, dann strebe zuerst, Christo gleichförmig und ein Geist mit Ihm zu werden, was dir aber nur dann möglich ist, wenn du daran bist, nach Kräften, und so ferne es der Merisch fähig ist. Ihm in Seinem Wirken als Mensch ähnlich zu werden; dazu hat Er Selbst uns aufgefordert mit den Worten: „Lernet von Mir!" Und in keiner andern Absicht hat Er das gesprochen, als: wir sollen uns mit Ihm vereinigen; darum bat Er zum Vater „Vater, ich bitte, daß sie eins mit uns werden, wie du und ich eines sind." Dieses Einswerden mit Christus ist ein Wirken mit und gleich Ihm. — Sprichst du : wie vermag ich das? Er war Gott und Mensch, und ich bin ein bloßer Mensch, wie ist mir gleiches Wirken mit dem GotK- *) Sprüchw. 8, 3i. **) Ich. >7, 68 menschen möglich? Merke: zweierlei Werke flnden wir an Christus; göttliches und menschliches Wirken. Wunderund Zeichen thuen, ist göttliche Kraft, die dir nicht zuzchöret, und worin du Ihm nicht nachfolgen kannst. Aber Sein Wirken und Leben als Mensch ist deine Pflicht; ich zähle dir dergleichen vor: arm, verschmähet und verachtet, eines demüthigen Herzens seyn, hungern und dursten, Pein und Schmerzen leiden uno dulden, sterben aus Liebe für alle, siehe, das war das Leben Jesu des Menschen, dem du darin gleichförmig werden sollest, wenn du Eins mit Ihm werden willst. Diese Gleichförmigkeit ist der Grund der Einigkeit mit Ihm; so viel uns abgehet an dein ähnlichen Wirken mit Christo, so weit sind wir Ihm auch unähnlich, ^ folglich auch eben so weit von der bemeldeten Vereinigung ! mit Ihm entfernet. Paulus sagt H: „Christi Wirken ist unsere Lehre, Er hat uns durch Sein Leben und Wirken ^ gelchrct, wie wir leben und wirken sollen; diese Lehre für uns ist Sein Wille, den wir vollbringen sollen; unser Wille musi Sein, und Sein Wille unser Wille werden, das vereiniget uns mit Ihm; gleicher Wille, gleiche Werke, eine Vereinigung!" Der Apostel Petrus sagt : ,, Christus hat für uns gelitten, daß wir Seinen Fußstapfen nachfolgen; und wie Er gewandelt hat, sollen wir auch wandeln." Willst du einst zu Gott kommen im Himmel, trete ^ Ihm nur emsig nach hier auf Erden. Wohl recht spricht ^ der heilige Bernardus: Viele möchten wohl wandeln mit Christo im Himmelreich, aber sie wollen ungern mit Ihm ! leiden auf dem Erdreich; die werden nimmermehr Eins mir ' Ihm. Wo wahre Vereinigung ist, da ist auch gleiche Wirkung; wirkest du nicht mit Ihm, dann bist du gewiß ^ gesondert von Ihm; weißt und verstehest du Seine Rede: , „Wo Ich bin, sagt Er , da soll auch Mein Diener seyn." Dienest du Ihm, dann wirkest du auch mit Ihm, *) 2. Cor. 4, —1>> **) i. Pet. 2, 2i. ***) Joh. >2, 26. 69 unterlassest du das, so bist du auch Sei» Diener nicht und sollest und wirst auch nicht mit Ihm seyn. §. 63 . So käme also niemand zu Gott, als nur der, welcher, wie Christus, allen Dingen entsaget und ganz und gar so lebet, wie Christus gelebet hat? Diese Frage will ich dir beantworten: Christus ist ein für allemal, und ewig das Ziel aller Menschen! Wer diesem Ziele am nähesten kommt, der kommt auch Gott am nä- heften. Einige streben nach diesem Ziele mit guten und frommen Werken, aber alles geben sie nicht auf; je naher sie nun diesem Ziele kommen, um so näher kommen sie Gott, und jeinehr sie sich üben in guten Werken und in Bekämpfung und Ablegung der Sünde und des Bösen, um so näher kommen sie zu Christus; je mehrere der Tugenden, je näher zum Ziele, je wenigere derselben, je entfernter von Ihm; die Sünde aber entfernet ganz von Christo. Es ist hier die Rede vom Nahe- oder Näher- seyn dem Ziele, aber noch nicht vom Einsseyn mit dem Ziele, Christus. Zu diesem Lctztern gelangt nur der, welcher ganz ausgegangen ist von sich Lurch wahre Armuth des Geistes nach außen und innen, und sich grübet hat in allen guten Werken und Tugenden, wie der Mensch Jesus Christus Selbst; der nur kommt in das Ziel, wird Eins mit Christus, und wo Er ist, da ist auch er mit und in Ihm; nur der völlige Ausgang aus sich ist das völlige Eingeben in Christus. Nahe kommen dem Ziele, mehr oder weniger, wird jeder, der Gutes thut, dabei aber noch in gewisser Anhänglichkeit an Etwas klebet, nahe, sage ich, dem Ziele Christus; aber finden wird er Ihn nicht, wie der, welcher das ganze Kleid Christi in wahrer Nachfolge Seiner trägt. Hat ein Herr viele Diener und Knechte, so wirst du die, welche ihm seine liebsten sind und die er zu seiner nächsten Umgebung wählet, gar wohl an ihrer Kleidung vor andern erkennen können, du wirst in ihren Händen die Waffen ihres Herrn erblicken; ein offenbares Merkmal, 70 daß sie unmittelbar um thu und seine Vertrautesten sind: wende das auf dich und alle Menschen an; das Kleid Jesu Christi ist der volle Schmuck aller Tugenden, die Waffen sind sein armes, verschmähtes Leben und Leiden, das Er auf Erden duldete, und sie mit Ihm dulden und tragen; das Merkzeichen ist, mit Geduld alles leiden, was zukommet und auf sie fällt, das zeichnet sie aus, daß sie Gottes allerliebste Kinder sind, ja sie treffen und finden das Ziel, finden Christus; die aber diese volle Rüstung nicht tragen und nicht bekleidet sind mit dem ganzen Kleide Jesu Christi, dabei aber sich doch üben in frommen und guten Werken, kommen wohl bei dein Ziele an. Ihn aber, das „Ziel Christus", treffen sie nicht, werden nicht Eins mit Ihm. Z. 64. Zur weiteren Erläuterung des Gesagten muffen wir Rücksicht nehmen auf zweierlei Werke, wodurch wir in diesem Leben zur Gleichförmigkeit mit Christus gelangen und Ihm , unserem einzigen Ziele, mehr oder weniger uns annähern können. Eines dieser Werke ist ein innerliches, das andere ein äusserlich es Werk. Bei dem inneren Werke soll der Mensch dreierlei Gegenstände berücksichtigen. Er soll nämlich erstens seine eigenen Fehler und Gebrechen betrachten. Zweitens auf den leidenden Jesus, unsern Herrn, seinen Blick richten. Drittens Christus nach Seiner Gottheit betrachten. Der erste Hinblick auf seine Fehler und Gebrechen wird den Menschen Kenntniß seiner selbst lehren; kennet er nun sein Elend und die Sünde in sich, dann seye er daran, sich davon zu entledigen und sie abzulegen; unterläßt er diese Einkehr in sich und prüfet sich nicht, so wird er auch nicht zur Kenntniß seiner selbst gelangen; mangelt ihm diese Selbstkenntniß, dann wird er sich nie besseren und gereinigten Herzens werden. Darum kommen jene Leute, die da immer nur nach aussen beschäftiget sind, und gewissen dergleichen Uebungen nachhangen, niemals zur wahren Kenntniß ihrer selbst. In dieser Unwissenheit und Blind- 71 bett fallen sie in mancherlei Fehler und Gebrechen; sie wähnen oft, recht und tugendlich gehandelt zu haben, und es ist oft nichts, als eine wahre Untugend, die sogar gefährlich werden kann, denn sie stehen in dieser Verblendung dem bösen Geiste zum losen Spiele da. Willst du nun diesem Betrüger entgehen und ohne Hinderniß dem Ziele, das Christus ist, dich nähern; kehre ein in dich, Gott hat dir ein Licht angezündet, mit welchem du jede Sache unterscheiden, und ob sie gut oder böse sey , erkennen, und so das ! Gute und Rechte wählen, das Böse und Falsche hingegen vermeiden kannst: so gelangst du zum vorgesteckten Ziele. §> 65 - Der zweite Gegenstand der innerlichen Uebung, mit welcher.der Mensch sich alles Ernstes beschäftigen soll, ist das Leiden und der Tod unseres Herrn und Heilandes, das drücke er seinem Herzen fest und nnvertilgbar ein. In dieser Schule wird er lernen, wie in keiner anderen, wie er sich selbst verlaugncn, dem Vergänglichen sich entziehen, in allen Tugenden sich üben, sein ganzes Leben ordnen und zu Gott kommen könne. Wer das Leiden unseres Herrn ernstlich und aufmerksam betrachtet, dein wird von Gott eine besondere Kraft in die Seele kommen, die ihn, gleichsam mit Gewalt hin zu Gott und der Vereinigung mit Ihm treibet; das ist die große Frucht, welche die ernstliche Betrachtung des Leidens Christi hervorbringt. Wie ein gewaltiger Strom alles um sich ergreifet und mit sich hinweg- führct und reißet, so wird der göttliche Gnadenstrom aus dem Herzen eines solchen Menschen alles Unreine hinweg und hinausführen, den Menschen, befangen in seiner Gebrechlichkeit, sich selbst entreißen und ihn wieder einführen in seinen ersten, reinen Ursprung, von dem er ausgegangen ist. Unterlassen wir diese innerliche Betrachtung des Leidens unseres Herrn, und beschäftigen uns dafür mit andern sogenannten guten Werken, dann werden wir oft, wo wir glauben, fortzuschreiten, stille stehen, oder wohl gar rückwärts gehen, und wäre das auch nicht der Fall, so werben wir bei aller Uebung wahrer guten Werke, ohne 72 - die Betrachtung des Leidens Christi, auf dem Tugcndwcge doch nur langsam und matt gehen, wo die andächtigen Betrachter dieses heiligen Leidens laufen, ohne je stille zu stehen, getrieben gleichsam, wie durch nachfolgende Schwerter, die weder Rücktritt noch Stillstand gestatten. Nicht sie, die Menschen, sind es, die sich treiben und anfeuern, es ist die Kraft und die treibende Gnade Gottes, die ihnen aus der andächtigen und ernstlichen Betrachtung des Leidens Jesu zuströmet, sie können sich Ihrer gleichsam nicht erwehren, sie vermögen nicht, Ihr zu widerstehen, sie muffen voran, und lebten sie bis an den jüngsten Tag, sie muffen rennen zum Ziele, Gott ist hinter ihnen her. Und so wie Gott der Vater Seinen Sohn in Sich Selbst gebühret, so gebühret Er den Menschen in dein Leiden Seines Sohnes, und wie Gott ewig und unaufhörlich ist in Seinem Gebühren, so unaufhörlich gebühret und führet Er den Menschen durch das Leiden des Sohnes, und Niemand kann Ihn daran hindern; so wenig Gott kaun gehindert werden an der ewig fortwährenden Geburt Seines Wortes, eben so wenig will Er gestatten, daß der gefröret oder gehindert werde, der sich mit ganzer Liebe cincrgeben hat in das Leiden Jesu Christi: denn die inbrünstige Liebe zu dem leidenden Christus macht den Menschen zu einem andern Christus, die Liebe einiget und vereiniget beide, und so lange der Mensch in dieser vereinigten Liebe ist und bleibet, kann er nicht irren oder fehlen, oder stille stehen, es ist Gottes Wille mit ihm, er soll zum Ziele kommen. Willst du nun auch dahin gelangen, willst Christus erreichen, senke dich in ernstlicher Betrachtung in Sein Leiden, das wird dich in einer Stunde weiter fördern, als du mit deiner natürlichen Kraft in langer Zeit nicht wirst erreichen können; versäumest du das und bist trüge darin, dann treibe was du willst, übe dich wie und worin du wähnest, martere dich auf deinen Wegen, kaum oder gar nicht wirst du zum Ziele gelangen. 73 §. 66 . Willst du einen andern Weg gehen , als den, welchen Christus dir zu gehen gezeigct und befohlen hat? „Ich bin die Thüre", sagt Er dir durch Mich sollst du und kannst du nur zum Vater kommen, gehest du anderswo ein, dann bist du ein Dieb und Mörder; zu stehlen kommt der Dieb, todten will der Mörder. Der Dieb nimmt das Fremde; willst du den Himmel und die Seligkeit anders, als durch und in dem Leiden deines Heilandes, dann thuest du das Nämliche, wie der Dieb, du willst Fremdes nehmen, was dir nicht zugehöret: denn das Himmelreich ist unser einzig durch dasLeiden unseres Herrn, wer es anders nimmt, der ist ein Dieb, der nach Fremdem greift. Wer anders eingehen will als durch das Leiden Jesu, der ist auch ein Mörder; denn Christus ist getödtet und gemordet worden durch uns und für uns, und in Seinem Tode sind wir erlöset von dem ewigen Tode, und sind wiedergebracht zum Leben. Und solltest du dich peinigen und selbst martern, so viel du magst, thuest es aber im eigenen Vertrauen, und meinest, du müßtest dein Heiland seyn, und es käme auf dich an, gerettet zu werden, dann bist du der unnützeste und ein ganz falscher Märtyrer; dieses Martyr- thum hilft nicht in den Himmel; ein Selbstmörder wohl kannst du seyn, aber kein Christ. Nur im Tode deines und unseres Herrn findest du die Thüre zum Himmelreich; willst du dich selbst abtödten und deine bösen Lüste, senke dich ein in das Leiden unseres Herrn, hier werden dir alle böse Lüste entgehen, auf eine andere Weise wirst du ihrer nicht ledig. §. 67. Willst du die wahre Weisheit, die Wahrheit selbst erlangen , suche sie allein im Leiden und Tode des Herrn, anderswoher kommet sie nicht; hier ist der Brunn aller Wahr- *) Zoh. -o, 9. m ii »- 74 hcit, denn Christus ist die Wahrheit; komme zu Ihm, suche sie bei Ihm, da findest du sie gewiß und allein. Die Weisheit der Welt, Lind auch was diese Wahrheit nennet, magst du wohl in deinem eigenen Kopfe oder von Andern lernen und finden, aber sie wird dir nicht genügen und deine Seele und ihre Sehnsucht ausfüllen; nur göttliche Wahrheit vermag das, nur sie giebt wahre Ruhe, volle Seligkeit, und die suche nur, und du wirst sie auch nur finden in dem Leiden unseres Herrn. Hier ist die ächte Duelle göttlicher Wahrheit, da lege deinen Mund an, und trinke dich satt des lebendigen Wassers; Christus ladet dich ein mit lauter freundlicher Stimme: „Kommet zu Mir, rufet Er I, kommet Alle zu Mir, die da dürsten, trinket von dem Wasser, das ich gebe; wer davon trinket, von dessen Leibe sollen fliessen die lebendigen Wasser, die da springen in das ewige Leben. Wer von diesem Wasser trinket, das Ich reiche, der dürstet nimmermehr" O! so halte hin deinen Mund an die gebenedeiten Wunden unsers Herrn, daher urfpringet alle Wahrheit; Johannes — an der Brust Jesu liegend — sog aus ihr alle Weisheit und alle göttlichen Geheimnisse. Willst du nun auch an der Brust des Herrn ruhen, senke dich mit allem Fleiße in Sein heiliges Leiden, so wird auch dir die Weisheit des Herrn und Seine Wahrheit eingeflößet.werden. Jene Weisheit und Wahrheit, die die Welt nicht kennet und deswegen auch nicht geben kann, fene unaussprechliche Wahrheit, von welcher Paulus sagt: „Ich habe gesehen, was nicht ziemlich ist, den Menschen davon zu sagen", eine unaussprechliche, eine dem irdischen Menschen unbegreifliche Wahrheit, die soll dir werden. Alle Gnaden und alle Wahrheit Gottes fließet aus diesen Wunden, und der Strom ist so groß, daß er überfließet; und die davon getrunken haben, kann der irdische Mensch nicht erkennen: denn das Wirken Gottes in ihrer Seele ist über allen natürlichen Begriff. Sie be- *) Loh- 7, 37- 38. *») Iüh. 4, 14 . 75 dürfen ferner nicht Menschen, als ihre Führer, sie führet Gott, und auf dem geradesten Wege, und auf dem nächsten zum Ziele, nämlich zu Sich Selbst; auf ihrer Straße ist keine Krümme, sie sind nicht in der Fremde, sie sind in ihrer Heimath, in ihrer rechten Wohnung, von welcher der heilige Paulus sagt H: „Unsere Wohnung ist in dem Himmel." In welch ein Himmel? nicht in dem, der ober uns ist, im Himmel des Geistes sind sie mit Paulus, das ist die menschliche Seele, in welcher Gott wohnet und ist ; wo Er ist, da ist der Himmel. Darum heißet es im Worte Gottes „Das Himmelreich ist in euch." Ist nun das Wesen unserer Seele der Himmel, in welchem Gott wohnet, woher kommet es denn nun, sprichst du, daß ich diesen Himmel in mir nicht finden, Gott in ihm nicht erkennen kann? Daran ist deine eigene Gebrechlichkeit, dein noch nicht ganz gereinigtes Gemüth schuld, das hindert dich, daß du nicht eingehen kannst in das Wesen deiner Seele; so findest du denn auch den Himmel darin nicht, Gott nicht. Die Seele ist ein einfaches Wesen; ist sie beladen und zerstreuet von diesem und jenem, dann ist sie unfähig und unempfänglich ihrer selbst. Das war nun bei dem Apostel ganz anders, er war eingedrungen und gekommen in das Wesen seiner Seele, er schaute den Adel und die Würde seiner Seele; so fand er Gott ohne alle fremde Vermittelung, deshalb konnte er wahrhaft sagen: Unsere Wohnung ist im Himmel. Daß er nicht in dem Himmel damals war, in dem er nun ist, darüber erseufzet er in den Worten : „Ich Elender! wer erlöset mich von dem Leibe des Todes? Ich sehne mich, aufgelöset zu seyn von diesem Leibe, ich möchte bei Christus seyn!" Und doch war er hienieden schon im Himmel der Seele, er war nämlich eingedrungen in das Wesen seiner Seele, und fand und erkannte darin Gott; *) Phil. 3 , 2v. Luc. 17, 21. ***) Röni. b, 24. Phil. i-, 23/ 76 darum rief er auö „ Ich erkenne Christum den Gekreuzigten !" §. 68 . Willst auch du eingehen, und in dir schauen diesen Himmel deiner Seele und darin wohnen, entsage dem Zufälligen und dem Gebrechlichen und wende dich in das Leiden deines Herrn; hier entgehet dir alles Gebrechliche, der Himmel in dir öffnet sich, du schauest Gott, die Sünde und die Lockung zu ihr entschwindet in den Wunden unseres Herrn. Wie Schnee schmelzet am Feuer, so schmelzet die Sünde in den siedeheißen Wunden Jesu, die Liebe verzehret sie alle, und du gehest ein in das wahre Wesen deiner Seele; hier schauest und erkennest du ohne allen Trug die Fülle der Wahrheit: deine Wohnung ist im Himmel §. 6Y. Nach dieser Erkenntniß forschten die Heiden; sie wollten das Wesen der menschlichen Seele ergründen, was ihnen nicht möglich war ohne Christus, dessen sie erman- *) i. Cor. 2, 2. **) Der heilige Augusten in seinem Handbüchlein, isstem Kapitel, und der gottselige Hugo vom heil. Victor im qtc» Buche von der Seele, roten Kapitel, sagen: „In den Wunden des Heilandes wohne ich sicher, denn Sein Innerstes stehet mir durch die Wunden offen. Was mir mangelt, das nehme ich daraus, weil das Eingeweide meines Herrn von Barmherzigkeit überfließet durch die Fclslöcher, dadurch ist mir die Heimlichkeit Seines Herzens offenbar, und das große Geheimniß der Gottseligkeit. Die Wunden Christi sind voller Erbarmung, voll Liebe und Süßigkeit. Sie haben Seine Hände und Füße durchgrabcn und Seine Seite eröffnet; durch die Ritzen kann ich kosten, wie frcunolich der Herr sey, denn er ist gut und fromm. In Seinen Wunden ist uns eine überflüssige Erlösung gegeben, eine Menge der Süßigkeit, die Fülle der Gnaden und Vollkommenheit der Tugenden. Fällt mir ein böser Gedanke ein, so laufe ich zu Christi Wunden. Drücket mich mein Fleisch nieder, so stehe ich durch die Erinnerung Seiner Wunden wieder auf. Stellt mir der Teufel nach, so fliehe ich zu dem Innersten meines Herrn, und er weichet von mir. Beweget die Unreinigteit meine Glieder, so verlöschet sie durch das Andenken Seiner Wunden. In allen meinen Widerwärtigkeiten habe ich kein kräftigeres Mittel gefunden, als Christi Wunden; darin schlafe ich sicher und ruhe ohne Furcht. " 77 gelten; nach Glückseligkeit strebten sie, aber ohne wahre Kenntniß Gottes, ohne welche Glückseligkeit nicht möglich und denkbar ist. Gleiches widerführet auch jetzt denen, die Gott, Seligkeit und das wahre Wesen der Seele suchen j außer dem gekreuzigten Christus, es wird ihnen nicht ge- ! Hingen, ihnen fehlet die ächte Erkenntniß der Wahrheit, die > einzig Gott ist, der unsere Seligkeit ist, und zwar Chri- ^ stus der Leidende und Gekreuzigte. Zur wahren Seligkeit ist das Leiden unseres Herrn der einzige Weg, Er ; selbst, wie die Schrift sagt, mußte leiden, und so in Sein ! Reich eingehen. Willst du demnach in das Himmelreich, i das innen in dir ist, wo Gott ohne andere Vermittelung » geschauet wird, eingehen und zum rechten Ziele kommen, ^ gehe vor allem und zuerst ein in das Leiden deines Herrn. ! Z. 70- Der dritte Gegenstand, mit welchem der Mensch sich f öfters und ernstlich in seinen: Gemüthe beschäftigen soll, j wenn er dem Ziele sich nähern und zu Gott kommen i will, ist Christus nach Seiner Gottheit. Ist es dem Menschen durch reife Erforschung seiner selbst einmal klar ! und deutlich geworden, wer er sey, und hat ihn diese Erkenntniß seiner selbst zur Besserung und Ablegung seiner Sünden und Gebrechen und seines sträflichen Wankelmu- thes gebracht, hat ihn die ernstliche Betrachtung des Leidens Seines Herrn auf den Weg der Tugend geführet, hat er das Wesen der Tugend ergriffen und begriffen, dann ist er ausgegangen aus seinem bisher befangenen Selbst, jetzt vermag er, Gott zu schauen in Seiner wahren Wesenheit. In dieser Schaumig gehet er in Gott ein und vereiniget sich mit Ihm, ja Gott Selbst führet den Menschen mit Sich Selbst in Sich Selbst ein, und so ist ihm ein ewiges Eingehen und Seyn in Gott geworden. Er ist gnadenvoll, er ist gottvoll, sich selbst hat er verloren, er weiß nichts anderes, als Gott, er ist von Gott ganz umgriffen, er ist untergegangen in dem grundlosen Meere der Gottheit, er lebt und webt in Ihm, wie der Fisch im abgründlichen Meere, und wie das Meer den Fisch umgriffen hat, so ist 78 die Seele von Gott umgriffen; jetzt sieht sie das ersehnte ewige Ziel, sie eilet ihn: zu, erreichet es und gehet ein. So siehet es im Buche der Liebe *), dort spricht der Herr zu Seiner Braut: „ Meine Freundin, du hast Mich verwundet mit einem deiner Augen." Das Auge ist wohl nur die eindringende Liebe der Seele in Gott, die Ihn zwinget, der Seele Sehnsucht und Verlangen zu erfüllen; sie bat Ihn verwundet, sie ist Seiner mächtig geworden; sie spannet ihren Bogen und trifft Gottes Herz; der gespannte Bogen ist das sehnsüchtig gespannte, zielende Herz, die Flamme der Liebe fährt aus, fahrt über in Gott, sie hat den Mittelpunkt getroffen, sie stehet auf der höchsten Stufe der Vollendung. 8 . 71 - Das zweite Werk und die andere Uebung, wodurch der Mensch seinem Ziele — Christus — sich näheren, und Ähnlichkeit mit Ihm erlangen kann und soll, ist äußerlich und bestehet in allen Tugenden, die zu einem vollkommenen Leben gehören; in diesen muß sich der Mensch üben und selbe sich eigen machen, wenn es ihm mit Erreichung des Zieles Ernst ist. Da wir aber oben schon von diesen Tugenden vielseitig -gesprochen haben, wollen und dürfen wir sie hier übergehen; dieses Einzige nur sey wiederholet: der Mensch, der zu Christus kommen und mit Gott vereiniget werden will, darf und kann zu diesem Ziele aus keinem anderen Wege gelangen, als in dem Leben, Leiden und Tode Jesu Christi. 8 . 72 . Manchmal spricht der Geist Gottes in der Seele ohne Bilder und Formen, ja Sein Sprechen ist über alle Bilder und natürliche Vorstellungen erhaben; solches Sprechen aber ist Leben, Wahrheit und Licht. Von dem ersten und dritten wollen wir hier reden. Gottes Sprechen in Z»i Hohsnliede. 79 der Seele ist erstens Leben; wo dieses Leben ist, da ist göttliche Kraft, durch welche und in welcher der Mensch alles vermag, wie Paulus sagt: „Ich vermag alles in Dem, Der mich stärket." Dieses Vermögen des. Apostels war nichts anderes, als das Unterlassen und Verlä:,gnen alles Ungöttlichen und ein Ergreifen alles dessen, was zu Gott führet; das Eine wie das Andere ist die lebendige Kraft, die Gott dem Menschen giebt; mit dieser Kraft überwindet er die Welt und alle ihre Thorheiten und Täuschungen. Dieser Sieg über alles Vergängliche und Falsche führet ihn in das wahre Leben ein, das Gott ist; sein Leben ist nun kein irdisches, gebrechliches, es ist ein göttliches Leben; die Seele ist gegründet und gleichsam ge- pflanzet im göttlichen Leben, jeder andere Grund und Boden muß und wird ausgeworfen werden; was die Kreatur pflanzet, ist tödtlich und verderblich, das entfernet nun die Seele aus sich, denn Tod und Leben können nicht mit einander bestehen; Gottes Pflanzung ist Leben, diesem huldiget sie und lebet. Dieses Leben Gottes in der menschlichen Seele kann nicht mit Worten oder sonstigen bildlichen Ausdrücken beschrieben oder bezeichnet werden; der es lebet und erlebet, weiß und fühlt es wohl, aussprcchen aber laßt sich's nicht, es ist über alle Worte, der es erfahren hat oder noch erfahret, der schweiget und lebet es; und dieses Schweigen und Gott-Stillehalten ist das Nützlichste und Beste, was der Mensch thun rann. Dadurch eben wird ihm dieses göttliche Leben vermehret, dadurch wird er gerade der göttlichen Einsprache um so empfänglicher; willst du es fortleben, dieses göttliche Leben? schweige, und laß Gott allein reden. Nur Sein Wort ist Leben, wie der Herr sagt: ,, Meine Schafe hören Meine Stimme, und Ich gebe ihnen das ewige Leben." Dann bist du ein Schäf- lein Christi; wenn alles Erschaffene und Irdische in dir zum Schweigen gebracht ist, wenn du Gott allein hörest und Ihm stille haltest, dann vernimmst du Seine Stimme, die das ewige Wort ist, das der himmlische Vater in deine *) Joh. 10, «7. 28. 80 Seele spricht; dieses Hören giebt ewiges Leben. Und die Worte: „Sie folgen Mir nach", bedeuten nichts anderes, als: das Leben in dein Leben, wo Gott in der Seele lebt. §. 73 . Liegt nun, wie cS denn auch wahr ist, des Menschen höchster Vortheil und seine Seligkeit im Schweigen und im Hören des inwendig sprechenden Wortes GotteS, dann wirst du wohl fragen, wozu soll ich denn noch des Mcn- schen-Lehrers Worte, die Worte des Predigers hören? Ich sage dir: höre sie! Das Predigen des göttlichen Wortes ist nichts anderes, als ein Führen und Leiten zu Gott, eine Fähigmachung, zu vernehmen das ewige Wort im Grunde der Seele; wie vermagst du zu hören das ewige Wort in deiner Seele, du, der du entfernet bist von Gott? Wie vermagst du, in deiner Ferne von Ihm zu vernehmen das stille, geheime Wort des Herrn, das Er in dir spricht? Siehe! darum rufet dich Gott durch den Mund des Predigers; dieser rufet dich zu Gott in Bildern, Ermahnungen und gewissen Formen, daß du herbei kommest und du fähig werdest, zu vernehmen die innere Sprache Gottes an dich; durch das äußere Wort sollst du in das innere geführct werden. Verstehest du nicht, was der Herr sagt mit den Worten: „Ich habe noch andere Schafe, die nicht von diesem Schafstalle sind, auch die muß Ich herbeiführen, daß ein Schafstall werde und ein Hirte?" Siehe! damit hat Er dich gcmeinct; der Prediger soll dich rufen, er soll dir sagen: komme doch, komme doch herein^ trete ein in des Hcrrn Schafstall! befähige dich nur endlich einmal, vernehmen zu können die innere Ansprache Gottes in deiner Seele, hier sollst du eingeführet werden in jenen Schafstall des Herrn, der im inneren Wesen deiner Seele ist, darin der ewige Vater Sein Wort spricht. Bist du durch das äußere Wort in dieses innere gekommen, dann merke auf, schweige, halte Gott stille, und laß jedes fremde Wort fahren; dieses Schweigen wird dich recht hören lassen. Der heilige Augustin sagt: Wenn der Mensch von unfe- 81 .ein Herrn Jesu Christo gelernet hat, milde zu seyn und eines demüthigen Herzens, dann ist es bester für ihn, daß er schweigend und betend an Gott denke, als vieles lese oder predigen höre. Dahin aber bist du ja noch nicht gekommen, du bedarfst noch der Lehre, des Lesens, des Ermahnens und des weckenden Zurufes, und was du hörest, und was du liesest, und wozu du ermähnet wirst, dem folge, so wird es dir möglich seyn, daß du endlich auch kommest zur vollkommenen Wahrheit und zu dem Leben in Gott. 8. 74. Zugegeben aber auch, was viel ist, du wärest wirklich so weit schon vorangerücket, daß du Gott in dir reden hörest, sprich: bist du allzeit und immer fähig und bereitet dazu? Stehest du doch auch noch hienieden unter dem Drucke des irdischen Leibes, der dich zu einigein Ausgehen in die Sinne fordert! Nun willst du äusserlich thätig seyn, da wirst du doch daö Beste wählen wollen zu deiner Uebung? Sollte dir denn das Anhören des äußerlichen Wortes Gottes jetzt nicht nützlich und ziemlich seyn? Das wird nicht nur nicht hinderen an deinem inneren Leben, es wird dir vielmehr förderlich seyn. — Ist dein äußerer Mensch wieder gestärket durch die äussere gute Uebung, und fühlest du nun wieder das Bedürfniß, einzugehen nach innen, so thue es und nimm wieder wahr des ewigen in dir sprechenden Wortes Gottes, daß du wahres Leben schöpfest; und was sich von außen etwa mit hineingeschlichcn hat, das treibe schleunig und mit Gewalt aus. Dieses Vermögen hat dir ja, wie oben gesagt, der Herr gegeben, alles, was göttlich nicht ist, oder zu Gott nicht führet, jede fremde, schädliche Pflanze auszurechen; treibe es nur hinaus, wie der Herr that, der da hinaus trieb aus Gottes Tempel alles, was da kaufte und verkaufte, und, zürnend den Bösen, ausrief: „Mein Haus ist ein Bethaus, machet es nicht zur Mörderhöhle!" H Ein reines Herz ist ein heiliger Tem- lt ) Matth. 2 i, i 2 . >3. 82 pel Gottes, wo Er wohnet und angebetet wird; darum werfe sie hinaus, die unheiligen Kaufleute, das irdische Treiben, das vergängliche Gewerbe, das sich in das Herz eingeschlichen bat. Unterlassest du das, gestattest du den schnöden Handel und Wandel unnützer Gedanken darin, dann ist es nicht mehr ein Bethaus, es ist eine Räuberhöhle daraus geworden; du hast Gott vertrieben aus Seinem Hause, du hast dich so weit entfernet von Ihm, dasi Er nicht wieder zu dir kommen will; du hast die Sünde eingelassen, die Gott hindert, von Seiner Ihm gehörigen Wohnung Gebrauch zu machen. Darum heißet dein Herz jetzt recht eine Räuberhöhle. Wer aber widerstehet allen sich zwischen Gott und der Seele eindrängenden und die Vereinigung beider hindernden Gedanken und Gott allein Platz giebt, in ihm zu wohnen, der wirket nicht aus seiner, sondern aus der lebendigen göttlichen Kraft, die Gott ihm einflößet. Dieses Eingießen ist Gottes Einsprechen, und das ist das Leben , jenes Leben voll inniger Wonne und Freude. Wer dieses Leben nicht hat, das Gott einzig nur einem reinen Herzen giebt, der ermangelt wahrhaftig aller Freude und Wonne, ja er ist mehr todt, denn lebendig; und dieser traurige Zustand ist gegen die eigentliche, wahre Natur des Menschen, denn die Sünde tödtet sie. Nun ist aber die Natur den: Tode abhold, so ist demnach die Sünde wirklich wider die wahre Natur des Menschen. Deshalb können die Sünder sich niemals wahrhaft freuen; so wenig ein Todter der Freude fähig ist, so wenig ist es der Sünder: denn der Grund ist todt, aus dein die wahre Freude quillt. Nur im reinen Herzen ist die .Quelle und der Brunnen aller ächten Wonne und.Freude, denn das ewige Wort, das alle Engel und Heilige mit Wonne durchströmet, strömet, spricht und fließet auch in ihm. Sey es auch, daß die göttliche Freude in einem reinen Herzen hienieden nicht in dem Maaße überströme, wie bei den Heiligen im Himmel, so liegt die einzige Schuld nur an dem armseligen, irdischen Leibe, mit dem der Geistesmensch hier noch beladen ist, und doch ist seine Freude, selbst hienieden noch wallend, eine unaussprechliche Freude; je mehr er des Irdischen cntledi- 83 j ^et ist, je größer ist seine Freude, je empfänglicher ist er, i je weiter kann der göttliche Wonnestrom sich über ihn er- l gießen. Sind nun irdische Dinge, auch nur im geringen ^ Maaße, schon niederdrückend die Seele und trübend die j wahre Herzensfreude, selbst für den Guten und Tugendhaft ^ ten, sprich, wie mögen jene anderen in aller Welt einer wahren Freude fähig seyn, die durchaus ersunken und er- ! soffen sind im Irdischen? und doch wähnen sie sich im guten ; Zustande, die Betrogenen! sie sind jene tödtlich Kranke, die l sich gesund glauben, da sie an der Pforte des Todes stehen, j So lange wir hier im Leibe wallen, sind wir der höchsten l Freudcnfülle nicht rein empfänglich; je größere Anklebung i an das Irdische, je weniger reine Freude, je geringer diese, -> je größer und reiner jene; denn der heilige Geist kann hier ! ungehinderter wirken, Er ist ja die Duelle, von welcher alle wahre Freude strömet, wie der Apostel Paulus sagt 'P: „Die Frucht des heiligen Geistes ist Friede, Freude und ! Gerechtigkeit." Sein Einsprechen und Einwirken ist demnach das Leben, woraus Freude quellet; hörest du Sein i Einsprechen ganz und folgest diesem, dann wird dir die Fülle ' des Lebens, und mit ihr die höchste Freude des Herzens. Und ! wenn denn der wahre Geistesarme entlediget ist alles den Geist niederdrückenden Irdischen, wenn er nur das reine i Werkzeug ist, mit dem Gott ungehindert wirken kann, er - nur das reine Gefäß ist, in welches das ewige Wort unge- l trübet kann niedergelegt werden, jenes, alles belebende ^ Wort, so ist auck in ihm die Fülle des Lebens, und somit l auch er nur empfänglich und fähig der wahren Freude. ^ §. 75. ^ Wenn Christus sagt: „ Selig sind die, die Gottes Wort hören und es behalten", so folget nicht daraus, daß wir l schon selig seyen oder werden, wenn wir das Wort Got- ^ tes aus dem Munde des Predigers vorgetragen hören; ^ denn das Hören, wie das Sprechen des Wortes, ist zwei- ! fach, das Eine ist unmittelbare, innere Seligkeit, das i - *) Gal. 5, 22 . 84 Andere bringet, bereitet und befähiget zur Seligkeit. Das Erste ist ein unmittelbares Sprechen Gottes in dem Wesen der Seele; dahin einzugehen vermag Niemand, denn Gott, Er nur wohnet da, und Er nur kann da sprechen. Dann aber spricht hier Gott Sein Wort, wenn die ^ Seele allen geschaffenen Dingen entsaget, ihre selbsteige- nen Kräfte zum Schweigen bringet, sich folglich selbst ausgehet, und sich ganz in den Grund ihres reinen Wesens einergiebt. In diese schweigende, sich selbst ausgegangene gereinigte Seele nun spricht Gott der Vater Sein Wort, und dieses Wort höret die Seele; dieses Hören aber ist nichts anderes, als ein Finden und Innewerden Gottes im Innersten der Seele. Dieses entzückende Erfahren Gottes geht nun auch auf die Kräfte der Seele über, und zwar in solchem Uebermaaße der Wonne, daß sie nun selbst zu wirken aufhören und sich ausschließend dem Wirken Gottes hingeben; und jemehr sie schweigen und ruhen, um so herrlicher und kräftiger wirket Gott in der Seele. Hast du je dieses Wirken und Sprechen in dir empfunden und erfahren, selig bist du: denn nur an Seinen Auserwählten, die Er ewig bei Sich behalten will, wirket Gott auf diese Weise, Andere würdiget Er dessen nicht. Hätte Lucifer dieses Wirken Gottes nur einmal in sich erfahren, nimmermehr wäre er gefallen: denn das ist ein so göttliches und kräftiges Werk, daß es die Seele unaufhaltsam aus sich selbst rücket und in Gott ziehet, der sie dann unausbleiblich mit Sich vereiniget, so, daß sie nicht nur ewig bei Ihm bleiben will, sondern ewig bei Ihm bleiben muß. Siehe! das ist Gottes Wirken; dieses, Sein Sprechen, Sein Werk, ist Sein Wort, der ewige Sohn der Gottheit. Z. 76. Das Zweite ist das Sprechen Gottes in den Kräften der Seele. Dieses Wort Gottes höret der Mensch leiblich, und der Prediger spricht es aus; davon wirst du nicht selig, als, inwieferne du durch dein Leben ihm folgest. Es ist nur ein mittelbares Sprechen durch Menschen, 85 in Bildern, Gleichnissen und gewissen Formen; diese Vermittelung durch das Geschaffene zwischen Gott und der Seele macht sie nicht selig, kann sie aber selig machen, indem sie selbe führet und bereitet zur Seligkeit. Dieses äußere Wort lehret, wie du von demselben kommen mögest in das innere, wo Gott unmittelbar spricht; zwar ist des Predigers Wort nicht sein, sondern Gottes Wort, aber ooch nur ein mittelbares, und es dringet nimmermehr so nahe ein, wie das unmittelbare Wort, das Gott im Wesen deiner Seele spricht. So lange aber der Mensch zu diesem inneren Leben noch nicht gekommen ist, entziehe er sich dem äußeren Worte keineswegs, "er wird in ihm die Lehre finden, wie er sich und alle zeitlichen Dinge verlaugncn, zur höheren Vollkommenheit Hinstreben und zur Kenntniß der Wahrheit gelangen könne und solle. §. 77 . Gottes Sprechen in der Seele ist erhaben über alle Bilder und Formen, sagten wir oben, und nannten dieses Sprechen des heiligen Geistes Leben, Licht und Wahrheit. Wie es wahres Leben sey und wahres Leben gebe, ist so eben gezeiget worden; wir gehen nun an die zweite Benennung. Gottes Sprechen ist Licht; dieses Licht ist jener Schmuck und jene hohe Zierde, womit Gott die Seele umkleidet und selbe Sich wohlgefällig machet als Seine Braut, die Er dann anspricht, wie im Buche der Liebe stehet '): „Du bist ganz schön, meine Freundin, und keine Makel ist an dir! Komme vom Libanon, komme, du sollst gekrönet werden!" Diese Krone ist das Licht, das hellstrahlende, womit Gott die Seele umgiebt, kleidet und verherrlichet. Unser Herr, wandelnd auf der Erde, spracht): „Vater, verkläre Deinen Sohn, daß der Sohn auch Dich verkläre, und es erscholl eine Stimme, und sprach: Ich habe ihn verkläret, und Ich will ihn noch mehr verklären." O Seele! das 4 , 7 - 8 - »*) J°h. 12, 28 . 86 soll auch dir geschehen: bist du dahin gekommen, da st sich das ewige Wort in dir gebühret und du dich in der Kraft desselben Wortes wieder in Gott gebührest, dann bist du ein Sohn Gottes, ein Sohn der Gnade, aufgenommen in die göttliche Kindschaft; jetzt darfst auch du sprechen mit dem Menschensohne, unserem Herrn: Vater, verkläre Deinen Sohn mit Deiner Klarheit, ich will mit derselben Klarheit auch Dich verklären, siehe Vater! das ist das unaussprechliche Lob, Dank, Ehre und Preis, welches sich aus meinem Herzen zu Dir empor drangt! Dir, meine anbetende Seele! wird die himmlische Stimme werden, das ewige Wort wird in dir sprechen: Ich habe dich verkläret und werde dich noch mehr verklären! — Dieses Verklären ist das Umfassen Gottes mit der nämlichen Klarheit, die Er selbst ist, und womit Er die Ihm geeinigte Seele in Sich Selbst verherrlichet. §. 78 . Diese Verklärung der Seele durch und in Gott wird sich, so lange sie in diesem Leibe ist, immer mehr vermehren; je reiner und heiliger sie lebet, um so mehr wird auch ihre Verherrlichung wachsen. Nimm das Gleichnis von der Sonne: je reiner die Luft, je lichter durchstrahlet sie die Luft, je reiner die Seele, je herrlicher leuchtet in ihr die göttliche Sonne; ist sie ganz und durchaus rein, dann durchdränget sie die göttliche Sonne unmittelbar; sind Flecken in ihr und auch nur alltägliche Gebrechen, dann theilet die Gnaoensonne auch nur mittelbar sich ihr mit, zwar leuchtet sie in ihr, jedoch nicht als reines Licht, sondern als eine Flamme; grobe Verbrechen löschen sie gar aus und lassen sie nicht scheinen, wie der heilige Johannes sagt H: „Die Finsterniß fasset nicht das Licht." Das Sonnenlicht ist nichts, als ein Umkreis der Luft; wohin nun die Sonne kreiset, das erleuchtet sie und durchdringet es, alles nämlich, was des Lichtes fähig ist; die Luft, das reine Glas, die leichte Flamme, sie alle sind des Lich- ) Joh. ,, S. 87 tes empfänglich und die Sonne durchleuchtet sie; das Grobe und Dichte hingegen, z. B. Erde, Steine, Holz, sind des Lichtes nicht empfänglich, die Sonne beleuchtet sie zwar, ihr Licht aber durchdringet sie nicht; Gleiches geschieht der Seele. Ist sie mit irdischen Dingen beladen, folglich rauh und grob, hängt sie fleischlicher Lust noch an, und ist deshalb ganz unrein und beschmutzet, ist sie äußerlich und innerlich mit allerlei Bildern, selbst geschaffenen Träumen und Phantasien^besangeu, folglich verdüstert, dann kann das göttliche Licht sie nicht erleuchten, zumal sie dieses Lichtes unempfänglich und unfähig ist; geistig rst dieses Licht, es kann auch nur in ein geistiges, von allein Irdischen entleertes Gemüth eingehen, denn Geistiges einiget sich nur dem Geistigen. 8 . 79 . Ist die von allen: Irdischen gereinigte Seele wirklich Licht, wozu bedarf sie eines anderen Lichtes, und welches Licht ist dieses, könnte hier gefraget werden? — Allerdings ist eine reine, vom Irdischen nicht befangene Seele ein lichtes Wesen, das ist ihre wahre ursprüngliche Natur, wie sie der Schöpfer uraufänglich geschaffen hat, und bleibet sie in diesem Lichte, so stehet sic-in der höchsten Würde ihrer ächten, reinen Natur, und erkennet alle natürlichen Dinge nach ihrem wahren Unterschiede und ihrer Beschaffenheit; jenes Licht aber, von dem wir sprachen, und welches Gott e ner reinen Seele mittheilet, ist ein übernatürliches, von Gott selbst ausgehendes Licht, und je reiner.das natürliche Licht in der Seele ist, um so herrlicher wirket und strahlet das göttliche Licht in sie, was wir das Licht der Verherrliche ng nennen. Je reiner das Glas, um so herrlicher glänzet und leuchtet die Sonne in ihm; je lichter die Seele, je größer Gottes Verherrlichung in ihr. Sie muß auch dem Lichte nahe seyn, wenn es sie erleuchten und in sie eingehen soll; auch das reinste Glas, entzogen und entfernet von der Sonne, ist ihres Lichtes unempfänglich; soll die Seele erleuchtet werden vom Gnadenlichte Gottes, muß sie diesem Lichte nahe seyn. Dieses Gvtt-Nahcwerden, dies 88 Erheben der Seele zu Ihm ist nichts anderes, als ein inbrünstiges Sehnen nach Ihm in vollkommener Liebe und im Lichte des Glaubens; dadurch wird sie des göttlichen Lichtes empfänglich, und wäre sie auch noch nicht ganz rein, hat sie aber lebendigen Glauben und vollkommene Liebe zu Gott, so würde sie gereiniget und fähig und theilhaft des göttlichen Lichtes. Die Reinheit ohne Glauben und Liebe reichet nicht hin; gab es nicht tugendhafte und sehr ehrbar lebende Heiden? und doch ermangelten sie des göttlichen Lichtes! warum das? sie hatten den Glauben nicht, obgleich sie weise und sehr verständige Leute waren. So leben auch jetzt noch Viele unter uns, die ein tugenvliches, ehrbares und keusches Leben führen, und doch fehlet ihnen dieses göttliche Licht, woher das? sie näheren sich Gott im lebendigen Glauben nicht! Zwar ist Christus der Grund ihres Glaubens, leider aber nur der äußerliche Christus, d. i. sie folgen Ihm nur äußerlich nach, der Geist Christi lebt nicht in ihnen, darum sind sie Seines LichreS auch nicht fähig, welches nur im Herzen leuchtet. Darum mußt du einkehren nach Innen, Christus hier suchen, dann wirst du Ihn und Sein Licht finden; nicht von Außen her kommt das Reich Gottes, das Reich Gottes und Christi ist inwendig; wäre blos äußerliches tugendliches Leben hinlänglich, wäre es das wahre Leben und Licht, dann hatte ja unser Herr nicht sagen und nicht von uns fordern können H: „Es sey denn, daß eure Gerechtigkeit übertreffe jene der Pharisäer und Schristweisen, sonst könnet ihr nicht eingehen in das Himmelreich." Du kennest ja die pharisäischen Menschen, die auswendig gar heilig scheinen an vielen sogenannten guten Werken, dagegen aber die Wahrheit verachten, und in ganzer Gerechtigkeit ihr nicht nachfolgen; sollten diese wohl eingehen in das wahre Reich Gottes, das da ist inwendig im Grunde der Seele? Wollten sie dahin kommen, dann müßte ihr äußeres Leben mit dem Innern übereinstimmen; ist das, nur dann stehen ') Matth. 5 , 20. 89 sie höher, besser, aber auch tiefer, als die Pharisäer, sie sind eingegangen in das wahre Reich Gottes, das da ist innen, wo Gottes Thron ist. Die Heuchler des alten Bundes hielten wohl sehr strenge und genau das Gesetz nach äußerlicher Weise, das machte sie aber keineswegs gerecht, denn innen waren sie anders; sie schienen gerecht, aber sie waren es nicht. Du sollst nun ganz ein Anderer seyn, du sollst diese äußere Gesetzlichkeit übertreffen , willst du ein gewisser Erbe des Reiches Gottes seyn; was du äußerlich Gutes und Rechtes thuest, das soll innen ganz vollkommen und wirklich da seyn, so bist du empfänglich des göttlichen Lichtes; merke den Spruch: Scheine, was du bist, und sey, was du scheinest. Folge Christo nach in Seinem äußerlichen und inneren Leben, das ist der einzige sichere Weg dahin: Christi armes Leben und Seine Liebe, die Er Allen erwiesen hat, sey das Muster deines äußeren; Sein Leiden und Seine unendliche Liebe das Vorbild deines innern Lebens; ergreife in unerschütterlichem lebendigen Glauben Christus für uns, und Christus in uns als die einzige, aber auch vollkommene Gerechtigkeit. Das wird die Liebe in dir entzünden, und diese machet dich empfänglich des göttlichen Lichtes, welches nie ein Scheinchrist, nie ein Pharisäer empfangen kann. 8 . 80 . Auch in vielem Sprechen von der Gerechtigkeit bestehet die wahre Gerechtigkeit nicht; wer hat im alten Bunde mehr von ihr gesprochen, als die Schriftgelehrten? Die sollst du aber übertreffen, nicht am Sprechen, du sollst sie übertreffen im Thuen, denn unser Herr sagt H: „Sie lehren es wohl, thuen es aber selbst nicht." Das Geschlecht dieser faulen Schwätzer ist auch jetzt noch nicht ausgestorben, auch hören wir ja immer noch, wie gewisse Leute so behende Worte haben, aber so wenig Le- ) Matth. a3, 3. 90 ben! wie man gar leicht irre werden kann an ihnen, und denen Innigkeit zutrauet, die so gar schön und gerecht zu sprechen wissen; diese Innigkeit aber, und dieses scheinbare Ergriffenscpn ist nicht göttlichen Ursprunges, stammet nicht von selbst gemachter göttlicher Erfahrung, es ist bloße Naturgabe, Vcrstandesbchendigkeit, natürliches Urtbeil und natürliche Unterschcidungsgabe, was sie zu so fertigen Sprechern und Schriftgelehrten machet. Hinter diesen Betrug kann und vermag nur der vollkommene Mensch, der vom göttlichen Lichte ganz Erleuchtete kommen, er nur durchschauet sie als ächte Nachkömmlinge der alten Schriftgclehrten. Willst du sie, und der Herr fordert es von dir, übertreffen, diese hohlen, leeren Schwäz- zer, dann übe das selbst, was du lehrest; nicht Gerechtigkeit in Worten, Gerechtigkeit im Leben fordert Gott von dir; was du redest und rühmest, das thue selbst; wärest du zum göttlichen Lichte gekommen und in selbes eingedrungen, du würdest wenig davon reden! Kehre dich in dich selbst, schaue nach, wo es dir fehlet, bessere dich, und betrachte das Leiden unseres Herrn; Sein Leiden wird dich in Kurzem lehren, wie du die Sünde ablegen und eindringen sollst in Gott, das höchste Gut, so kommest du zum wahren Lichte. Z. 81. Willst du den Unterschied zwischen dem natürlichen und dem göttlichen Lichte kennen? ich zeige ihn dir in einem Gleichnisse an der Sonne und dem Monde. Der Mond empfängt sein Licht von der Sonne, er ist an sich kalt und feucht, und obgleich er sein Licht von der Sonne bekömmt, so ist es doch kein wärmendes Licht, das er spendet; auch tauschet sein Licht uns gar sehr, so, daß wir eine Sacke oft zweimal sehen, und sie für etwas ganz Anderes halten, als sie an sich ist; des MondeS Licht ist unfruchtbar, durch selbes wird und zeitiget keine Frucht. Die menschliche Vernunft nimmt eben auch ihr Licht von Bildern geschaffener Dinge, über diese hinaus vermag sie sich nicht zu erschwingen aus eigener Kraft in das Ueberirdische; und 91 ! wie das Mondlicht kalt und unfruchtbar ist, so ist eben auch das natürliche Licht ohne befruchtende Warme, es gell bähret wenige Frucht, die zum ewigen Leben nütze wäre: !, denn vermochte das natürliche Licht Früchte bervorzubrin- ! gen zum einigen Leben, so müßten alle weise und gelehrte Heiden im Himmel seyn, wohin uns doch einzig die Gnade ! Gottes bringen kann. Bei dem bloßen natürlichen Lichte ist und bleibet uns alles zweifelhaft und dunkel, wie bei dem Mondlichtc, es ist nichts als ein Meinen und Wähnen, nimmermehr vollkommenes Wissen; Bildersache ist nie reine Wahrheit, das natürliche Licht lebt und denket in Bildern, weil es dunkel und trübe ist und deshalb die reine, lautere Wahrheit nicht erschauen kann. Das Mondlicht ist eine wahre Aehnlichkeit des natürlichen, wie die Sonne ein Muster des göttlichen Lichtes ist. 8 . 82 . Das Licht der Sonne erleuchtet die Luft unmittelbar; das göttliche Licht erleuchtet eben auch unmittelbar aus sich selbst die Seele. Das Licht der Sonne wärmet, das göttliche Licht erwärmet die Seele zur Liebe Gottes, mit dem i Lichte spendet es seine Warme aus, die alle Ungleichheit z tilget in der menschlichen Seele. Die Sonne befruchtet al- I leö, sie ist die Mutter alles irdischen Lebens, und sendet l Leben und Gedeihen in alles Erschaffene; nimm der Erde die Sonne, und du hast alles, was da lebt in der Zeit, getödtct; sie rst die Mutter, die Gebahrerin, die Erhalte- ! rin aller Geschöpfe hienicden, ihr Gebühren und ihr Einst gehen in alles ist ein wahres, unerklürbares Wunder; sie ! ist die Mutter und Gebührerin des Fisches im Wasser, des Thieres auf der Erde, des Vogels in der Luft und anderer unbekannter Wesen, die Gott allein kennet. Das alles wirket auf gleiche unbegreifliche, aber weit erhabenere Weise die göttliche Sonne; sie ist die Mutter und Lebensspenderin aller geistigen Naturen, der Menschenseele und Engelgeifter, die die göttliche Sonne unmittelbar geschaffen hat, und auf die sie unmittelbar auch einwirket; entzöge sie ihnen ihr göttliches, allbelebendes Licht , sie sänken 92 in das tiefste Elend herab, in Tod und Verderben: denn das ist ja wohl der Tod der Seele, wenn sie der göttlichen Einwirkung und Gnade ermangelt, die das Leben der Seele sind, die sie selig machen müssen, was sie aus eigener Kraft nicht vermag. §. 83 - Wenn nun die unmittelbare Gnade Gottes zum Leben der Seele unumgänglich nothwendig ist, wie kommt es, daß man doch viele gute und rechtliche Leute findet, an welchen man gerade keinen besondern Einfluß der göttlichen Gnade inne wird, sollten diese nun alle vor Gott todt seyn? — Wir müssen die Menschen in drei Klassen theilen. Einige leben wirklich in schweren Sünden und Lastern, die sind der einwirkenden Gnade Gottes zumal beraubet, sie sind geistlich todt vor Gott; daß sie in diesem Todesstande durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes doch wieder ins Leben gerufen werden, ist ein weit größeres und herrlicheres Wunder des Herrn, als die Auferweckung vom leiblichen Tode: denn um so viel cdeler die Seele ist, als der Leib, um so erhabener und größer ist die Wiederbelebung dieser, als jenes, ja, die Bekehrung eines Sünders ist ein höheres Werk, als die Schöpfung Himmels und der Erde. — Andere hinwieder enthalten sich zwar grober und schwerer Sünden, aber unbesorgt fallen sie täglich in mancherlei Gebrechen und Unvollkommenheiten; dies sind die Lauen, die nicht eigentlich todt, aber auch nicht lebendig sind vor Gott; ihnen entziehet sich der Herr nicht ganz, Seine Einwirkung in ihr Herz ist aber nur schwach, es ist keine Einwirkung zum völligen Leben, sie selbst wähnen, der Herr wirke wenig in ihnen, oder Seine Gnade habe sich ihnen gaüz entzogen, obgleich sie sonst gute Menschen sind, die sich in vielen guten und frommen Werken üben. — Endlich finden wir auch solche, die sich alles Ernstes vor jeder schweren Versündigung sowohl, wie vor täglichen Gebrechen und Schwachheiten möglichst hüten. Daß sie nun das können und thuen, ist die offenbare Wirkung der gött- 93 lichen Gnade in ihnen, sie leben wahrhaftig, denn Gott wirket unmittelbar und mächtig in ihnen; ja Seine Gnade strömet so überfließend in ihr Herz, daß selbst die Kräfte des äußeren Menschen ergriffen, beseliget und zur Mitwirkung alles Guten ermuntert und belebet werden. Gott ist in der Seele, und die Seele ist eingegangen in Gott, sie ist verkläret in Gott, darum ist sie bewahret vor jedem Falle; in ihr erzeuget und gebühret die göttliche Gnadcn- Sonne alle Wahrheit; ihre Geburt ist wunderbar, sie ist unbegreiflich und über alle menschliche Vorstellung. Nur Gott, der sie wirket, kennet sie, und nie wird es der menschlichen Weisheit gelingen, auch nur das geringste Werk zu cnträthseln und zu verstehen, das Gott unmittelbar in einer reinen Seele wirket. Z. 84. Darum sollen die, die draußen sind, heilige Seelen nicht beurtheilen wollen, sie vermögen es nicht, es fehlt ihnen der Maaßstab; — aber auch sie, diese Hochbegnadigten des Herrn, sollen schweigen und Gottes Geheimniß in ihnen nicht jedermann verrathen, am wenigsten jenen luftigen, lebenslustigen und glatten Wortmachern, die alles nach der kurzen Elle ihres Verstandes ausmes- sen und folglich nie ermessen werden, wie und was Gott durch Seine Gnade in einer reinen Seele wirket; immer werden sie das Unrechte als Wahrheit, und diese als Lüge, Täuschung und Trug ausgeben und verschreien; sie kennen Gottes Wirkung nicht. 8. 85. Oben sagten wir, die göttliche Gnadensonne wirke in der Seele, wie die natürliche Sonne auf die Erde und ihre Geschöpfe wirke; wie diese nämlich sey eine zeugende Kraft, eine Mutter des Fisches im Wasser, des Vogels in der Luft, des Thieres auf der Erde, ebenso zeuge und gebühre die göttliche Sonne in der Menschenseele. Dieses wollen wir nun erklären und ausführen. / 94 Das Gebühren des Fisches im Wasser durch die natürliche Sonne/ was ist es iin geistlichen Sinne und in Beziehung auf die gebührende Wirkung der göttlichen Gna- densonne anders, als das Veredelen und Fruchtbarmachen aller Sinnlichkeit des Menschen, die wir ihrer Unbeständigkeit und Beweglichkeit wegen allerdings mit dem unruhigen, flüchtigen Wasser vergleichen können? Sind sie nicht in beständiger Unruhe, diese Sinne, wie das unstate, immer dahinfließende Wasser? Giebt nun die göttliche Gnade dieser sinnlichen Beweglichkeit die gute und nützliche Richtung zur Tugend, reget, beweget und lebt sie nun mit aller Thätigkeit und Behendigkeit uncrmüdct in diesen Tugendübungen, wird sie jetzt nicht wohlthätig und fruchtbar? Und ist die göttliche, sie anregende Gna- dcnsonne nicht die Mutter aller dieser löblichen Früchte und Werke? Ist sie nicht das Wasser geworden, von dem Christus sagt: „Wer von dem Wasser trinket, das Ich gebe, in dem wird es eine Duelle werden des lebendigen Wassers, das da überströmet in das ewige Leben?" Dieses lebendige Wasser ist das göttliche Licht, scheinend in die Seele und ausbrechend in die Sinne, und Leib und Seele überfließen machend mit allen Tugenden, die den Menschen führen in das ewige Leben. 8 . 86 . Und die natürliche Sonne bevölkert die Erde mit Thieren und machet sie fruchtbar. Geschieht dieses nicht auch durch die göttliche, die Seele erleuchtende und befruchtende Gnadensonne? Wenn der durch die Gnade erleuchtete Menschengeist den Leib im Zaume hält und er so mitwirket zum Guten, wird er nicht fruchtbar, und seine Früchte sind Früchte des ewigen Lebens? — Und sind des Menschen Gedanken nicht ähnlich dem Vogel in der Luft, der ein Kind der irdischen Sonne ist? Unstät, wild, bald dahin, jetzt dorthin fliegend ist der Vogel; sind die menschlichen Gedanken anders? Wer zähmet und ordnet sie, die flatterhaften? Ist es nicht die göttliche Gnade und Erleuchtung ? Sie sammelt sie und rufet sie ab aus der Zerstreuung, 95 i in die sie die Erde gelocket hat, durch sie entfliehen sie ihr und gehen ein in die ernste Betrachtung des Leidens und Todes unsers Herrn, von da in Seine ewige Gottheit, und bringen und sammeln sich unschätzbare und unaussprechliche Früchte» Ist das nicht die Wirkung des göttlichen Lichtes, j die das Herz und alle Gedanken in ihm umstrahlet und mit s seiner Wärme und Erleuchtung gleichsam umfasset und sie in ^ Gott einführet? — Unter der „Luft" können wir auch die Ij menschliche Vernunft denken: denn wie die natürliche Sonne I in ihr viel Herrliches erzeuget , so zeuget und wirket auch ^ die göttliche Sonne in der Vernunft viele wunderbare und - wonnevolle Dinge, vielfache Wahrheit, Freude, Wonne und seliges Entzücken, wovon das gewöhnliche Herz keinen Begriff, und wofür der Mund kein Wort hat, wie es dem Apostel Paulus widerfahren ist und er gesprochen hat : „Ich habe solche Dinge gesehen, von denen nicht zureden ist"; d. i» er hat solche Wahrheit erkennet, die er mit menschlichen Worten nicht aussprechen konnte, und es > mit den Worten ausgedrücket: „ Es ist nicht ziemlich, daß l man davon rede. " Schweigen dessen, ist das wahre Re- ! den darüber. Wer das, was ihm in lichtvollen Stunden i und Augenblicken der Gnade gegeben wurde, zur Schau ! traget und das Geheimniß des Herrn ausplaudert, der z hat wohl nie ächte göttliche Wahrheit erkannt und in sich ! gefunden» Die behenden Redner über ihre innere Erfah- ! rungen sind im Grunde nichts, denn eitelc, leere, geistlose Schwätzer; nicht im Reden, sagt ja der Apostel, besteht die Wahrheit, sie bewähret sich vielmehr im Schweigen und Gott-Stillehalten. Es ist nicht ziemlich, mahnet Paulus, davon zu reden; was du davon redest, bestehet doch nur in Bildern; die göttliche Wahrheit aber ist über alle Bilder und getrennt von allen Bildern, deren keines sie erreichen, oder begreiflich machen kann. — *) 2. Cor. 12, 4 - i 96 Z. 87. Die göttliche Gnadensonne reiniget auch den Willen und machet ihn vollkommen; wirkte sie das nicht, dann wäre der Mensch nie fähig, die Tugend wesentlich zu wirken, seine Werke, auch die besseren, wären nur zufällig und er würde nie vollkommen: denn die Vollkommenheit bestehet darin, daß die Tugend ihm zum Wesen geworden ist. Dazu ist null ein vollkommenerWille, einzig das Werk d«r göttlichen Gnade, unumgänglich nothwendig. Was ist nun aber ein vollkommener Wille? Ein vollkommener Wille ist ein völliges Ablegen, ein gänzliches Entsagen alles dessen, was Gott nicht ist, ein Ausgehen von allen geschaffenen Dingen. Bist du nicht in der That schon so, so sollst du es doch wenigstens dem Willen nach thuen, willst du zu einem vollkommenen Willen gelangen. Fangest du nun an, dir selbst und allem Irdischen auszugehen, dann merke wohl auf, wo es noch bei dir fehle, unterstütze den Willen durchs Werk, ersetze das Fehlende schnell. Bist du endlich in gehöriger Ordnung allen Dingen ausgegangen und hast dich in allen sogenannten zufälligen Tugenden ausgewirket, dann stehest du am Wesen der Tugend, dein gereinigter Wille dringet ein und wirket mit denn Wesen auch wesentliche Werke, denn zwei Dinge, die Eins geworden sind, haben auch ein Wirken. Jedes Ding wirket bekanntlich nach seiner Art und Eigenschaft, das Wesen wirket demnach auch wesentlich, und der Wille, der mit ihm eins geworden ist, wirket mit ihm und gleich ihm, folglich beide ein Werk. Hier ist nicht erst ein Bewegen und Treiben der Kräfte, es ist ein stilles, einfaches, ruhiges Wirken, ein stille stehendes Werk ohne alle Beweglichkeit, wie denn auch ein wesentliches Werk einzig nur gewirket werden kann. 8 . 88 . Sprichst du: der Wille ist aber eine bewegliche Kraft, wie ist er denn im Stande, ein wesentliches Werk, ausschließend alle Bewegung und Veränderung, zu wirken? 97 Ich antworte: der menschliche Wille hat zween Endpunkte, wohin er neiget, einer ist die Kreatur und die Ze>t, und der andere Gott. Hat nun der Wille sein Absehen auf das Irdische und die Zeit, dann ist er allerdings beweglich und irdischer Sinn, und irdische Neigung vermag als solche nie ein wesentliches Werk zu wirken, das gehet über sein Vermögen, und darüber hinaus rann kein Ding wirken. Unstär und veränderlich ist die Zeit wie die Geschöpfe; ist nun der Wille eines' geworden mit diesen, so kann er auch in seinem Wirken nicht anders, denn unstät, beweglich und veränderlich, er kann nicht scllst- ständig, nickt wesentlich seyn: wer wesentlich w'rken will, muß einen unbeweglichen Willen haben, was ihm aber so lange nicht möglich ist, wie lange er noch an dem Vergänglichen, an der Zeit und den Geschöpfen haftet. Der andere Endpunkt des Willens ist Gott: ist er zu Ihm gerichtet, dann ist er unbeweglich, wie Gott; denn Bewegung hat nur die Zeit und die, die sich ihr hingeben. Ist aber der Wille erhaben über die Zeit und gerichtet in die Ewigkeit, hat er sich erschwungen über alles Vergängliche und Zufällige, ist er eingedrungen in das wesentliche Gut, nämlich in Gott, siehe da! nun wirket er auch mit Gott, und wie Gottes Werke wesentlich sind, so sind auch des Willens Werke wesentlich, unveränderlich, unbeweglich: das zuvor Unvollkommene, vereiniget mit dem Vollkommenen, wirket nun in der Kraft des Vollkommenen. Und dieses wesentliche Wirken, und diese wesentliche Frucht ist das Werk des göttlichen Lichtes in dem Willen. §. 8Y. Was ist nun aber ein wesentliches Werk, und wann wirket der Mensch solches? Solches Werk wirket er, wenn das Wesen seiner Seele einfach, allein, stille, ruhig und rein ist. In dieser Einfachheit gemeinsamet er sich in und mit allen Dingen: denn je einfacher ein Ding ist, je gemeinsamer ist es mit allen; und obgleich es in alle Dinge gleichsam getheilct ist, so bleibet es doch in sich eingetheilet 7 98 und unbewegt. Dieses Gemeinsamen nun und dieses Eingehen in alle Dinge heißet ein wesentliches Wirken. In diesem Wirken ist ein Werk alle Werke, und alle sind eines ; und wie Gott in einem einfachen Blicke alle Dinge sieht und sie wirket ohne alle Bewegung Seiner Selbst, Gleiches wirket ein wesentlicher, mit Gott ganz vereinigter Wille. Das ist das Werk des göttlichen Lichtes im menschlichen Willen; denn Gott liebet einen vollkommenen Willen so sehr, daß Er ihn will lohnen mit allen Gaben und ihn fruchtbar und wirksam machen in allen Dingen. Gott giebt Sich ihm selbst: denn was wären dem Menschen alle Dinge ohne Gott? Der heilige Augustin sagt: Gäbe mir Gott alle Dinge ohne Sich Selbst, mir geschähe damit kein Genüge, sondern, wenn ich Ihn habe, dann habe ich alle Dinge und mein Herz ist beruhiget. Sehnest auch du dich nach dieser Ruhe, trachte nach einem vollkommenen Willen, dann giebt dir Gott auch alle Tugenden, alle Wahrheit und das wahre Wesen der Vollkommenheit, dann findest du in allen Dingen Ruhe. Uebe dich in allen Tugenden unermüdet und unausgesetzet so lange, bis du das Wesen der Tugend selbst ergriffen und begriffen haft; bist du dahin gelanget, dann ruhe und schweige, lasse Gott allein wirken, Er wird dir ohne deine Sorge alle Wahrheit zuflies- sen lassen: denn in ein reines Wesen strömet alle Wahrheit. Du hast nichts zu schaffen, als: Ausgehen deiner selbst, Selbstverläugnen; bist du dir entworden, dann halte Gott stille: das giebt dir alle Tugend und alle Wahrheit"). Suche beide nicht hier oder dort, du hast sie in dir selbst, jene Wahrheit und Tugend, die einzig das Erbe des wahren Geistcsarmen sind. Sie sind die Frucht des göttlichen Lichtes in einen: vollkommenen Willen, und die Frucht fallet nicht ab, sie wahret vielmehr immer und ohne Ende; je länger die Zeit der Pilgerfahrt, je größer das Zunehmen in der wesentlichen Wahrheit, je tieferes Eindringen in das wesentliche Gut, in Gott. Daran hindert dich das *) Auf Gott merken und Ihm stille halten, ist ein großes, ja das allergrößte Werk, sagt der heilige Bernard. 99 l L Schlafen nicht, nicht das Wachen, nicht Essen oder Trin- ^ ken, du bist immer und unaufhaltsam auf dem Wege Got- tcs, immer in Ihm. Das ist die übernatürliche Kraft i Gottes, Der deinen Willen führet; und so ewig der Führer deines Willens ist, so ewig ist deines Willens Lauf und Richtung. 90. ! Dieser Lauf des Willens nun, der nie aufhöret, hebet ' die obenbehauptete Unbeweglichkeit des Willens keineswegs auf; der allen Dingen entwendete und mit Gott einzig ver- ! einigte Wille bleibt und ist ewig unbeweglich. Seine beharr- ; liche Unbeweglichkeit bestehet nämlich darin, daß er sich ftr- l ner nicht mehr hinneiget zur Kreatur und der Zeit,, da er ^ über beide erhaben ist und sie auf ihn nichts weiter verr j mögen; sein Ziel ist Eines, nämlich Gott, Ihm hängt ! er unverbrüchlich an, und das ist eben die Unbeweglichkeit, ! von der wir reden; sein Laufen ist nichts anderes, als ein ewiges Eindringen in Gott, ein fortwährendes Eindringen, folglich eine unwandelbare Stätigkcit des Willens. Je heftiger das Laufen, je gewisser das Jnnebleiben, und je inniger dieses, um so schneller der Lauf, je schneller dieser, um so unerschütterlicher die Unbeweglichkeit. Z. 91. Wie ist es aber dem Menschen hieniedcn möglich, zu solcher Unbeweglichkeit des Willens zu gelangen, lebt er ja doch hier in der Zeit, und diese wirket aus ihn ein? Neiget sich nicht der Wille selbst des Vollkommenen bald auf Dieses, jetzt auf Jenes hin? — Allerdings, antworte ich, ist der Mensch geschaffen nach Zeit und Ewigkeit, beide wirken auf ihn ein, nämlich auf Leib und Seele. Der Leib ist des Zeitlichen empfänglich, er kann sich dessen, so lange er lebt, nicht erwehren, er fordert seine Nvthdurft, und der Wille gestattet ihm, diese zu suchen, ja er suchet sie selbst mit ihm und verfällt so auf das und jenes, um ihn zu nähren; so ist er allerdings unsiät und beweglich. 100 Schränket sich nun der Mensch beim Suchen seiner Nahrung auf die Nothdurst ein und bedienet sich der leiblichen Dinge mit Bescheidenheit, genießet sie als Gaben «nd Geschenke Gottes, zu Seiner Ehre nach der Lehre Jesu Christi und Seines Apostels Paulus ^, dann sündiget er ja nickt weder gegen die Wahrheit, noch gegen die Vollkommenheit, noch wird er irre in seinem Ziele, das Gott ist, vielmehr beziehet er den irdischen nothdürftigen Genuß auf Gott und Seine Liebe. So ist demnach sein Wille nicht flatterhaft noch unstat; denn nur das ist sündliche, vom Ziele abführende Willensbewegung, sich abwenden vom Guten und hinwenden zum Bösen, was hier der Fall durchaus nicht ist, der Wille giebt ja nur die Nothdurft und keineswegs den Ueberfluß zu, und auch ersteren nur nach der Lehre der Vollkommenheit. Bestehet nun der Wille unverrücket in dieser Wahrheit und Vollkommenheit, so ist er ja gewiß ein unbeweglicher Wille, er will ja nur Gott; den Sinnen gestattet er nur das Suchen, was des Leibes Nothdurft ist, und wahrlich nicht zu des Leibes Wollust und Wohlbehagen; nichts als Gottes Ehre meinet und suchet er darin; die Kräfte, die der Leib durch Genuß des Nothdürftigen empfängt, wendet der Wille zur Ehre und Verherrlichung Gottes an. So wird das Irdische eine Vermittelung des Göttlichen, der Wille bleibt unbeweglich dem göttlichen Ziele treu, was nichts anderes als die Wirkung des göttlichen Lichtes ist, die ihn zumal umgriffen hat. s. 92 . Den geistlichen Leuten wird aber doch oft der Vor- wurf gemacht, als wären sie eigenwillig, und was sie als göttlichen Willen ausgeben, sey im Grunde oft nur ihr eigener Wille? — Das mag wohl von gewissen Leuten gelten, nimmermehr aber von dem wahren Gcistesarmen; wie er sich entlediget hat von allem außer sich, so hat er >. Ccr. io, 3>. noch mehr verzichtet seiner selbst und seines eigenen Willens; er hat keinen mehr, Gottes Wille ist seiner geworden. Erwäge nur, was Eigenwille, und was gottgelassener Wille sey? Der Eigenwille meinet und suchet überall, in leiblichen wie in geistlichen Dingen, nur sich selbst, er haftet an ihnen, seyen sie, was sie seyen, sowohl äußerlich als innerlich: denn Eigenwille ist allenthalben noch da, wo der Mensch noch hinneiget auf die Kreatur und auf die Zeit, so wie Entsagung des Eigenwillens nichts anderes ist, als äußerlich und innerlich, nach Leib und Seele, Entsagen allem, was Gott nicht ist, mit gehöriger Weisheit und Bescheidenheit. §. 93. Jener Vorwurf des Eigenwillens mag wohl jene sogenannte geistreiche Leute treffen, die auf gewissen Ansichten der Lehre, oder des Lebens mit Eigensinne haften, die ihrer Vollkommenheit oder ihrem geistlichen Wachs- thume schädlich und hinderlich sind, was sie nun freilich nicht einsehen, und eben weil sie eigensinnig sind, auch belehret und gewarnet von anderen, nicht einsehen wollen. Ihrem Kopfe nur folgen sie, wie es ihnen behaget und wohlgefällt, wirken sie, und hindern so sich selbst an ihrem Besserwerden; ihre Meinung, ihr Sinn und ihr Wahn, wie grundlos und leer immer, müssen die wahren seyn; selbst wo sie Wahrheit erkennen und sie haben, wollen sie durchaus nicht zugeben, daß ein Anderer sie eben so erkenne und besitze, wie sie, sintemal sie die allermeiststen sind. Werden sie vollends Erfinder einer neuen Ansicht, dann grünen die Lorbeern, dann tönen die papier- nen Trompeten, die Herren sind Wcltcnschöpfer geworden; was um sie her ist, ist Vieh, ist unverständiger Troß und Pöbel-Seele. §. 94. Doch nur Wenige sind so ekelhaft eitel; die Besseren im Chöre des Eigensinnes bestehen nicht so eisenfest auf ihren Meinungen. Sie trauen sich eben nicht alle Weisheit zu, verachten auch nicht so unbarmherzig alle An- ? dere, doch freuen sie sich des Gefundenen zur Ungebühr r und können seiner nicht satt werden. Dabei bleiben sie i stehen und vergessen des Göttlichen, des Höchsten, was über alle Sinne ist; die Vernunft erreichet es nicht, der Verstand fasset es nickt und die Denkkraft erfindet es nicht; es wird vielmehr gefunden, wenn sie sämmtlich schweigen und Gott allein reden lassen Sein Wort in ihrem Innern; in dieser Ruhe, in diesem Schweigen redet der Herr. Daß dies dir nicht wird, das schreibe deinem eingelassenen, eigensinnigen Willen zu, der dir so gar schädlich ist. Glaubest du denn unserem Herrn nicht, wenn Er sagt H: „Ihr sollet nicht denken, was ihr reden werdet, wenn sie euch stellen vor den Fürsten; denn es soll euch gegeben werden in derselben Stunde, wie oder was ihr reden sollet." Hat Christus damit was anderes sagen wollen, als: der Mensch soll sich und sein Herz nicht so bekümmern mit bildlichen Gedanken und diese zwischen Gott und seiner Seele, beide störend, stellen, vielmehr soll er seine Vernunft, Kunst und Eigenwillen schweigen und Gott allein Sein Wort reden lassen. Das wird ihn wohl besser unterrichten, ihn weiter fördern, als all sein Denken, Lernen und Kunst; der Herr wird ihm geben, wie und was er reden soll, wenn es die Noth und des Nächsten Bestes fordern. Davon war David überzeugt und sprach diese Erfahrung in den Worten aus „Selig ist der Mensch, den du, o Herr, lehrest." Hörest du! wenn du schweigest, dann spricht Gott allein in dir Sein Wort, und Sein Wort machet dich selig und lehret dich alle Wahrheit. Z. 95. Mißbrauche aber das Gesagte nicht, was du aber allerdings thun würdest, wenn du daraus für dich die 103 Folge ziehen und sagen wolltest: wenn es das Höchste und Beste ist und der gerade Weg zur wahren Vollkommenheit, Schweigen, jeder Beschäftigung und jeden: Wirken nach Außen zu entsagen und einzig und allein merken, was Gott in die Seele spricht, dann muß ich wohl auch jede äußerliche Tugenvhandlung, würde sie auch die. Nothdurft oder die äußere Pflicht von mir fordern, unterlassen, weil ich sonst Gottes Wort in mir und Sein Sprechen nur stören und hindern würde? — Willst du die Sache so nehmen, dann hast du sie gar gefährlich und arg mißbrauchet. Wann offenbare Pflicht, Liebe des Nächsten, folglich Noth von deiner oder eines Anderen Seite dich zur Thätigkeit, zu einer äußerlichen Tugend- handlung, zur Hülfe, oder Beistand u. dgl. auffordern, da sollest uno müssest du wirken; unterließest du es, dann erfülltest du nicht Gottes Willen, du fröhntest nur deinem Eigenwillen, in welchem du noch befangen bist '). — Bist du doch bei weitem noch nicht dahin gekommen (und wie Wenige, oder auch nur Wer hienieden gelanget dahin?), dich in allen und jeden Tugenden ganz, durchaus ganz, ausgewirket und ausgeübet zu haben? Ist für dich kein Gegenstand, gar keiner, außer dir zu wirken, da? Ist dir denn schon die Tugend, der Inbegriff aller tugendhaften Handlungen, zum Wesen, die zufällige, wie wir sie oben nanntesi, zur wesentlichen Tugend ^ *) Der heilige Franz von Sales sagte seiner geistlichen Tochter, der gottseligen Franziska von Chantal: Immer müssen wir mit Gott vereiniget seyn; werden wir aber znm Dienste unseres Nächsten mit einigen Geschäften beladen, dann sollen wir diese Arbeit als das beste Gebet ansehen. Und derselbe Taulcr sagt in der Aleäulln sirimae : „ Wenn der Mensch auch in so großer Contemplation wäre, als die heiligen Petrus und Paulus. und wüßte einen armen kranken Mensche», der eine Suppe, oder sonst was begehrte, so wäre es viel besser, daß er seine Contemplation unterließe, und dem armen Menschen in großer Liebe diente: denn man soll die Gebote Gottes um keiner Uebung willen fahren lassen, sie sey auch so groß, als sie wolle. Es ist Gott lieber, daß man Gott um Gotteswillen lasse, und Seinen Gliedern diene. Darum soll man nicht meinen , als würde durch ein Liebeswerk etwas Gutes versäumet; denn was aus freiem und gutem Willen unterlassen wird, das wird viel edeler wieder gegeben, wie Christus sagt: „Wer Etwas um Meinetwillen verläßt, der wird es hundertfältig wieder empfangen."" - ,-w- geworden? So wirke denn fort, wie die Nothdurft, die Liebe, die Pflicht dich auffordern, wirke wie Jesus Christus ! Ihm wirst du dich doch noch nicht gleich stellen wollen? und wäre es, so weißt du ja, wie Er, das wahre Wesen aller Lugend, wirkte bis zum letzten Athemzuge. Wohl brachte Er ganze Nächte im inneren Gebete zu, der Morgen aber fand Ihn immer wieder als den wohlthätigen, menschenfreundlichen Heiland, Helfer und Erbar- mer in der Mitte der Seinen, der Bedrängten und Verlassenen! — Allerdings sollst du einkehren in dein Inneres und dort wahrnehmen des göttlichen Lichtes, das dir zeigen wird, was es von dir verlange und fordere. Folgest du dem Lichte, dann fröhnest du nicht deinem, du huldigest und unterwirfst dich dem Willen und Lichte Gottes, das dich zu jeder Tugend treiben und beleben wird. 8 . 96 . Es ist aber, entgegnest du, doch immer eine gefährliche und zweifelhafte Sache mit dem sogenannten inneren Lichte; leicht haltet es Mancher, und Viele schon sind betrogen worden, für ein göttliches Licht, was am Ende ein blos natürliches, oder wohl gar ein teufelisches Licht ist; weit rathsamer wäre es, sich der Belehrung und dein Rathe eines erleuchteten Lehrers anvertrauen, als sich selbst zu trauen? Das ist allerdings wahr und besonders da nothwendig, wann der Mensch noch im Zweifel stehet; der soll sich zu seinem Besten der Anweisung und Belehrung eines erleuchteten Mannes anvertrauen. Was ihm dann von demselben gegeben wird, das trage er zur reifen Ucberlegung in sein Herz ein, bleibe nicht sklavisch am Buchstaben und dem Worte des Lehrers hangen, er lerne innerlich und in nöthiger Unterscheidung; was er dann Gutes und Ersprießliches dessen inne wird, dem folge er; und damit er auch hier nicht irre, so gehe er vor allen Dingen ein in ernste Betrachtung des Leidens und Todes unseres Herrn; was er in dieser Schule lernet, dem folge er und vergleiche das empfangene Menschenwort des 105 Lehrers mit den Aussprüchen der heiligen Schrift und der allgemeinen Lehre der Kirche, die er hören soll, so kann er nicht irren. — Nicht stehen bleiben beim Worte und Rathe des Menschen und hören, warten und glauben, was der saget oder gar befiehlt, sondern Gottes soll er harren und Seines innerlichen und äußerlichen Wortes, wie Er es der Kirche anvertrauet hat; dahin wende sich sein Wille und Gehorsam, so gelanget er zur wahren Gelassenheit in Gott. Mcnschenrath ist Menschenrath und führet niemals zu wahrer Vollkommenheit; Gottes Rath ist die wahre, göttliche, vollkommene That; darum abermal: „Selig der Mensch (wie David sagt), den der Herr lehret." 8 . 97 . Die Lehre eines frommen und erleuchteten Lehrers ist aber doch von Gott, warum soll man ihr nicht geradezu folgen? Die Lehre eines guten, frommen Menschen ist nun freilich von Gott, aber doch nur mittelbare Lehre, und der, welcher ihrer bedarf, mag sie allerdings befolgen, wenn sie dem Worte Gottes in der heiligen Schrift nicht widerspricht; ich sage, wer ihrer bedarf: der aber bedarf ihrer nicht, den Gott unmittelbar in seinem Innern belehret hat. Er bedarf ferner nicht, daß einer der Menschen ihn lehre; denn Gott hat in ihm ein untrügliches Licht geoffenbaret und er hat Gottes und Seiner Belehrung solche Fülle in sich, daß er aller Menschen und aller Menschenworte und aller Menschenweisheit gänzlich vergisset. 8 . 98 . Dieses unmittelbare Offenbaren Gottes in der Men- schenscele hat zwei Kennzeichen: erstens, im Menschen entstehet ein neues von ihm nie erkanntes Licht; dieses theilet sich mit einer neubelebenden Wärme, ja mit einer Glut dem Leibe selbst mit, so daß der Mensch auch leiblich und fühlbar gewahr wird der Nähe und des Jnneseyns Gottes. An dieser durchglühenden Flamme des Lichtes erkennet er dessen göttlichen Ursprung; denn kalt ist das Licht, welches die Natur mittheilet, heiß und brennend das göttliche Licht. 106 Zweitens, ist diese unmittelbare Offenbarung Gottes in der Seele, die sie erfährt, eine unerschütterliche Gewißheit, ein innerer, unwiderlegbarer Beweis, der durch nichts zu tilgen ist; sie ist ein unmittelbares Wissen; und spräche die ganze Welt: Nein! es ist nicht von Gott! der es erfahren hat, wird nicht irre daran, die Wahrheit, die ihm geworden ist, die Gewißheit, die ihm gegeben ist, ist von Gott, solche kann Niemand geben. Bei dem natürlichen Lichte wohnet immer der Zweifel, ein Wähnen und Meinen, hier aber ist kein Wahn, kein Meinen, es ist ein reines Wissen. — Wer es erfahren hat, weiß, was ich rede, und weiß, daß es wahr ist; wer es nicht erfahren hat, der kann weder dafür, noch dawider reden "). *) Was ich bei dieser Anhrnft des Herrn in mein Herz erfuhr, sagt I. A. Kanne (der wohl auch hier wird reden dürfen, weil er aus Erfahrung reden kann), und wie ich's erfuhr, ist mit Worten nicht zu sagen, und was ich sagen könnte, muß ich verschweigen; erfahr es selber, wer cS wissen will, und jeder kann's und wird's, so, oder anders, gewiß und wahrhaftig erfahren. An Ecstase, Exaltation, oder wie man es nennen möchte, kann hierbei keiner denken, da ich es nicht in einem heißen Bet- kampfe, oder sonst in heftiger Bewegung des Gemüthes erfuhr, sondern während ich ganz gelassen, ruhig und besonnen war. Jetzt erst verstand ich aus eigener, lebendiger Erfahrung, was das neue Leben bedeutet; daß nämlich Christus denen, die Ihn ernstlich suchen, schon hier zeigen will, daß Er durch den Hauch Seines Mundes das ursprüngliche, durch die Sünde erstorbene Leben wicdcraufcrwecken wird, indem Er der Seele in solch lebhaftem Vorgeschmack den wiedcrgebornen Menschen zeigt. Hiermit entspringt in der Seele eine Liebe zu Ihm , eine unerschütterliche Gewißheit und ein innerer Beweis, die durch nichts mehr zu vertilgen sind, als durch den allergrößten Abfall, wenn dieser dann noch möglich wäre. Ich weiß es nun so gewiß, daß mein Erlöser lebt, daß mir alle andern -Beweise völlig überflüssig sind. Leset keinen. Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion, sondern erfahret ihn. Daß dann dieser Er- sahrungc-beweis nicht etwa ein bloßer Em p fi n d u n g sb e wci s ist, das mag der Unerfahrene, aber nach Christo Begierige, einstweilen aufs Wort glauben. Was Christus giebt, das ist nicht nur höher als alle Vernunft, sondern auch höher, als alle unsere jetzige Empfindung: es ist ein neues Leben, und als solches auf s Deutlichste erkennbar, obgleich mit keinen Worten zu bezeichnen. Aber Glauben müßt ihr haben, dringendes Bedürfniß und empfängliches, rein empfangendes, nicht selbst hervorbringen wollendes Herz. Dann wird euch große Gnade widerfahren, und ihr werdet in irgend einer Stunde einmal sagen können: mir und in mir ist heute der Heiland geboren! Siehe I. A. Kanne, Leben und aus dem Leben, S- 291 —92 im Anhange. Von der wahren Armuth des Geistes oder der höchsten Vollkommenheit des Menschen. Z w o t e Abtheilung. Z. 1. §^ir haben aus dem Vorhergehenden ersehen, daß die höchste Vollkommenheit des Menschen in wahrer , vollkommener Armuth des Geistes bestehe und daß nur sie die höchste Stufe der menschlichen Vollkommenheit sey. Nun wollen wir denn auch zeigen, auf welche Zielpunkte sein inneres Auge müsse gerichtet seyn, um selbe zu erreichen. Dieser Zielpunkte erster ist das Leben und die Lehre Jesu Christi, wie nämlich Er Selbst die Armuth nicht nur gclehret, sondern sie auch gelebet habe. Diesem Leben nun und dieser Lehre sollst du folgen, o Mensch! willst du vollkommen seyn. Liebest du Ihn, dann hältst du Seine Gebote; denn daran will Er dich erkennen, da Er sagt: „ Wer mich liebet, der haltet meine Gebote und höret mein Wort." Diese Liebe zu unserem Herrn hat aber zwei Grade: die unterste Stufe, auf der jeder, der selig werden will, unnachläßlich stehen muß, ist die Beobach- ros tung der bekannten zehen Gebote. Die zwote und erhabenere, auf der sich die Liebe reiner erproben soll, ist die Lehre des Evangeliums, die man unter dem Worte „Räthe des Herrn" verstehet und worin er uns mahnet und rufet. Ihm nachzufolgen in einem entäußerten Leben, mit den Worten „Wer Mir nachfolgen will, verläugne sein selbst." §. 2. ' Dieses „sich selbst, sein selbst", was verläugnet werden muß bei der Nachfolge Jesu Christi, bestehet in vier Dingen. Das erste ist des Menschen sündliche Gebrechlichkeit, sein Fallen in die Sünde. Dieser Sünde nun und dieser Neigung zu ihr soll er täglich sterben und sich hier mit allem Ernste verläugnen. Das zweite ist des Menschen Neigung auf die Kreaturen; er sucht nämlich und will seines Gleichen. Diese Neigung nun soll er todten und von den Kreaturen sich möglichst fernen, denn Gott und das Geschöpf können in einem Herzen nicht wohl zusammen stehen; soll Gott in der Seele wohnen, so muß die Kreatur draußen bleiben. Drittens soll der Mensch aller fleischlichen Lust entsagen, denn des Fleisches Freude schließet Gottes Trost und Freude aus; wer anderswo Trost suchet, nämlich außer Gott, sagt der heilige Bernardus, der wird Gottes Freude und Seine Tröstungen nie erfahren. Viertens soll der wahre Nachfolger Christi nicht nur der rohen Fleischeslust, sondern auch jener geistigen und doch nur natürlichen, folglich jener feinern Naturlust entsagen, die er aus der Erkenntniß geistlicher oder natürlicher Dinge schöpfet. Der Mensch erhebet sich durch Verstand und Vernunft gar wohl über das rohe Irdische hinan und erschwinget sich in Vorstellungen, in Formen und Bilder des Geistes, und reich wird sein Geist an mancherlei Kenntnissen und Beobachtungen, was ihn denn hoch erfreuet; diese Freude aber ist doch Luc. 9, »Z. 109 nur Lust der Natur, obgleich sie alle niedrige Lust des Fleisches weit übertrifft. Haftet nun das Herz an dieser verfeinerten Lust, dann hinderet es sich selbst, daß Gott Seine gnadenvolle, übernatürliche Freude der Seele nicht mittheilen kann. So verfallet dann der Mensch in den argen und gefährlichen Wahn, daß er die Wirkung der bloßen, obgleich verfeinerten Natur als Wirkung der Gnade ansieht, ihre Gaben, als Gottes unmittelbare Gaben; und wenn gleich diese Lust des Geistes das Herz nicht so roh bcthöket, wie jene des Fleisches, so hindert sie denn doch allerdings das Fortschreiten zum Wahren, Besseren und Vollkommenen. Und deshalb mußt du ihr entsagen, oder du treibest die Sache nach Art der Heiden, nicht wie sie der wahre Nachfolger Christi betreiben sott; jene trieb die Luft der Natur zur Erkenntniß der natürlichen Wahrheit, du sollst aber der Wahrheit, die unmittelbar aus Gott ist und zu Gott führet, und zwar auf dem Wege Christi nachjagen. 8 . 3 . Diese vier crstgemeldeten Dinge nun sind des Menschen Ich oder sein Selbst, die er verläugnen und in sich ertödten muß. Dieses vierfache Selbst fordert nun eben auch eine vierfache Tödtung. Zuerst also todte er die Sünde, und wie anders, als durch die Tugend? Entfernet von Gott hat ihn die Sünde, er ergreife die Tugend, die ihn Gott wieder nahe bringt; der heilige Paulus sagt „Wie ihr habt dargeboten eure Glieder, zu dienen der Sünde in Ungerechtigkeit, so gebietet nun auch euren Gliedern, zu dienen der Tugend in Gerechtigkeit." Und weil der Mensch nach seiner verderbten Natur zu allen Sünden hinneiget, so muß er denn, um sie alle zu besiegen, sich auch in allen Tugenden üben, und nie glaube er sich sündefrei, so lange er sich nicht in allen und jeden Tugenden geübct und selbige sich eigen gemacht hat. ) Röm. 6, iy. 116 Z. 4- Fragest du: wer-weiß es auch, ob er alle Tugenden habe, folglich auch die Sünde in ihm ganz ertödtetsey? Ich beantworte diese Frage mit den Worten des heiligen Johannes "): „Wer aus Gott geboren ist, sündiget nicht." Denn in demselben Momente, in welchem Gott der Vater Seinen Sohn in der Seele gebühret, vergehen und sterben alle Sünden, verschwindet jede Unähnlichkcit mit Gott und alle Tugenden werden in der Seele geboren; sie erhält das Gott gleichförmige Bild wieder und der Mensch siehet dann ohne Sünde und in allen Tugenden. Ferner auch daran kann der Mensch erkennen, ob er alle Tugenden habe, wenn er seine ganze Seelenkraft auf ihre Erwerbung und Uebung verwendet, sich durch fortgesetzte Uebung selbe sich so eigen gemacht und zur Fertigkeit erhoben hat, daß er sie nicht mehr wirket als zufällige Pflichten, sondern sie als sein Wesen betrachtet, in welchem er einzig wirket und^wirken will; das vermag aber nur der zu thun, der aus Liebe der Tugend sich selbst und allen Dingen entsaget, sich Gott allein ergeben hat und nun in Ihm nur die Tugend wirket. 8 . 5 . Hier müssen wir einem Mißverstände vorbeugen, der aus dem Schlüsse entstehen würde, wenn man sagte: hat der Mensch die Tugend vollkommen und wesentlich, so bedarf er ja keiner Tugenden weiter? Darauf antworten wir in zweifacher Hinsicht. Wir kennen einen äusseren und einen inneren Menschen. Der äußere Mensch kann der Tugenden nicht zu viel haben, ihm wird es immer Bedürfniß bleiben, nicht nur, daß seine Tugenden wachsen in der Zahl und in der Größe, sondern auch in der ächten Lauterkeit und Reinheit; nämlich so lange er hienieden lebet, soll und kann er immer und allzeit in der Tugend und an Tugenden wachsen und zunehmen und immer streben, sie ') Joh. 3, 9 . 111 je mehr und mehr zu läuteren und zu reinigen, das muß sein Wille und sein Geschäft seyn bis an sein Ende. Der innere Mensch aber, der die Tugend wesentlich besitzet, bedarf keiner mehr in dem Sinne, daß sich die Zahl der Tugenden in ihm mehre; er hat das Wesen der Tugend, die Tugend in sich selbst, somit alle und jede besondere Tugenden; nur die Liebe zur Tugend kann und soll in ihm wachsen, so nimmt auch die Liebe zu jeder besonderen Tugend in ihm zu, und diese Liebe zur Tugend wird sie immer mehr läutern und reiner machen. So wird die Sünde mit der Tugend überwunden. §. 6. Der zweite Gegenstand der Verläugnung und Töd- tung des Menschen an seinem Ich ist die Liebe der Kreaturen; die überwindest und besiegest du mit der Armuth des Geistes, die, wie du weißt, nichts anderes ist, als: Ausgehen seiner selbst und alles Irdischen. Thuest du das, dann haft du die ganze Welt verschmähet; die wird dich nun auch weidlich wieder verschmähen, und so seyd ihr denn beide geschieden. Die Welt greifet nach dem Ihrigen, nimm du das Deine, Gott und Seine Liebe; was Er dann giebt, ist Seine Gabe, sey es, was es sey, Geistes oder Leibes Noth, du nimmst es hin, denn Er giebt's; und meinest du, das oder jenes, sechs nun schlimm oder gut, komme von jemand anders, denn von Gott, dann bist du kein wahrer Geistesarmer. Das Gute, was man so nennet, kommt schon einmal gar nicht von den Menschen an dich, denn nimmermehr ist die Welt dem wahren Geistesarmen günstig; wären es Einzelne doch, so glaube sicher, das habe die Kreatur nicht, sondern Gott habe es gethan; sie ist von Gott, diese Gabe, und darum ist sie gut und edel. Deine Freunde, durch Blut und Natur mit dir verbunden, entziehen dir ihre natürliche Liebe; was sie dir Liebes etwa noch erweisen, ist nicht ihre Liebe, ist Gottes Gnade durch sie an dich. Darum hat die Gabe, einem wahren Geistesarmen gegeben, so großen Lohn in sich; nicht der Mensch giebt, es ist Gottes Gnade durch den 112 Menschen, und diese Gnade ist fruchtbar in dem Geber, sie führet ihn mit dem Armen ins Himmelreich ein. Z. 7. Dein drittes Selbst, o Mensch, das du verläuz- nen uns dem du ganz entsagen sollest, ist die Lust dcS Leibes. Diese nun wirst du nicht sicherer und kräftiger überwinden, als durch anhaltende, innere Betrachtung des Leidens und Todes unseres Herrn; lner wird dein Inneres gereiniget und geläutert. In dieser Läuterung entzündet sich ein Licht, dessen Hitze jede Klessckes- lust ertödtet, dagegen in der Seele eine göttlich geistliche Wonne erzeuget, die alle Erdenlust übersteiget. Willst du sie kosten, diese göttliche Wonne, lege deinen Mund an die Wunden deines Herrn, was du suchest, wird dir im vollen Maaße zuströmen. Höre nickt auf, trinke fort, göttlicher Trost, göttliche Süßigkeit wird dir rm reichsten Maaße werden; ja süß sind die Wunden unseres Herrn, heilbringend und freudevoll, erquickend das Herz mit himmlischem Troste! Trost suchest du ja; so suche ihn denn in den Wunden Jesu, hier wirst du ihn finden, wie du ihn nirgends finden und erhalten kannst. Besteige den hehren Baum des Kreuzes, ruhe in seinem Schatten und genieße seine heilbringenden Früchte, die nie sich mindern, nie abnehmen. §. 8. Klage nicht über den Mangel der Gnade in dir, du hast dessen die einzige Schuld; warum suchest du sie nicht auf dem rechten Wege? warum suchest du sie nicht auf dem Wege des Kreuzes und des Leidens deines Herrn? Hier würdest du sie finden, und zwar im vollsten Maaße und gesegnet mit himmlischem Troste. Lasse dich von der ersten Bitterkeit, die du bei Betrachtung des Leidens unsers Herrn empfindest, nicht zurückschrecken, diese Bitterkeit liegt nicht in ihm, sie liegt in dir, in deiner sinnlichen Lust, der du noch stöhnest; diese muß und wird freilich sich peinlich fühlen, sie soll aber, sie — die da sterben soll, gepciniget werden, damit dir die Freude des Geistes werde, jene geistliche Wonne, die du noch nicht kennest, weil du sie noch nicht erfabren hast. Scheuest du diese erste Bitterkeit, deren Ueberwindung d>r doch so übcrschwänglich ersetzet werden soll, dann wirst du der Bitterkeit — der ewigen und unheilbringenden — nie ledig werden. So klimme denn hinauf auf den Baum des Kreuzes, scheue die erste Mühe nicht, sie ist auch die letzte, die Früchte des Baumes winken dir entgegen, sie , sind für dich da, wolle sie nur, der Baum hängt voll von ihnen, spendend volle unaussprechliche Gnade. Selig der, der diesen Hort gefunden hat, unselig der, dem er verborgen und unbekannt ist, oder der die Mühe scheuet, ihn zu finden und aufzusuchen; und doch ist hier die lebendigmachende Frucht des wahren Paradieses allein zu finden, wer sie isset, stirbt nimmermehr. Die verbotene Frucht aß Adam, und ward sterblich; esse du die Früchte des Kreuzes, und lebe! greifest du nach der verbotenen Frucht, die die Sinnen und Fleischeslust dir bieten, die Frucht des Todes, dann erntest du auch den Tod und verlierest das Paradies. Wer die Frucht des Lebens gekostet hat, dem schmecket sie immer süßer und lieblicher, er kann sich ihrer nicht satt essen, er hungert immer mehr nach ihr während seiner irdischen Pilgerfahrt und nichts kann ihm genügen, nichts von allem dem, was Gott erschaffen hat, als Er Selbst; Ihn suche Er, Er soll und will seine Speise, sein Labsal seyn im Sakramente des Leibes und Blutes unseres Herrn. Willst du sie tadeln oder zurückdrängen, die da hungern und dürsten nach der Frucht deS Lebens? Tadle den oder wehre es ihm, der da stehet auf dem Baume, der sein eigen ist, und sich die süße Frucht des Baumes schmecken läßt! Der Christ stehet und ruhet ja eben auch auf seinem Baume, auf dem Baume des Kreuzes, der voll der süßen Früchte ist. Das Sakrament des Fronleichnams ist nun diese köstliche Frucht des Kreuzes; wer sie zu seinem Heile will essen, der breche sie ab vorn Kreuze mit stätcr innerlicher 8 114 Betrachtung des Leidens unseres Herrn. Das wollen dann die, die draußen sind, tadeln und urtheilen den freudigen Genießer, sie sind aber Sünder, diese Tadler, sie achten das Leiden des Herrn nicht, sie glauben Ihm nicht; wäre es, sie gingen wohl selbst fröhlich zum Sakrament des Herrn, was ihnen sehr nütze und gnadenreich wäre, tilgend ihre Sinnenlust, tilgend alles, was ungöttlich in ihnen ist, tilgend die Scheidewand, die sie geichet laben zwischen Gott und sich. Denn ein brennendes, verzehrendes Feuer ist das Leiden unseres Herrn, es ist jenes Feuer, das zu senden Er gekommen ist, das zu brennen Er gesendet hat; das Feuer der göttlichen Liebe, die Er spendet aus Seinen Wunden, das alle Eroenlust, Fleischeslust und alle zeitlichen Dinge verzehret. §. 9 - Diese Freunde und Liebhaber des Kreuzes bedürfen außer dem einzigen Rufe: Kommet herein, bleibet darin! keiner weiter» Mahnung ferner; denn eingegangen in des Herrn Leiden, durch und durch ergriffen von ihm, lebet in ihrer Seele nichts ferner, als Dank, innigster Dank gegen Den, Der sie hereingeführet hat, von Dem sie nun nicht mehr lassen können, Der sie auscrwähler als seine L-eblinae, wie es ehemals der Herr that mit seinen Lieblings-Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes, Der sie sonderte und abführte von den Andern an einen besonderen Ort und ihnen das Geheimniß Seines Herzens und Seines Leidens entdeckte und zu ihnen sprach: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod." Das war doch gewiß ein offenbares Zeichen, daß Er sie mehr liebte, denn die Andern. So liebt auch dich Gott vor Anderen, wenn du liebest und bedenkest das Leiden unseres Herrn. Als Liebhaber des leidenden Jesus stehest du in Seiner Nähe, stehest an der Quelle, kannst dich unmittelbar laben an der Quelle, von welcher unaufhörlich die göttliche Lsibe strömet, die dich berauschen wird zu einer so heftigen Gegenliebe, daß du Allem und Jedem entsagen kannst uns wirst, nur einzig Ihm nicht. Ii5 §. 10. Und die sind denn auch die ächten Liebhaber Gottes, die Gott lieben aus ganzem Herzen, die Ihm zu Liede allem Irdischen entsagen, das schwache, zum Leiblichen noch immer, obgleich nur leise hinneigende Herz demselben mit Gewalt entreißen, es Gott zmn Opfer bringen und so in der That beweisen, daß sie Gott lieben aus ganzem Herzen. Sie lieben auch Gott aus ganzer Seele, sie übergeben Gott ibr eigen Leben; denn die Seele ist des Leibes Leben, und dieses Leben wenden sie einzig zur Verherrlichung Gottes und Seines Willens an. Auch aus allen Kräften lieben sie Ihn, sie stellen alle Scelenkräfte unter die Zucht der höchsten Vernunft und Weisheit, ordnen und richten sie alle auf das Eine und dringen so in Gott ein, und weil sie alle schweigen, so kann Gott in ihnen ungehindert sprechen, und was Er dann spricht, ist göttliches, unaussprechliches Wirken. Sie lieben auch Gott aus ganzem Gemüthe; ihr Gemüth nämlich erhebet sich über alles Erschaffene, dringet ein in das »»erschaffene, höchste Gut, in Gott und verlieret sich in diesem verborgenen Abgrunde des uncrforschlichen Gottes, entwird sich selbst ganz und will sich aus diesem unermeßlichen Abgrunde, aus dieser unnennbaren höchsten Seligkeit nicht ferner für etwas Vergängliches herausfinden. Wie der Stein, geworfen in ein grundloses Meer, immer und immer fallen und sinken müßte und nimmer geholet werden könnte, da er nirgends ruhet und seinen Endpunkt nicht gefunden hat, eben so geschieht es dein Gemüthe, das sich eingesenket hat in den Abgrund der Gottheit: es versinket und erreichet den Grund doch nicht, denn der Grund ist uner- schaffen und ewig, nicht ein endlicher Grund, wie alles Geschaffene; es ist ausgegangen von diesem und kann von ihm nie mehr ergriffen oder gehalten werden, es ist in Gott, es schwebet und lebet ewig in Ihm, es kann aus Ihm nimmermehr kommen, so wenig wie der Stein aufwärts kann kommen aus eigener Kraft. Das begrest 116 fet nun freilich der sinnliche Mensch nicht, an ihm wird es immer wahr bleiben: so lange er lebt, ist er vor dem Falle nicht sicher, er, noch befangen von der Sinnlichkeit. Diese sich entwvrdenen Menschen aber leben nicht mehr in der Zeit, ihr Leben, „ihre Wohnung, wie Paulus sagt, ist im Himmel." Wer nun ganz eingegangen ist in diese Wohnung, in diesen Himmel, der muß darin bleiben, er vermag nicht mehr daraus zu kommen. Binde einen Menschen mit starken, unzerbrechlichen Banden, binde hundert derselben, vermögen sie sich zu ledigen ohne Hülfe eines Anderen? So hat Gott das sich entwordcne Gemüth gebunden, daß es unvermögend ist, sich von Ihm zu lösen, oder von der ganzen Welt gelöset zu werden, ja selbst den Willen zu dieser Lösung hat es verloren; es liebt das Band, es soll nicht zerbrochen werden. §. 11 . Damit hebest du ja die Freiheit des Willens auf, ent- gcgnest du? Ich sage: nicht nur nicht aufgehoben wird die Freiheit des Willens, sie wird vielmehr erst gegeben, dieses göttliche Liebeband ist ja erst die wahre Freiheit; oder kennest du eine andere Freiheit, als das Vermögen und die Kraft, nichts anderes zu wollen, als was Gott will? — Sage an, wer ist ein freier König? doch wohl der Unüberwindliche, der mit unbeschränkter Gewalt herrschende; gewiß jener nicht, der überwunden von seinen Feinden, aus seinem Besitzthume getrieben wird! Siehe, so ist auch der Wille ein freier König, wenn er seine Feinde überwindet und sie in Gott, in Dem er, nach Paulus Worten, „alles vermag ", bändiget und im Zaume hält. Zu diesem Siege verhilft ihm das ernstliche Andenken und statt Betrachten des Leidens unseres Herrn. Wer dahin noch nicht gelangt ist, zu dieser die Welt besiegenden Selbstver- läugnung, der glaube nur, daß er in das Heiligthum und in das Geheimniß des Leidens des Herrn noch nicht eingegangen ist, dem ist das Geheimniß des Kreuzes noch unbekannt, der hat die süße Frucht dieses Lebensbaumes noch nicht gekostet. 117 Z. 12. Haft du aber, wie wir bisher zeigten, gestrebet, nicht mir der Sünde und der bösen Neigung dazu täglich zu sterben, dein Vergänglichen und der sünvlichen Anhaftung an die Kreaturen zu entsagen, sondern auch die rohe Fleischeslust, und was ihm behaget, zu todten durch ernstliches Andenken lind Eingehen in das Leiden deines Herrn, so sieht dir nun der letzte, aber auch der feinste Feind, dein verfeinertes und doch noch gebrechliches D u zu bekämpfen bevor. Du sollst nämlich nun, und bist du Sieger geworden in den drei erstgenannten Dingen, so wirst du auch in dein vierten siegen; du sollst nämlich, sagen wir, auch jener feineren Lust, die du sctwpfest in dir aus der Erkenntniß geistlicher oder natürlicher Dmge, entsagen, dann wird dir die vierte und höchste Reinigung werden, indem du in einem stillen, inneren und geheimen Svrecbcn das ewige Wort des Vaters, oas Er im Grunde deiner Seele spricht, hören und vernehmen wirst. Dieses Hören und Sprechen Gottes treibet aus deinem Innern alle geschaffenen Bilder, so daß du nun auch aller geistlichen, im Grunde doch nur natürlichen Lust entsagen wirst, die dich ehemals, aus selbst geschaffenen Bildern, Vorstellungen und Formen hervorgehend, so sehr anzog; nun wirst du nichts hören und hören wollen, als dieses ewig in dir ausgesprochene Wort des Vaters, in welchem du Ihn allein vollkommen erkennen und lieben wirst. Das sprach Christus aus in den Worten: „Wer Mich liebet, der höret Meine Worte", d. i. Ich spreche in ihin, und wenn er dies Sprechen leidet und höret, so wird er Mich lieben. Siehe, das ist das Höchste und Vollkommenste, was du thun und wirken sollst und kannst: schweigen, Gott leiden und Ihn an Seinem Werke in dir nicht hindern. §. 13 . Und was ist nun dieses Wirken Gottes? In Gott ist ein zweifaches Wirken: das eine ist ein inneres Wirken und ist Gottes Wesen und Seine Natur; das andere 118 ist ein Wirken nach außen, und alles Erschaffene ist Sein Werk. Wie nun die Kreatur von Gott als ibrcm Ursprünge ausgegangen ist, so sott sie in Ihn wieder zurückkehren; darum wirket Gott in der Seele, daß Er sie wieder zurückbringe in ihren ersten Ursprung, von dem sie ausgegangen ist; und weil sie aus eigener Kraft in diesen ihren ersten Ursprung nicht zurückkommen kann, so ist es für sie unumgänglich nothwendig, sich dergestalt zu befähigen, daß sie der Einwirkung Gottes empfänglich werde, um so in ihren Ursprung und zu ihrem Ziele und Ende, zu Gott nämlich wieder zu gelangen. Das ist das „Eine Nothwendige", von dem Christus sagt, ohne welches wir nicht zu Gott kommen können '-ch 8 . 14 . Kann nun der Mensch mit seinen Werken nicht zu Gott kommen, fragest du nun, was nützet ihm denn sein Wirren ? Ich sage dir: nicht nur nicht gelanget der Mensch mit seinen eigenen Werken zu Gott, sie hinderen ihn vielmehr daran; denn alles, was der Mensch wirket aus sich selbst, ist gebrechlich und fehlerhaft, und in solchem Wirken vermag er nicht zu Gott zu kommen; alles Geschaffene ist gebrechlich, und seine Werke sind eben so. Will demnach der Mensch, und soll er zu Gott wieder kommen, so muß er sich alles eigenen Wirkens entlediget haben und Gott al- *) Ich begehre und eile, wieder in meinen Ursprung zu kommen durch den Weg, durch welchen ich hergekommen bin. Der Ursprung ist in dir selbst, o Mensch! suche ihn! nachdem du zu ihm gekehrcr bist, nachdem erleuchtet er dich und offenbaret sich dir, als wenn sonst niemand wäre, dem er sich zeigen könnt»', als dir. Bist du weise, so suche ihn in dir, du wirst ihn finden, wie die Sonne in der Luft. Wahrlich, er ist in dir, wie ein Funke im Feuer, und wie das Eisen, so lange es im Feuer bleibt, Feuer ist, so bist du, o edele Seele, in Gott durch Gnade, so lange du in der Liebe bleibest. Du wirst Ihn finden, so bald du alle Kreaturen verlassen wirst. Nun wirst du sagen: ich glaube und bekenne nun, daß Er in mir sey, Den ich vergebens gesuchct habe in euch. Jetzt habe ich Ihn gefunden und will Ihn nimmer iassen, ich will Ihn einführen in die Kammer meines Gedächtnisses, in die Kammer der Ruhe, ins Bette des Friedens, in welchem ich mit Ihm ruhen will; da wird Er mich verbergen in seiner Hütte, d. i. in Seiner Menschheit und im Verborgenen Seines Hauses, d. i. Seiner Gottheit. Siehe die evangelische Perle rc. iy. Kap. > 119 ln'n IN sich wirken lassen; nur was Gott pflanzet, ist eure himmlische Pflanze, wie es der Herr gesagt hat I: „Jede ' Pflanze, die der himmlische Vater nicht pflanzet, wird ausgerissen werden und verderben;" und abermal: „ohne Mich könnet ihr nichts (Gutes) thun." Greife mit Ei- . gemnacht nicht in Gottes Werk, gehe dir selbst aus, lasse Ihn allein wirken und störe Sein Werk nicht; thuest du das, dann wirst du vollkommen, und diese Vollkommenheit ist Gottes und nicht dein Werk, ohne Ihn bist du nichts, ohne Ihn wirst du nichts, ohne Ihn vermagst du nichts; thue was du willst, wirket es Gott nicht, es tauget nichts. Weißt du, was Jakobus spricht? „Alle guten Gaben und alle vollkommenen Gaben kommen von oben, vom Vater des Lichtes " §. 15 . Willst du wissen, woran du erkennen könnest, ob deine Werke von Gott oder von dir selbst gewirker seyen, so merke Folgendes: Es sind drei übernatürliche göttliche Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe; was immer nun diese drei in deiner Seele mehret und stärket, das -st von Gott; was sie hingegen mindert und schwächet, das ist vom Menschen. Merke auf die untrügliche Regel, sie wird dich die Wahrheit lehren; denn alles, was der Mensch aus sich wirket, das kehret und lenket er auch auf sich selbst und auf die Jeitlichkeit, und so mehret er gewiß die drei erstgenannten Tugenden nicht; was aber Gott in ihm wirket, das ziehet den Menschen von sich selbst ab, führet und leitet ihn hin auf die Ewigkeit und zu Gott, wodurch denn Glaube, Hoffnung und Liebe allerdings gestartet und gemehret werden. *) Matth. -5, >3. Wenn Christus eigentlich und lauter in uns leuchten soll, sagt derselbe Laulcr in der Predigt auf den >. Sonntag nach 3. Kön., so muß Alles allein aus Gott von innen her in uns seyn und quellen; alles unser Wirken muß da liegen^ und ruhen, und die Kräfte der Seele müssen nicht unserer, sondern altern göttlicher Wirkung dienen. — I 120 §. 16. Gottes Werk aber in der Seele ist zweifach, das erste ist ein Werk der Gnade, das andere ist wesentlich und göttlich; das erste ist die Einleitung zum zweiten. Mit Seiner Gnade wirket zuerst Gott und ziehet den Menschen vom Wege der Sünde auf jenen der Tugend, Er machet dem Herzen die Sünde verabscheuungs, würdig, die Tugend aber ihm angenehm und werth. Diese Gnade Gottes machet den Menschen Gott wohlgefällig, durch sie entziehet er sich dem Vergänglichen, sie giebt ihm Muth und Freude zur Tugend, in der er sich denn mit Ernste'und nach Kräften übet, den Weg der Vollkommenheit beschreitet und so zur Kenntniß des Willens Gottes mit den Menschen gelanget, dem zu leben er sich denn bereitwilligst dargiebt. Das Zweite, was Gott in der Seele wirket, ist das sogenannte wesentliche Werk. Ist der Mensch durch Wirkung der göttlichen Gnade so weit gefördert, daß er sich in allen Tugenden, welche Pflicht, Liebe und Zufall von ihm forderten, grübet, ja sich ausgeübet hat, dann ist ihm die Tugend zum Wesen geworden, dann wirket Gott in wesentlicher Weise in ihm alle Tugenden, nämlich, Gott der himmlische Vater gebühret nun Seinen Sohn in des Menschen Seele. Diese göttliche Geburt erhebet die Seele über alle geschaffene Dinge hin in Gott, selbst über die Gnade, denn nun stehet die Seele höher, denn diese, weil Gott wesentlich in ihr wirket; nicht zwar, als wenn die erste Gnade sie verließe, sie bleibet ihr, sie richtet, ordnet die Kräfte des Menschen und pfleget die göttliche Geburt in der Seele. Dieses unmittelbare Wirken Gottes in der Seele ist nun das wesentliche Werk Gottes, was erhabener und edeler ist, als selbst die Gnade, es übersteiget weit allen Verstand und alle Vernunft; die Gnade wird verwandelt in das Licht der Glorie, und der Menschengeist ist in Gott aufgenommen; er ist eingegangen in Ihn, mit Ihm wirket er nun alle Dinge wesentlich; seine Werke sind Gottes Werke und Gottes Werke seine, denn Zwei sind Eines geworden. Das fasset nun die Vernunft mit ihren 121 beschränkten Formen, Vorstellungen und Bildern nickt, und eben deshalb ist es das Werk Gottes über alle menschliche Vernunft. §. 17- So viel erkennet wohl die Vernunft, daß es das edelste und über alle geschaffene Dinge erhabenste Werk, die einzige, wahre Seligkeit des Geistes sey, darum strebet sie auch mit aller Anstrengung darnach, ob sie es möge erkennen und begreifen, ihr aber wird es in ihrer Befangenheit — hicnieden nie gelingen; wäre es, so wäre das Himmelreich auf der Erde, die Ewigkeit in der Zeit erschienen, sie selbst, die Vernunft wäre der Himmel; doch mühet sie sich darum, sie möchte es durchaus in der Zeit begreifen; der Wille ist rege und in voller Thätigkeit, die Vernunft folget im raschen Laufe nach, es ist einmal der sehnlichste und brennendste Wunsck ihres Lebens bis zum Tode hin geworden. Ihren ernstlichen, unabänderlichen Willen, dieses höchste Geheimniß des Geistes zu erkennen, leget sie dadurch an Tag, daß sie sich aller geschaffenen Dinge, alles irdischen Treibens freiwillig entlediget; nun stehet sie der Pforte des heiligen Geheimnisses nahe, entblößet alles zeitlichen Wissens, aller sogenannten menschlichen Weisheit, tritt sie, begnadiget endlich mit übernatürlichem Lichte, mit dem Lichte des Glaubens in das heilige Dunkel der verborgenen Gottheit ein; jetzt wird sie vom Erkennen kenntniß- los und von Liebe liebelos, d. i., nun erkennet sie nicht mehr nach menschlicher Weise, sondern nach göttlicher; nun liebt sie nickt mehr nack ihrer bisherigen, ihr eigenen Liebe, sie liebet nun in göttlicher Liebe, nach Paulus Worten *): „Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir." Der Geist ist zeitlich gestorben und lebet nun göttlich. Darum schmähet nicht immer über die Vernunft, ihr thuet ihr gewissermaßen gar sehr Unrecht; sie will das Leben, sie suchet, sie sehnet sich darnach; treibet euch mit ihr, oder vielmehr l *) Gal. 2 , 2o. 422 treibet und führet sie nur nicht immer in zeitlichen, unnützen, leeren Dingen herum, lasset sie erkennen, daß diese hohl, eitel und thöricht sind; führet sie auf Gott, der allein ihr Leben ist, hin, so muß sie sich, und sie wird es thun, nothgedrungen, weil überall gctäuschet, zu Gott kehren, dessen sie sich sehnet von Natur aus. Das Leben der Vernunft inGott ist ihr wahres, natürliches Leben, und nicht im Zeitlichen und Vergänglichen, das wird und kann ihr nie Genüge leisten, nur Gott kann ihr genügen; und so liegt es in ihrer Natur, daß sie sich Dem zuwendet. Der ihr giebt, und von jenen: sich abwendet, das ihr nur nimmt und sie nie sättiget. Z. 18 . Daß der Mensch dem irdischen anhanget und Gott nicht achtet, ist wahrlich die Vernunft nicht schuld daran; hätten dergleichen Menschen wahre Vernunft, sie würden allerdings sich anders benehmen; die Sinnlichkeit und der Sclavendienst, den man ihr leistet, nicht die wahre Vernunft ist dessen schuld. Diese Schänder der Vernunft, diese Knechte der Sinnlichkeit spricht David in den Worten an „Ihr sollet nicht werden wie Pferde und Mäuler, in denen keine Vernunft ist." Wer der Kreatur nachjaget und in ihrem Dienste siehet, ist kein vernünftiger Mensch, er ist ein vcrnunftloses Thier; den einzigen und ächten Gebrauch, den die wahre Vernunft von den sichtbaren und geschaffenen Dingen machet und machen soll, ist, daß sie in ihnen die Svur und gleichsam die Fußsiapfe Gottes des Ewigen und Unsichtbaren aufsuche, nach des Apostels Ausspruch : ,, An den Sichtbaren Dingen können die Unsichtbaren erkennet werden." Nur muß der Mensch in dieser Naturforschung nicht bei den von ihm selbst geschaffenen Bildern, Vorstellungen und Formen, unter welchen er sich die Gegenstände der sichtbaren Natur begreiflich machen will, stehen bleiben, *) Psalm 3 i, 9. * Nom. 1, 20. 123 der daraus für ihn entspringenden Lust nachsangen und so befangen bleiben in der Natur, anstatt sie nur als Handleitung zur Kenntniß Gottes zu gebrauchen, was ihn denn allerdings an der Durchdringung in die reine, göttliche Wahrheit hindern würde; gelehrte und verständige Leute mögen sie zwar dann immerhin heiße» und senn, aber der wahren Vernunft ermangeln sie, denn die wahre Vernunft suchet Gott und treibet sich nicht immer und lebenslänglich in den Kreaturen, seyen sie nun leiblich oder geistlich, herum. Die ächte, Gott suchende Vernunft ist des göttlichen Lichtstrahles empfänglich, sie allein ist fähig, Gott wahrhaft zu erkennen. Dieses Erkennen ist der Vorgeschmack und die Wonne des ewigen Lebens, der alle geschaffene, natürliche Lust auötreibet und einzig in Gott führet; Seiner erfreuet sich die Seele, sonst keines Dinges, recht wie Christus sagt: „Wer von diesem Wasser trinket, das Ich gebe, der dürstet nicht mehr" nach leiblicher, irdischer Erguickung. Siehest du, so wird der Menschengeist, der alles Irdischen und Vergänglichen entledigte, erhaben über alle Gnade, über alle Vernunft, über alle Lust der Erde hin in Gott; der reine Geist, die entfesselte Seele schauet Gott, dringet ein in Sein Wesen, das über alle Gnade, über alle Vernunft, über alles menschliche oder engelische Wissen und Verstehen ist, sie weiß nichts, als Gott, sie will niclus, als Gott. Zu dieser Höhe hat sie die treue Befolgung der Lehre Jesu Christi erhoben. §. Ist- Bis setzt haben wir gezeizet, wie das Leben und namentlich das Leiden unseres Herrn eines der vorzüglichsten Mittel, ja die Hauptursachc sey, wodurch wir zu einem wahrhaft geistlich armen Leben, das ist, zur höchsten Vollkommenheit des Geistes gelangen können und sollen; denn Er, unser Herr, hat diese Armuth des Geistes nicht nur mit Worten gelehret, sondern auch wahrhaft gelebe't und dazu Seine Freunde und Nachfolger vielfach aufgefordert. Nun wollen wir denn auch den 124 zweiten Gegenstand betrachten, der uns zu dieser Geistesarmuth und Entledigung auffordert. Die Vollkommenheit der Tugenden ist dieser zweite Gegenstand. Zu dieser Vollkommenheit und höchsten Stufe der Tugend wird aber nur der gelangen, der sich der Anhänglichkeit aller irdischen Dinge gänzlich entlediget, in den Tugenden sich so geübet, ja in allen sich so durchge- übet hat, daß ihm das Wort und der Begriff der Tugend entschwunden und diese ihm zur zweiten Natur, d. i. zu seinem wahren Wesen geworden ist, daß er nämlich, wie wir im Vorhergehenden schon sagten, nun nicht mehr zufällig, sondern wesentlich tugendhaft sey und wirke. Nun hat er die eigentliche höchste Höhe der Tugend errungen. Nun denket er weiter nicht nach, wie er und wo er tugendlich handeln oder wirken könne, es ist ihm, also zu wirken, zur wesentlichen Natur geworden, er will und kann nicht anders ferner wirken; auch ist ihm kein Gegenstand da, an dem und in dem er mehr wirken und sich üben könne, er hat sich in allen durchgcübet; darum hat er auch allem entsaget und es zweckmäßiger gefunden, alles abzugeben und gleichsam nackt und bloß Christo nachzufolgen in einem durchaus armen Leben, als es von Zeit zu Zeit zu verschieben und den Dingen erst nach und nach zu entsagen. Willst du z. B. dir die Tugend der Barmherzigkeit eigen machen, so gelangest du wohl eher zum Zwecke, wenn du dir gar nichts vorbehaltest, als wenn du noch das und jenes zurückehältst, so hättest du ja nur halbe, nicht volle Barmherzigkeit geübet. Willst du ganz demüthig seyn, so darfst du auch nicht eine Handlung der Demuth, die deine Pflicht ist, übergehen, sonst wärest du ja nicht durchaus demüthig. Und das gilt nun von allen anderen Tugenden; willst du sie wesentlich alle besitzen, so mußt du dich in allen und durch alles hin so darin üben, daß dir ferner kein Gegenstand, kein Zufall mehr zukommen kann, wo dich die Pflicht oder ein Mensch auffordern könnte, zu wirken, da diese Sache oder der Gegenstand von dir längst ausgewirket ist, du folglich daran und darin nichts ferner zu thun 125 oder zu wirken vermagst. So stehet denn Vollkommenheit der Tugend in wahrer Armuth des Geistes. Schützest du deine eigene Noth, Krankheit oder sonstiges unumgängliches Bedürfniß vor und sprichst: wenn ich meine Noth- durst behalte, soll das meine Vollkommenheit hindern ? Wenn es wahre Nothdurft ist für dich, was du zurückbehaltest, dann ist's nicht gegen die Tugend, denn auch sie bat eine Ordnung; in diesem Falle bist du dir selbst dein nächster Armer, entzögest du dir's, so handeltest du gegen die Ordnung, in gleichseitiger Noth ist wohl jeder sich der Nächste. Z. 20. Die dritte l'rfache, warum der Mensch die wahre Armuth des Geistes sich eigen zu machen streben soll, ist, damit er sich selbst und allen Kreaturen um so leichter, völliger und vollkommener absterbe, daß Gott allein in ihm und er in Gott leben könne. Solch armes Leben ist ein Leben des Sterbens; in diesem Sterben aber urständet das ewige Leben.und die Seligkeit, wie der heilige Johannes sagt 'I: „Selig sind die Todten, die im Herrn sterben." Werde arm und sterbe, aus dem Tode keimet das Leben, der Herr sagt es'"): „Es sey denn, daß das Waitzen- korn in die Erde falle und sterbe, sonst bringt es nicht Frucht, stirbt es aber, so bringt es viele Frucht." So ist es auch in der Wahrheit! Wer alle Früchte des Lebens will, muß auch alle Tode durchgehen; das thuet aber und nur er vermag es auch, der wahre Geistesarme. Wahr ist das Wort eines Geisteslehrers: das Leben nach dem Evangelium ist ein Kreuz und eine wahre Marter, die nimmt aber nur der geistlich Arme auf sich und nur er sammelt somit alle Früchte des Lebens; wie es aus den Worten Christi erhellet: „Willst du vollkommen seyn (sagt Er), so verkaufe alle Dinge, alles was du hast, gieb es den Ar- *) Offenb. >4, **) Ioh. ir, 24. 126 men und folge Mir nach." Dieses Verkaufen ist, sich selbst verläugnen, das Hingeben die Wirkung der vollkommenen Tugend, die Nachfolge Christi ist das völlige Sterben des Menschen, damit Gott allein in ihm lebe und leben könne; dazu ist allein der Gcistesarme fähig und entschlossen, er ist sich und allen gestorben, darum lebet auch er nur das wahre Leben; wer so nicht sterben kann, kann so auch nicht leben. §. 21 . Dieses innere, beständige Sterben des Geistesarmen erkennen wohl Andere nicht, sie sehen ihn äußerlich leben, wie andere Menschen, er ist äußerlich wohl selbst fröhlich und guten Muthes, wie mag er dabei so vielfachen Todes sterben? Wohl recht sagest du, vielfachen Todes sterben; so stirbt er wirklich täglich und stündlich, er esse nun, trinke, schlafe, wache; das ist eben seine Pein und Marter, daß das zeitliche Leben, dem er sich äußerlich fügen muß, so vielerlei fordert, das ihn hindert an dem unausgesetzten, innigsten Umgänge mit Gott. Mit Ihm allein und ungestörct von außen möchte er immer seyn, wohl gäbe er alles Aeußere dahin, möchte es nur möglich seyn; und die fröhliche Miene, die dich an ihm irreführet, glaube es, giebt ihm nicht die Außenwelt und die Zeitlichkeit, sie urspringet aus Gott. Deshalb ist sie eine reine Freude, die sich mit der Selbstverläug- nung und dem inneren Sterben nicht nur sehr wohl verträgt, sondern vielmehr noch aus diesem entstehet; ihm quellet unaufhörlich das Leben aus dem Tode; je vielfacherer Tod, je kräftigeres erneuertes Leben. Der es nicht erfahren hat, wird es auch nicht verstehen, wer es aber aus Erfahrung verstehet, wahrlich! nur der ist ein vollkommener Weiser, ihm hat Sich Gott geoffenbaret in Seinem göttlichen Lichte. §. 22 . Zu diesem täglichen und seligen Sterben fordern uns hauptsächlich zwei Punkte auf, und zwar erstens: 127 weil unsere Natur durch Adams Fall voll böser Lust und sündlicher Neigung geworden ist, so muß diese bekämpfet werden; sie reget sich täglich und stündlich, darum kämpfe täglich. Dieser tägliche, ja oft stündliche Kampf ist allerdings ein Sterben, und zwar ein fortwährendes Sterben, denn nie werden die Sinne, nie wird die Sinnlichkeit hie- nieden aufhören, dich zu locken und zu reihen, ihnen nun mußt du unaufhörlich widerstehen. Wohl können deine höheren Kräfte, dein vernünftiger Wille unter der strengsten Zucht und dem innigsten Gehorsame Gottes stehen, daß du nichts wollest, als was Gott will, daß du mit Paulus sagen könnest P: „Wir find gestorben in Christo, und unser Leben ist verborgen mit Christo in Gott." Aber die sinnliche Neigung, deine niederen Kräfte sind dennoch nicht gestorben, noch glimmet der gefährliche Zunder, daß er nicht ausbrcche und schade; dagegen muß deine höhere — Gott hingegebene Scelenkraft, dein vernünftiger Wille kämpfen und ihn zum Sterben bringen, so daß die unruhigen Sinne immer stehen unter dein strengsten und genauesten Gehorsame des gereinigten Willens, der zu Gott gekehret ist. Wer dahin gelanget ist, daß die Sinnlichkeit nichts wolle, als was der Geist, und dieser nichts will, als was Gott will, der ist in den reinen, ursprünglichen Stand Adams eingetreten, wie er aus Gottes Handen hervorging, der ist rein, er ist der wahre Gerechte, ohne Sünde und Gebrechen. Das wäre aber ein ganz besonderer Zug der Gnade Gottes an einer Seele, was einzig Sein Werk und eine wahre Seltenheit wäre; die bist du aber noch nicht, du bist noch ein gebrechlicher Pilger hienieden, hast noch nicht ausgekämpfet, darum kämpfe fort, sterbe täglich, damit dir das Leben werde. §. 23 . Zweitens, lebest du ja wohl nicht allein in der Welt; die Welt und der Satan sind in der Nähe, sind ) Col. 3, 3. 128 deine Feinde, die dich unaufhörlich anfallen und zum Verderben und Falle dich bringen wollen, sey, wer du seyest, siehe in diesem oder jenem innern oder äußern Stande. Nach allen diesen innern oder äußeren Verhältnissen richten sich diese deine Feinde, nie wirst du ihrer ganz ledig werden, stets wirst du kämpfen, stets sterben müssen, um siegen zu können; ohne Kampf kein Sieg, ohne Sieg keine Krone, sagt Paulus wer überwindet, wird gekrönct. Dieses Ueberwinden ist das Sterben, und dieses Sterben ist ohne Zahl; denn unzählig sind des Satans listige Anfälle, wache, daß er dich nicht besiege! Er ist ein abgefeimter Betrüger, der auch, wenn es dienlich ist zu seinem verderblichen Zwecke, sich in einen Engel des Lichtes gestalten, unter dem Scheine der Wahrheit dich belügen, in Jrrrhum und Sünde stürzen kann; sey besonders vor gewissen Vorbildungen und Visionen gewännet! gar oft ist das sein Werk, und wahrlich jetzt mehr, als es je war. Suche außer Gottes Wort in der heiligen Schrift keine Wahrheit, hier ist sie dir deutlich geoffenbaret; es ist nicht noth, daß sie dir in einer anderen Weise, auf einem anderen Wege geoffenbaret werde. Nimmst du die Wahrheit anders, als aus dem Evangelium, dann bist du krank im Glauben "ch, und auf dein Leben ist wahrhaft wenig zu halten; das wahre Leben ist einzig aus dem Evangelium, „Gott hat unS wiedergeboren, sagt Paulus, durch Sein Evangelium." Wer anders wiedergeboren ist, denn durch das Evangelium, der ist kein ächtes Kind des göttlichen Bundes, er ist ein Bastard, nicht die Wahrheit hat ihn gezeuget und geboren, sondern die Lüge und der Vater der Lügen, dieser Mörder und Lügner vom Anfange her. Sollten dir derlei Gesichter werden, lege sie an den Maaßstab des Evangeliums, und was du der einfachen göttlichen Wahrheit unähnlich oder gar widersprechend darin findest, dem entsage durchaus. Einfach wie Gott, wie *) «. Tim. 2 , 5. **) Nöm. >4, r. 129 Gottes Wesen ist die ächte göttliche Wahrheit, die reine Seele gehet gerade ein; was dich hindert an diesem ein- fachen Eingehen, das werfe von dir, entsage allen Krümmungen und verdächtigen Umwegen, die Einfalt des Evangeliums führet auf dem geradesten und kürzesten Wege zur Wahrheit; jeder Weg, den es nicht zeiget, ist ein Weg, auf dem die Diebe und Mörder Hausen, wo der Widerchrist verführet. Halte fest an der Lehre Jesu Christi, dann kannst du nicht irren, nicht betrogen werden; lasse die Anderen, die da draußen sind, lehren, was sie wollen und mögen, höre sie nicht und sie werden dir nicht schaden. Lasse Andere dich urtheilen als Einen, der da stünde auf seinem Eigensinne, lebe du nur nach der Lehre Christi, und achte dergleichen Urtheile nicht; es ist dir nütze, von Anderen so gerichtet zu werden, das giebt dir Anlaß und Gelegenheit, dir immerrnehr abzusterben, was du ja willst. So lange du lebest nach der Lehre unseres Herrn, so lange bist du dir selbst entfremdet, denn wahre Abtödtung seiner selbst lehret einzig nur das Evangelium. Z: 24. Wir haben nun die Ursachen angegeben, warum es so nothwendig sey, daß der Mensch sich selbst absterbe; jetzt wollen wir denn auch kennen lernen,*wie ersprießlich und nützlich dieses Sterben sey. Dieses Sterben seiner selbst und aller sündlichen Lust, alles eitelen Selbstvertrauens, aller irreführenden Phantasterei und gefährlicher, selbstgemachter Träumerei, vom Satan gegeben oder selbst geschaffen, ist in fünffacher Hinsicht heilsam und ersprießlich. Der erste Nutzen, der daraus entspringet, ist: der Mensch nahet sich so seinem ersten Stande der Unschuld wieder, wo er Sünde und Gebrechen frei war, wo Gottes Friede und die Freude des heiligen Geistes in seinem Gemüthe wohnte; nachdem er aber gesündigct hatte, nahm die böse Lust und die sündlichen Neigungen im Uebermaaße in ihm überhand. Das alles soll nun anders in ihm werden, die bösen Lüste sollen und müssen 9 130 geschwächet, sie sollen getilget werden; wie kann aber das auf eine andere Weise geschehen, als, daß der Mensch allem diesem Verderben, seiner feindlichen Natur, d. i., sich selbst absterbe? Je mehr er daran ist, an dieser Selbst- verläuznung, je näher kommet er seiner ersten ursprünglichen Natur und Würde; je naher dieser, je entfernter der Sünde; je stärker unv vielseitiger die Abtödtung, je größere Geistesfreiheit und Freude; je weniger Gebrechen, je gesünder die Seele; aus jedem Tode eine neue Freu- denquelle, die die Sünde verdeckte, der Tod aber entdeckte. Denn nicht vergebens und unwahr hat Christus gesprochen „Nehmet Mein Joch auf euch, d. i., Mein Leiden durch kräftige Selbstverläugnrmg, so werdet ihr Ruhe — Freude, Friede — finden für eure Seelen, denn süß ist Mein Joch, leicht — und erquickend — Meine Bürde." §. 25 . Zweitens entstehet aus jedem dergleichen Sterben ein neues Leben, mit dem Leben eine neue Gnade, mit der Gnade eine neue Liebe. Mit ihnen wird der Mensch zumal gleichsam übergössen; seine Vernunft wird mit göttlichem Lichte erleuchtet, sein Wille durchglühet mit dem Feuer göttlicher Liebe, in solcher Fülle, daß er reich wird an allen Gnaden des Herrn, daß seine Vernunft so erleuchtet wird, daß er ferner nicht mehr von irgend einem Trugbilde, Jrrlichte, oder sonstigen Täuschung eines Verführers kann irre geleitet werden. Er erkennet alle Wahrheit, so weit sie ihm nöthig ist, die göttliche Liebe ist in ihm zur vollen Flamme geworden, nichts vermag ihn ferner zu scheiden von Gott, er rufet mit Paulus aus „Wer mag uns scheiden von der Liebe Gottes?" — Willst du empfänglich und habhaft werden aller dieser vollkommenen Gaben Gottes, versäume keine Gelegenheit, *) Matth. ii, 2y. "0 Röm. L, 35. 131 wo du so sterben kannst. Aus jedem Tode sprosset dir eine neue Gnade, und aus allen alle und jede Gnaden und Gaben. Verstünden wir, welch Heil in diesem Sterben liege, wahrlich, wir drängten uns bei, als ob uns königliche Würde zugetheilet würde; so sind wir aber leider! so blind, daß wir gerade unserem größten Vortheile, unserem höchsten Heile am meisten entfliehen und dem nachjagen, was unser schädlichstes Verderben ist. §. 26 . Drittens setzet uns dieses beständige Absterben in volle Reinheit und Lauterkeit, entnimmt der Seele die sündliche Gebrechlichkeit, entleeret sie alles Vergänglichen und machet sie so Gottes allein empfänglich. Gott ist nämlich in allen Dingen gegenwärtig; entfernest du nun aus ihnen alles, was nicht Gott ist, dann bleibet dir Gott allein. Reinige dein Herz von allem Ungött- lichen, so hast du Gott allein darin. Zu dieser Reinigung, zu dieser Entledigung gelangest du aber einzig durch dieses Sterben. Diese Entblößung der Seele von aller Anderheit machet sie Gottes empfänglich; denn so wie Gott der Vater Seinen Sohn gebühret in der Gottheit, so wird der Sohn Gottes, geboren in einer reinen Seele, und die Seele wird wiedergeboren in Gott. Davon sagt Christus in den Worten : „ Es sey denn, daß ihr wiedergeboren werdet, sonst könnet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes." §. 27 . Viertens, wenn nun Gott durch solches gottlicbende Sterben in der Seele geboren ist, so entnimmt Er den Geist von der Seele, führet ihn hinan und hinein in das erhabene Dunkel Seiner Gottheit, überkleidet ihn mit Sich Selbst, und der Geist wird gottähnlich, entwird sich durchaus, vergessend seiner und alles Geschaffenen, und ge- *) Jvh. 3, S. bildet in das formlose Bild des Sohnes, wird er ein Sohn und Kind Gottes aus Gnaden, wie der Sohn es ist aus Seiner göttlichen Natur. §. 28 . Fünftens, ist der Geist des Menschen entrücket in Gott und gleichsam vergottet in Ihm, dann regieret er mit Gott; das hat Paulus in den Worten ausgesprochen: „Sterben wir mit Christus, so erstehen wir auch mit Ihm, so regieren wir auch mit Ihm." Und so vermag er denn alle Dinge mit und in Gott, so lebet er in Ihm, so herrschet er mit Ihm; was Gott nicht will, will er auch nicht, was aber Gott thuet, das thuet er auch mit Ihm, er wirket alle Dinge mit Gott. Zu solcher unaussprechlichen Vollkommenheit verhilft uns das tägliche Sterben. §. 29 . Die sind also wahrhaft selige Menschen, die Gott zu diesen: leidenden Leben geführet und zugelassen hat; denn je mehr sie leiden, dulden und tragen, je öfter und vielseitiger sie sterben, um so herrlicher und größer sind die Gnadenschätze, die ihnen mitgetheilet werden. Hätte demnach die wahre Armuth des Geistes sonst auch kein weiteres und größeres Heil für uns, als daß sie uns zum täglichen Sterben leitet, treibet und führet, und vadurch alle Gnaden Gottes spendet und mehret, so sollten wir sie schon deshalb einzig erwählen und sie uns eigen machen. §. 30 . Die vierte Ursache, die uns zur Liebe der wahren Armuth des Geistes bringen soll, ist die Vollkommenheit eines schauenden Lebens. Denn so lange der Mensch gebunden ist an das Irdische und an dessen Besitz, so lange muß er ein thätiges Leben führen; er hat Pflichten und mancherlei Gegenstände, die er beschäftigen will und s soll: so lange nun das währet, so lange muß er auch ! wirken. Unterließe er es und entzöge sich den Pflichten, > die sein Stand, die Liebe oder die Nothdurft anderer i von ihm fordern, dann handelte er unrecht und seine e Zurückgezogenheit wäre nichts, als sträfliche Nachlässig- t keit, ein sündlicher Müßiggang, der wider Gott und die j, Wahrheit wäre; denn Versäumniß seiner Pflichten und ' der aus ihnen hervorgehenden nothwendigen tugendlichen Uebungen ist Sünde gegen Gott. Vergebens erhebest du, sagt ein Geisteslehrer, deine Hände zu Gott, wenn du sie zuerst der äußerlichen Pflicht, oder denen, die deiner j bedürfen, entzogen und sie ihnen nicht gereichet hast, die ! du ihnen hättest darbieten sollen. Bei diesem äußerlichen Ueben nun, in diesem Treiben und Wogen der Geschäfte sehen wir, daß der Mensch pflichtgedrungen der Sclave der Aeußerlichkeit seyn muß und sein Inneres wenig in Betrachtung ziehen kann; unter dem äußeren Gewühle entschwinden ihm wohl die ewigen Dinge und beide vertragen sich nicht wohl miteinander. Gewöhnlich fordert das Eine die Abgabe des Anderen; und doch ist das innere, schauende Leben das wahre Leben, erhaben über alle zeitliche Dinge, einzig bezweckend die ewigen und wahren, i Willst du nun ein schauendes Leben führen, so ist es wohl nöthig, allen zeitlichen Dingen zu entsagen; so nur gelangest du zum besten Theile, der Gott ist. Er ist nun dein einziger Gegenstand, in den du eingehest, dich in - ihm vor allen Kreaturen verbiegest, alles Geschaffene ver- > gissest, damit auch sie alle dich vergessen. Vergessen von ; Allen, kennest du nichts als Gott, und Er dich. Nur ! der allem und also auch sich Entwordene ist Gottes Freund, - eingehend in Ihn, erkannt von Ihm, schauend Ihn. Den die Welt und die Menschen noch in ihrer zeitlichen > Pflicht haben und halten, der vermag das nicht; ihn hindert und muß bindern die Kreatur und die Forderungen derselben an ihn. 134 8- 31. Hier müssen wir aber einem Mißverstände vorbeugen, welcher der seyn würde, als hebe die Beschaulichkeit die Pflicht der Liebe gegen den Nächsten auf, was ganz falsch und unrecht wäre. So lange dich noch irgend eine Pflicht, dein Beruf, die Zeit, nicht welcher du dienest, sondern in welcher du den Menschen dienest, zur Thätigkeit, Hülfe und Beistand mit Recht auffordern und fordern können, so lange mußt du auch andern dienen und thätig seyn; und träfe diese Forderung an dich gerade in dem Augenblicke, in jenem seligen Momente ein, wo du im unmittelbaren Schauen Gottes, im innigsten Umgänge mit deinem Gott dich unaussprechlich selig fühltest, und du würdest diesen Himmel in dir nicht auf der Stelle und sogleich verlassen, so würdest du wirklich unrecht thun und dein Schauen würde dir nichts helfen, ja, dein Himmel würde vor dir und in dir zusammen stürzen und der Herr würde Sich dir entziehen Bist du aber der Glücklichen und Seltenen Einer, von denen gar nichts die Menschen mehr fordern, Einer von den ganz Vergessenen und der Welt Unbekannten, und folglich aller zeitlichen Dinge ledig, dann sollst du dich auch nicht vordrängen, nicht eindrängen, wo man deiner weder bedarf, noch will., Jetzt bist du ein freier, wahrhaft lediger Geist, deine Lage und dein Stand ist nun weit edeler, deine Ruhe ist besser, als alle Geschäftigkeit der Welt. Diese Ruhe und Muße rühmte Christus an Maria im Gegensatze der Geschäftigkeit der Martha; mit einer ruhigen, stillen und entledigten Seele wandert der Herr gerne und wohnet in ihr, wie der Liebende mit der Gelieb- *) So erging es dem gottseligen Heinrich Snso. Bei ihm meldete sich einst, da er eben in großer Andacht begriffen war, ein altes Weib zur Beicht. Er ließ sie abweisen und fiel wieder aut seine Knie, , aber er konnte kein Wort mehr mit Gott sprechen. Er rief das Weib zurücke, horte ihre Beicht und absolvirte sie. Nun ging er wieder in's Gebet, und jetzt erst fand er Gott wieder, und mit innigerer Andacht wieder, als es ihm im ersten Gebete gegeben wurde. X 135 tcn "). Entlediget alles Irdischen muß zuvor aber diese Wohnung seyn, ehe der Herr eingehet und Seinen Bund der Liebe stiftet; ist dieser Bund geschlossen, dann rufet >z die Seele' mit den Worten des Buches der Liebe : „Er küsse mich mit dem Kusse Seines Mundes." Dieser Kuß Gottes ist die Erhebung der Seele über alle irdische Dinge, es ist ihr Stehen vor Gott, ihr Schauen Gottes, wo Gott Sich neiget zur Seele und ihr den Kuß der Liebe, des Friedens und der Ruhe reichet; Liebe lohnet Gegenliebe, der Wille Beider wird Einer. Von diesem Bande der Liebe zwischen Gott und der Seele sagt der heilige Bernard: Wie süß ist dieses Band der Liebe! es machet den Armen reich, und der Reiche, der es nicht kennet und nicht hat, ist arm. §. 32 . Sind reiche Leute, könnte hier gefraget werden, eines beschaulichen Lebens fähig und empfänglich des göttlichen Liebebandes, von dem wir hier reden ? So lange der Mensch dem Zeitlichen und Geschaffenen anhanget, ist er der vollkommenen, der göttlichen Liebe nicht fähig, denn das Band der göttlichen Liebe zerbricht alle irdische Bande; wer nun aber noch gebunden ist mit solchen Fesseln, der *> Wenn die Seele Jesum liebt, mit aller Aufmerksamkeit, mit allem Eifer, ohne Aufhören liebet, wenn die Liebe zu Ihm ihr ganzes Herz und ihr ganzes Leben ergreifet, dann denket ihr Gott für diese Liebe ein« besondere Gnade zu, die Seele aber kennet diese Gabe noch nicht, sie keil-- net ihren Umfang, ihre Größe noch nicht. So geschah es an Maria; weil sie Jesum unausgesetzt liebte, sich nicht von Seinen Füßen trennte, so theilte der Herr nicht blos auf eine gemeine Weise Sich ihr mit, es ging vielmehr eine besondere Kraft aus dem göttlichen Herzen und Wesen Jesu in ihr Inneres über; denn was Gott in dieser liebenden Ruhe in ihrem Herzen sprach, das war Gottes Geist und Gottes Kraft. Diese innere Ansprache Gottes durchdrang ihr Herz, Gottes Geist durchdrang ihren Geist, Gottes Geist strömte im reichen Maaße in ihr Gemüth über; und diese göttliche Kraft, wohin sie sich einmal senket, dort ist sie bleibend, dort besitzet sie die Seele als einen Schatz, der ihr nie entnommen werden kann. Deshalb hat der Herr, der wohl wußte, was Er in das Herz Marias niedergeleget habe, gesprochen: „Das beste Theil hat sich Maria erwählet." Siehe: Schriften des heiligen Makarius./ > 8 iy. i. Band, S- 264—bZ. **) Hohel. 1,'. 13b kann vom Bande der göttlichen Liebe nicht gebunden seyn, wie der heilige Augustin saget: Ist das Herz ergriffen uns gebunden mit göttlicher Liebe, dann kann die Eitelkeit der Kreaturen keinen Platz mehr finden. Ferner ist die ächte Liebe eine treue Nachfolge des Geliebten, sie thuet alles, was er gebietet, will und rathet, nichts überstehet sie, nichts unterlasset sie, alles wirket sie, wie der Geliebte es will. Thun wobl aber das die Reichen so allgemein und alles ausschließend? folgen sie im vollen Sinne dem Rathe unseres Herrn? können sie es auch nur, so lange zeitliche Güter sie belasten und sie der Bürde sich hingeben? können sie lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit ganzem Gemüthe? Wir sprechen ihnen wohl keineswegs die Liebe im allgemeinen ab, sie können, und Viele thuen es wohl auch, Werke der Liebe beweisen; ob aber auch Liese aus dem wahren Grunde göttlicher Liebe entspringen, das ist die nöthige Frage? Wäre das, entsprängen diese Werke aus diesem reinen Grunde, so konnten sie ja eben so leicht alle und jede Werke der Liebe, die Liebe in ihrer Fülle, wirken, als sie jetzt einzelne, nach Zeit und Gelegenheit sich gestaltende Liebeswcrke verrichten; das vermögen sie nun nicht, was ein gewisses Zeichen ist. Laß die göttliche Liebe noch nicht in ihrer ganzen Kraft ihr Herz gebunden hat. Nach dem Ausspruche des heiligen Augustin ist dem gottliebenden Menschen nichts zu schwer, er vermag alle Dinge in Dem, Der ihn stärket; weil sie nun das nicht können und vermögen, so ist es ein gewisses Zeichen, daß die wahre, volle, göttliche Liebe ihnen noch fehle. §. 33. Ueberdies ist ja die göttliche Liebe eine so überströmende Dluelle, daß, wer einmal den Mund zu seiner Labung an sie hingehalten hat, der fließet über in Liebe, er muß allem Irdischen entsagen, er kann ferner keiner Kreatur anhangen, Gott ist sein Ziel und Ruhepunkt. Dcrselbige heilige Augustin saget: Einer Gott liebenden Seele sind alle Kreaturen zu enge, sie kann in keiner ferner ruhen. Kann Gott Lieben was anderes seyn und heißen, als der 137 Kreatur entsagen und Ihm alleine anhangen? Hat Petrus seine und seiner Mitapostel Liebe zu dem Herrn anders beweisen wollen und können, als mit den Worten "): „Herr, alles haben wir verlassen und sind Dir nachgefol- get" ? Wollen wir für unsere Gottesliebe andere Beweise aufbringen und erdichten, als die: entsagen dem Irdischen und Gott anhangen? Wahrlich! je mehr wir verlassen, um so größer ist unsere Liebe; wer alles verläßt, leget den höchsten Beweis seiner ganzen Gottesliebe dar; wer nichts verlaßt aus Liebe Gottes, wie kann der sagen, daß er Ihn liebe? Diese unwidcrsprechliche Wahrheit bezeugen alle wahren Freunde und Liebhaber Gottes; war ihr Herz einmal ergriffen und entzündet von dem Feuer der göttlichen Liebe, so vernichtete dieses göttliche Liebcfeuer alles und jedes zumal in ihnen, was Gott nicht war. Komme nicht mit dem kahlen Vorwande und spreche: wenn ich aber mein Herz und meinen Willen nicht an das Irdische hänge, sollte mir der Besitz desselben wohl nicht gestattet seyn? Siehe, wie du dichten kannst und Worte vorbringst, in denen keine Wahrheit ist! Du willst also den Willen Gottes nach deinem Kopfe und nicht nach der Lehre Jesu Christi lieben, Der doch das Menschenherz am besten kannte? Nimmermehr wirst du den liebsten und heiligsten Willen Gottes vollbringen, wenn du ihn nicht erfüllest, wie ihn Jesus Christus zu vollbringen lehrte, und Seine Lehre war: „Verlasse Alles, folge Mir nach." Thuest und willst du nun das nicht, so zeigest du ja offenbar, daß du in dem Grunde der göttlichen Liebe nicht gewurzelt bist; Christus saget es dir und Allen ja deutlich genug: „Wer Mich liebet, der haltet Meine Rede, die Ich gelehret habe." Und hätte Er das Verlassen und Ihm Nachfolgen auch nur gerathen, so solltest und würdest du es auch thun, du, der von Vollkommenheit, von göttlicher, vollkommener Liebe redet. Du hast wohl noch nie acht gelicbet, sonst wüßtest du, daß ein ächter Liebhaber eher und lieber den Rath, als das gerade Gebot des Geliebten befolget; nur der kalte, oberflächliche ) Match. iy, »7. 138 Liebhaber bleibet bei dem Gebote stehen, der Wunsch, der Wink, der Rath des Geliebten kümmert ihn wenig. Z. 34. Das ist Uebertreibung, sagst du, ich weiß gewiß, wenn unser Herr Selbst wieder auf die Erde käme, Er würde von mir als einem, dem es nicht Pflicht seyn kann, alles zu verlassen, das nicht fordern, was du von mir forderst? Wenn du freilich noch unter der bloßen Zucht der Gebote stehest und Furcht dich nur treiben kann und locken der Lohn, dann wird Er diese Forderung an dich — als einen schwachen Anfänger noch nicht machen; bist du aber noch der Art und stehest noch fürchtend und hoffend im Vorhofe des Christenthumes, dann kannst du, und solltest auch nicht immer von der Liebe Christi und Gottes in dir sprechen: du bist der Anfänger Einer, und Liebe, göttliche Liebe ist noch nicht in dir. Hättest du diese und wolltest Ihn wahrhaftig und aus allen Kräften deiner Seele lieben, dann glaube, Er würde dich jetzt mit den nämlichen Worten, wie jenen evangelischen Jüngling ansprechen, und, dir das Beste und Höchste rathend, sagen „Willst du vollkommen seyn, so verkaufe alles und folge Mir nach." Das spricht Er an Alle, die weiter wollen, die das höchste Ziel im Auge haben, von denen ist keiner ausgenommen; wer sich davon ausgcnomn e l glaubt, nun der maße sich auch keiner Vollkommenheit an, also auch keiner göttlichen Liebe, welche einzig nur der höchste Grad der Vollkommenheit ist, und nur der auf dieser Stufe steht, steht auch in der ächten Liebe. Zu der höchsten Stufe vermag aber nur der zu kommen, der die erster» und unteren Stufen beschichten hat, und ihrer sind zwei, die zur dritten als der höchsten führen. Die unterste und erste Stufe ist: alles Zeitliche verschmähen und geringe achten; die zweite: sich selbst verläugnen; die dritte: alles beseitigen, allem ) Matth. 19, 21. 139 sich entziehen, was sich störend, es sey nun geistlich oder leiblich, zwischen Gott und uns in die Mitte stellet. Nun erst ist wahre Vollkommenheit möglich, und wer die erste Stufe nicht beschütten hat, wird weder zur zweiten, noch weniger zu der dritten gelangen. 8 . 35 . Daraus wird es denn nun deutlich und klar erhellen, daß sich zeitlicher Reichthum und göttliche Liebe, d. i. die wahre Vollkommenheit in einem und dem nämlichen Menschen nimmermehr zusammen finden können. Oben sagten wir schon, daß wir den Reichen die Liebe im Allgemeinen keineswegs absprechen, sie können allerdings Liebe üben und erweisen, und daß es ihrer Viele thun, wissen wir; daß sie aber aus dem ächten Grunde göttlicher Liebe nicht komme, erkennen wir aus den Beweggründen, nach welchen sie Liebe erweisen. Entweder ist es natürliche Liebe, oder Zuneigung, die sie treibet, und sie hat nach der Lehre des Evangeliums ihren Lohn dahin '9, oder sie Handelen liebreich und wohlthätig aus wirklichem Gehorsam gegen den Trieb der Gnade in ihnen, und sie erhalten, wie eben unser Herr saget, ,,den Lohn des Propheten" Aber vollkommene Liebe ist sie doch nicht, weil sie wandelbar ist, jetzt ab- nun zunehmen kann; vollkommene Liebe kann aber nie mehr abnehmen, wohl aber wachsen und zunehmen, und ihrer sind allein nur jene fähig, die sich alles Zeitlichen gele- diget haben, folglich allem Wandelbaren entzogen und so selbst unwandelbar geworden sind. Wer aber mit dem Vergänglichen beladen ist, ist wie dieses selbst veränderlich und wandelbar; in diesem Wanken aber, in diesem Zu- und Abnehmen ist Vollkommenheit nicht möglich, folglich auch keine wahre, vollkommene Liebe, uyd eben so wenig demnach ein beschauliches Leben. Denn eben *) Matth. 6, S. **) Matth. io, 4>. 140 in dieser Beschattung, in diesem innigsten Zusammen- seyn mit Gott wird erst die vollkommene Liebe geboren, je weniger dessen, je weniger wahre Liebe, die ursprünglich nur von Gott ausgehen und in die Seele übergehen kann; rein aber muß das innere Auge seyn, entlediget und lauter die Seele von allem, was Gott nicht ist, wenn du Gott schauen willst. Ist dein inneres Auge krank und trübe, haften einige Splitter des Vergänglichen in ihm, nimmer wirst du Gott, das reinste Licht schauen, ein sieches Auge verträgt das Licht nicht; und dann ist dein Auge siech und krank, wenn du mit dem Zeitlichen noch beladen und folglich eines gottschauenden Lebens nicht fähig bist. Willst du dahin gelangen, zu diesem besten Theil, mache dich frei alles vergänglichen Besitzes, wähle die Armuth des Geistes; in ihr ersteigest du die höchste Stufe der Vollkommenheit, sie stehen beide auf einer und nämlichen Höhe. Entziehest du dich der wahren Armuth des Geistes, dann verzichtest du auch auf das wahre, Gott schauende Leben. Hier ist die Wahl kurz und leicht zu finden, nur zwischen zweien Dingen hast du zu Wahlen, außer ihnen giebt es nichts, es ist Gott und die Kreatur; gestorben der letzteren, lebst du in Gott, entlediget ihrer, bist du reich in Ihm, und reich seyn in Ihm, ist. Ihn unmittelbar schauen; denn Gott erkennen, Gott lieben ohne alle Einmischung und Vermittelung des Geschaffenen, ist die wahre Entledigung von diesem. . §. 36 . Unzählbar aber und herrlich sind die Früchte und Vortheile, die dem Gott-Schauenden aus dieser innigen Verbindung mit Ihm gegeben werden; nur acht derselben sollen hier erwähnet werden. Die erste Frucht dieses schauenden Lebens ist leichte Arbeit in Verrichtung aller Werke. Nur die Ueberladung und Vielseitigkeit irdischer Dinge ermüdet den Geist des Menschen; wer frei und entlediget davon ist, fühlet diese ermüdende Zerstreuung nicht; sie fühlet der innige Mensch nicht, er hat oie äußere Bürde abgelegt, ihm wird die Arbeit leicht. 141 Zweitens, was die anderen Menschen wirken im Zufall, das wirket er im Wesen; er hat sich hinaufgeschwungen über alles Irdische in die wesentliche göttliche Wahrheit, und in ihr wirket und verrichtet er alles, was der irdisch Gesinnte und irdisch Wollende nicht vermag. Drittens, was Andere theilweise und einzeln wirken, das wirket der innige Beschauer ganz, in einem Werke alle Werke, und alle in Einem, er wirket wie Gott, mit Dem er vereiniget ist; denn Gott wirket alle Werke in einem und das Eine in allen. Darum wird alles Gute sein Eigenthum, als wenn er jedes Einzelne selbst gewirket hätte, recht wie es Christus saget *): ,, Alles, was Ich vom Vater empfangen habe, habe Ich euch gegeben." Was Christus empfangen hat und was Er gegeben hat, ist alles Gute zumal. Viertens, der innige Mensch besitzet das schon im seligsten Vorgeschmack, worauf Andere erst hoffen und erwarten. In seiner Seele hat sich Gott gcvffenbaret mit aller Freude und Wonne des Himmels, er schauet die ewigen Dinge, die süßeste Freude, der innigste Jubel erfüllen seinen Geist, selbst sein äußerer Mensch nimmt Antheil und fühlet den Vorgeschmack des ewigen Lebens, nach Christi Ausspruch und Verheißung : „Von seinem Leibe wird lebendiges Wasser fließen, das hinüber- strömet in das ewige Leben." Fünftens, den innigen Menschen ziehet Gott besonders gleichsam in Seine Nahe und vereiniget Sich mit ihm. Er offenbaret ihm Sein göttliches Wesen; so befestiget und kräftiget Er ihn, daß er nicht mehr von Ihm abfallen oder ablassen kann. Glaubet es, wenn ihr es noch nicht selbst erfahren habt, der Herr und Sein Geheimniß ist so wonnevoll, daß, wem Er sich jemals entdecket und geoffenbaret hat, er nicht mehr von Ihm lassen kann. Der Herr giebt es auch nur dem, der ewig ») Joh. >7,8. Joh. 7, 38. 442 bei Ihm bleiben soll, wie Er von Johannes sprach * **) ): „Ich will, daß er so bleibe"; und von Marias: „Sie hat den besten Theil erwählet, der ihr nicht mehr soll genommen werden." Wahrhaftig, wem dieser beste Theil gegeben ist, dem bleibet er ewig, er ist ja nicht eine zufällige Gabe, er ist ein wesentliches Geschenk des Herrn, das ihm ewig bleibet; wer jetzt noch treulos werden könnte, würde sich entweder durch den schrecklichsten Abfall versündigen, oder es wäre unwahr gewesen, basier Gott je in Seinem Lichte erkannt hätte. Sechstens, stehet dem innigen Menschen ein unausgesetzter, ewiger Eingang in die göttliche Wahrheit offen, er kann und wird auch wesentlich zunehmen in der göttlichen Liebe; denn unergründlich, unermessen und unendlich ist Gottes Wesen. Wer einmal in dieses unergründliche Meer eingezogen worden ist, der versinket ewig, er ist in dem unendlichen Gott, der Geist schwebet in Gott, wie der Fisch im Meere und wie der Vogel in der unermesse- nen Luft. Siebentens, dieses Seyn, dieses Weben und Schweben in Gott wird dem Geiste immer neue Wunder des Herrn entdecken, neue Wonne, neue Freude, neue Wahrheit werden ihm allenthalben zuströmen; denn Gott allein ist des Geistes Genüge, und je mehr er schauet, je größer wird sein Sehnen darnach, und je fester und un- verrückter sein Blick auf Gott gerichtet ist, je mehr wird das innere Auge geläutert, je klärer und herrlicher erkennet er Gott. Achtens, ist der Menschengeist also erhaben über alle Dinge, eingegangen in wesentliche Wahrheit, dann entgehet ihm alle Ungleichheit und Ungestalt, er erhält eine Gleichförmigkeit, wie er sie ursprünglich hatte, er gehet in Gott ein, er entwird sich selbst so sehr und verlieret sich in Gott, so daß er nichts mehr weiß, als Ihn, er lebet, denket, liebet und ist einzig in Ihm. Nun ist ihm auch der *) Joh. 21, 22. **) Luc. iv, -js. 143 Name „Menschengeist" entnommen, er ist ein Gott, nicht daß er Gott Selbst ist, er ist göttlich, durchaus göttlich, und wird deshalb mebr nach dieser göttlichen Verherrlichung, als nach seinem Menschengeiste genennet; in diesem Sinne sagt David '): „Ich habe gesprochen, ihr seyd Götter und Kinder des Allerhöchsten!" Götter, sagt Er, nicht Gott, zur Erklärung, daß wir nicht Gott sind von Natur, sondern göttlich aus Gottes Gnade. Ich habe gesprochen, sagt Er, durch das Sprechen Gottes werden wir Söhne des Allerhöchsten; denn spricht Gott Sein lebendigmachendes Wort in der Seele, so gebühret er sie als Seinen Sohn von Gnaden, und so sind wir Götter und Söhne Gottes; wer sich zu dieser göttlichen Geburt am reinsten und lautersten zubereitet, der ist auch am meisten Gottes Sohn von Gnaden. §. 37 . Da nun, wie wir bisher sagten, die Armuth des Geistes die nöthige Vorbereitung ist zu einem beschaulichen, innigen Leben, so könnte die Frage zu beantworten seyn, ob auch alle, die sich einem armen Leben ergeben, wirklich auch beschauliche, innige Menschen seyen? Allerdings ist die vollkommene, wahre und ächte Armuth des Geistes die beste Vorbereitung zu einem schauenden Leben, denn nur der wahre Geistesarme ist, auf oben bezeichnete Weise, Gott und das Göttliche zu schauen fähig, weil wahre Armuth nichts anderes ist, als ein völliges Entsagen und Verläugnen dessen, was Gott nicht ist. Hat nun der Mensch dieses alles abgeleget und ihm sich entzogen, so bleibet ihm nichts übrig, als Gott, alle Scheidewand ist niedergebrochen, die sich bisher zwischen Gott und ihm in die Mitte stellte; nun ist Gott gegenwärtig, den Gegenwärtigen säsauet er, denn Gott ist überall und in allen Dingen gegenwärtig; entferne von ihnen nur das Sinnliche, das Täuschende, das Grobe, und du findest Gott in *) Ps->lm6>, 6. 144 allen Dingen. Thue Gleiches an dir, dann wirst du sehen, daß Schauen und Armseyn auf einem Punkte stehen. Aber leider! sind nicht Alle, die als geistlich Arme sich ausgeben, auch wirklich solche, und diese sind denn auch keine schauende, innige Menschen, es ist nichts an ihnen, als ein äußerer Schein, und sie mögen die Worte Christi wohl eben so treffen, wie jene Scheinheilige und Heuchler, denen Er sagte „Nicht jeder, der nur saget: Herr, Herr, gehet ein in Meines Vaters Reich, sondern der des Vaters Willen thut." Nicht jeder, der da sagt: ich bin ein armer Mensch, mich machet das Aeußere schon kennbar, ist deshalb schon ein wahrer Geistesarmer; nur der ist's, der die Werke wirket der wahren Geistesarmuth, und der nur ist auch ein schauender, inniger Mensch. §. 38 . Wie kann aber, entgegnest du, bei der Armuth des Geistes, bei dem Schauen Gottes im innersten der Seele die Rede von Werken seyn? wie kann Wirken gefordert werden von dem, der entlediget ist alles und jeden, was Gott nicht ist, der außer Ihm nichts mehr hat? wie kann der Schauende wirken, eingegangen in das innerste Hciligthum der Seele? beide, der Geistesarme wie der Schauende, müssen ja Gott nur wirken lassen in ih- remJnneren, sie aber leiden Gott und halten Ihm stille?— Das ist nun allerdings wahr, wenn du den vollkommenen Geistesarmen, folglich auch den wahrhaft schauenden innigen Menschen im Auge hast; wir aber reden hier von den Anfängern, die da erst eingehen wollen in wahre, geistliche Armuth und in das beschauliche innere Leben, diese müssen doch zuerst Werke haben und verrichten, die sie einleiten, vorbereiten und befähigen zu dieser Entle- digung des Geistes. Aber auch in diesem vorbereitenden Wirken kommet es vorzüglich auf die ächte Wahl dessen ') Matth. 7, si. an, was gewirket werden soll; geschähe hier ein Mißgriff, daß falsche statt der rechten Werke ergriffen würden, dann käme der Mensch wohl nie zur ächten Armuth und zu einem beschauenden Leben, es erginge ihm, wie einem Wanderer, der gleich Anfangs einen unrechten, folglich einen Irrweg betrete, er käme nicht dahin, wohin er sollte. So wichtig ist der rechte Anfang auch hier; Viele nehmen sich zwar das Beste vor, wähnen auch, sie wären auf dem rechten Wege zur Vollkommenheit des Geistes, aber sie schlagen Irrwege ein, die nicht, zum Ziele führen; so treiben sie sich denn in der Irre herum, gelangen nie zu einem inneren, wahren Leben, zu dieser höchsten Stufe der Vollkommenheit. §. 39. So wollen wir denn hier diese ächten Einleitungswege, um zum Ziele der höchsten Vollkommenheit, zur ächten Armuth des Geistes und eines schauenden Lebens zu gelangen, verzeichnen; ihrer sind viere. Der Erste ist: es muß ein vollkommener, fester Wille da seyn, allem, was wider Gott ist, durchaus zu entsagen, und nicht nur dem, was wider Gott ist, sondern auch allem jenen, dessen Ursache und Beweggrund Er nicht ist, ja auch Allem und Jedem, was Er nicht Selbst ist. Das erste tilget die Sünde, das zweite die Ursache und die Gelegenheit zur Sünde, z. B. zeitlicher Besitz, Reichthum, Weltfreuden, fleischliche Verbindungen, Bande des Fleisches, Vater, Mutter, Bruder, Weib ; das dritte hebet alle Vermittelung zwischen Gott und den Menschen, die störende Scheidewand auf, welche irdische oder auch geistliche Formen und Bilder und sonstige Zufälligkeiten verursachen und sö das reine, ungetrübte Finden Gottes hindern. *) Match, 10 . Kap., 3.j —38, D. Luc, 12 , Kap., si. B, u. f. 'lO 1A, 8 . 40 . Ja, der ernstlichste Wille muß da seyn, sich in allen und jeden Tugenden zu üben und sich das alles eigen zu machen, was der Beruf und dieser Stand von uns erheischet; da darf keine Tugend übersehen, sie müssen alle geübet werden, bis die höchste Stufe aller Tugenden erstiegen ist, auf welcher die Tugend zur Gewohnheit und gleichsam zur zweiten Natur geworden ist. Unterlassest du mit Wissen und Willen auch nur eine Tugend, dann bist du abgekommen vom wahren Wege zur höchsten Geistesarmuth und eines gottschauenden Lebens; denn kann diese Armuth wohl in etwas Anderem bestehen, als im Entsagen und Ablegen aller Untugend und aller sündlichen Neigungen, und im Ergreifen und Ucben aller Tugenden? und das beschauliche Leben, ist es und kann es was anderes seyn, als der Schlußstein, die Frucht und die Vollendung des thätigen und wirkenden Lebens? Hast du die Tugend nicht, dann fehlet dir auch die Armuth; hast du unthätig und ohne Wirkung des Guten dahin gelebt, so bist du des schauenden Lebens unfähig und unempfänglich. Denn hast du in gehöriger Ordnung alle Grade des thätigen, tugendlichen Lebens durchgearbeitet und bist an das Ziel und den Endpunkt alles Thuns und Wirkens gekommen, dann erst stehest du an der Pforte des gott- schauendcn Lebens; und nimmermehr wirst du die göttliche Klarheit schauen, es sey denn, daß die Tugend in voller Kraft dich ergriffen, dich dir selbst entrissen, dich erhoben habe aus der Finsterniß und dem Dunkel des Geschaffenen hin in die göttliche Klarheit, wo du reinen Herzens Gott schauen wirst. Ohne diese volle Kraft der Tugend kannst du dich nicht dahin erschwingen, du wirst und mußt unten bleiben; denn über seine Kraft hinaus kann kein Ding wirken, und aus dir selbst, aus eigener Kraft vermagst du, das weißt du ja wohl, du armer, gebrechlicher Mensch, nicht dahin dich zu erheben, dich muß die Kraft der Gnade heben. Diese Kraft aber entspringet aus der Tugend, die mußt du denn in dir be- 147 . sitzen, dann wird dir die Einkehr in dein Innerstes leicht, dann bist du fähig, den sprechenden Gott in dir zu hören, Ihn aufzunehmen in deinen Geist, was dir dann die süßeste Wonne seyn wird. Peinlich aber und schwer wird diese innere Einkehr dem seyn, unfähig dazu der, dem die volle Kraft aller Tugenden noch abgehet, in welchem deshalb die Gnade auch nicht wirken kann, und aus sich selbst vermag er es ja doch nicht, er wird sich eine kurze Weile quälen und endlich das Ganze, als eine reine Unmöglichkeit für ihn, aufgeben, der Sinnlichkeit Raum geben, wo er gewohnte Freuden findet und gleichsam zu Haufe ist. 8 . 41 . So unbehülflich nun dieser sich in der inneren Einkehr seines Herzens befindet, so lästig, peinlich, ja unmöglich ihm ist, lange da auszuhalten, um so süßer und entzückender ist sie dem vollendeten Tugendhaften: hier möchte er immer seyn und bleiben, Gottes Sprechen, Gottes Wirken in sich zu vernehmen; das ist ihm wohl unendlich mehr als Speise und Trank und irdischer Trost und eitele Freude; innen ist ja Gott, innen sein wahres Leben, außen ist Ekel und Thorheit, Bitterkeit und Tod für ihn. Ach! wie oft werden solche innige Menschen miß- kennct, wie oft als Elende und Bedaurungswürdige angesehen! Aber du Thor! der du sie elend wähnest, du weißt nicht, wie wohl ihnen ist, du kennest ihre Freude, ihren Himmel, ihren Gott nicht, der in ihrem Inneren ist, du weißt nicht, daß eine jede Tugend, daß ein jedes gottgefällige Werk, in ihnen eine neue Freudenquelle ist; wer sie nun alle zumal hat, sag' an, in welchem Meere der Freude schwimmet dieser! Entgegneft du und sprichst: unser Herr Selbst nennet sie aber doch Betrübte und Weinende und sagt'-'): „Selig sind, die da weinen uns traueren, sie sollen getröstet werden," Siehe nur, diese ) Matth. S, 4- Worte des Herrn beweisen ja eben nur gegen deinen Wahn und für unsere Behauptung. Die Freude dieser Vollkommenen entspringet nämlich nicht aus den Kreaturen, sondern aus Gott, und je mehrere und größere Freude sie nun aus Gott schöpfen, um so bitterer muß ihnen dann die sogenannte Freude, die die Kreaturen spenden wollen, werden, und eben weil diese Scheinfreude, diese eitele Lust ihnen bitter ist, preiset sie der Herr selig und verspricht bessere Freude, gründlichern Trost, wahre Erquickung, weil Gott ihre Freude, Lust und Wonne ist; wer einmal, sagt der heilige Bcrnard, die Freude des heiligen Geistes gekostet hat, dem sind alle leibliche Dinge bitter. — Aus dem bisher Gesagten erhellet es nun, daß, wer einmal den Weg aller Tugenden eingeschlagen hat, darauf ohne Wandel fortgeschritten, auch ungehindert an dem Ziele des gottschauenden innigen Lebens angelanget sey. Denn jede einzelne Tugend fördet ihn weiter und verhilft ihm dahin, wohin er ohne sie und aus eigenem unkräf- tigen Vermögen nicht hatte gelangen können; schreitet er nun, unterstützet von solcher Gnade, muthig voran, dann kommet er in den Besitz aller Tugenden, jetzt wirket die Gnade kräftiger und unaufgehalten in ihm, sie führet ihn mit Macht auf die höchste Stufe der Vollkommenheit. Z. 42. Der zweite Weg zur wahren Armuth und Entle- digung des Geistes und zu einem innigen, beschaulichen Leben ist der Weg und das Leben Jesu Christi und die Nachfolge desselben, daß wir nämlich eintreten in Seine Fußstapfen und uns Ihm möglichst gleichförmig zu machen suchen. Das ist die rechte Pforte, den geraden Weg zu finden; auf diesem Wege wird uns das göttliche Gnaden- licht die höchste Vollkommenheit des beschaulichen Lebens zeigen, denn Er Selbst ladet uns ein und sagt '): „ Durch 149 Mich kommet ihr zum Vater"; und Niemand kommt zum Vater, als durch den Sohn, durch die Menschheit nämlich zur Gottheit. Z. 43. Dieses Eingehen nun von der Menschheit Christi m die Gottheit geschieht auf zweifache Weise. Zuerst nämlich soll man seinen äußeren Menschen, seinen äußerlichen Wandel mit dem äußeren Bilde und Wandel unseres Herrn umkleiden, das wird uns vor aller Sünde bewahren. Die Menschheit Christi war eine Wiederbrin- gung und Erneuerung des gefallenen Menschen, denn da Er Mensch wurde, nahm Er die Sünde nicht an, aber alles nahm Er an, was sie tilgen und büßen konnte, Leiden nämlich und Sterben, dadurch hat Er uns daS Heil wiedergebracht und das Leben; was aber alles für uns unwirksam und verloren wäre, würden wir uns nicht eben auch in diese büßende, die Sünde hassende, die Sünde tilgende Menschheit Christi umkleiden und so eingehen in das Leiden unseres Herrn. So werden wir wiedergebracht zu einem unschuldigen, gottgefälligen Leben, anders aber wahrlich nicht; was würde uns das Leiden des Herrn helfen, wenn wir selbst mit Ihm und nach Seinem Vorbilde nicht leiden wollten? Leiden wir aber durch Ihn, so wie Er gelitten hat durch uns, dann wird unser Leiden fruchtbar durch Seines und schaffet das ewige Leben, wie der Herr zu Seinen Jüngern sprach '3: „Könnet ihr trinken Meinen Kelch, dann gehet ihr ein in Mein Reich." Aus uns vermögen wir das nicht, aber das Leiden unseres Herrn bringt uns dahin; wir können nur fallen und sind gefallen, aufrichten aber und stärken kann uns nur der leidende Menschensohn Christus. Wendest du dich von Ihm, dann stürzest du dich selbst nieder; aus eigener Kraft können wir nicht stehen, das Werk der Erlösung durch Christus kräftiget uns al- *) Marc. i(>, 38. 150 lein, und diese Kraft der Erlösung wird uns zu eigen werden, wenn wir streben, Ihm in Seinem Leben und Leiden, so viel an uns ist, gleichförmig zu werden. Dazu fordert uns der Apostel Petrus in den Worten auf : „Christus hat gelitten für uns und uns ein Bild gegeben, daß wir nachfolgen Seinen Fußstapfen." Wer sich nun diesem Bilde Cbristi gleichförmig zu machen strebet, in diesem werden sich auch die Früchte und die Werke Cbristi bilden und gestalten: so trägt er Sein Bild und lebet und wirket in Ihm und gelanget zur Reinheit des Herzens, zur wahren Entledigung und Armuth des Geistes, und so zur Kenntniß und Schauung Gottes. So offenoaret Sich denn Christus in der Kraft und Fruchtbarkeit Seiner Werke, die Er in der Seele des Menschen wirket; an dieser heilbringenden Kraft erkennet dann der Mensch, daß Christus wahrhaftig Gott und Mensch ist, nun rufet er mit Paulus aus: „Ich bekenne Christum den Gekreuzigten?" d. i., er erkennet und bekennet mit ihm die Frucht des Kreuzes. Wer nun aber diese Frucht des Kreuzes und diese Werke Christi nicht erkennet, der kennet auch Christum nicht. Er bleibet ihm ewig verborgen; so wie wir den Baum erkennen an seinen Früchten, so müssen wir Christum kennen lernen an den Werken, die Er in der Seele des Menschen wirket; an dir selbst, o Mensch, mußt du Christum kennen lernen, dein Leben muß der wahreste Beweis sepn, daß du Ihn kennest, auf einem anderen Wege wirst du Ihn weder finden noch erkennen. Nur der ist ein wahrer Christ, nur der glaubet vollkommen an Christus, nur der kann von Ihm nimmermehr geschieden werden, der kann Ihn in Ewigkeit nicht mehr lassen, welcher Ihn an und in sich selbst erkennet, erfahren und erlebet hat; an wen sollte er sich denn ferner halten außer Christus, Er ist ihm ja der Baum aller Gnaden geworden, die unerschöpfliche Quelle des Lebens, wie sollte er sie verlassen können? Zwar kommen wir allerdings durch den Glauben zur ) i. Pet. 21. 151 > Kenntniß, aber eben der Glaube ist die Frucht der Gnade, die uns aus Christus kommt, in ihr lernen wir aus Erfahrung kennen, daß Christus Gott ist und Mensch; dieser Erfahrungsglaube sprach in und aus Paulus in den Worten: „Ich kenne und weiß ferner nichts als Jesum Christum." Christus hat Sich nämlich in Seiner Kraft, in der Fruchtbarkeit Seiner Werke in ihm gcoffenbaret, hat alles, was außer Christus ist, in ihm getödtet; darum kannte er nichts ferner und wollte nichts kennen, als Christus. §. 44 . So werden auch wir Christum kennen lernen. Ihn erfahren und erleben, wenn wir Ihm als treue Nachfolger Seines Lebens und Wirkens gleichförmig zu werden suchen: je inniger die Nachfolge, je großer die Ähnlichkeit; je großer diese, je Heller die Erkenntniß, denn Gleiches wird nur durch Gleiches erkannt. Je ähnlicher wir also Gott sind, desto vollkommener ist unsere Erkenntniß von Ihm, und so wie Gott ein reines, einfaches Wesen in Sich Selbst ist, so muß auch die Seele, die Ihn erkennen will, von allem und jedem Fremdartigen entlediget und entblößet seyn. Diese Reinigung aber und diese Entledigung entspringet aus dem Bilde unseres Herrn und Seiner Nachfolge; wer nun diesem Bilde Christi am gleichförmigsten ist, der ist auch der reinste und folglich der ächte^ gottschauende Mensch. — So ist es hiemit klar, daß und wie der Mensch durch das Bild Jesu Christi und Seine Nachfolge bereitet, geleitet und geordnet wird zur wahren Armuth des Geistes und zu einem gottschauenden Leben. 8 . 45 . Die zweite Weise, wie man von der Menschheit Christi in Seine Gottheit eingehen könne, ist diese: hat der Mensch durch äußere Gleichförmigkeit mit dem Bilde und Kleide Christi sich umkleidet und so nach Außen sich 152 Ihm ähnlich gemacht, so soll er denn nun auch seinen im nern Menschen durch stäke Betrachtung der Werke und des Leidens Christi zieren und bilden. Aeußere Uebung nach dem Vorbilde Cbristi und innere Betrachtung Seiner heiligen Werke und Seines heiligen Leidens werden in der Seele ein Feuer der Liede entzünden, welches unverzüglich alle Ungleichheit in der Wahrheit, alle Verunstaltung derselben, alle falsche Beimischung verzehren, sie von den fremden Schlacken reinigen und der Seele die Wahrheit in ihrer ungetrübten Reinheit wird schauen lassen. Durch den Fall des ersten Menschen ist der Mensch durchaus zerrüttet worden und in eine verderbliche Irre gerathen, die Sinne empörten sich gegen die Seelenkräfte, das Fleisch wider den Geist, die Sinnlichkeit gegen die Vernunft, und was augenblicklich dem Andern dienet, ist nicht Gehorsam, ist Widerwille und lästiger Zwang; dafür oder dagegen sind alle Beweise thöricht und überflüssig, die tägliche, leidige, eigene Erfahrung lehret uns am besten diese traurige Zerrüttung. Nicht der Beweise bedürfen wir, wohl aber der Hülfe in diesem unseligen Kampfe, und woher soll uns die wahre Hülfe kommen, wenn nicht von Christus? wer ordnet das Regellose, wer gebietet dem Sturme, wer lehret und giebt Gehorsam und Ruhe in dieser Empörung, wer bringt den verirrten Menschen wieder in jenen seligen, friedevollen Stand, in welchem Adam war in seiner ersten Unschuld? der einzige Helfer und Mittler Christus! Er ist die Quelle der neuen Umschaffung, der Auferstehung und des Lebens, wie Adam die Quelle des Todes und des Verderbens war, und „wie sie in Adam Alle sterben, so kommen in Christo wieder Alle zum Leben." Der Mensch soll gereiniget und geläutert werden, er sott durchaus wiedergeboren werden in Christo und allein durch Ihn, Er kann es und Er will es, nur selbst die Hand soll der Mensch Christo seinem Retter bieten, er soll sich, so viel an ihm ist, befähigen, sich empfänglich machen, daß Christus ihm helfen, ihn reinigen und retten könne, der 2 i. Cor. -8, 2 ,. 153 ganze Mensch muß dazu beitragen. Sollen die verderbten äußeren Sinne gereiniget und geordnet werden, so müssen sie sich fügen und unterwerfen unter die Zucht des äußeren Menschen Christus, sich in Gleichförmigkeit mit Seinem heiligen Menschenbilde bringen; so nur kommen sie in Ordnung, in Reinheit und in Uebereinstimmung mit dem inneren Menschen, der nun ferner nicht mehr gehindert noch gestöret wird in seinen Werken von ihrem Lärme und wilden Treiben, sie müssen schweigen, wenn der innere, bessere Mensch recht handeln soll. Je mehr nun die Sinne dem heiligen Menschenbilde Christi ähnlich zu werden sich bestreben, um so mehr und gewisser sterben sie ihrem Verderben ab, so werden sie gereiniget und wiedergeboren in Christo, und gelangen wieder in ihren ruhigen, unschuldigen ersten Stand. Ist nun der äußere sinnliche Mensch beschwichtiget, veredelt im Bilde Christi, dann müssen auch die inneren Seelenkräfte, der innere Mensch, gereiniget und geläutert werden durch ernstliche Betrachtung der Werke und des Leidens Christi; wer diese Uebung unterläßt, dessen Inneres kommt wohl nie in Ordnung, es bleibet vielmehr in jener alten Adamischen Unordnung und Verwirrung. §. 46 . Und da Christus das einzige wahre Licht ist, das alle Kräfte der Seele erleuchtet, so wird seine Vernunft nimmermehr erleuchtet werden mit dem göttlichen wahren Lichte. Suchest und sehnest du dich nach diesem Lichte, richte Vernunft, Seele und Herz auf Christus. Läufst du einem andern Lichte nach, als dem, das aus dem Leiden deines Herrn strahlet, dann gehest du einem Irrlichts nach, und vor dir warnet Christus die Seinigen "): „Hütet euch (rufet Er) vor den falschen Propheten, die äußerlich gut scheinen, inwendig aber böse sind!" Alles, was sein Licht nicht nimmt aus Christus, aus Seiner Lehre, aus *) Match. 7, rS. 154 Seinen Werken, aus Seinem Leiden, ist falscher Prophet: sie mögen nun äußerlich so gut unv schön scheinen, als sie immer können, sie sind doch nur Irrwische, böse unv falsche Propheten, und du, o Mensch Gottes, fliehe sie! Kehre dich unverrückten Blickes zu dem wahren Licht, Christus, folge keinem Lichte, wenn es nicht Aehnlichkeit mit diesem hat; du willst ja doch auf der rechten Straße wandern, willst unbetrogen leben? Nun denn, so entwende dich allen und kehre Herz und Sinn und Vernunft, deine ganze Aufmerksamkeit und deinen Ernst hin in die Werke und das Leiden Jesu Christi, da lasse dich taufen zur Wiedergeburt, zum neuen Leben eines Kindes Gottes, welches dürstet nach der reinen Milch, da lasse dich salben mit dem Chrysam der heiligmachenden Gnade, sie wird dir das Auge öffnen, ungetrübt und rein zu schauen die reine Wahrheit, und kein Irrlicht wird dich mehr blenden können. Hast du aber eine andere Taufe empfangen, als die gcheiliget ist in und durch das Leiden Christi, dann ist leiser! auch deine Vernunft nicht gesalbet mit dem göttlichen Gnaden-Oele, darum ist auch deinem inneren Äuge die Hülle nicht abgenommen, darum ist es noch finster und unfähig, zu schauen das wahre Licht, darum rennest du noch so vielen eitelen Irrlichtern nach, darum hältst du noch immer die Lüge für Wahrheit, darum hängst du den Menschen noch an, die irren und blind sind aus sich selbst. Stelle es ein, dein thörichtes Laufen, lenke ab vorn Irrwege, lasse ab von der Finsterniß, und Christus wird dich erleuchten, wird deine Vernunft erleuchten zur Erkenntniß göttlicher Wahrheit. Finster ist nach geschehenem Verderben die Vernunft, sie gleichet der Nacht; diese soll nun aber nicht immer bleiben, es soll und wird die Sonne aufgehen und die Nacht verschlingen. Auch deiner Vernunft soll die Sonne, Christus aufgehen, öffne dein Auge diesem göttlichen Lichtstrome, er wird deine Vernunft erhellen, ja verklären; die Kreaturen schaffen die Nacht in dir, Christus bringt Licht, Er ist es Selbst. §. 47 . Stelle deine verständige sogenannte weise Heiden nicht hier zur Schau aus und prahle, wie groß ihr natürliches Licht, ihr Licht ohne Christus sey; die wahren Christen kennen wohl dieses Licht, sie kennen es als die matte Dämmerung einer Nacht, von einigem Sternenlichte durchschimmert , wo eben die Täuschung und der Trug in ihrem ächten Elemente sind, wo der Schein die Wirklichkeit, wo der Wahn oder eine gewisse Form, dieses oder jenes selbst geschaffene Bild die Wahrheit ersetzen soll. Meinest du, in solchen Träumereien, Bildern, Voraussetzungen und grundlosen Schlüssen suche oder schaue der ächte Christ die Wahrheit? Wahrlich da suchet er nicht, weil er weiß, daß hier nichts zu finden ist; ihm hat sich die Wahrheit selbst geoffenbart, er hat sie in Gott erkannt, in dem menschge- wordcnen Gott, in Seinem Leiden und Tode, das war und ist seine Schule, in dieser stehet und lebt er, er hat hier die Wahrheit, er hat Gott und Christus erlebet und erfahren. Was Andere suchen da oder dort, das ist ihm erschienen in seinem Inneren, er glaubet nun nicht nur, er weiß es, daß sein Erlöser lebt, in seiner Seele leuchtet Sein Licht , Sein Leben, Seine Wahrheit. So schweige oann von deinen alten Heiden, es leben ja noch die neuen, und wir kennen sie als folgsame Nachbeter der alten: sie sind gar behende und vorschnelle Sprecher, zierliche Rede- künstler, denen für jede Sache die Worte zu Gebote stehen; denn Worte und gewisse Formen vertreten auch bei ihnen, wie bei jenen, die Wahrheit 'Ihre besondere Stärke *) — Bor allen andern Sachen Mußt ihr euch an die Metaphysik machen! Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt, Was in des Menschen Hirn nicht paßt, Für, was drein geht und nicht drein geht Ein prächtig Wort zu Diensten steht. — Im Ganzen — haltet euch an Worte! Dann geht ihr durch die sichre Pforte Zum Tempel der Gewißheit ein. — Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein, 156 beweisen sie in der großen Fertigkeit/ Alles und Jedes zu zergliedern, abzutheilen, zu unterscheiden, und wie sie sprechen, zu ordnen. Solche fertige Meister sind nun freilich die Christen nicht, sie lieben das Eine, sie leben iin Einen und haben es erfahren in sich selbst, was sie lieben und worin sie leben, sie finden aber dafür keine, dem Leben entsprechende Worte, weil es über alle bildliche Ausdrücke, über alle Redeformen, über alle gewöhnliche Vorstellungen erhaben ist; darum werden sie auch von denen, die draußen sind, als Unweise und Einfältige verschrieen, als Menschen, die der Vernunft entsaget, bedauert und verachtet. Dessen aber darf man sich wohl auch nicht wundern, um so weniger, da die Verschrieenen schweigen, das geoffenbarte Geheimniß des Herrn in sich bewahren, denen es nicht preisgeben, die dessen keine Kunde haben und wenn sie es auch wollten, durch Worte es nicht bezeichnen könnten, die Worte darüber wären wohl eher Lüge, als Wahrheit; durch Schweigen dessen entgehen sie der Lüge. Recht bat deshalb ein Geisteslehrer gesagt: Alles, was die Menschen von Gott sprechen und reden, das ist eher unwahr als wahr, denn Gott ist unaussprechlich und über alle Worte und Ausdrücke erhaben, Gott ist immer ein Anderer, als der, den du dafür ausgiebst. Und so ist es eben auch mit der von dem leidenden Christus und durch Sein Wirken in ihr geläuterten Vernunft. Was der in Christo Wie- dcrgeborne von dem, was ihm geworden ist, ausspre- chen wollte, wäre immer das nicht, was und wie er's erfahren hat; darum befolget er den Rath des Apostels Paulus: „Es ziemet sich nicht, davon zu sprechen", und schweiget. Dieses Schweigen ist die wahre Rede und Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten, An Worte läßt sich trefflich glauben, Bon einem Wort läßt sich kein Jota rauben.... Mephistophe- les in Göthe's Faust, und sein schlimmer Rath ist bis jetzt nicht unbeachtet geblieben. *) Matth. 7, 6. 157 das sichere Merkmal des von Christus beseligten und er- leuchteten Gemüthes; die hohlen Schwätzer sprechen ja doch nur ihre Leerheit aus, bei der Leerheit wohnet ja bekanntlich der Klang. Wer das höchste, göttliche Gut in sich befunden hat, dem ekelt vor vielem äußeren Geplärre und Gerede darüber, zum Reden davon kann ihn nur des Nächsten Noth, die Liebe und die Erbauung bewegen, dieser Forderung giebt er sich bereitwillig hin; aber selbst hier wird er die Gränzen der wahren Noth- durst und Pflicht nicht überschreiten, noch läßt er sich deshalb in besondere Vertraulichkeit ein, wozu es ihm wohl an Zeit gebricht. Wie sollte den das Geringe beschäftigen, der den höchsten Schatz in sich hat, wie der Schein ihm genügen, der das Seyn errungen hat? Nenne sein Schweigen, sein Stilleseyn, seine Zurückgezogenheit nicht Mangel der Liebe, er kann sich ja nicht vervielfältigen, er, der das Eine, was Noth ist, besorget. §. 48 . Wie gerne wäre er allein und ungehindert von allem! nenne ihn doch nicht liebeleer, weil er nicht gerade aller Welt — Freund, Rathgeber und Beistand seyn will, das ist ja doch nur hohle Liebe; er aber hat die wesentliche Liebe, die unmittelbar alles in Gott wirket und darum tausendmal edeler ist, als alle eure zufällige Liebe. Hart ist oft das Urtheil Anderer über solche innige Menschen, sogar als Verächter der Kirche werden sie verschrieen *). Die Pharisäer, die Buchstabenmenschcn und die da Christenthum treiben blos nach außen, haben sich an gewisse Weise und Art gewöhnet, wähnend, so müsse Jeder seyn, wie sie und ibrcs Gleichen, und wie ihres Gleichen können nun diese nicht seyn, sie haben Gott in sich, Christus lebet und wirket in ihnen, wie sollten sie Seine Kirche verschmähen können? Du Gesetzter schmähest vielmehr die Kirche, da du sie blos zu einer Förmlichkeit herabwürdigest und sie, ') Loh. 9 , >6. 158 die Ehrwürdige, so engherzig darstellest; wohl achtet der innige Mensch, lebend in Gott, die Kirche und ihre Anordnungen höher und beobachtet sie auch reiner und höher, als es keine sogenannte äußere Andächtler je zu thun vermögen. Blinder! wie willst du den dir ganz unbekannten innern Menschen richten und beurtheilen? ist es nicht eine vermessene Thorheit, wenn ein Blinder den Sehenden will weisen? Der innige Mensch bedarf deiner Weisung nicht, wo du jetzt noch stehest, ist er längst gestanden, wo er aber stehet, dessen hast du zur Zeit noch keine Ahnung; er hat die rechte Weise und in die deinige kann er sich nicht einlassen. Ihm ist das wahre Licht geworden, nicht das Licht eines Menschen; das Leiden, die Werke und der Tvo unseres Herrn sind dieses Licht, das nicht irren und keinem falschen Lichte,. keinem Irrwische nachlaufen läßt. Das Leiden dcS Herrn tilget alle Falschheit, alles Fremde in der Vernunft und erleuchtet sie mit aller Wahrheit, und die ernstliche, stäte Betrachtung der Werke und des Leidens des Gottmenschen giebt ihr ihren ersten ursprünglichen Adel wieder. §. 49 . Und nicht nur die Vernunft wird vollendet, auch der Wille wird auf seine ächte ursprüngliche Richtung zurückgeführet. Der Mensch außer und ohne Christus ist wahrhaftig in der Irre, blind neiget sich sein Wille und seine Liebe zum Scheingut hin, das wahre hingegen lasset er unv verachtet es, was denn ganz natürlich und folgerecht ist; denn blind in sich selbst ist alles Zeitliche und Vergängliche, wer sich nun einzig und immer damit abgiebt, der muß und wird endlich wohl selbst erblinden, indem er das wahre Gut nie erschauet, nie suchet uns liebet, das da einzig verborgen ist in dem Leiden unseres Herrn. Von diesem Jrr- wahne nun und dieser Verblendung kann und wird der Mensch nimmermehr zurückkommen, es sey denn, daß sich sein ernstlicher Wille hinwende auf den leidenden Christus; thut er das, dann wird ihm Er Selbst und mit Ihm alles wahre Gut entgegenkommen, ihn mit einer solchen l5y Fülle Seiner Gnaden und Gaben überschütten, die wohl alles weit, ja unendlich übertreffen, was ihm je die Kreaturen zu seiner Täuschung gespendet haben. Hat nun der Wille den hohen einzigen Werth dieses göttlichen Geschenkes begriffen und erkannt, dann muß er, er kann nicht anders wollen, den Kreaturen sämmtlich und allem, was sie geben, entsagen und Christo allein anhangen und Ihn um Seine Gaben anflehen. Jener im Evangelium ') bezeichnete, im Acker vergrabene Schatz, wegen welchem, der ihn findet und sorgfältig verbirgt, alles mit Eile verkauft, was er hat, und dafür den Acker erkaufet, ist die hochheilige und köstliche Frucht des Leidens unseres Herrn. Wende dich mit ganzem Willen und mit voller Sehnsucht, o Mensch Gottes, zu diesem unerschöpflichen Schatz, suche unaufhörlich in ihm, dir werden sich immer unaussprechliche und neue Schätze eröffnen, aus jeder Wunde des Herrn strömen besondere und eigene Duellen der Gnaden. Dieser Gnadenflüsse sind (nach Bonaventura) sechstausend sechshundert sechs und sechzig, die immerhin im reichsten Maaße strömen. Kommt der Mensch auf diesen Acker und findet diese überströmende, lebendige Brunnen, dann öffnet er seinen Mund, trinket und übertrinket sich und wird trunken und zerfließet in Lust und Wonne; vor übermäßiger Freude hat er nun keine Ruhe, keine bleibende Stätte, er läuft hinweg, verkaufet alles, was er hat, entsaget allem, was Gott nicht ist, kaufet sich den Acker, auf dem so süße, köstliche Wasser quellen; er suchet die Urquelle auf, aus der sie alle strömen, er suchet und findet sie in dem väterlichen Herzen Gottes, daran legt er sich nun und sauget aus ihm die verborgene geheime Weisheit Gottes, die der nur weiß und verstehet, der sie empfangen hat. Ja! durch das Leiden und durch die Wunden unseres Herrn fließet alle väterlicke, göttliche Weisheit in das von göttlicher Liebe brennende, und deshalb lechzende durstige Herz; das göttliche Liebefeuer durchbrcnnet und entzündet sie dermaßen, daß sie unmäßig dürsten, nun *) Match. - 3 , 44. / 160 laufen sie mit brennendem Verlangen zu diesen Gnaden- flüssen und laben sich an den heilsprießcnden Wunden des Herrn. O wohl ein lieblicher, erquickender Trank! wie der Spender des Trankes kostbar und göttlich ist, so ist es auch der Trank, Er ist Selbst der Trank, Sie sind Eines, was Er ist, das spendet Er, und was Er spendet, das ist Er. O kenneten alle Menschen diesen Acker unv diesen Schah! nicht einer würde Dahinten bleiben, alle würden eilen, den Acker zu suchen, nach dem unermessenen Schatze zu graben, der solchen Reichthum spenden würde, daß sie ferner hienicden nach nichts Anderem mehr lästerten. 8 . 50 . Daß wir so arm und leer sind an den Gnaden und Gaben Gottes, das ist wohl gewiß ein offenbares Zeichen, daß wir noch nie recht auf diesen Acker gekommen sind; wären wir je darauf gewesen, hatten wir gegraben, nimmermehr würden wir leer davon gegangen sinn. Wie thöricht und verkehret handeln wir: nach Besitze und Reichthum rennen wir/um einen Pfennig arbeiten wir, aber den Reichthum, die Schatze, woran und worin unsere ganze Seligkeit bestehet und liegt, den leidenden und für uns gekreuzigten Christus lassen wir »»gesucht! Und doch ist außer Ihm keine Seligkeit, wer sie außer Ihm suchet, findet selbe nicht nur nicht, er verlieret sie vielmehr; aus den Wunden Jesu allein stießet alle unsere Seligkeit, suche sie nirgends anderswo, sie wird dir keineswegs werden. Es ist nichts übrig zu unserer Rettung und zu unserem Heile, als die ernstliche Einkehr und Betrachtung des Leidens unseres Herrn; was uns hier gerathen wird, dem wollen wir fleißig nachkommen, so nur werden wir den geradesten und sichersten Zugang zu Gott finden. Ja gewiß, hättest du nur vorerst aus Erfahrung die Vortrefflichkcit und den Reichthum der Früchte dieses herrlichen Ackers kennen gelcrnct, hättest du sie nur einmal gekostet, nimmermehr würdest du ihn verlassen, keine Mühe und Arbeit, Tag und Nacht nicht, dich gereuen lassen, den Acker zu bauen, seiner ivr unausgesetzt zu pflegen; mit einem Zaune würdest du ihn umgeben, eine Kelter dir bauen, einen Thurm darein setzen, aus dem du deinen Ackerschatz unaufhörlich bewachen und beschauen könntest. Wohl wäre das der rechte Zaun, wenn du deine äußeren Sinne jedem Leichtsinne, jeder Zerstreuung, jeder Ueppigkeit schlössest und sie schauen ließest in Las Leiden deines Herrn; das wäre der rechte Thurm, wenn du deinen Geist erhöbest über alles Geschaffene hinan zu Gott, wo du ohne alle Gefährde ruhen würdest in dem Ewigen und Unerschaffenen; auch wäre das die rechte Kelter, wenn die innigste Betrachtung des Leidens unseres Herrn dein Herz so gewaltig ergriffe, daß dir zuflösse der süße Most, der liebliche Trank, daß du trunken würdest von ihm. Und nicht nur der edelste Wein, auch Korn in erquickender Fülle wächst auf diesem köstlichen Acker; du hast demnach zu deiner Nahrung den edelsten Trank, die schmachvollste Speise, so esse denn und trinke das Beste und Nährendste! Der Herr ladet dich ein durch den Propheten H„ Esset das Feiste und trinket Most und werdet trunken, ihr Allerliebste!" O ihr Glücklichen, ihr Beneidenswerthen, die ihr das Köstlichste esset und trinket! wie müsset ihr wachsen und zunehmen, ja überfließen von Seligkeit! Kein Hagel, kein Reif kann verderben die edele Frucht des Weines und Brodes, kein Winter kann sie vernichten, es ist da eine immerwährende Erndte und Lese; und so viel du davon schneidest von der herrlichen Frucht, so viel du der süßen Trauben abnimmst, der Wein mindert sich nicht, nicht die unverwüstliche Frucht. Sammle, so viel du magst, baue die Scheuer so hoch und weit du immer willst, grabe den tiefsten, geräumigsten Keller, die Scheuer wird voll der segensvollen Erndte, der Keller vollauf gefüllet, je weiter der Raum, je größer der Segen. *) Höhet. 5, >. 1 » §. 51. Ihr Menschen voll Habsucht, kommet alle her auf meinen Acker; ihr Geitzigen, Venen nichts genügen will, hier sammelt zur vollen Genüge, Reichthum ist doch euer Ziel, hier findet ihr das Ziel: kommet alle, dann sind keine Armen mehr auf Erden, keine Hungrigen, keine Durstigen, sie alle sind reich, sie alle haben die Fülle. Aber leider! so wenig gekannt ist dieser Acker, darum so wenig gesucht, darum so viel drückende Noth und Elend in der Seele! — Ist aber der Wille des Menschen auf diesen kostbaren, unerschöpflichen Schatz einmal mit Ernste eingegangen, dann giebt er sich ihm ganz hin; er isset und trinket und läßt sich wohl seyn, das Irdische kümmert ihn nun ferner nicht weiter, er überläßt es denen, welche sich daran genügen wollen, er freuet sich seines gefundenen Schatzes, seines unermeßlichen Gottes, der ihn denn nun auch mit der Fülle Seiner Gnaden beseliget, die ihn immer fester und unverbrüchlicher an Ihn fesseln. Diese Fessel aber ist seine ächte Freiheit, denn was Gott bindet, das entbindet Er auch von allem Eitelen und Vergänglichen; so ist denn der Wille frei, weil er ein freies Eigenthum Gottes geworden ist. Nun entzündet er sich in der göttlichen Liebesflamme, so wird er ganz Liebe, eine flammende Liebe, der Wille ist nicht mehr Wille, er ist Liebe geworden, Liebe aus Gnaden, wie Gott die Liebe ist aus Seiner Natur; und so ist er denn in die Stätte seiner ersten Unschuld eingetreten, in der der Wille erhaben ist über sich selbst und über alle Dinge in Gott, denn nun verlieret er nicht nur sich selbst, er verlieret auch seinen Namen, so daß er nun nicht mehr Menschen- Wille, sondern vielmehr Gottes Wille heißt und ist, und das ist das Ziel und Ende des menschlichen Willens, wozu ihn Gott geschaffen hat. Das alles aber ist die edele Frucht des Leidens Christi, das ihm alle Lockungen, alle täuschenden Reitze der Kreaturen gänzlich entziehet, dafür aber mit göttlicher Süßigkeit und Freude so reichlich überschüttet, daß er trunken wird darin, daß 163 ertödtet wird alles Fremdartige in ihm, daß er kommet in die reine Einheit, in die eine Einfalt, die ihn dann fähig machet, sich empor schwingen zu können in die Höhe des Herrn, zu schauen die göttlichen Wunder, und gekommen durch alle, wird er eingeführet in das höchste, unaussprechlichste Wunder, das Gott Selbst ist; nun entschwinden ihm alle vorhergehenden, denn er stehet an einem unendlichen, ewig unerforschlichen Wunder, sein bisheriges Staunen geht in ein anbetendes Schweigen über. Ihm giebt er sich ganz, überläßt Ihm alles, was Er thut, ist ihm alles aufs Beste gethan. So ist nun der Wille auf das Höchste und im Höchsten veredelt, er ist ganz Güte geworden durch die unermeßliche Güte Gottes, er kann nun nicht anders, denn gütig seyn. Und das alles erwirbt sich der Wille in dem Leiden Christi; darin wird alles Bittere süß und alles Süße in den Kreaturen bitter. Nur was Gott gefüllt, ist auch sein Gefallen, was Er will, ist auch sein Wille, er kann ferner und will auch nicht, etwas anderes wollen, als was Gott will und Ihm wohlgefällig ist. S. 52. Dieses Ueberlassen des menschlichen Willens an Gottes Willen, dieser Sieg des göttlichen über den menschlichen Willen erprobet sich an sechs Kennzeichen. Das erste ist: wenn der Mensch nicht nur die Sünde, sondern auch jede Gelegenheit und Veranlassung dazu möglichst fliehec, jeder sündlichen Neigung standhaft wi- ; Verstehet und alles, was gegen Gottes Willen ist, durchaus verabscheuet. Das vermag aber der sich selbst noch überlassene Eigenwille des Menschen keineswegs, nur sündigen, und vielfach und wiederholt sündigen, ist des eingehändigten Eigenwillens Lust und Art. Zweitens, wenn der Mensch zu allen Pflicht- und Tugendübungen, die Gott in seinem Berufe und Stand von ihm fordert, sich bereitwillig findet; denn auch dazu ist der Mensch aus eigener Kraft unvermögend,^ wie es 164 der Herr deutlich genug sagt P: „Ohne Mich könnet ihr nichts thun." Drittens, wenn er nicht nur alle Leiden und vorkommende Widerwärtigkeiten, sondern auch selbst den Tod freiwillig und um Gottes Willen auf sich nimmt, nicht nur nicht jedem Leiden für Gott sich feige entziehet, diesem vielmehr, wo nicht mit Freude, doch wenigstens mit Geduld und im Vertrauen auf Gott entgegen gehet, was aber der Mensch aus sich selbst, ohne Beistand Gottes durchaus nicht vermag, wie es Paulus offen bekannte'"): „Nur in Gott, der mich stärket, vermag ich alles." Viertens, wenn der Mensch allem dem, es sey leiblich oder geistlich, sich entziehet, was vermittelnd und hinderen!) die beiderseitige Annäherung zwischen Gott und ihm sich angedränget hat oder eindringen will. Diese störende Scheidewand aber kann wahrlich Gott nur allein ganz niederreißen, und findet es der Mensch so in sich, dann darf er überzeuget seyn, daß Gott Seine besondere Gnade ihm ertheilet habe; den Willen, den sehnlichen Wunsch kann der Mensch wohl darnach haben, die Kraft dazu aber giebt Gott. Fünftens, kann der Mensch deutlich erkennen, ob Gottes Wille sein Wille geworden, wenn Gottes Ehre das einzige Ziel und Ende alles seines Thuns und Lassens ist, wenn er allenthalben und immer das Bessere, ja das Beste zur einzigen Verherrlichung und zum Preise Gottes sich wählet und es wirket. Dann ist das Licht der Herrlichkeit in ihm aufgegangen, wenn er nichts anders wünschet und bezielt, als, daß Gottes Verherrlichung stets wachse und zunehme, seine eigene Ehre aber immer mehr sich mindere und abnehme, wenn es so ernstlich in seiner Seele steht, das Wort, das Johannes der Täufer spracht): „Er soll wachsen, ich aber muß abneh- *) Aoh. iS, 5. «') Phil. 4 , i3. **»)Joh. 3, 3». 165 inen." Wohl sprechen Viele: das ist mein einziger Wunsch, daß Gottes Ehre an mir und an allen vollbracht werde! Die Aeußerung und diese Sprache wäre wohl ganz recht, wäre sie nur auch allemal wahr gesprochen; es ist hier die Rede davon, o Mensch, daß der Wunsch im Ach gemeinen nur das Wenigste des Ganzen sey, du solltest vielmehr bedenken, ob du auch wirklich allemal und immer nicht nur Gottes Verherrlichung und Seine Ehre wünschest, sondern auch ihretwegen und zwar wegen ihr allein wirkest und handelst? Das kann nur der Vollkommene allein in Wahrheit sagen, der da stehet in wesentlicher Wahrheit, unbeweglich in jedem Zufalle, es sey Lieb oder Leid, oder was immer, dem nichts, durchaus nichts seinen inneren' Frieden und seine Herzensruhe stören kann. Sechstens, wenn nun der Vollkommene, stehend in wesentlicher Wahrheit, fähig, immer tiefer einzudringen in den verborgenen und unbekannten Willen Gottes, wirklich dahin gelangt ist, dann verlieret er seinen natürlichen Willen ganz in dem göttlichen, so daß er nun selbst keinen Willen mehr habe weder zum Bösen, noch zum Guten, sondern rein nichts wolle. Dieser reine Wille weiß nichts von irgend einem Warum, er kennet und erkennet nichts als einzig und allein den Willen Gottes und Gott allein läßt er wollen; und eben darin bestehet die höchste Vereinigung des menschlichen Willens mit Gottes Willen. Dieses alles wird ihm aus der Kraft des Leidens Christi, wohin er sich erschwungen hat, dort ist er gewaschen und gerciniget worden von allem, was Gott nicht ist, dort ist er in die innigste Verbindung mit Gott gekommen, mit jenem Gott, der da verborgen ist in dem Leiden unseres Herrn. So hat er die höchste Stufe der Vollkommenheit errungen; jetzt erst kann und darf er Gott um alles bitten; was er Ihn bitten wird, wird ihm gewähret werden, und das darum, weil auch er Gott alles gegeben, alles geleistet hat, was Er von ihm forderte. Soll dir Gott nichts versagen, versage auch Ihm nichts, was Er von dir verlanget, dann wirst du alles 16b von Ihm erhalten. Ein Geisteslehrcr sagt '1: „Gottes Hand ist niemals leer an Gaben, wo die Arche des Herzens voll ist des guten Willens." §» 53 » Ein vollkommener Wille wirket mehr mit einem guten Werke, als ein unvollkommener mit vielen, jener wirket in einem Augenblicke mehr und kräftiger, als dieser in langer Zeit, jener wirket in Ruhe, dieser mit vieler Mühe und Arbeit; warum das? Darum, weil Gott unsere Werke nicht ansieht und bemerket nach ihrer Zahl und Größe, sondern jedes nach seiner Reinheit und Vollkommenheit; das reine und vollkommene nun ist Ihm weit lieber, als tausend unvollkommene. Da aber der vollkommene Wille allein auch vollkommene Werke hervorbringt, so sind diese denn, ja ein einziges derselben, ede- ler und besser, als alle Werke eines ungereinigten Willens. Auch schon darum ist sein eines Werk besser, als viele der anderen, weil ein vollkommener Wille in einem guten Werke alle begreifet und umfasset und nicht allein seine, die er wirket, sondern auch alle und jede anderer Menschen, mllcr Engel und aller Heiligen Gottes; er thut nämlich in einem Werke alles, was er nur immer vermag, und könnte er zumal alle Werke auf einmal wirken, er thäte es so gerne, ja, vermöchte er wie Gott zu wirken, er unterließe nichts. Darum ziehet er aus allen guten Werken seinen wesentlichen Lohn, denn er liebt sie alle; wo denn die Liebe ist, da ist Verdienst und Lohn; dem vollkommenen Willen antwortet das Werk, und zwar so, als Hütte er es gewirket in seiner Vollkommenheit, und was an irgend einem guten Werke mangelhaft ist, das muß der entgelten, der es gewirket hat, dem Liebhaber der Vollkommenheit aber kann ein ihm fremdes Gebrechen nicht schaden. Alle Werke und die vollkommensten Handlungen Christi, die Er je gewirket hat, ) Der heilige Grcgorüis. 167 und jene aller AuSerwählten im Himmel und aller vollkommenen Menschen auf Erden stimmen in ihrer höchsten Vollkommenheit mit seinem vollkommenen Willen überein, und so sind sie auch ihm verdienstlich; ja sollte auch in seinen Werken noch irgend ein Gebrechen seyn, fehlt ihm aber nur der gute Wille nicht und thut er, was er vermag, und hat den heißesten, ernstlichen Wunsch, alles nach dem allerliebsten Willen Gottes auf das ! Vollkommenste zu thun, dann ersetzet Gott mit Seinen Wer- l ken, mit Seiner Gnade das ohne des Menschen eigene Schuld in sein Werk eingeschlichene Mangelhafte: denn Gott liebt den guten Willen, Er will ihn nimmermehr leer ausgehen lassen. Er nimmt ihn an und will ihn mit allen Gaben und Gnaden beseligen. §. 54. Endlich wird auch jene höchste ursprüngliche Kraft des Menschcngeistes, die er vor seinem Falle besaß, vermöge welcher er mit Gott im unmittelbaren Bande und in seligster Vereinigung mit Ihm stand, in dem Leiden unseres Herrn wieder hergestellet und zurückgegeben. Denn, Gott unmittelbar zu schauen. Ihn zu kosten und zu erfahren, war Gottes höchstes Geschenk an den ersten Menschen; dieses herrlichsten, göttlichen Segens aber beraubte die Sünde den Menschen, durch sie entstand eine traurige, störende Scheidewand zwischen Gott und dem Menschen, die nur durch Christus und in Ihm wir tilgen können und sollen, so nämlich, daß der Menschengeist entlediget und leer werde von allen jenen Hindernissen und Vermittelungen, die der irdische Sinn eingeschoben hat in ihn. Diese Reinigung und Läuterung aber kann nur dann geschehen, wenn alle innere und äußere Seelenkräfte sich > einwenden in die Lehre, Werke und das Leiden Christi, und jede einzelne Kraft nach Vermögen und ihrer Art darin wirket und sich übet; diese Uebung in Christo läutert und reiniget sie nun alle. So gereiniget, sind sie nun empfänglich des göttlichen Liebefeuers, womit sie entzündet werden und welches ihnen allen jene ursprüngliche 168 Richtung wiedergabt, wohin und wozu sie geordnet waren und sind, nämlich zu jenem höchst seligen und einzigen Vermögen, Gott ohne einige störende Vermittelung zu genießen, wo denn Gott Sich im Wesen der Seele offenbaret, ihr ganzes Wesen und alle ihre Kräfte an Sich ziehet und sie mit Sich einiget. So hangen sie nun alle Gott an, alle suchen Ihn, ihnen allen zeiget Er Eich, sie alle kosten Ihn; hat nun jede derselben nach ihrer Art und Vermögen Gott gefunden, Seine Süßigkeit gekostet. Ihn geschauet, dann können sie nichr mehr von Ihm lasten, sie muffen Ihm überall folgen und nacheilen, und weil sie Ihn im Innersten, im Wesen der Seele schauen und finden , so geben sie sich zumal dahin ein, nun umfasset sie Gott, sie umfassen Ihn, nun speiset und sättiget Er sie, jede einzelne, wie sie es bedarf, nun ist Aller Wille Einer und der Eine der Wille Aller; und so ist es denn an ihnen wahr geworden, was der Herr sagt ch: „Wenn Ich erhöhet werde seyn, dann ziehe Ich alles zu Mir." Denn einiget sich die höchste Kraft des Geistes mit Christo, so wird sie empor gehoben mit Ihm und in Ihm und ziehet alle übrige ihr untergeordnete Kräfte sich nach, und so kommt denn jede wieder dahin, woher sie ausgegangen ist, in ihren ersten Ursprung; denn ist einmal die oberste See- lenkraft auf ihrem höchsten Zielpunkte angelanget, wozu der Geist geschaffen ist, dann müssen wohl auch die niederen Kräfte auf ihrer höchsten Stufe stehen, wohin sie bestimmet sind, fehlte es an der obersten, dann würden wohl die andern untergeordneten alle gebrechlich und ihrem Ziele noch ferne sinn. Und so kann denn jeder an sich erkennen, ob es mit ihm recht oder unrecht stehe. Ist der innere Mensch wohl geordnet in seinem Besten, dann wird wohl auch der äußere in seiner gehörigen besten Ordnung und Richtung seyn; denn was der Geist auf seiner Höhe von Gott empfängt, das theilet er den niederen Kräften mit, und wie ihn Gott ordnet und regelt, so regelt er hinwieder auch diese, und so wird der innere durch den äußeren Men- 169 schen erkannt. Denn ist jener durch die Gnade nach Christus gebildet, so muß auch dieser in Gleichförmigkeit mit Ihm stehen, wie Er Selbst in den Worten sagt H: „ Wie Mich der Vater gesendet (geordnet) hat, so sende Ich auch euch, daß ihr gehet und Frucht bringet." 8 . 55 . An dieser Gleichförmigkeit nun erkennet man einen Jünger Christi. Diese Achnlichkeit mit Ihm erhalten wir aber vorzüglich durch stäke Betrachtung Seines Lebens, Wirkens und Leidens; denn ebendeswegen hat Er für uns gewirkct und gelitten, um alle Ungleichheit zwischen uns und Ihm von uns zu nehmen: wollen wir demnach Ihm gleichförmig und ähnlich werden, so müssen wir uns in den leidenden und wirkenden Christus umbilden. So wie es keine Erlösung für uns giebt außer in und durch das Leben, Wirken und Leiden Christi, eben so wenig kann eine Seligkeit, noch eine Vollkommenheit für uns erfunden oder errungen werden, wenn wir unser Leben nicht führen nach der Lehre, nach den Werken und dem Leiden unseres Herrn; je mehr wir uns darin üben, je kräftiger unser Streben dahin gerichtet ist, je größer ist unsere Seligkeit, je sichtbarer unsere Achnlichkeit mit Ihm, denn Christi Leben und Leiden ist aller Süßigkeit voll, ist die Summe aller Vollkommenheit. So neige denn dein Gemüth auf den wirkenden und leidenden Christus hin: Er ist jene köstliche „Feldblume", die der emsigen Biene so süßen Honig spendet; sey du diese arbeitsame, unermüdete, immer forschende und suchende Biene, je emsiger du suchest, je mehr des köstlichen Honigs wirst du sammeln. Die Wunden Jesu sind süße, liebliche Blumen, da kehre ein, suche unermüdet, sauge den köstlichen Saft, reich beladen mit ihm wirst du heimkehren und überfließen von göttlicher Süßigkeit und nichts ferner mehr kosten wollen, als Güte, göttliche Güte; einen Schatz wirst du nach Hause bringen *) Joh. 20, 21. voll göttlicher Ehre, davon wirft du ausspenden an alle die Deinigen, an alle, deine Werke, sie werden alle zur Ebre Gottes geschehen, du wirst sie verkündigen, diese Ehre Gottes durch dein ganzes Leben, wie Jesus Christus verkündiget hat die Ehre Seines Vaters. Denn du hast gekostet die göttliche Gnade aus den Wunden deines Herrn, die da überfließen von allen Gnaden; diese erhaltenen Gnaden gehen dann ein und über in alle deine Werke, in dein ganzes Thun und Lassen und verkündigen Gottes Ehre, und Gott wird dich bewahren vor allem, was wider Seine Ehre ist. Wie ein Herr seinen treuen und darum ihm lieben Knecht vor jeder Schande, Schmach und Unehre bewahret, eben weil er den Getreuen liebet, so wird auch Gott dich als einen treuen, eifrigen Diener vor jedem dieses liebende Verhältniß störenden Ungemach bewahren, denn du liebest ja so innigst den Sohn des Hauses — den Sohn Gottes — hängst Ihm nut so redlicher Treue an, suchest dich in allem Ihm gleichförmig zu machen, nimmst Antheil an allem, was dem Geliebten widerfahren ist; wie könnte der Vater einen so treuen, innigen, theilnehmenden Knecht fallen, in Unehre und Unglück fallen lassen? §. 56. Ja wahrhaftig ! wer Christo anhanget und Sein Leiden betrachtet, den wird und kann der Vater so wenig verstoßen oder verlassen, als Er je Seinen Sohn verlassen, oder Seiner vergessen könnte; denn kehret sich der Mensch ganz in das Leiden Christi ein, dann öffnet Gott den Brunnen Seiner Gnaden, kehret ein mit Seiner ganzen Gnadenfülle in die Seele und gestattet ihr nichts mehr, was Seiner Gnade hindernd seyn könnte. O Seele! erschwinge dich, fliege auf das Feld, wo diese lebendigen Blumen blühen, sey eine emsige Feldbiene, sauge aus den holden Blumen die Süßigkeit, sammle dir den süßen Honig, du wirst dessen so viel erhalten, daß er für dich und alle, die seiner begehren, hinreichend seyn wird! Wunderst du dich oft, daß Gott so viele Sünder 171 dulde und trage und sie nicht in Seinem Eifer vertilge? Erkenne nebft andern auch diese als eine vorzügliche Ursache: die Frommen erhalten die Sünder, jene innigen Verehrer und Betrachter, jene liebeglühende Freunde des leidenden Christus, die sich Gnade, überflüssige Gnade schöpfen aus Seinen Wunden und dairkkt eingehen in Gott und dort bitten für die Sünder; Gottes Gnade treibet sie zu dieser Fürbitte, sie ist Sein Werk, und Er will nicht verschmähen Sein Werk, und erhöret die Bitte Seiner Diener und Freunde und läßt den Sünder leben, harrend Seiner Rückkehr zu Ihm. Hat ja der Herr Selbst bekennet, daß Er Sich gezwungen fühle, einzukehren bei dem Sünder Zachäus! ,, Ich muß heute (sprach Er) in deinem Hause bleiben!" — Die Gnade Gottes treibet den Menschen, zu thun, was Gott will; thut das der Mensch, dann nöthiget er gleichsam auch Gott, daß Er thue, was er, der von Ihm Begnadigte, will. Solcher Ueberfluß der Gnade und Huld Gottes war nicht im alten Bunde, darum strafte Gott so hart und gewaltig und oft augenblicklich; durch Christus aber ist der Bund der Gnade und der göttlichen Liebe im Ueberflufse gestiftet, sie ist ausgeströmet in alle Herzen, sie umfasset alle reinen Gemüther, sie bemächtiget sich ihrer mit ächter Liebe. Diese Liebe treibet zu Gott, sie müssen Ihm anhangen, und Er muß sie lieben, weil Er will, Er kann sie nicht abweisen. 8 . 57 - Erkennte man nur immer solche Menschen, das wäre wohl sehr ersprießlich und heilsam, sie, die so viel vermögen bei Gott, der so gerne ihre Bitte erhöret; befolgten wir ihren Rath und ihre Mahnung, wir würden die Früchte wohl bald in uns finden. Aber nur die erkennen sie, die ihnen gleich und ähnlich sind; denn verborgen ist der Schatz, den sie tragen, verborgen und ver- ) Luc. »9/ s. 172 decket, wie Gold in der Erde vergraben: der irdisch Gesinnte, der irdisch Geladene erkennet und durchschauet sie nicht. Ihr Schatz ist ein inneres Gut, im Grunde der Seele gelegen; wer sich im Aeußeren herumtreibet, hat ihrer keine Kenntniß. Ihr Schatz ist erhaben über alle Bilder und Formen, er übersteiget das, was die Sinne begreifen; wer nun nach sinnlicher Wahrnehmung die Dinge nimmt, begreift weder dieses Gut, noch die, welche es besitzen. Ihr Besitz ist ihnen aus dem leidenden Christus gekommen; wer nun Den nicht kennet, nicht suchet und liebet, der kennt wohl auch die Freunde Jesu Christi nicht. Was ihnen geworden ist, haben sie in der Reinheit des Herzens und in stiller Ruhe der Seele empfangen; wer nun nicht reinen Herzens ist, wessen Herz noch woget und sich ungelassen herumtreibt, der ist nicht fähig, sie zu erkennen. Sie haben auch nichts besonderes an sich, leben gerade und einfach dahin ohne besondere, sie auszeichnende Weise; die Sonderlinge aber, die überall nur so gerne nach ihrem Geschmacke und Eigensinne leben, erkennen diese einfachen, schlichten Menschen nicht, ja sie verachten sie oft als gemeine und wenig zu beachtende Geschöpfe: wie sollten sie die lieben und ehren, die sie nicht kennen? — Endlich ist ihr Besitz über alle Worte erhaben; sie selbst reden nicht davon, wie könnten sie das Unaussprechliche mit Worten aussprechen, wie das Unbenennbare mit Worten ausdrücken? Bei wem aber die Worte nur gelten, dem der Viclsprecher auch der Rechtsprecher ist, der fällt gemeiniglich der Lüge und dem Betrüge anheim, und die Lüge, die Täuschung, die Wortprahlerei ist ja wohl ihre Sache nicht; darum sind und bleiben sie denen, die draußen sind, immer unbekannt. §. 58. Darum gehöret allerdings eine besondere Weisheit dazu, diese Menschen und was in ihnen lebet, zu erkennen. Diese Wissenschaft aber holest du dir wahrlich nicht von deinen hohen Schulen, du lernest sie einzig nur in 173 dem Leiden und in dem Leben deines Herrn, in dieser wahren Schule der göttlichen Weisheit, anderswo wahrhaftig nicht. Sie aber kennen dich und die anderen gar wohl, ihr bleibet ihnen nicht verborgen, euch entdecket ihnen Christus, mit Dem sie verbunden sind: Er das Band aller Dinge, Er die Regel aller Menschen; wer sie ganz kennet und verstehet, diese Regel, der verstehet auch alle Menschen. Christus ist voll Gnade und Wahrheit; wer nun die Gnade, die Christus giebt, besitzet, wer die Wahrheit hat, die Er Selbst ist, und wie Erste namentlich in Seinem Leiden geoffenbaret und geleh- ret hat, dem hellet sich der innere Blick ganz auf, dem verschwinden alle Vermittelungen, die die volle Erkenntniß stören, dem werden alle Dinge unmittelbar bekannt. — Warum erkennest du die Wahrheit nicht rein, warum gelangest du so schwer zur reinen Kenntniß der reinen? Die traurigen Vermittelungen zwischen ihr und dir sind daran schuld; wärest du ihrer ledig, die Wahrheit würde dir rein und klar erscheinen. Wer nimmt sie hinweg, die verdunkelnden Vermittelungen, wer reiniget dir die Seele ? Christus, der Leidende, der Gekreuzigte! Sein Leiden ist die Taufe deiner Seele und deines Gemüthes; senke dich ein in diese kräftige und edele Taufe, sie nimmt alle Mißgestalt, alle Verunreinigungen, alle trübenden Vermittelungen hinweg, sie reiniget das innere Auge und tilget jedes Hinderniß, so ist der Geist ein fähiges Werkzeug Gottes; nun kann Er ungehindert in dir wirken, kann alles wirken, was Er will. Bewache nun mit aller Sorgfalt dein Haus, schaue auf, daß sich nichts Schädliches eindränge, schließe aus, was nicht hinein gehöret, schließe zu, daß kein böser, wilder Sturm hereinsause; findet nun Gott das Haus so wohl bewahret, so schlägt Er Seine Wohnung auf in diesem Seinem Eigenthume und ruhet darin. Nun ladet Er Seine lieben Gäste zu Sich, nämlich alle Kräfte deiner Seele, Er rufet sie alle zusammen und führet sie in das innerste Seines Hauses, nämlich in das Innerste Wesen der Seele, da müssen sie alle inne seyn, nun speiset Er eine jede auf eine besondere 174 Weise; so empfanget dann ;ede das Ihrige, jede nimmt, was ihr zugehöret, wie der Herr im Evange'ium spricht"): „Gieb einem Jeden seinen Groschen, und fange bei den Letzten an bis zu den Ersten." Die ersten nun sind offenbar die höheren Seelenkräfte und das Wesen der Seele selbst; ihnen aber wird doch nicht zuerst, sondern zuletzt der Groschen gereiche:, sondern den letzten, den niederen Kräften: warum das? Die niederen Kräfte der Seele müssen im Dienste Gottes den Anfang machen, jede muß thun, was sie vermag und wozu sie bestimmt ist; so nur erheben sie sich nach und nach in die geeignete Höhe, werden eingeführet in die höheren Kräfte und diese mit ihnen in das Wesen der Seele selbst, wo Gott wohnet als in Seinem Ihm eigenen Hause. Hier nun theilet Er Seine Gaben aus und fanget damit von dem Letzten an: Gott der Vater nämlich gebühret Seinen Sohn im Wesen der Seele, denn nur sie allein ist fähig und empfänglich dieser göttlichen, ewigen Geburt; aber durch diese göttliche Geburt erhalten alle übrigen Kräfte die sie treffenden Gaben und Gnaden, die Vernunft erhält ein lebendiges Licht, der Wille die göttliche Liebe, das Gedächtniß die Stärke. Aehn- liche Begnadigung widerfährt nun auch den niederen Kräften; dem Gesichte entnimmt Er alles, was wider Gott ist. Er heiliget das Gehör, daß es gerne das höre, was göttlich und heilsam ist, dem Gefühle entziehet Er alle Wollust des Fleisches, dem Gerüche giebt Er den Vorgeschmack himmlischer Lieblichkeit, den Geschmack heiliget Er, zu kosten himmlische Dinge. So erhält nun jede Kraft das Ihrige, wozu sie fähig und bestimmt ist. 8 . 59 . Und da murren denn die Niedrigen, die zuerst gekommen waren, daß sie nicht auch zuerst erhalten; was bedeutet dieses Murren? Es ist das Murren des Anfängers, der sich ernstlich an Gott wendet; in seinem ersten Eifer *) Matth. -o, 8. 175 möchte er denn gerne sogleich alle Wahrheit erkennen, er möchte die vollkommene Liebe haben, er möchte völlige Ent- leoigung alles Unheiligen in sich sogleich finden , finden al- j les, was Gott wohlgefällig ist, auf der Stelle den ganzen ! Willen Gottes erfüllen können. Das will nun natürlich i nicht gleich und so leicht gelingen; da kommt ihm dieses und jenes Hinderniß entgegen, da und dort tritt eine unerwartete Schwäche ein, jetzt wird er unruhig, wird traurig und ängstlich, und ginge es an, er würde mit Gott rechten. Aber der Gute irret sich und klaget vergebens: was er suchet, wird ihm jetzt noch nicht zu finden möglich i seyn, wird aber ihm wirklich werden, sobald er in Geduld und fortgesetzter Uebung dahin gelanget ist, daß der ewige Vater Seinen Sohn im Grunde und im Wesen seiner Seele gebühre; bann werden ihm alle vollkommene Gaben gegeben werden von dem Vater des Lichtes, da keine Wandelbarkeit ist^, denn nur solche Gaben, wie Er selbst ist, will Er ihm geben. Das Kranke und Schwache zieht der Vater im Himmel allerdings zuerst zu Sich, belohnet es ab'er doch nur zuletzt; denn würde er die niederen Kräfte zuerst belohnen, so würde die erhaltene Gabe sie mehr beschweren, als erleichtern. Denn schwach sind sie noch und unbehülflich und nicht fähig, die große Gnade des Herrn gehörig zu bewahren und zu behalten; deshalb i fanget Gott bei den Höheren an, bei den Bessern und ! Stärkern, und giebt ihnen zuerst als solchen, die die Gabe ertragen und bewahren können, so gelangen sie denn auch auf die höchste Stufe der Vollkommenheit, in der sie fähig sind, zu schauen die reine Wahrheit, welche Gott ist. Das alles aber ist die Frucht der Werke und des Leidens Christi; dadurch erhebet sich der Mensch über alles hin als Sieger der Welt, ihm ist Friede gegeben durch Christus, der wahre Friede, den Er nur geben kann, er hat den höchsten, ungestörten Genuß Gottes errungen, er ist in die einzig wahre Freiheit der ächten Kinder eingegangen : was er nun will, das wird ibm, wem er gebietet, das gehorchet ihm, was er bittet, dessen wird er gewähret; denn Gott und er sind eins, was nämlich Gott will, das will 176 auch er, was Er gebietet, das gebietet er mit Ihm; und so geschieht denn alles, was er will, und alle Dinge gehorchen ihm. Siehe, das ist der zweite Weg, den wir denen zeigen wollten, die zur wahren Vollkommenheit, zur wahren Armuth des Geistes, zu einem gottschauenden Leben gelangen wollen; es ist der Weg des Lebens, des Wirkens und des Leioens unseres Herrn, von dem wir bisher so Vieles gesprochen und ohne Aufhören weit Meh- reres sprechen konnten, denn wie seine Früchte unzählbar sind, so müßte auch unsere Betrachtung und unsere Rede davon seyn, es ist ein unerforschlicher Abgrund der Geheimnisse Gottes. Christus, der Lebendige, der Wirkende, der Gekreuzigte ist unser Heil, unser Leben und unsere einzige Seligkeit. §. 60. Der dritte Weg zur höchsten Armuth des Geistes und zur inneren Schaumig Gottes ist die geduldige und ruhige Ertragung alles dessen, was den Menschen geistlich tödtet, daß er sich diesem nicht nur nicht feige und unruhig entziehe, vielmehr demselben muthig uns entschlossen entgegen trete. Wirst du verachtet von den Menschen, ungerecht getadelt, beschimpfet, verurtheilet, verfolget und geächtet, dann wollen sie dich geistlich töd- ten; das sollst du nun standhaft ertragen, sollst dich nicht feige entziehen der Schmach, sollst nicht Trost suchen bei Menschen, die den wahren nicht geben können, sollst nicht niedrig winseln um Abhülfe, wenn dir's anders Ernst ist, dir selbst und Allem abzusterben. Wer sich diesen Geistes-Leiden entziehet, der weichet wohl vom geraden Wege zum höchsten Ziel sehr weit ab, der will noch länger leben in seinem Verderben, der will nicht reines Herzens seyn. §. 61. Merke: der Mensch hat gesündiget gegen Gott durch die Liebe der Kreaturen, so ist er in Feindschaft gegen 177 Gott gekommen; das soll nun aufhören und anders werden, es soll die erste Liebe, die Liebe Gottes wieder hergestellet werden in ihm: und wie kann das auf eine andere Weise geschehen, als daß der Mensch das hasse und dem von nun an entsage, welchem er so widerrechtlich sich hingegeben hat, nämlich dem Geschaffenen, und Gott wieder anhange. Dem er ursprünglich angehöret? Diese Aussöhnung mit Gott nun ist nur dadurch möglich, daß du entsagest der Kreatur; so wird dir Gott die Sünde vergeben, die Kreatur aber wird dich nun um so mehr Haffen. Nimm ihn auf dich, diesen Haß, es läßt sich hier kein Ausweg finden, entweder gehastet von den Menschen und eben so geliebt von Gott, oder geliebt von jenen und entfernet und verabscheuet von Diesem; denn Gottes Liebe und irdische, sinnliche Liebe vertragen sich unmöglich in einem und demselben Herzen. Ein ganz enr- ledigtcr, wahrer Geistesarmer wird natürlicher, d. i. sinnlicher Weise von keinem Menschen geliebt; er selbst aber als solcher kann eben auch sinnlich keinen Menschen lieben, denn dahin gehet ja eben sein Streben, sich sekbst und allen Andern nach seiner sinnlichen Natur abzusterben. So abgestorben nun ist er ja keiner blos natürlichen Liebe weiter fähig, er selbst hat sie nicht mehr, und da Andere diese an ihm auch nicht finden, so können auch sie ihn nicht lieben; ja, als blos natürliche Menschen werden und müssen sie ihn hassen. Wer ihn noch liebte, der könnte ihn nur nach übernatürlichen Beweggründen, die die Gnade giebt, lieben; so liebt nun aber der blos sinnliche Mensch nicht, er liebt nur seines Gleichen. Dieses Gleichen kann aber der wahre Geistesarme nicht seyn, ja, er fürchtet solche unrechte Liebe; darum eben ist er so emsig daran, daß er allweg sterbe sich selbst und allen andern Menschen. Würde er noch von den Sinnlichen geliebt, dann wäre es ein offenes Zeichen, daß er noch nicht durchaus sich und allem abgestorben sey; denn Lust der Sinnlichkeit ist's, was sinnliche Menschen lieben, ws sie die nicht finden, lieben sie auch nicht. 1L L78 §. 62. Darum sey nicht nur nicht traurig, vielmehr freue dich, wenn solche Menschen dich Haffen; das ist ja eben ein sehr gutes Zeichen, was keinem Sünder widerfahren wird. Findest du auch nur noch das Geringste in dir, was sinnlicher Liebe ähnelt, oder als solche sich erst einnisten will, eile, es zu tilgen, nur so wirst du göttlicher Liebe fähig bleiben. Diese göttliche Liebe sey einzig dein Gegenstand, dein Beweggrund und Ziel. Liebest du so und wirst wieder geliebt, dann isi's übernatürliche Liebe, die dir gegeben wird; denn, wie wir erst sagten, liebt Gleiches seines Gleichen, die Natur liebt die Natur, die Gnade liebt, wo sie sich selbst wieder findet, wo nun die Sinnlichkeit gestorben ist, da ist Gleichheit der Gnade. Wer demnach keine Ähnlichkeit sinnlicher Liebe mehr in sia, hat, reffen Liebe gehet göttlich von ihm auf andere aus, und von diesen eben so rein auf ihn wieder ein. Menscben, die sich noch nicht ganz und durchaus abgestorben sind, wähnen oft, sie liebten rein und wie die Gnade nur lieben kann, im Grunde aber ist es bloße Sinnlichkeit, was sich leicht herauswirft, wenn sie sich betrüben, oder zürnen können, wenn du sie deshalb tadelst; die liebe Sinnlichkeit läßt sich ja nicht tadeln, läßt ihrer nicht spotten! Die göttliche Liebe hingegen duldet gar gerne den Tadel, sie läßt sich hassen, selbst aber hasset sie niemand und fährt ungestört fort in ihrem besten Thun; die unabgetödteten, sinnlichen Menschen hingegen sind rachesüchtig, unruhig und leicht beweglich. §. 63. Nicht nur aber die Entziehung der Liebe und Zuneigung der Menschen darf der wahre Geistesarme, der Gott innen schauen will, nicht achten, er muß auch alle ungerechte Urtheile der Menschen über sich ertragen. Wenn der sinnliche Mensch einmal nicht mehr liebt, dann fällt er mit ungerechten Urtheilen über den Ungeliebten her; die trage- nun der nach Vollkommenheit Strebende gedul- 179 big und ohne Widerrede. Seine Geduld hierin wird ihm Gott einstens, den gerechten Richter, zum gnädigen Richter machen; was er hier Ungerechtes leidet im menschlichen Urtheile, das wird das Urtheil Gottes einst über ihn und seine sonst verdiente Schuko und Strafe mindern t und aufheben, und er wird sicber und ruhig vor dem gött- i lichen Richter erscheinen. Wir können nicht umhin, sol- !! len und wollen wir Gott angehören, so müssen wir hier ! schon geurtheilet, hart und böse geurtheilet werden; die ! Tugend muß durch Leiden, durch Verunglimpfungen be- ! währet werden. Wer so durchkömmt in der Welt, ohne von Bösen böse beurtheilet zu werden, der ist wahrlich j kein wahrhaft Tugendhafter; je reiner die Tugcnv, je t schärfer das Urtheil, die höchste Tugend würde auch die l giftigsten Urtheile dulden müssen und erfahren, über den ^ Besten müssen alle Schlechten hereinstürmen. Fliehst du i das Urtheil der Menschen, dann fliehest du auch die Tu- t gend. Der Nächste in der Nähe Gottes ist eben die ein- ! zige Zielscheibe des Spottes und des liebclosestcn Frevels aller, die in der Ferne stehen ; denn jeder lobt das Seine, was ihm nicht ähnlich ist, will und kann er nicht loben. Halte fest an Gott und der Tugend und laß urtheilen, wer und was er will. §. 64 . Wenn sich nun aber mein Nächster an meinem tugend- lichen Wandel, obgleich ungerecht, stoßen und ärgern würde, dürfte ich da nicht Manches, was die Tugend fordere, unterlassen? — Wie du schwach und furchtsam bist! Kann denn je die wahre Tugend ein Gegenstand des Falles des Nächsten seyn? Ist sie nicht vielmehr zur Er- ; munterung, zur Auferbauung Anderer da? Ist sie nicht eben eine Hüterin vor'm Falle? Meinest du, der sich nicht bessert und erbauet an guten Werken, der werde sich bessern durch schlechte? und wäre das nicht böse, ' wenn man das Gute unterließe? Sollte wohl jemand besser werden, wenn du der Tugend entsagtest? Damit dir der Feind zeitlich nicht schade, oder sonst deine Ruhe störe, 480 willst du die Tugend beiseite setzen? Ist dir dein rnuth- maßliciier zeitlicher Schade wichtiger, als der Schade des Geistes, au der Seele deines Nächsten verübt, wenn du die Tugend verlässest? Nimmermehr kann wahre Tugend schaden, sie ist allemal und immer nütze. Wer der Lugend entsaget aus Furcht, der hat sie nie geübet aus göttlicher Liebe; denn „diewayre Liebe kennt keine Furcht", sagt Johannes. Der Vollkommene vollbringt die Tugend, und sollte die Hölle ihm drohen, denn nicht die Furcht der Hölle, nicht die Hoffnung des Himmelreiches,, die Liebe ift'o, die göttliche Liebe, die ihn zur Tugend treibet; entstehe daraus, was da wolle, er übernimmt alles, mit Freude tragt er alles. Haben es die Apostel des Herrn andere gemacht? „mit Freuden, heißt es, gingen sie von des hohen Rathes Angesicht hinweg, weil sie würdig geachtet wurden, für den Namen des Herrn Jesu Schmach zu leiden" '"ch So sollest auch du thun: unterlasse nichts des wahren Guten, laß Andere urtheilen, was und so viel sie wollen, harre Gottes und Seines Wohlgefallens; das sey deine Sorge, nicht wie du den Menschen gefallest. 8 . 65 . Gilt hier noch menschliches Ansehen bei dir, dann ist dein Auge nicht lauter, dann haften noch Splitter ja Balken in ihm, dann ist dein Werk kein reines Werk; das Geschöpf blendet, Gott reiniget das Auge. Willst du rein und klar sehen, blick nicht auf Menschen, schaue auf Gott; so wirkest du reine Tugend, und welche Folge immer sie hat, denke das sey dein Bestes, sorge für dieses Beste, lasse Andern das, was sie dafür ansehen, das Deine besorge und kümmere dich nicht um Fremdes. Dein Bestes ist die Vollkommenheit, die Erhebung über alles Irdische, der Aufschwung in die Höhe, wo Christus ist, wohin Er dich ziehet- wohin zu ziehen Er verheißen hat „Bin *) Ich. 4 , > 8 . **) Ap. Gesä>. S, 4i. "*) Ich. .2, 3-. st 181 Ich erhöhet von der Erde, sprach Er, dann ziehe Ich alles Mir nach." Traun! das ist wohl das einzige wahre Beste aller Menschen! wer ein anderes, oder wer es anderswo suchet, als bei, mit und in Chrißus, der ist Seiner und Seines Mitbesitzes nicht werth, und um des Unwerlhen wirst du doch die Tugend nicht vcrläugnen? Wäre das, dann wärest du ja wohl selbst einer der Unwerthen! Gottes Ehre ist wohl das nicht, daß ich meines unordentlichen Nächsten schone und die Tugend bei Seite setze, die ihm nicht behaget? sondern die Tugenden alle vollbringen, und dulden und tragen, was der böse Unverstand dagegen geifert, das ist und fordert Gottes Ehre. Wer dich hier ungerecht richtet, den wirst du einst mit dem gerechten Richter am allgemeinen Gerichtstage gewaltig ricbten; der hier unschuldig Verurtheilte wird einst seine schuldvollen Beurtheilet richten, und hier wird es wahr werden, was der Herr gedrohet hat* **) ); „Urtheilet nicht, daß ihr nicht geurthei- , let werdet." Wer hier seinen Bruder verurtheilet, des I Guten wegen, der tritt ihm das künst-ge Richteramt über sich selbst ab; Paulus sagt °"): „Wer einen anderen urtheilet, der nimmt ihm das Urtheil ab und legt es auf sich selbst." Darum fürchte das Urtheil der Menschen nicht, sie nehmen dir nichts ab, als deine Gebrechen, die dich doch nur quälen und die du herzlich bereuest. 8 . 66 . So gewiß es nun ist, daß wahre, aus reiner Gottes- licbe hervorgehende gute Werke niemal eine gerechte Ursache des Falles oder Aergernisses unseres Nächsten seyn oder werden können, so wahr ist es, daß alle arge Beurtheilungen derselben unwahr und dem frevelnden Beurthei- ler nur schädlich und verderblich sind, ja, daß vielmehr alle schiefe und ungerechte Urtheile eine Kundmachung der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit sind. Eben so wahr *) Matth. i. **) Rom. 2, i. 182 und nothwendig ist es auch, daß man mit Verrichtung und Uebung gewisser sogenannter guter Werke sehr behutsam in Hinsicht seines Nächsten verfahren und sie, wenn sie nicht wahrhaft reinen Grundes sind, durchaus unterlassen müsse, um den Fall seines Nebenmenschen zu verhüten. Treibet dich zu irgend einem jugendlichen Werke Menschenfurcht, eine blos natürliche oder sonst ungeregelte Neigung und Lust u. dgl., dann ist dein Werk unrein, und je großer die Unlauterkeit ist, je größer ist die Gefahr der Sünde, des Aergernisses und des Falles für deinen Nächsten da. Aergert sich nun wirklich dein Nächster an solchem Werke, dann trägst du die Schuld seines Falles; dich fordert die Liebe des Nächsten auf, es zu unterlassen, denn nun ist es kein gutes Werk mehr, es ist böse durch die eingeschlichene unrechte Meinung und Absicht, dem entsage nun. Die wahrhaft guten Werke aber, jene nämlich, die aus reiner Gottesliebe hervorgehen und deshalb rein und lauter sind, die als solche nimmermehr eine gerechte Veranlassung des Falles und Anstoßes eines Andern seyn und werden können, sollst du aus feiger Menschcnfurcht, oder fälschlich sogenannter Menschenliebe durchaus nicht unterlassen. §. 67 . Wohl aufsehen aber müssen wir, daß unsere guten und tugendlichen Werke nach und nach nicht in wahre Fehler ausarten, daß wir die reine, göttliche Liebe nie bei Seite setzen; jene Liebe, „die niemals Böses thut*)" und ohne welche ein Werk nie und nimmer gut seyn kann, die immer das rechte Maaß und Ziel, die gehörige Ordnung beobachtet, was und wie viel sich gezieme des Guten; die Liebe, sagen wir, die allzeit das wahre Ziel im Auge behält , warum und wozu alles geordnet ist. Aber diese bescheidene Weisheit ist wohl nicht Allen bekannt, von Wenigen nur erkannt; darum wellen wir ') I. Cor. i3, 4 . jetzt die gehörige Ordnung der Werke der Liebe und der ächten Tugend in vierfacher Weise verzeichnen. §. 68 . Die erste Ordnung eines ächten Liebewerkes und der wahren Tugend ist das Gesetz der heiligen Kirche; die zweite, das Gesetz der Natur. Sie beide stimmen mit einander überein, sie bilden nur ein Gesetz, welches, so weit es äußerliche Werke betrifft, das gehörige Maas derselben verzeichnet. Wer dieses Maas nicht überschreitet, der handelt und wirket in rechter Weise; wer eS überschreitet, der verdirbt sein Werk und sündiget gegen beide. Das ächte Maas nun ist: nicht zu viel und nicht zu wenig! was darüber oder darunter ist, ist böse, die Tugend steht in der Mitte! Wer diese Mitte halt in seinen äußerlichen Liebewerken, der handelt und wirket nach göttlicher Liebe. Giebst du dem, der es nicht bedarf, so ist das nicht Liebe, du bist über die Mitte hinausgetreten; des Nächsten Nothdurft ist diese Mitte, du hast aber dem Ueberfluffe, nicht der Noth gespendet. Das ist so wenig eine Tugend, dem geben, der dessen nicht bedarf, als wenig es Tugend wäre, den Satten zu speisen und den Trunkenen nochmal zu tranken. Sie nennen es wohl Tugend und Liebe gegen einander und denken und sagen: gieb du mir, dann gebe ich dir! gebt ihr euch immerhin, ihr gebt euch wohl euren Lohn, aber Gott giebt keinen. — Fastest du über deine Kraft, ent- schöpfest du deine Natur bis zur Unbrauchbarkeit in deinen Pflichten, dann bist du eher ein Selbstmörder, als ein tugendhafter Mensch und handelst eben so unrecht, als der, welcher über die gehörige Nothdurft iffet und trinket; es muß überall Maas und Ziel gehalten werden, wer das thut, handelt nach den Gesetzen der Kirche, wie der Natur. Der heilige Bernard sagt: das Beste, was der Mensch thun kann, ist, daß er Ordnung halte in der Natur und im Geiste. Jedes hat seine Ordnung; wer die Ordnung der Dinge verkehrt, der störet ihr Wesen, wer Liebe wirken will außer der Ordnung, der 184 überschreitet die Liebe und handelt wehr böse, als gut. Die Ordnung ist Gottes Einrichtung, und deshalb gut, wer sie übertritt, handelt gegen Gott, und nur das ist gut, was in Gott geschieht, und nichts geschieht in Gott, es geschahe denn in der gehörigen Ordnung. §. 69 . Die dritte Ordnung, wie die wahre Tugend und die ächten Liebcwerke sollen geübet werden, zeiget uns das heilige Evangelium, wie es unmittelbar von Christus gegeben ist; die vierte ist rein göttlich. Beide haben ein Ziel, nämlich Gott. Die Ordnung des Evangeliums leitet und führet uns zur Entsagung und Ent- ledigung zeitlicher Dinge; die göttliche Ordnung führet uns zur Absagung aller auch geistlichen Dinge, die Gott nicht sind. Wer nun seine Werke nach diesen zwcren göttlichen Ordnungen genau regelt, der wirket allzeit unmittelbar in Gott; denn ein vollkommener Mensch, wirkend und handclend nach diesen zweien Ordnungen, ist äußerlich und nach innen entlediget von allen Geschaffenen, und so ist Gott allein sein unmittelbarer Gegenstand und sein einziges Ziel. Denn alle Vermittelungen sind aufgehoben und seine Werke sind somit unmittelbare Werke, außer allem und über alles Geschaffene in Gott allein gcwirket; und das wollte der Herr mit jenen Worten im Evangelium andeuten, da Er sagt 'ch: „Wer nicht auf alles verzichtet, was er besitzt, der kann Mein Jünger nicht seyn." Auf alles verzichten, sagt Er: nicht allein auf das oder jenes, und das klebrige behalten, was noch zeitliche Vermittelung genug übrig ließe, sondern auf alles verzichten und nichts zurückbehalten. Das hebet nun alle Vermittelung auf und läßt nichts übrig, denn Gott. Wer nun dem allen entsaget hat, der ist ein wahrer Jünger Christi und wahrhafter Freund Gottes; er allein gehet in die Schule Gottes, wo er alle *) Luc. > 4 - 3Z. 185 Wahrheit am gewissesten lernet, denn Gott allein ist sein Lehrmeister, der ihn das rechte Wirken, die rechte Ord< nung in seinen Werken lehret, und spricht zu ihm „Wer nicht verlasset Vater,,Mutter, Schwester, Weib, Kinder und alles Andere, ja auch selbst sein Leben, sich selbst, der ist Mein nicht werth." — Wahrhaftig! wer noch mit Liebe und sinnlicher Zuneigung haftet an irgend einem Dinge, es sey groß, oder so klein und gering es will, was nicht rein und allein Gott ist, der beraubet sich selbst des höchsten Gutes; denn Würdigkeit setzt Aehn-- lichkeit voraus, und Anhangen mit Neigung der Kreatur i machet unähnlich dem Schöpfer und uns Seiner un- ! würdig. I §. 70. ! Lasset uns diese Wahrheit in einem Beispiele zeigen. Im Sakramente unseres Herrn ist Christus Gott und Mensch gegenwärtig. Wer Ihn würdig empfangen will, ^ der muß Ihm, so weit er es vermag, ähnlich seyn; je k ähnlicher Ihm, je würdiger Seiner. Seine Menschheit ist rein da, so soll denn auch dein äußerer Mensch rein und ledig seyn aller zeitlichen Dinge und der sinnlichen Anhaftung an selbe, wenn du Ihn würdig und zu deinem Heile empfangen willst. Auch Seine Gottheit ist ! reim da, so soll denn auch dein innerer Mensch entledi- ' get seyn von allen Dingen, die nicht rein göttlich sind; nur nach dieser Weise kann das Sakrament würdig empfangen werden. Er zeiget das Selbst an in den Worten : ,, Wer nicht allem entsaget, der ist Meiner nicht würdig." Wer dem Herrn in allem so unähnlich ist, der wird die hohe göttliche Kraft Seines Sakramentes nicht zu seinem Heile erfahren, er stellt ja selbst das Hinderniß zwischen den Gottmenschen und sich auf; reiße die Scheidewand nieder, und Gottes Kraft wird in dich unmittelbar übergehen. *) Luc. 14 , 33. 186 §. 71. Wir haben Eingangs des dritten Weges zur wahren Vollkommenheit und zur völligen Armuth des Geistes gesagt, daß uns dahin die Verachtung der Menschen gegen uns und ihre falsche, lieb - und grundlose Urtheile über uns gar sehr verhülflich seyen, und wir eben dadurch in den Stand gesetzet würden, Gott zu schauen, göttlich zu wirken unv die Tugend auf ihrer höchsten Stufe zu ervingen. Wir wollen demnach die ferneren Mittel kennen lernen, die uns auf diese Geisteshöhe erheben können, wenn wir uns derselben gehörig bedienen. Diese Hülfsmittel aber sind: Verfolgung und eigentliche Durchächtung; auch diese müssen wir geduldig auf uns nehmen, sie männlich bestehen und besiegen. So werden wir zur wahren Freiheit des Herzens, zur wahren Vollkommenheit und ächter Gei- stesarmuth um so schneller und gewisser gelangen. Der Mensch, durch Adams Fall und durch seine eigene Schuld und Sünde, ist voll sündlicher Neigung, die ihn überall hindern an seinem wahren Besten. Diese eingewurzelte böse und sündliche Neigung nun, diese elende Gebrechlichkeit, wie kann sie anders getilget werden, als durch Leiden aller Art? Wer nicht durch Leiden alle Dinge überwindet, der gelanget niemals zu einem reinen, freien und entledigten Leben. Willst du deine Freunde kennen, die dir zur Vollkommenheit verhelfen? es sind keine andere, als die dir Schmach, Verfolgung und Leiden zufügen! Gott schik- ket dir diese Freunde, Er will dich ausbrennen durch das Feuer der Menschenqual, es soll aus dir alles Unwahre entnommen werden; Er will dir auch nichts geben, keine Seiner Gaben, es sey denn rein der Grund und Boden in dir; Er reiniget ihn und läßt ihn reinigen durch Leiden. Glaube es, es bleibet nichts Ucbelcs ungestraft, aber auch kein Gutes unbelvhnt; ist das Böse mit Leiden getilget, dann kömmt das Gute vorn Herrn nach. Darum wollte auch Christus leiden, daß Er durch Sein Leiden das menschliche Uebel und Elend tilge und dann alles Gute spenden könne. Wer nun in Seinem Leiden das Meiste leidet, nach dem Muster Jesu alles geduldig leidet, der schöpfet auch den segenvollsten Nutzen aus dem Leiden unseres Herrn; wer das Leiden aber stiebet, der fliehet auch seine Seligkeit, sein ewiges Heil. Gott ist deine Seligkeit: nicht näher kannst du deinem Gott kommen, als durch Leiden; Leiden ist die Läuterung des Goldes durch's Feuer, je heftiger die Glut, je schöner und reiner das Gold; je hitziger die Glut der Leiden, je reiner das Herz, je reineren Herzens, je näher Gott. Gottes höchste Gaben an den Menschen hienieden sind Leiden und Verfolgungen. §. 72. Weißt du, wer des Leidens ganz unwerth ist? in dem Gottes Liebe nicht ist. Die Sünder läßt Gott hienieden wenig leiden, diese Gabe giebt Er nur Seinen Freunden und Geliebten, die, wenn sie wahrhaft weise sind und die Gabe recht kennen und den Geber, sich derselben mehr erfreuen, als ob sie alle Luft und Reichthum der Erde empfangen hätten, was ihnen doch nur tödtlich und ver- j derblich wäre, hinge ihr Herz und Neigung daran; aber s Leiden, aus Liebe Gottes freiwillig leiden, bringt Seligkeit und ewiges Leben. Darum wärest du ja wohl ein Thor, wenn du das Gute ließest und das Schlechte und,Verderbliche wähltest. Die Welt hält freilich die für Weise, die nach zeitlichem Besitze, Ehre und Wohlleben streben und das Leiden scheuen und fliehen; aber was die Welt für Weisheit hält, das ist Thorheit vor Gott. Lasse sie sich immerhin freuen und guter Dinge seyn nach außen, der Geist innen ist trübe, leer und öde. Ja, gäbe Gott den Sündern Leiden und Seinen Auserwählten zeitliche Freude, Ehre und Gut, so könnten wir sagen: Gott tödte und strafe Seine Freunde, und mache lebendig Seine Feinde und gäbe ihnen noch obendrein, was sie begehrten. Denn nichts bringet mehr Leben in die Seele, als Leiden, es tilget den Tod in der Seele; ist nun das Tödtende bei Seite geschafft, dann ist das Leben rein und ungehindert da. So gebühret denn das heftigste Leiden die reinste Freude; aus dem Tode keimet das Leben. 188 Z. 73. Aber welches Leiden, entgegnest du, ist das bessere und heilsamere, das, was sich der Mensch selbst anthuet, oder was Andere ihm zufügen, oder was Gott über ihn verhängt? Die Antwort darauf ist kurz: je besser es ist, daß Gott den Menschen selig machet, als daß der Mensch sich selbst selig mache, um so viel besser ist das Leiden, das Andere ihm zufügen und Gott zuläßt, als das, welches er sich selbst anthuet und aufleget. Die Geduld veredelt ja das Leiden, je größer diese, je edeler der Leidende: nun ist aber allerdings die Geduld größer und seltener, wenn wir von Andern leiden, als wenn wir uns selbst Leiden auflegen; sich selbst erträgt man wohl eher und leichter, als einen Anderen. §. 74. Allein obgleich es wahr ist, daß Leiden, von Änderen uns zugefüget, und in frommer Geduld ertragen, heilsamer und besser ist, als jenes, das wir uns selbst auflegen, so darf dieses doch nicht so genommen werden, als wäre es auch nicht rathsam oder gut, nach Leiden und Widerwärtigkeit zu verlangen und selbe zu suchen; wäre das, dann wären ja reiche und angesehene Weltleute, die wohl auch oft zu leiden haben, selbes aber bei weitem nicht selbst suchen oder wollen, besser, als ein wahrer Geistesarmcr, der solches begehret und wünschet? Die Unrichtigkeit dieser Ansicht ergicbt sich aus dem kurzen und wahren Grundsätze: je größer die Liebe äst, mit der wir alles Leiden ertragen , je männlicher und edeler ist unsere Geduld. Nun ist aber jene Liebe gewiß größer, die da Le'den und Widerwärtigkeit suchet und wünschet und sie in Liebe erträgt, als wenn wir aus Furcht und Ekel denselben uns zu entziehen suchen, wenn sie uns zukommen. Reiche und Weltleute aber wollen weder von sich noch vcm Anderen etwas Widriges leiden und dulden, es widerfährt ihnen auch schon selten etwas Unangenehmes, man ehret und berücksichtiget sie ja vielmehr; was sie leiden, daran sind sie und 189 ihre oft regellosen Leidenschaften und Neigungen bei weitem mehr schuld, als andere, sie plagen sich selbst, aber wahrlich ohne Verdienst für sie. Diese Selbstplage nun hat freilich der wahre Geistesarme nicht, er hat die Welt und sich überwunden, er selbst, der alte ehemalige Feind, ist besieget; deshalb wünschet er das, was er bei und in sich nicht mehr findet, von anderer Seite her zu übernehmen , er wünschet sich Leiden, um die alte Schuld zu küssen und sein Leben sich verdienstlich zu machen. So leiden nun reiche und Weltleute nicht; was sie an und durch sich selbst leiden, haben sie durch Unordnung an sich selbst verschuldet. Solches Leiden aber ist an sich selbst kein verdienstliches Leiden, es ist nichts, als dir natürliche Folge jeder Sünde; denn die Sünde ist sich immer selbst ihre eigene Strafe, und so der Sünder sein eigener Rächer. Sollte je solches Leiden demSünder heilsam werden, so wäre es nur in dem glücklichen Falle, daß er, gedemüthiget durch die Strafe, in sich gehe und die Sünde lasse; will er das nicht, will er demohngcachtct in Sünden fortleben, dann muß er auch fortleiden und schwer leiden, er leidet aber als Ungebesserter und nicht zu Bessernder, wie ein Verdammter in der Hölle: je mehr er leidet, je schlimmer und verkehrter wird er, er sündiget fort, wird immer unsinniger und wähnet, durch schreiende Frevel seiner Qualen ledig zu werden; äußerlicher Lust jaget er nach, findet augenblickliches Behagen, aber tief erseufzet innen die Seele und beklaget ihr Elend, sie kostet den Vorgeschmack der Hülle, wie der Tugendhafte hier schon kostet in seinem tiefen Seelenfrieden die Freude des Himmels. So fühlet jetzt schon der Sünder im gepeitschten Gewissen die Glut der Hölle. Siehst du, wie wenig dem Sünder sein Leiden lohnet! — Nur Leiden in wahrer Geduld, Leiden aus Liebe zu Gott, Leiden um der Wahrheit willen ist gottgefälliges, dem Menschen verdienstliches und den Geist beseligendes Leiden! Solche Leiden wünschen und suchen gute Menschen und werden auserwählte Freunde Gottes. 190 §. 75 . Ja, nichts bringt den Menschen so sehr in die Nähe Gottes, als freiwilliges Leiden für Christus, für die Wahrheit und Gerechtigkeit; denn dadurch entschwindet aus ihm alles Fremdartige, alles was Trennung machen kann zwischen Gott und ihm. Er wird der Geliebte Gottes, und von ihm gilt es, was der Prophet David sagt„Ich bin bei ihm in Leiden, Ich will ihn erlösen und verherrlichen, Ich will ihm seine Tage verlängern und zeigen Mein Heil." Hörest du? Gott spricht: Ich bin bei ihm im Leiden, so ist Er ihm denn gegenwärtig, dem leidenden Tugendfreunde! Ja, nie ist die Ankunft des Herrn segensreicher, als wenn Er mit Leiden zu den Menschen kommt; denn nun erlöset Er den Menschen von allem Ungöttlichen, tilget Alles und Jedes, was hindern könnte die innigste Vereinigung Gottes mit dem Mcnschcngciste; Ihm hangt er nun allein an und Gott erleuchtet den liebenden Geist mit dem Lichte Seiner Herrlichkeit und beschenket ihn mit ewiger Seligkeit, die Er Selbst ist. Mit Recht kann man das Leiden mit einer Kelter vergleichen, die die Weinbeeren presset: die gepreßten geben das von sich, was ihnen eigen ist; sind sie süß, so ist die Mostspende eben so, sind sie herbe und sauer, es fließet nur ein herber Trank von ihr. So ist es denn auch mit dem Menschen. Kommt er in die Presse, wird er gedrücket von Leiden, dann muß sich zeigen wer er ist und was in ihm sey, wie es innen ist, so muß es nun ausgehen aus ihm. Ist er tugendhaft und liegt unter dem Drucke der Leiden, dann wird nichts als göttliche Süßigkeit von ihm ausgehen; sie ist sein Eigenthum, das wird nun offenbar, das spendet er nun an alle gute Menschen, den edelen Wein reichet er herum und ladet zum Trinken ein, kommet alle zu mir, rufet er, die da dürsten, ihr sollt getränket werden mit meinem innersten Eigenthum! — Mit dieser Süßigkeit der Gottesliebe gehet er nun in alle Dinge ein, besänftiget sie alle Psalm yo, iI. 1 ryi und sich in allen, nimmt alles zum Besten an, betrübet Niemand und laßt sich selbst von nichts betrüben; trägt er ja Gottes Bild in sich, dem er sich gleichförmig zu machen gestrebet hat im unwandelbaren Sinne, in unerschütterlicher Unbeweglichkeit! Darum hat auch unser Herr von den Seinigen, wie von Sich Selbst gesagt "): „Selig sind die Friedfertigen, selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, sie werden Gottes Kinder genen- net werden. Selig seyd ihr, wenn euch die Menschen hassen, wenn sie euren Namen auswerfen als böse, freuet euch an diesem Tage, euer Lohn wird übergroß seyn im Himmel." iselig, sagt Er, sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen! warum das? weil Verfolgung, Verachtung, Durchachtung und Haß in den Kindern und Freunden Gottes die Seligkeit wirklich hervorbringen , und wer in diesen widrigen Dingen die Seligkeit nicht in sich findet, der findet sie auch gar nicht, weil kein Mensch sich selbst kann selig machen; ihm muß dazu geholfen werden, er muß einen Helfer haben, der ihn selig mache, sein eigenes, obwohl frommes und löbliches Thun, machet das allein nicht aus. Darum sprach Christus: ,, Freuet euch an jenem Tage der Trübsal, denn euer Lohn ist groß in dem Himmel", d. i., ihr werdet solchen Lohn im Himmel erndten, den euch euere Werke nimmermehr allein verdienet hätten. Deshalb ist auch kein auserwählter Freund Gottes traurig oder betrübt, wenn er leidet, denn eben das Leiden benimmt ihm alle Traurigkeit und bringt ihm alle Freude; ja, der wahre Tugendhafte ist gerade da am fröhlichsten, wenn er in den größten und mannichfal- tigsten Leiden ist. Die drückende Kelter macht die Freude fließen, die innen verborgen war. Das ist ja wohl ein edcles Leben, sich allzeit freuen und nie unterliegen einem Kummer oder einer Traurigkeit! — §. 76. Dem scheinet nun zu widersprechen, was wir von unserem Herrn im Evangelium lesen, daß Er nämlich sehr ') Matth. S, 10. 1Y2 betrübt und traurig war und Selbst gesprochen habe „ Meine Seele ist betrübt bis in den Tod!" Wenn nun der Herr Selbst so traurig war, wie ist es Anderen, noch so Vollkommenen möglich, niemals zu trauren, sondern immer fröhlich zu seyn? — Die Traurigkeit, antworten wir, ist zweifach: es ist erstlich eine eigene Traurigkeit, die in uns durch das Andenken unserer eigenen Sünden und Gebrechen entstehet. Diese Traurigkeit nun war weder in Christo, noch ist sie in einer reinen, tugendhaften Seele. Die andere Art des Traue- rens ist mehr eine mitleidige Theilnahme an dem Elende der Menschen und ist eine Wirkung inniger Menschenliebe; der Art war das Trauern unseres Herrn, und so trauern alle Tugendhaften. Diese Traurigkeit bestehet gar wohl mit göttlicher Freude, denn sie entstehet aus reiner Liebe und diese ist die Mutter aller göttlichen Freude; und wer seinen Nächsten am herzlichsten liebet und gegen ihn das innigste Mitleiden hat, in dessen Gemüthe erzeuget sich auch ein höherer Grad göttlicher Freude. Und wenn auch manchmal der Tugendhafte seiner ihm noch anklebenden Gebrechen und Schwachheiten wegen betrübt ist und sein Leiden deshalb fühlet, so geschieht das mehr aus reiner Liebe Gottes, Den er von ganzer Seele liebt, §ls aus Furcht irgend eines Leidens; und so ist denn ihre Traurigkeit ganz anderer Art, als jene der Sünder, Lerer Leiden und Betrübniß verschuldet und ohne alles Verdienst für sie ist, und immer nur eine neue Höllen- qual in ihrem Herzen entzündet. Dem Tugendhaften hingegen, dessen Leidensquelle die Liebe ist, mit der er nur immer seinen Lohn mehret, ist seine göttliche Traurigkeit auch die Mutter göttlicher Freude. Wer sich demnach in Leiden und Beschwerden nicht freuet, oder nicht freuen kann, der zeuget von sich offenbar, daß sein Leiden ein unfruchtbares, nutzloses Leiden für ihn sey. Desbalb ermähnet Paulus: „Freuet euch allzeit im Herrn"; d. i. bleibet allzeit in Gott, Er ist die Urquelle aller Freude; N Matt-. 2b, ZS. 193 so wird Freude euch niemals verlassen, jene Freude, die da stammet aus einem reinen, unbefleckten Gewissen. Wer diese Freude hat, der glaube nur fest, daß auch Gott in ihm sey, Der Sich in Liebe und Freude in ihm offenbaret; denn wo Gott ist, wo Er Sich offenbaret in einem frommen Herzen, da kann nichts als Freude und Seligkeit seyn. Daß der Apostel obigen Aufruf zur Freude wiederholt und spricht: „Ja, sage euch iwchmal: freuet euch!" was will er anders damit sagen, als: so oft euch ein neues Leiden begegnet, so oft soll sich eure Freude erneuern und vermehren, denn Gott gehet euch neuerdings entgegen und zwar immer mit einer neuen Gabe, denn jedes neue Leiden, in Liebe uns Freude getragen, bringt eine neue besondere Gabe voin Herrn mit. Je mehr du dich im Leiden freuest, um so mehr sey überzeugt, daß der Herr immer neue Gaben spendet und keine derselben dir entgehen werde, streue Gaben, neue Freuden! an der Freude erkennest du die Gabe; wenn man uns nimmt, deß freuen wir uns wohl nicht, des Gebens aber und der Gabe freuen wir uns. Darum sind es also lauter Gaben, die Gott den Frommen giebt, weil sie sich derselben allzeit erfreuen. 8 - 77 . Der Herr aber, entgegnest du, drohet im Evangelium jenen das Wehe an, die hier fröhlich und guter Dinge sind, wie sollten sich denn die Frommen hiem'e- dcn unterstehen, allzeit freudig und fröhlich zu seyn? Der Herr hat ja nur die sinnliche Freude, die vergängliche und sündliche Erdenlust im Auge, wenn Er hier das Wehe drohet. So freuen sich aber die Tugendhaften nicht; ihre Freude ist kein augenblicklicher Sinnenrausch, ist nicht Ervenlust und Tand , ihre Freude wurzelt in und aus der Ewigkeit, stammet aus der Tugend und ist eine Geburt der Gnade, sie ist eine innere Freude, die nicht der Mensch sich, sondern die Gott ihm giebt. 13 194 §. 78 . Daß wir behaupten, die Guten freuten sich immer, kann wohl nicht in dem allgemeinen Sinne genommen werden, als hatten sie gar kein Leiden, keine trübe Srunee, keinen Augenblick der Klage; sind sie denn nicht , Menschen, aus Leib und Seele bestehend? hat nicht jedes dieser zwei Bestandtheile seine besondere Wirkung? sind sie sich beide nicht feindlich entgegen gcsehct? hat Paulus u.id so viele andere Tugend- und Gottesfreunde, haben sie nicht laut genug über diesen traurigen Zwiespalt, über diesen Krieg des äußern und innern Menschen gescufzet? Das erfahren wohl alle, diesen Krieg kennen die Guten wie die Sünder; die ersten sind und bleiben Sieger unter dem Schuhe der Gnade, die anderen unterliegen als Knechte und Sclaven der Sinnlichkeit, obgleich der Geist ^ selbst in ihnen ersrufzet. Freuet sich der Leib in vergänglichen uns sundlichcn Dingen, dann trauert der Geist, und das ist die traurige Freude der Sünder; frohlocket aber der Geist in Gott, dann trauert das Fleisch, und das ist die göttliche Traurigkeit der Tugendhaften. Leiden also und Freude sind zugleich in ihnen, aber das Leiden der Zeit bringt in ihnen die Frucht des ewigen Lebens hervor, und je mehr ihr äußerer Mensch, das Fleisch, leidet, je größer ist innen die Freude des Geistes; und daß sie sich in diesen: Leiden freuen können, ist eben ein Beweis, daß sie zum ewigen Leben auscrsehen sind. Wer zur Hölle bestimmt wäre, würde sich nimmermehr in diesem Leiden göttlich freuen können. Die Sünder hingegen in ihrer sinnlichen, feindlichen Lust finden hier schon den nagenden Wurm, den traurigen Vorboten ewigen Traurens; ist ja doch ihre sogenannte Freude nun und n'inmer eine wahre Freude, ein reines, ungetrübtes Frohe eyn ! Ein blinder Wahn, ein leerer Schein ist sie, je mehr äußerlicher Schein, je stechender die innere Pein; wie sollte das ein Kennzeichen der Kindschaft Gottes in ihnen sinn? Hier schon fangt ihre Strafe an, die sich dort einst nie endigen wird. Der Sclave der Sinnlich,' 1 195 keit, des augenblicklichen Taumels, ist einem Missethäter, einem Diebe ähnlich, der auf dem Wege zum Richtplatze ist; sprecht, wenn sich der freuen wollte der grünenden Haide, über die er gcführet würde? die Haide ist überschritten, die Nichtstätte stehet furchtbar da, das Leben lauft am Stricke dahin! die Freude ist aus! Das ist das traurige Bild jedes Sünders, der von der Lust eines Augenblickes lebt, am Abgrunde noch jubelt und hinabstürzt! Ja, Diebe sind sie, sie maßen sich des Eigenthums Gottes an, als wäre es ihres, sie vergeuden, was ihnen nicht zugchöret, sie geben Gott nicht wieder, was Ihm gehöret, und so erleiden sie ja wohl mit Recht die Strafe der Missethäter. §. 79 - Ich kenne aber doch viele tugendhafte Menschen hie- nicden, sprichst du, die gerade nicht viel zu leiden haben, sollte ihnen diese Ruhe hier die ewige Freude einst mindern ? — Deine Kenntniß ist eben nicht groß, ist unsere Antwort an dich, wäre sie es, du würdest anders sprechen. Nimm es als gewisse Wahrheit hin, was wir dir sagen, und du offenbar nicht weißt. Es hat nie ein wahrer Gottes- und Tugendsreund hier auf Erde» qclebet, und es lebt noch keiner, der nicht Vieles und Mancherlei, wessen du keine Erfahrung hast, gelitten und zu ertragen gehabt habe. Gegenwärtig wollen wir nur vier Gattungen seiner Leiden aufführen. Eine Art Leiden sind äußerliche Leiden, wir wollen sie Leiden im Werke nennen; die zweiten sind innerliche Leiden, und bestehen im Willen; die dritten und vierten sind eben auch innere Leiden und geschehen im Geiste und in Gott: sie alle sind Leiden, aber auch Quellen j des Trostes und der Freude für den Tugendhaften. Die erste Art Leiden sind äußerliche, z. B. Krankheiten, Verfolgungen, Verlaumdung, zeitlicher Verlust, Hunger, Durst, Dürftigkeit, Verachtung u. dgl. Dem allen kann der Tugendhafte nickt entgehen, eines wenigstens derselben wird ihm nie fehlen, und es wäre auch 1Y6 gar nicht heilsam für ihn, wenn ihn gar keines träfe. Gar leicht wird er, ja gewiß, vom Himmelswege abgleiten, wenn sie alle ihn verließen; fortschreiten soll er ja auf dem Wege Gottes, wer hilft ihm nun dazu, wenn es Gotr nicht ist, wer giebt ibm die Kraft, als Er, und worein legt Er diese Kraft, als in das Leiden? Wer kein Leiden hat, hat auch keine Kraft, und der Kraftlose kann nicht vorankommen, und wer nicht fortschreitet, der bleibt zurücke und tritt ab von Gottes Wege. Darum müssen die Freunde Gottes immerhin etwas zu leiden haben, es scp öffentlich oder heimliches Leiden, es soll ihnen die Kraft zum Fortschreiten nicht entgehen. Fehlet das öffentliche Leiden, das geheime ist gewiß da, ein Mensch, voll daS Herz von bitterm Hasse, ein giftiger Verläumder, ein Ehrcndieb und Lügenschmied; die helfen dir aber alle auf den rechten Weg zu Gott und vermehren deinen Lohn bei Gott, das verheißet dir kein Mensch, es sagt dir der Sohn Gottes das zu: „Wenn sie euch hassen, freuet euch an diesem Tage, denn euer Lohn wird groß im Himmel." An dem Tage, sagt Er, gleichsam im Lichte der Wahrheit, denn wie die Sonne den Tag erleuchtet, so das Leiden die Vernunft zur Erkenntniß der Wahrheit. Das Leiden, heißt es anderswo in der heiligen Schrift, giebt Verstand und machet weife; die vernünftigsten und weisesten Menschen sind immer die, die am meisten durch bittere Erfahrungen und Leiden geprüfct sind; Leiden entdeckt das Verborgene und offenbaret daS Dunkele. Die üppige Freude und die lärmende Lust vereiteln das Herz, verfinstern den Verstand und zersplittern den Geist, sie verblenden die Vernunft, lahmen das gesunde Urtheil und machen in allen Dingen unbescheiden; kein Lüstling wird sich anders zeigen. Das Leiden hingegen sammelt die zerstreuten Seclenkräftc, rufet den Geist zurücke von allem Un- gvttlichen, machet ihn einkehren in sich, reiniget und befähiget ihn zur Selbstkcnntniß, zur Kenntniß Gottes und aller Dinge; ja, nichts läßt uns die Dinge reiner schauen und erkennen, als Leiben, indem es jedem Dinge die 197 täuschende Hülle abstreift, die den klaren, richtigen Blick hindert. Der zauberische Reitz nämlich irdischer Dinge umnebelt die Vernunft; ist dieser Zauber hinweg, und das Leiden, das Bittere in der Natur löset ihn gar wohl, dann tritt die Vernunft aus dein irrcsühi enden Dunkel hervor, alles liegt klar vor ihr und die Wahrheit stehet rein da. 8. 80. Ja, der lockende Zauber der sinnlichen Dinge sucht die Vernunft zu fesseln und sie für sich zu gewinnen, das Herbe und Bittere an ihnen aber stößt ihn ab und sie entsaget der täuschenden Lüge; die Widrigkeit also und das Leiden, das sie vom Zeitlichen erfahren und ertragen muß, dränget sie zum Scheiden von demselben und eben hierin gelanget sie zur Kenntniß der reinen Wahrheit. Darum ist wahrlich die Schule des Leidens die einzige und unumgängliche Schule der wahren Weisheit; hier zeigt sich alles in seiner wahren Gestalt, auch der Mensch selbst offenbaret sich, wie er in sich ist, wahre Sclbftkenntniß lehret einzig diese Schule. Paulus rühmet sich seiner Leiden, als solcher, die ihm den Eintritt in das Reich Gottes geoffenbart hätten, und unser Herr Selbst lehret: „Das Reich Gottes leidet Gewalt, und die' Gewalt brauchen — die um seinetwillen leiden — reißen es zu sich Dieses Reich Gottes, von dem hier die Rede ist, ist das Erkennen und Finden Gottes in uns und unserer in Gott, und nur dann finden und erkennen wir Gott in uns und uns in Gott, wenn durch Leiden und Trübsale alles, was Gott nicht ist, aus uns gtilget ist. Dann bleibet in uns nichts übrig, als Gott allein; darum sagt der Apostel '"): „Wer immer will gottselig leben in Christo Jesu, der muß und wird Verfolgung leiden." Aber Leiden wird durch Leiden besieget; Matth. ii, i2. 2 . Tim. 3, i 2 . 198 denn hat der Mensch alle Leidenspfade standhaft und als Sieger durchwandert, dann erst wird er des Leidens selbst ledig, dann lebt er selig in Christo, im wahren Frieden und in achter Ruhe seines Herzens. Fliehest du aber das Leiden, dann wirst du ihm nie entgehen; denn der Grund deines Herzens wird immer trübe, nie rein und lauter seyn, Betrübniß wird immer da wohnen, die einzig nur durch Leiden kann gctilget werden. Deshalb suchet Gott Seine Freunde immer mit einigem Lriden heim, damit sie stets reinen Herzens seyen und bleiben; denn so lange wir hieniedcn wallen, werden wir nie ohne alle Gebrechen des Geistes seyn. Diese Gebrechlichkeit aber muß immer durch Leiden gctilget werden; je mehr du leidest, um so gewisser sey überzeugt, daß der liebe himmlische Vater dir nichts als deine Gebrechlichkeiten abnehmen will. . Das Leiden ist wohl eine köstliche Arznei, sie kann dir alle, auch die letzte Wunde heilen; nur Thoren scheuen dieses köstliche Heilmittel, es ekelt sie an und sie wollen ihm entgehen und vermögen es doch nicht; daher ihr siater Trübsinn, ihre Unruhe, ihre Armseligkeit und wahrlich auch ihre Verworfenheit; laß sie reich seyn, laß sie angesehen seyn, sie haben denn doch nur ein unruhiges, böses Gewissen, und gerade deshalb mehr, als ein anderer Geringer. Siehst du, das alles will dir der Herr abnehmen, böses Gewissen, Unruhe, Trübsinn! deshalb schickt Er dir Leiden, dir soll alles Unedele, alles Unreine, alles Schlechte entschwinden. Sey du Einer von denen, von welchen die Bösen einst sagen müssen H: „Die sind die, die wir einst hielten für Thoren, derer wir spotteten, aber sehet, nun sind sie gezählet unter die Kinder Gottes!" 8 . 81 . Das zweite Leiden, dem der Tugendhafte sich gerne hingiebt, ja, was er sogar aufsuchet, wenn ihm etwa ) Weish. 8, 3. ryy äußere Leiden und Widerwärtigkeiten fehlen sollten, ist ein inneres Leiden, und wir wollen es das Leiden im Willen nennen. Wenn nämlich der Mensch, einkehrend in sein Inneres, in gottseliger Ruhe und im füllen Frieden seines Herzens nachdenket im Lichte des Glaubens über die unermeßliche Liebe unseres Herrn Jesu Christi, über- das große Geheimniß der Liebe Gottes in Erlösung des Menschen, über jene Liebe, die den Herrn drängte, so Vieles und so Schreckliches zu leiden, dann wird sem Herz in gegenseitiger Liebe sich gegen Ihn entzünden, der sehnliche, heiße Wunsch in ihm entstehen, wie er dem Herrn in ächter Liebe alles, was Er je für ihn gelitten hat, wieder ersetzen möge, und in ihm erstarket der Wille, alles mit Freude und gerne auf sich zu nehmen, was immer Lästiges, Hartes und Widriges ihm je zrckommen möge. Das alles, was es immer sey, woher es immer komme, will er nun aus Liebe Jesu Christi und zum Beweis seiner innigsten Gegenliebe freudig auf sich nehmen; nun hat er kein sehnlicheres Verlangen, als leiden und verachtet werden für Christus; aus heftiger Gegenliebe entsaget er nun allem, was dem Fleiscke und der Sinnlichkeit noch schmeicheln könne, er verlanget ferner weder Freude noch irdischen Trost von irgend einem Menschen, er will nur Christo, dem heiß und innigst Geliebten, und Seiner Liebe, die alles für ihn that, möglichst Etwas wiedervergelten. Diese ernstliche Geistesentledigung ist nun wohl ein sicherer und gerader Weg zur wahren Vollkommenheit, solcher edele und gute Anfang läßt allerdings auch gut fortsetzen und gewiß auch selig und glücklich vollenden. 8 . 82 . Und es ist auch nicht denkbar, daß Gott diese Menschen je verlassen werde oder könne; sie haben ja in der Liebe Christi angefangen, und Der, Den sie in Liebe ergriffen haben, kann sie nun und nimmermehr von Sich stoßen. Er wird sie ewig als Seine bei Sich behalten. Und sey es auch, daß manchmal die sinnliche Natur, bei 200 dieser ihr auferlegten harten Entsagung, murre und klage, ja sich empöre gegen den inneren, ernsten Menschen, so wird ihn denn doch dieser Widerstand nicht besiegen, niäst abklingen von seinem festen Willen, der nun nicht mehr sein Wille, sondern Gottes Knecht und Diener geworden ist, gebunden mit dein Bande göttlicher Liebe in seiner ersten und vollkommenen Einkehr in Gott. Ware in ihm der Sieg der Sinnlichkeit noch möglich oder gar wirklich, dann wäre sein erster Wille auch kein wahrer, kein durchaus ernstlicher Wille gewesen, er hatte sich nicht wahrhaft mit Gottes Willen vereiniget, es wäre noch eigener Wille da, der allerdings gebrechlich und dem Falle ausgesetzet ist. ,Aber gänzliche Verleugnung des eigenen Willens aus reiner Gegenliebe des leidenden Christus, diesen Willen heiliget Gott, machet ihn gleichförmig Seinem göttlichen Willen lind last ihn nimmermehr zum menschlichen Eigenwillen herab- sinken; so ist er denn unüberwindlich 'gegen jeden Anfall. §. 83 . Schaue das in einem Gleichnisse an: denke dir einen großen und mächtigen König, der in feiner Nähe einen -Hcind und gefährlichen Gegner babe; wird der nicht sorgfältige Spähe und Späher halten, um den gefährlichen, immer beunruhigenden Nachbar, wo möglich, zu ergreifen? Gelingt es ihm, den Unruhestifter^ in seine Gewalt .zu bekommen, meinst du nicht, er würde ihn gewaltig demüthigen, ihn fesseln, sein sämmtliches Gut ihm abnehmen, und, weil er den Gefährlichen kennet, um sich seiner für -allzeit zu entledigen, ihn auch hinrichten? Dieser mächtige König ist dein Gott, der böse und gefährliche Neben Kühler bist du; Gottes heiliger Wille nämlich und dein eigener, folglich auch böser Wille, befehden sich immer; so lange,du auf deinem Willen bestehest, so lange bist du Mostes. Feind. Aber Gott, der mächtige Herr aller Dinge setzet überall ,diesem Feinde chaf zu. Er laße ihn allenthalben yussuchejj-. Er sendet Seine Späher aus: die Ver- ksmdiger Seches heiligen WgrteH, die Mahnungen der heilige» Schrift, der Zuruf des Gewissens, hie sind-die 201 Späher des Herrn. Gelingt es diesen, den sich wild um- hertreibenden Flüchtling nur einmal zur Besinnung und zu einigem Stillstand zu bringen, daß ihm endlich seine Vernunft selbst sage, wie verdorben und schlecht das sev, dem er bisher so thöricht nac! gesirebet, dann wird Schaam und Reue sich seiner bemächtigen, er wird allem Bösen und Schlechten, ja selbst aller Veranlassung, und selbst dem Scheine dazu ernstlich entsagen. Nun hat ihn Gott auf der Stelle, worauf Er ilm langst haben wollte; Er bemächtiget Sich seiner, entnimmt ihm seine bisherige elende,, blinde Lust, seine thörichten Freuden, die ihn so irre machten, ja Er züchtiget ihn auch noch, um ihn ganz zu bezähmen, mit allerlei Trübsal und Leiden an Leib und Seele, und bringt ilm dahin, daß er wirklich sich selbst abstirbt und allem ungöttlichen Wesen. So ist denn der unbändige Wille bezwungen und gestorben in Gott; dieser Tod aber ist der Ansang des neuen Lebens, und „selig sind die (wie Johannes sagt), die in Gott sterben." §. 84. Dieser Sieg Gottes über den Menschen, dieses selige Sterben des eigenen Willens ist die Frucht der reichen Liebe, die im Leiden unseres Herrn entzündet wird. Diese Liebe treibet und dränget den Willen zur größten Bereitwilligkeit , alles standhaft zu dulden und zu leiden, was ihm Widriges, 'komme es auch woher es wolle, zustoßen mag; Dem, Der ihn so sehr liebte, da er Seiner Liebe noch so unwürdig war, Der ihn noch immer so zärtlich liebt, Dem möchte er durch irgend ein Leiden Sein für ihn ausgestandenes Leiden wenigstens in etwas ersetzen. Darum sehnet er sich nach Leiden und Trübsal, ja er suchet sie auf, und findet er sie nicht in der That, so ist doch der Wille da, der sie zu finden und zu tragen wünscht. So dringet er denn ein in alle Leiden des Herrn, die Er je geduldet und getragen hat, und vereiniget sich darin mit vollkommener Liebe und mit dem sehnlichsten Wunsche, das alles entweder selbst erlitten zu haben, oder aus Liebe Jesu in Zukunft noch leiden zu dürfen. So ergreifet dieser liebende 202 Wille das ganze Heil und den hohen Wertb des Leidens unseres Herrn und macbet sich dessen theilhaftig, er wird ein Mitgenosse des leidenden Jesus und Seiner hohen Verdienste um die ganze Menschheit. §. 85 . Bei dem Willen aber, zu leiden mit Christus, sollest du wohl allein nicht stehen bleiben; hast du wirkliche Gelegenheit, irgend was für Christus und mit Ihm leiden zu können, und du entziehest dich feige und furchtsam dieser dir erwünscht sevn sollenden Gelegenheit, willst dem Bilde des leidenden Christus dich nicht gleichförmig machen, dann sey nur überzeugt, daß der Wille nie ein wahrer, vollkommener Wille war und daß du nie Seines Leidens werdest theilhaft werden. Denn so lange der Mensch wirken kann, so lange soll und muß er alles thun und vollbringen, wozu ihn Gott und Sein Beruf auffordern; nur dann, wenn er alles gethan hat, alles vollbracht hat, was in seiner Kraft und Pflicht lag, wenn er so zu sagen sich ausgewirket hat und er aus seinem Vermögen nicht ferner wirken kann, dann nur tritt Gott an die Stelle des Menschen und setzet das menschliche Werk fort. Jetzt wird göttlich gewirket, göttlich gewirket in dir, weil du nun in achter Freiheit und Wahrheit alles eigenen Wirkens ledig bist; jetzt bist du bereitet und fähig, alles, obgleich unschuldig, zu tragen und zu dulden, und wenn auch wirkliche Leiden fehlen sollten, so sind sie doch deinem Willen stets gegenwärtig, und dieses liebende Verlangen deines Willens eignet dir fremdes Leiden an. Diesen liebenden Willen, diese innige Liebe hatte Paulus, da er bekennte "): „Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach, wer ist betrübt, und ich bin nicht betrübt? ich bin Allen alles geworden, um sie alle für Christus zu gewinnen." ) 2. Cor. ii, 2y. i. Cor. y, 22. 203 §. 86 . Das dritte Leiden des Tugendhaften, was aber eher eine Seligkeit als ein Leiden zu nennen ist, geschieht an und in seinem Geiste, wenn nämlich der Geist ^ des Menschen ergriffen von dem göttlichen Geiste und mit i dem süßesten Liebebande umschlungen wird, so daß er j nimmer von ihm lassen, sondern ihm unzertrennlich an- s hangen muß. Dieses göttliche Liebeband ist dem Mcn- - schengeiste so süße und wonniglich, daß ihm fortan alles j anekelt, ja schmerzlich und peinlich ist, was das Gepräge j der Liebe des heiligen Geistes nicht hat; darum ist es oft eine wahre Pein und eine tiefe Betrübniß ihres Herzens, ^ wenn solche Menschen mit ganz anders Gesinnten umge^ i hen, sie hören und sehen müssen. j §. 67. s Diese Betrübniß nun und diese augenblickliche Bcun- i ruhigung des gottliebenden Herzens, das ihm aus dem ! nothwendigen oder zufälligen Umgänge mit ganz irdisch i Gesinnten entstehet, widerspricht dem Ausspruche der Wahr- i heit in der heiligen Schrift nicht, wo es heißt "): „Der l Gerechte wird nicht betrübet, es widerfährt ihm kein Leid." ! Die Wabrheit dieser Versicherung erprobet sich in fünf- ! facher Hinsicht, und zwar erstens: wenn auch dein s Gerechten, aus dem oft unvermeidlichen Umgänge mit i Schlimmen oft unordentliche und unerlaubte Dinge durch j den Sinn fahren, die zwar an sich ihn, gar wohl ge- i fährlich, ja selbst schädlich werden könnten, so erfreuet j er sich doch derselben nicht und sieht sie vielmehr als unerlaubte und Gott widrige Dinge an, die sein Herz nur betrüben und kränken. Diese Betrübniß nun und dieser Ekel dagegen bewahret nicht nur sein Herz vor dem Unerlaubten , sie reinigen es vielmehr und bekräftigen es in seiner Lauterkeit; denn eben dieses bittere Gefühl, dieser ! Ekel vor dem Schlechten, den sein Herz unwillkührlich *) Sprüchw. is, 21. 204 fühlet, treibet ja gerade dieses Schlechte aus und tilget den schädlichen und verderblichen Eindruck aus demselben, und so muß das Böte gegen seinen Willen in ihm das Gute befördern. Ist nun der Geist dieses sündlichen Eindruckes entlediget, dann erhebt er sich wieder zu Gott, und stehet in jener Gerechtigkeit und Unschuld wieder durch die Gnade, zu welcher Gott den Menschen und in welcher Er ihn ursprünglich geschaffen hatte; hier kann ihm nun ferner kein Leid geschehen, denn er ist erhaben über alles, was ihn beunruhigen oder sonst betrüben könnte; er ist gereiniget mit Dem, in Dem nichts als Wonne und Freude ist, in Ihm erfreuet er sich, und keine Traurigkeit, keine Verwirrung wird ihm ferner begegnen, und das Wort der Schrift wird sich an ihm als wahr erproben : „Der Gerechte wird nicht betrübt, ihm wird kein Leid begegnen." §. 88 . Zweitens beunruhiget den Gerechten alles das nickt, was ihm Gott nicht unmittelbar raubet und Ihn aus seinem Herzen nimmt; yur was ihm seine Tugend, was ihm Gott und Sein Wohlgefallen entziehen konnte, das nur beunruhiget, das nur betrübet ihn. Diese Betrübniß aber ist dein Frommen nicht nur nicht schädlich, sie erhalt und kräftiget ihn vielmehr in der Tugend und Gerechtigkeit. Leiden zwar muß er augenblicklich, aber er duldet es und nimmt den Kampf gegen das versuchende Böse mit männlichem Muthe an und bestehet als Sieger. §. 8Y. Drittens auch dann wird der Gerechte nicht betrübet, wenn er einmal in seiner wahren, ganz vollendeten Gerechtigkeit und Tugend stehet, die er nun freilich hienieden, lebend in der Zeit, nicht vollkommen erringen, zu der er nur einst in der Ewigkeit, wo alle Zeit aufhöret/ gelangen kann und wird. So lange demnach der Mensch noch hienieden lebet, wo so viele Hindernisse dem Guten sich entgegenstellen, wird der Geist allerdings zu 205 s leiden finden. Diese Leiden aber und diese Beunruhigungen, weit entfernet, daß sie den wahrhaften Tugend- freund muthlos machen, werden sie ihn vielmehr antreiben, desto ernstlicher und inniger zu streben nach der 1 Gerechtigkeit. Deshalb hat auch Christus gesagt: „Se- ! lig sind, die da hungern und bürsten nach der Gerech- j tigkcit." Wo Hunger und Durst, wo sehnliches, drin- ! gcndes Verlangen ist, da kann nicht immer Ruhe seyn. §. 90 . s Viertens wird der Gerechte nickt betrübt, wenn sein Geist erhaben ist in Gott, und Er der einzige Ge- i genstand seines 'Schaucns und seiner Liebe ist, wenn ihm l entschwunden sind alle vergänglichen Dinge und alle trü- E gcrischen Bilder der Erde, wenn er sich allein seines ge- j genwarligen Gottes freuet. Senket sich nun aber sein ! Blick hin auf das Elend seiner Mitmenschen, so bewegt i sich sein Herz zu brüderlichem Mitleiden über ihren Jammer. Dieses Mitleiden nun, das allerdings eine Beunruhigung des Herzens hervorbringt, ist dem Tugendhaften nicht hinderlich, denn es quellet aus der Liebe. Lesen wir doch im Evangelium von unserm Herrn Selbst H: „Jesus ward bewegt im Geiste und betrübte Sich Selbst! " Woher diese Bewegung, woher diese Betrübniß des Herrn? von Seiner mitleidenden Liebe, die Er gegen uns trug. §. 91 . Endlich fünftens wird und kann der Gerechte nicht betrübet oder beunruhiget werden, wenn er dahin gekommen ist, daß sein Geist entbildet und entlediget ist von allen geschaffenen Bildern und Formen und er eingegangen ist in das unerschaffene Bild, in das Wesen der Gottheit, wo er allein Ruhe und Genüge findet. Der Verstand aber, der sich gerne mit dem Geschaffenen, mit dem Aeußcren und Vergänglichen abgiebt, mit jenen *) Joh. II, 33. 206 Dingen, die des Geistes Gottes nicht sind, trübet und beunruhiget den Geist, der in diesen Bildern und Formen des Geschaffenen seine Ruhe und Seligkeit nicht finden kann, den sie nur beunruhigen und verwirren. Diese Unruhe aber kann den Gerechten nicht berühren, er hat sich ja Allem, was nicht Gott und göttlich ist, vollkommen entzogen und was sich dessen etwa cinschlcichen wollte, dem gestattet er in sich keine Stätte, in ihm soll einzig Gott wohnen und ungehindert wohnen können; und wäre es, daß der Mensch manchmal und auf eine gewisse Zeit sich beruhigen könne, oder beruhiget zu seyn wähne in seinen sich selbst geschaffenen Bildern natürlicher Wahrheit, so wäre das doch keineswegs die ächte Ruhe des Geistes, es wäre nur natürliche scheinbare Beruhigung, wie die Gegenstände selbst, die sie täuschend gegeben haben. §. Y2. Diese Ruhe hatten auch die heidnischen Weltweise, und weil sich ihr Geist darin so wohl gefiel, so entsagten sie aus Liebe derselben dem Irdischen und Vergänglichen und verschmähten Wollust, Reichthum und Welt- Ehre. Diese Ruhe aber, so sehr sie den Geist anzog, war doch nicht die wahre Ruhe, die wahre Zufriedenheit des Geistes, die einzig Gott geben und die allein von Ihm ausgehen muß. Dieser Schcinruhc der Heiden sollst du nun als Christ nicht nachstreben; geschähe es, dann wärest du wohl ihnen mehr ähnlich, als Christo, und wahrlich, man kann wirklich oft der Welt und den Thorheiten des Fleisches entsagen, und einzig diese trügerische Lust und Ruhe des Geistes im Auge haben. Darum ist es wohl auch so leicht nicht, wenn man die Leute nach dem äußerlichen Scbeine beurtheilet, diese geistige Heiden von den wahren Christen, von den gottgeheiligten Menschen zu unterscheiden; sie haben das äußere Leben beiderseitig gemein, sie beide achten das Irdische geringe, verachten den Reichthum, lieben die Armuth und sind gleichgültig gegen alles, was den gewöhnlichen Weltmen- schen behaget; sie beide wandele» wahrlich im äußeren 207 Bilde und Scheine unseres Herrn, im Inneren aber ist der Unterschied groß. Die Gegenstände des natürlichen Menschen nämlich, woraus er seine Geistcslust und sogenannte Ruhe schöpfet, sind eben auch natürliche Bilder und Formen; der Gegenstand des gottgehcuigten Men- schen hingegen, woraus er seine Ruhe und seine nie trügende Freude schöpfet, ist Christus der Sohn Gottes ! nach Seiner Menschheit und Gottheit, von Ihm gehet er ! aus und in Ihn kehret er zurücke. Erkühne dich aber ! nicht, den Unterschied dieser zweierlei Menschen zu erkennen; du müßtest vom göttlichen Lichte in der Natur wie im Geiste ganz erleuchtet seyn! Mangelt dir das, und wie willst du diesen hohen Besitz beweisen? dann frevelst du an diesen Menschen, wenn du sie richten willst, und du sollst nicht freveln an diesen! Der ächte Christ nanmt alle Dinge im Besten, und er hält niemand für böse, es sey denn seine Verdorbenheit offenbar. §. 93 - Es ist besser, daß du deinen Nebenmenschen liebest, er sey nun innen wer er wolle, daß du gut von ihm denkest, sollte es sein Herz auch nicht verdienen, als daß du ihn verachtest und falsch beurtheilest unverdienter Weise; liebe Jeden, Gott will es so haben, liebe Alle, ohne mit besonderer Neigung Diesem oder Jenem zugethan zu seyn. Liebtest du jemand und sein Herz wäre kein wahres, gott- geheiligtes Christenherz, und hingest mit einer besonderen Vorliebe an ihm, und liebtest du ihn auch um Gotteswillen, so wäre denn doch diese Liebe eine unordentliche und fehlerhafte, dein Herz bliebe nicht rein und frei, wie es doch seyn soll, denn jede besondere Anhänglichkeit stiftet ein Hinderniß im Herzen; allgemeine Liebe ^ aber, aufrichtig und herzlich auf Alle übertragen, ist ächte Liebe, wie sie Gott haben will. Bitte den Herrn um Seine Erleuchtung, daß deine Liebe keine blinde sey, daß du erkennest den wirklich Guten und eigentlich Bösen, daß du nicht den Ersten aus Unkcnntniß bei Seite setzest und den Zweiten in deiner Blindheit vorziehest; 208 Gott liebet Alle und Jede, den Tugendhaften aber mehr als den frevelnden Sünder, aber Er kennet sie Beide, was du nicht allemal vermagst. Darum flehe um Sein göttliches Licht, dass du lieben könnest Alle und doch Jeden wieder nach seinem inneren Werthe vor Gott. §. 94 . Die Liebe, cntgeancst du, kann doch nicht einzig vom Erkennen entstehen, es gehöret doch auch Glaube und Vertrauen dazu, wenn nur Jemand lieben sollen? Dir antworten wir: willst du denn blind glauben und trauen, gehöret denn nicht auch Licht und Erkenntniß dazu? ein blindes Vertrauen ist ja wohl ein dummes, oft sehr schädliches Vertrauen. Nur der von göttlicher Wahrheit erleuchtete Mensch kann recht glauben und vertrauen, er allein auch vermag recht zu lieben; grundloser Glaube ist Aberglaube, uncrleuchtete Liebe ist blinde Liebe, und beide so gefährlich lind schädlich! Weißt du nicht, was Christus saget, und wofür Er so ernstlich warnet? „Hütet euch (mahnet Er) vor den falschen Propheten, die da kommen in Schaafsfcllen zu euch, inwendig aber sind sie reis- sendc Wölfe!" Meinest du nicht, daß Er unter den Worten „falsche Propheten" Alle und Jede verstanden habe, die sich äußerlich gut zeigen, inwendig aber böse sind? und sollte das nicht schlimm und gefährlich seyn, denen zu trauen, an sie zu glauben, die da arge Heuchler sind? Ihr sollet euch vor ihnen hüten, mahnet Er, und das ist doch wohl böse und schädlich, vor welchem der Herr warnet? und sind wir nicht besonders gewärmt vor den letzten Zeiten H, wo falsche Lehrer aufstehen werden und böse Lehre verkündigen? Würden wir ihnen glauben, dann zeigten wir ja offenbar, daß uns der wahre Glaube, die ächte Kenntniß Gottes, die wahre Gottes- und Nächstenliebe mangelen. Wer immer dem Scheingute nachjaget und halt es für das wahre, der *) i. Llm. 4, >- »- 20Y ist schwach, am Kopfe, leer im Herzen, uucrleuchtct im Geiste, und er ist Einer von jenen, von denen ein wei- ser Lehrer sagt: Der ist ein Thor, der jedem trauet und alles glaubt, was man ihm vorsagt. §. 95 . Der Glaube aber, entgcgnest du, und das Licht, welches er giebt, ist über alles Erkennen; der Glaube vernünftelt nicht, er suchet nicht, wie bei einer menschlichen Wissenschaft, durch allerlei Gründe, Folgerungen und Unterscheidungen der Dinge und Gegenstände sich mühesam zu überzeugen, der Glaube nimmt die Lehre in Einfalt des Herzens an. — Das ist allerdings wahr, wenn du von dem Glauben an Gott und Christus redest; dieser Glaube nimmt alles in Einfalt des Herzens als wahr und untrüglich hin, was Gott geoffenbaret hat. Aber ob der Glaube auch in dir wahr stn, ob du von ihm, als der seligsten Wahrheit, so durchaus ergriffen seyest, daß du nicht nur so obenhin und blind glaubest, sondern daß der Glaube bei dir kein bloßes Dafürhalten, daß er ein wahres, lebendiges Wissen geworden sey, dafür hast du eine untrügliche Probe daran, wenn du nicht nur bekennest, sondern wenn du auch darnach lebest, wenn die Frucht des Bekenntnisses und der Lehre an und in dir sich offenbaret; daran nur kannst du dich selbst und deinen Glauben und Andere eben auch dich erkennen, so wie du diese wieder nach diesem Maaße messen sollest, „denn an der Frucht erkennet man den Baum" ^). Bist du zu diesem Erkenntniß gekommen, dann erst fängt man an zu glauben und gelangt zur Gewißheit, daß der Glaube wahr und gerecht sey „Wer den Willen Dessen thun will, Der Mich gesandt hat, sagt der Herr, der wird es inne werden, ob Meine Lehre von Gott sey, oder ob Ich nur von Mir rede." Wer dein- *) Makth. 7, 16. **) Loh. 7, -7. 14 210 nach nach dieser Lehre unseres Herrn nickt lebet, der wird auch die Frucht Deiner Lehre nicht erkennen und nicht wissen können, ob er reckt oder unrecht glaube. Sein Glaube ist ein Hören - Sagen und kein wahrer Glaube, der bleibend seyn kann; und weil denn sein Glaube unvollkommen und leer ist, so wird auch seine Liebe eine hohle, blinde, unvollkommene Liebe seyn. §. 96 . Dre vierte Art des Leidens der Freunde Gottes hienicden ist ein Leiden in Gott. Die göttliche Gnade nämlich entnimmt den geliebten Freunden Gottes alle Ungleichheit und versetzet sie in eine Art göttlicher Gleichförmigkeit, wodurch der Menschengcist der göttlichen Einwirkung fähig und empfänglich wird; nun wirket Gott in dieser Seiner würdigen und Ihm offenen Seele; diesem Einwirken Gottes unterwirft sich der Geist: so leidet er in Gott. Dieses Leiden aber ist eine unaussprechliche Wonne für ihn. 8 - 97 . Nun ist aber dieses Wirken Gottes in der menschlichen Seele zweifach: Eines ist ein mittelbares Wirken Gottes im Menschen durch die Vernunft und die Gnade; das Andere ist unmittelbar, folglich ein wahrhaft göttliches und deshalb wesentliches Werk Gottes. Gott wirket nämlich erstens in die Vernunft des Menschen und treibet sie an, Ihn in allen Dingen aufzusuchen und zu finden; denn Gott als das erste, höchste und ursprüngliche Gut ist in allen Dingen gegenwärtig und zu finden; deshalb suchet der Mensch, sich mit allen bekannt und vertraut zu machen, um Ihn überall zu finden und zu lieben. Gehet nun der Geist in diestr Untersuchung gehörig zu Werke und suchet jede Art und Eigenschaft der Dinge, die ihnen zukommen, kennen zu lernen, dann wird er wahrhaftig Gott in allen Dingen finden, ja Ihn, nach dem Paulinischen Ausdruck, 211 gleichsam mit Handen tasten °^. Ja gewiß! wer alles Geschaffene in der Ordnung und Weise, wie sie Gott geschaffen hat, zu nehmen und zu beurtheilen wüßte, der fände Gott in allen Dingen; weil wir aber nicht so verfahren mit der sichtbaren Welt Gottes, weil wir weder die gehörige Art, noch die ächte Ordnung im Aufsuchen derselben kennen und beobachten, so erkennen wir weder diese, noch finden wir Gott allenthalben. Durch diese Unordnung verlieren wir Gott in Seinen Werken; die gehörige Ordnung ist die Ursache des Findens, wie die Unordnung die Ursache des Verlierens Gottes. Fasset die Vernunft alle geschaffenen Dinge in gehöriger Ordnung auf, dann findet sie in allen den gegenwärtigen Gott, und hat sie den sehnlichst Gesuchten gesunden, dann vergißt sie gerne alle äußern Dinge; sie hat ihren Zweck erreichet, die Mittel sind ihr nun gleichgültig, Gott hat sie gefunden. Er ist der Zielpunkt ihrer Liebe, ihrer Freude, ihres Friedens; sie erkennet nun, daß diese sichtbaren Dinge sie doch nur beunruhigten und daß Gott allein und in Ihm allein ihre vollkommene Ruhe sey. Deshalb entziehet sie sich allen und suchet Gott über allem und außer allem; nun bettelt sie nicht mehr beiden Kreaturen, suchet nicht mehr mühesam in Bildern, Gestalten unv Formen; diesen allen entsagt sie vielmehr und entlediget ihren Geist gänzlich von ihnen: und wie sie zuvor in diesen geschaffenen Bildern, die sie sorgfältig in sich aufnahm, Gott suchte und finden wollte, so giebt sie selbe nun alle auf, um Gott rein und unmittelbar zu finden. Nun ist sie eine thätige, selbftwirkende Vernunft; sie wirket durch Ablcgung aller Dinge, um sich ihrer Einwirkungen frei unv ledig zu machen, damit Gott allein in ihr wirke, Er allein der Werkmeister sey. Das ist die Wirkung der Gnade in einer heiligen Seele. §. 98 . Nun fängt das eigentliche Werk Gottes in der Seele an, jetzt wirket Er unmittelbar und wesentlich in ihr. Er ') Ap.. Gesch. 17,, 27. 212 wirket ohne Hinderniß; die Vernunft hat alle Bilder der Kreaturen abgeleget, sie ist rein entbildet von allem Geschaffenen; jetzt gehet Er in sie ein, nimmt die Stelle der zuvor selbst thätigen, der wirkenden Vernunft ein. Er Selbst wirket nun; jetzt ist die Vernunft eine leidende Kraft, sie leidet und hält dem wirkenden Gott stille. Nun werden alle Werke und Wirkungen ein Werk; denn wie Gott alle Dinge umfasset, so eben auch umfasset er alle Werke in der Seele, in der Er wirket. Die Seele hat das ewige Wort empfangen, keine Anderheit, kein Das oder Jenes, nichts Aeußcres, nicht Fremdartiges ist in ihr. §. 99 . Diese göttliche Geburt aber geschieht auf zweifache Weise in der Seele, der Mensch wird wiedergeboren inner- ^ lich und äußerlich. Die innere Wiedergeburt geschieht, j wenn die Seele, umgriffen vom göttlichen Lichte, eindringet k in das väterliche Herz Gottes und alle ihre Kräfte, ihr Herz ! und ihr ganzes Vermögen dem göttlichen Vaterherzen, ^ gleichsam als eine Speise, übergiebt, sich selbst ganz in Gott verlieret, keine Kräfte, kein Herz, keinen Willen mehr hat; dann giebt Gott der Seele, zur Wiedervergel- tung ihres Opfers an Ihn, Sein Herz, Seinen Willen, Seine Kraft. Nun heißt und ist ihr Herz ein göttliches, nicht ferner ein menschliches Herz; denn die göttliche Liebe hat sich in selbes ganz eingesenket, es ist entflammet von der Inbrunst des göttlichen Feuers, so heftig und durchdringend, daß es vor Liebe krank und matt ist: der Körper leidet, wird schwach und kraftlos, was auch nicht anders seyn kann; denn wo göttliche Kraft wirken soll, da muß die menschliche verloren werden. Die sinnliche Natur ist ja immer geneiget zur Sünde und zu Gebrechen; je mehr nun diese verloren geht und geschwächt wird, um so mehr und ungehinderter kann Gott Seine Kraft dem Geiste mittheilen. Deshalb sendet Er das Feuer Seiner Liebe in das Herz, welches alles Schädliche, Ungeordnete, alles, was Fleischeslust und verderbliche Sinnlichkeit erzeuget, verzehre und das Regellose ordne, daß alles im 2lä Geiste eine neue Gestalt gewinne, die alte, selbsteigene Form ablege und mit göttlichem Lichte und Schmucke über- kleidet, in eine Gleichförmigkeit mit Gott umgestaltet unv es somit wahr werde, was der Herr sagt *): „Siebe, Ich macbe Alles neu!" Alles machet Gott neu, wenn Er in der Seele, in diesem Seinem Hause, wohnet; da gestaltet Er alles, da ordnet Er alles, wie es Ihm wohlg'e- fällt, alles Alte wird neu. Und Paulus mahnet uns dessen in den Worten""): „Erneuert euch im Geiste,eures Gemüthes, ziehet aus den alten Menschen und leget an den neuen, der nach Gott geschaffen ist in Heiligkeit, in Gerechtigkeit und in Wahrheit." §. 100 . Dieser alte Mensch nun wird aber nur dann vollkommen ausgezogen und der neue angeleget, wenn Gott in der Seele die göttliche Geburt veranstaltet. Diese innere Geburt ist auch einzig die wahre Wiedergeburt, die einzige Wicdcrbringung und Erneuerung alles dessen, was verfallen und verdorben war; durch sie kommt alles wieder in seine erste ursprüngliche Würde, sie ist die Umschaffung des Menschen nach Gottes Ebenbild in Heiligkeit, Gerechtigkeit und in Wahrheit, durch sie ist und heißt der Mensch ein neuer Mensch, von ihr sagt Christus in den Worten: „Es sey denn, daß ein Mensch wiedergeboren werde — als Kind Gottes — sonst kann er nicht eingehen in das Reich Gottes. " Und wie denn der Mensch neu und wiedergeboren ist nach innen, so wird er auch äußerlich wieder erneuert. Der äußere Mensch nämlich gehet in eine neue Lebensweise über, in ein gottgefälliges Leben, und wie er einst seine Glieder dargeboten hat zum Dienste der Ueppigkeit, er sie nun auch darbietet zu dienen Gott in Heiligkeit und Gerechtigkeit; und wie innen alles neu geworden ist, so wird auch alles Aeufferliche erneuert. Die göttliche *) Offenb. 21 , S. »*) Eph. 4, -3. 214 Licbeglut, die im Herzen alles Unreine verzehret und alles Unordentliche durchaus geordnet hat, theilet ihre göttliche Flamme auch dem Leibe mit und verzehret in ihm alle unordentliche Neigung, ermuntert ihn zur Uebung aller Tugenden und treibet ihn an zu allen guten Werken. So tritt auch er ein in seine ursprüngliche Gerechtigkeit, auch er ist ein neuer Mensch, geschaffen nach Gottes Bilde, in Heiligkeit; der ganze Mensch ist ein neuer Mensch geworden. 101 . In dieser neuen Geburt ist der Mensch blos leidend, er selbst wirket und bewirket sie nicht, er hält nur Gott und Seiner Wirkung in ihm stille; konnte das der Mensch bewirken, dann wäre das Wort des Herrn falsch, wenn Er sagt ): „Niemand ist gut, denn Gott allein." Nun ist aber wahrhaftig Niemand gut, denn Gott allein, so ist denn auch keines Menschen Werk gut, als nur Gottes Werk allein. So strebe denn der Mensch, Laß er sich ledige alles eigenen Wirkens und Gott allein des Werkes Stifter und Meister seyn lasse und Ihn in Seinem Wirken nicht hindere; und dann kann und wird Gott wirken und der Mensch leidet Gott, wenn sein Herz und alles an und in ihm in Friede, Ruhe und Stille ist. Dieses Wirken Gottes im Menschen ist ein wesentliches, göttliches Wirken; es urständet nämlich auS Seinem Wesen und gehet unmittelbar ein in das Wesen der Seele: und dieses göttliche Werk tilget alles Böse, was der Mensch je begangen hat, ihm wird Schuld und Strafe nachgelassen; denn wenn sich Gott einmal offenbaret in einer Seele durch Sein gnädiges Wirken, dann muß alles Fremde, was Ihm widerspricht, gänzlich entweichen, Er allein muß Herr und Herrscher seyn, und nichts kann da regieren, denn Gott. 2 Marc. y, 18. 2tS ! §. 102 . ! Ja, der inwohnende Gott bewahret den Menschen vor aller Sünde, vor den täglichen Gebrechen sowohl wie vor dem Falle zum Tod, und reiniget ihn von aller i Schuld; wo Er ist, da kann die Sünde ferner nicht herrschen, Er tilget sie, und zwar auf sechsfache s Weise; nämlich: Erstens, eine göttliche Kraft umgiebt den Menschen, ! wodurch seine an sich schwachen Kräfte gestärket werden ! zu allem Guten. Geschieht nämlich im Wesen der Seele j die göttliche Geburt, dann ergießet sie sich in alle Kräfte des Menschen und jede erhält eine neue göttliche Kraft, zu widerstehen allem Ungöttlichen und jeder Sünde, was j wohl sehr nothwendig ist; denn aus sich selbst und eigenem Vermögen, ohne höhere Hülfe, vermag der Mensch j nimmermehr die Sünde vollends zu besiegen. Diese höhere Unterstützung aber und diese göttliche Kraft empfängt der Mensch, wenn alle seine Kräfte sich hinwenden zu j dieser inneren, göttlichen Geburt; denn wer empfangen i will von dem Andern, der muß dem Ausspendcr wohl !! nahe seyn: je näher ihm, je stärker und unmittelbarer die zurückwirkende Gabe; je entfernter, je schwächer die Wirkung. Deswegen müssen alle Kräfte vereiniget und gesammelt seyn, in süßem Frieden und Ruhe harrend der göttlichen Geburt, nicht da oder dort herum schwärmen, mit unnöthigen Dingen sich beschäftigen, sich dessen annehmen, was uns nicht angehet, das zerstreuet nur die Kräfte und schwächet sie. Und das ist der leidige Fall bei manchen sonst gutgesinnten Menschen: da sie sich in das Viele einlassen, entgehet ihnen das Eine, was Noth ist, sie entbehren so der göttlichen Kraft, und ohne sie müssen und werden sie fallen; denn die Schrift sagt ): „Der Gerechte fällt des Tages siebenmal", was ihm nicht widerfahren würde, wenn er fester stünde und der inneren göttlichen Geburt in sorgfältiger Sammlung sei- *) Sprüchw. .24, 16. 216 ncr Kräfte in Friede und Ruhe harrte; so würde die göttliche Kraft, deren Einwirkung er immer fähig und empfänglich bliebe, ihn von allem feindlichen Falle bewahren. §. 103 . Darum ist die zweite Weise, wie der Mensch von täglichen Sünden möge bewahret bleiben, diese: die niederen Kräfte müssen allzeit unter die höheren geordnet und auf sie hingerichtet seyn. Diese Unterordnung und Richtung erhält den Menschen in seiner ursprünglichen Gerechtigkeit, in der ihn Gott geschaffen hat; denn dadurch siel der Mensch, daß seine niederen Kräfte sich von seiner höheren Geisteskraft trennten und ihrer Lust, und nicht dem Lichte der höheren Kraft dienten. Und das geschieht noch immer, sobald der Mensch der Sinnlichkeit und ihren blinden Neigungen sich hingiebt, die höhere Kraft in sich, die Vernunft nicht höret oder hören will; so fällt er und muß fallen. Hörte er aber seine Vernunft und gehorchte ihr, dann kann er ohne Gefahr jedes äußerliche Werk verrichten; denn nun sind sie nicht sinnliche, obgleich mit Hülfe der Sinne gewirkte, sondern sie sind vernünftige, durch die Vernunft geleitete, durch ^ sie befohlene und von ihr geordnete Werke, sie sind tu- gendliche Werke. Darum schaue, was du immer thuest, es sey innerlich oder äußerlich, auf die Vernunft hin, sie wird dich vor dem Falle bewahren, und unter ihrer Leitung wirst du in Allem tugendhaft und recht handeln. Dieses Wirken ist mehr göttlich, denn blos menschlich; denn der Mensch in seiner verdorbenen Natur wirket nur sinnliche, blinde, verderbliche Werke, an denen die Vernunft nicht Antheil hat. So sollst du aber nicht wirken, darum wirft du auch so oft gemahnet, aller eigenen Werke dich zu entledigen, und welche andere Werke werden darunter verstanden, als . die Werke der Sinnlichkeit, die sündlich und verderblich sind? die sind, aber deine eigenen Werke, die rugenvlichen aber sind Gottes Werke; denn alles Guten Ursprung ist einzig Gott, alles wahr- haft Gute muß von Ihm ausgehen und in Ihm enden. Sind nun die Sinne geordnet und stehen unter der Zucht des Geistes, und ist dieser vereiniget mit Gott, dann sind auch sie fähig, Gottes Kraft und Einwirkung zu empfangen, der Sünde zu widerstehen und sie zu besiegen. ! §. 104. ! Die dritte Weise, wie die von Gott erneuerte und ! wiedergeborne Seele durch Ihn von täglichen Sünden bewahret werde, erprobet sich daran, daß des wiedergeborenen Menschen Wille ganz mit dem göttlichen Willen vereiniget und die Vernunft stets wachsam ist. Seinen Willen allzeit und in allen Dingen zu erforschen und einzig nach Ihm zu leben. Diese Entsagung des eigenen Wil- i lens macht uns empfänglich aller göttlichen Gaben und Gnaden, sie öffnet Gott gleichsam den geraden Eingang in uns. Der uns denn stärket, allem Unheiligen, Un- göttlichen und Ihm Mißfälligen standhaft zu widerstehen. Gott lohnet und achtet wahrlich nichts in uns, als Seinen Willen; was Ihm entgegen ist, ist Seiner Gaben / keineswegs empfänglich, nur gänzliche Hingabe unseres ! in den göttlichen Willen macht uns Seiner Gnaden fä- ! hig und würdig; was wir dann von Ihm bitten, dessen will Er uns gewähren. Flehest du Ihn an , daß Er nach Seinem heiligsten Willen dich vor jedem Falle in die Sünde bewahre, Er wird dich erhören; sey es auch, daß du hernach dennoch in irgend ein Gebrechen oder in eine Sünde fallest, dann fällst du nach Seinem Willen, nicht als wenn Sein Wille nicht allzeit der beste für dich wäre, nicht, als wenn Er die Sünde wolle, Er läßt sie nur zu, und zwar gerade zu deinem Besten. Du sollst aus deinem Falle deine Krankheit und deine Schwäche kennen lernen, du sollst die Demuth kennen lernen, welche ihre Freunde nicht fallen läßt, du sollst dem eitelen Wohlgefallen deiner selbst und deiner vermeintlichen Tugend entsagen lernen, du sollst erfahren, daß du nichts, durchaus nichts bist, ohne und außer Gott. Sieh', deshalb hat der Herr, obgleich Er dich wirklich liebt, dich fallen 218 lassen in dieses oder jenes Gebrechen, du sollst von Ihm gewarnct seyn, daß du nicht in größere und wahre Verbrechen geratbest; so will Er dich dahin fördern, daß du dir und deiner auch geheimsten Eigenheit durchaus absterbest, bis Er allein dein Leben werden kann, bis es wahr ist, wenn du ausrufen würdest: nicht ich lebe, Gott lebt in mir! dann läßt Er dich nicht mehr fallen. §. 105 . Gott, Der dich wiedergeboren, wird dich auch lehren, wie du in deinen Gedanken, Worten und Werken immer das ächte Maaß und Ziel halten und beobachten sollest; erkenne daran die vierte Weise, wie du von täglichen Sünden könnest bewahret bleiben. Wer in seinen Worten und Werken immer das richtige Maaß beobachtet, der wird kaum fehs'en können, denn alle Fehler und Gebrechen entstehen entweder von dem, was zu viel, oder was zu wenig ist; zu viel oder zu wenig verdirbt in jeder Sache das Ganze. Wer das thut, was er thun soll, und jenes unterläßt, was unterlassen werden soll, dem ist Gott mit Seiner Hülfe allzeit gegenwärtig. Die Tugend ist in der Mitte, wie ehemals Jesus stand in der Mitte Seiner Jünger, und ihnen Heil und Friede zurief. Jesus, heißt es, das Heil, stand in der Mitte, aus der Mitte ging Gottes Gegenwart hervor; Er stand in Mitte Seiner Jünger, die Er befriedigte und beruhigte, und die aus Ihm als der göttlichen Mitte ihr Heil und ihren Frieden erhielten. Selig der, der diese Mitte, der die wahre Ordnung, der das rechte Maaß immer haltet, er wird allzeit Gott finden, immer in Seiner Nähe seyn. §. 106. Die fünfte Weise, wie der Mensch vor dem Falle und vor der Sünde bewahret wird, ist die freiwillige Armuth nach außen und innen; diese Armuth ist in gar vieler Hinsicht die ächte Bewahrerin vor Sünden. Der wahre Arme nach Leib und Seele stehet rm beständigen 219 Leiden; sollte er auch manchmal in irgend ein Gebrechen oder Fehler verfallen, so reiniget ihn das Leiden wohl bald genug davon. Sey nachsichtig, wenn der Arme fehlet, er kommt bald wieder auf die rechte Bahn, das Feuer der Armuth feget ihn wohl bald rein. — Die Armuth bewahret besonders vor dem gerechten Vorwurf der Härte: er, der nichts hat und folglich auch nichts geben kann, kann nie lieblos heißen, er kann nichts abschlagen, da er eben auch nichts zu reichen hat. Der aber zeitlich Gut hat und dem die Gabe versaget, der ihn darum anspricht, der ist wohl karg und unsanft und sündiget in seiner Härte. Ferner, da zeitlicher Besitz gar vielseitigen Anlaß zur Sünde giebt, sy kann der Arme in diese verführende Veranlassung nicht kommen: er besitzet nichts und will nichts besitzen, er selbst hat ja allem freiwillig entsaget, weil er es als Hinderniß feines geistigen Fortkommens erkannt hat, er selbst hat sich die Gelegenheit zur Sünde abgeschnitten; wo nun die Ursache aufgehoben ist, da wird wohl auch die Folge aufhören, denn nichts geschieht ohne Ursache. — Endlich bewahret die Armuth auch darin vor Sünde, weil sie dem Herzen vollkommene Bereitwilligkeit zu allen Tugenden giebt; er hat sich allem Vergänglichen freiwillig entzogen, und warum denn? der Tugend zu Liebe, der Vollkommenheit nachzustreben! Das entledigte Herz hat nun nur ein Streben, das Streben der Tugend. In diesem liegt nun eben auch das ernstliche Widerstreben gegen alle Untugend; wie er der Tugend nachjaget, so hasset und verabscheuet er die Sünde und das Laster; der Austritt aus der Unordnung ist doch wohl der Rücktritt zur Ordnung. Sollte er auch anfangs manchmal straucheln auf seinem Wege, so ist das doch sein Wille nicht, und nur der freie Wille macht Sünde; wo der Wille nicht wäre, sagt Augur stin, dann gäbe es auch keine Sünde. Wer nun aber noch am Zeitlichen haftet, der kann auch noch nicht ungehin, dert wirken, ihm fehlet das Vermögen und die ungehinderte Kraft des Geistes, sich der Tugend und jeder einr zelnen derselben ganz zu ergeben. 220 §. L07. Die sechste Weise, wie der Wiedergeborene be, wahret wird vor täglichen Sünden, liegt in dem Feuer der göttlichen Liebe, das sein Herz ergriffen und durchglühet hat. Dieses Feuer des heiligen Geistes verzehret in ihm alles Fremdartige, alles, was der Tugend widerstrebet, es reiniget von aller Sünde. So lange dieses Feuer brennt, kann die Sünde nicht bestehen, nicht eindringen; denn Liebe und Haß vertragen sich nicht miteinander. Wer wahrhaft liebt, der entsaget allem Gehässigen, der Sünde nämlich; so lange er nun liebt, so lange lebt er ohne Sünde. Ja, die göttliche Liebe ist ein brennendes Feuer, welches alles Unreine verzehret. §. 108. Wenn nun, könnte hier gefraget werden, die Liebe des heiligen Geistes alle Sünde aus der Seele tilget, so sündigen denn die, welche den heiligen Geist empfangen haben, nimmermehr, denn die Gabe, die der heilige Geist Selbst ist, bleibet ewig, und, wie Johannes bezeuget: „Der aus Gott geboren ist, der sündiget nicht?" — Wir müssen den Menschen in zweifacher Hinsicht betrachten, einmal nach seinem Inneren, den inneren Menschen, und zweitens, nach seinem Aeußeren, den in der Zeit und in sinnlicher Umgebung lebenden, äußeren Menschen. Der Gabe des heiligen Geistes ist nun der innere Mensch nur fähig und empfänglich; ist sie ihm geworden, dann tilget sie sogleich alle Sünde in ihm, sie bewahret und schützet ihn vor allen Sünden. Der äußere Mensch hingegen, unfähig des Geistes Gottes und Seiner Gaben, lebend in der unstäten Zeit, die oft unaufhaltsam auf ihn einwirket, seine Sinnlichkeit anreget und ihn beunruhiget, wird sich der täglichen Sünde und Gebrechlichkeit nicht erwehren können; nur dann, wenn der Mensch seine äußern Sinne von der gefahrbringenden Zerstreuung zu- ') ». Loh. s, lö. 221 rücke hält, sie gleichsam sammelt und seinem inneren Menschen zuführet und dieser, erhaben in Gott, mit Ihm vereiniget ist, wird er weder äußerlich noch innerlich sün- ! digen, so lange nicht sündigen, so lange er in dieser se- ! ligen Einheit seiner selbst ist. Sollte auch durch die Sinne l irgend etwas Gebrechliches in sein Inneres sich eingeschli- ! chcn haben, so wird das göttliche Liebefeuer solches zumal ! tilgen. Könnte der Mensch in dieser heilbringenden Verei- § nigung immer und allzeit bestehen, dann könnte und würde x er wahrhaft nie mehr sündigen; denn die Sünde bestehet i doch einzig darin, daß der Mensch sich von Gott ab- und zu dem Vergänglichen sich hinwendet? Hat er nun diesem allem sich entwendet, stehet er mit Leib und Seele in inniger Vereinigung mit Gott, so kann er nicht sün- - digen in diesem Stande. Sobald er aber wieder in sein ^ äußeres Leben, in seine äußeren Verhältnisse, gleichsam in den Dienst der Sinne zurücke kommt, dann wird auch s die alte Gebrechlichkeit sich wieder einfinden und ihn gar ; oft überraschen, er wird sich in Manchem vergessen und fehlgreifen, weil er den Hähern Geist in seinem Innern nicht zu Rathe gezogen hat. Z. 10Y. j Handelte der Mensch, es sey äußerlich oder innerlich, immer nach der Vorschrift der Vernunft, jener Vernunft, die vom göttlichen Lichte erleuchtet, gereiniget und geord- ! nct ist, dann würde er niemal oder sehr selten fehlen, j er würde alles auf Gott hin beziehen und überall und j allzeit nur Seine Ehre und Verherrlichung im Auge ha- i ben. Dann wirkte nicht sowohl er, Gottes Geist und Gottes Liebefeuer wäre es, was in und aus ihm hervorgeht, alles wäre rein und gut, denn das Feuer des göttlichen Geistes hat alle Unlauterkeit im Herzen verzehret, jede Dunkelheit und Finsterniß vertrieben, die Vernunft erleuchtet, den Willen beweget und belehret. Und so ist denn Gott, einzig Er, der Gegenstand, der Endzweck und das einzige Ziel seines Wirkens, Leidens und Wissens; von Ihm hat er die Kraft, allem Unheiligen und 222 Ungvttlichen zu widerstehen und zu vollführen alles, was Sein Wille von ihm erheischet. Der sanfte, süße und gütige Geist Gottes erfüllet ihn mit Gute und Liede uns schenket den süßesten Seelenfrieden, den nichts stören kann, als etwa ein Gebrechen, aus Uebereilung ihm zugekommen, was ihn denn mehr betrübet und ängstiget, als den Unbekehrten die schwerste Sünde; denn eben weil er gekostet die Süßigkeit des heiligen Geistes, ist ihm die Sünde, auch die geringste, weit herber und bitterer, als jedem, dem die Bcseligung des göttlichen Geistes noch nicht geworden ist. Gotr auf die vollkommenste Weise lieben. Ihn aus ganzer Seele und allzeit lieben, ist seines Herzens einzige Lust und Seligkeit; alles, außer dieser Liebe, ist Qual und Pein für ihn. §. 110 . Und darum verhängt es Gott oft, daß gute und gottliebende Menschen manchmal in geringe Fehler fallen: sie sollen ihre Gebrechlichkeit erkennen, das" Herbe und Beunruhigende der Sünde recht tief fühlen und dadurch angetrieben werden, mit großem Ernste Gott zu lieben; sie sollen es erkennen, daß eben da Gott am gnädigsten mit ihnen verfahret, wenn er sie die Bitterkeit ihrer Fehler recht fühlen läßt; sie sollen mit Paulus die Erfahrung theilen"), „daß wo die Sünde überhand nalm, da auch die Gnade Gottes überhand nehme"; erfahren sollen sie ""), ,, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten kommen." Eben weil Gott sie liebet, so giebt Er ihnen auch allzeit das Beste; nicht, als wenn die Sünde selbst gut wäre, durch sie sollen sie nur zur Kenntniß des Guten und Besten geführet werden, die Sünde zeiget die Krankheit, und diese lehret Demuth; nicht, als wenn die Sünde den Menschen erleuchte zur Selbstkenntniß, sie entdecket nur den verborgenen Abgrund des Röm. S, 20. **) RSm. 8, 28. 223 Bösen im Herzen. So lernet der Mensch seine Krankheit kennen, lernet deinüthiges Unterwerfen gegen Gott, Demuth gegen alle Menschen um Gotteswillen. In dieser Demuth und Erniedrigung seiner steht er fest und sicher vor jedem schädlichen und tödtlichen Falle. — Das alles wirket die Liebe des heiligen Geistes, und er muß das dulden, tragen und leiden, wenn er zur wahren Armuth und Reinheit des Geistes, zu einem gottschauen- dcn Leben gelangen will. , Hat der Mensch, dem es Ernst ist, die höchste Voll- ^ kommenheit und die wahre Armuth und Entlcdigung des Geistes zu erreichen, die ganze Tugendbahn durchlaufen und sich durch unermüdete Uebung jeder Tugend erkräf- tiget, ist er in stäter, inniger Betrachtung mit dem leidenden Christus gewandert, trägt er in seinem Herzen die Wundmahle des Herrn und ist so in die reine !, Ruhe und den wahren Frieden der Seele eingegangen, dann stehet er am vierten Wege, den er betreten l muß zur endlichen Erreichung des Zieles der wahren Vollkommenheit, der kein anderer ist, als eine stäte und sorg- ! fällige Aufsicht auf alles, was geistlich dem Geiste und äußerlich den Sinnen sich nahet, daß er alle diese Ein- ' drücke so empfange und aufnehme, daß sie seinem Geiste l nicht störend und dem reinen Einwirken des heiligen Geistes nicht hindernd, als Zwischendinge Gottes und seines ^ Herzens, sich eindrängen. Diese Lauterkeit des Herzens wird ihm werden und bleiben, wenn er allen äußerlichen Uebungen entsagt, sich ganz in sich kehret und innen lebet und wirket: denn alle äußere Uebung beziehet sich auf das Geschaffene und geschieht in diesem; ein inneres, ächt geordnetes Leben und §. 111 8 . 112 *) Gal. 6, 17. 224 Wirken aber bezieht sich auf Gott und ist in Ihm gegründet. Willst du Gott suchen und finden, kehre ein in dich selbst, in dir suche Ihn; suchest du Ihn außer dir, so magst du Ihn wohl auch finden in den Kreaturen, dieses Finden aber giebt dir denn doch die wahre Seligkeit nicht. Suchest du Ihn aber in dir durch sorgfältige Einkehr in dein Inneres, dann findest du Ihn, nicht wie das geschaffene Aeußere Ihn nur trübe ausstrahlet, du findest Ihn unmittelbar in Seinem einfachen, reinen Wesen; und nur so ist Er deine wahrhaftige Seligkeit. Höre, was der heilige Augustin von diesem Suchen und Finden Gottes aus seiner eigenen Erfahrung sagt: Herr! da ich Dich zuerst erkannte, da erkannte ich deutlich, daß Du ein Gut bist, das in alle Kreaturen eingegangen und in allen zu finden ist, und ich gab mich in den Dienst alles Geschaffenen, ob ich Dich in ihnen finden möchte; so lange ich aber so Dich suchte, war mein Herz immer unruhig. Wie ich Dich aber bester erkannte, da erkannte ich Dich als ein solches Gut, das außer allen Kreaturen ist, und da fcrnte ich mich von ihnen allen, daß ich Dich rein, außer allen Kreaturen möchte finden. Nun ward mein Herz ruhig, denn so lange ist mein Herz unruhig, bis es ruhet in Dir; zu Dir allein hast Du uns geschaffen, und nur dann ruhet das Herz in Gott, wenn es allen geschaffenen Dingen entsaget und allein einkehret in das ungcschaffene Gut. §. 113 . Ja, alles Geschaffene ist unstät, vorübergehend und unruhig; wer sich mit ihm abgiebt, gelangt nie zur Ruhe. In dieser Unruhe aber finden wir Gott nicht, „denn Seine Stätte ist im Frieden Wir muffen ein ruhiges Herz haben, wenn wir Ihn finden wollen, gesammelt in uns und entwendet jeder äußern Zerstreuung und Unruhe. Derselbe heilige Augustin sagt: Viele suchen Gott, aber ') Psalm 7 S, 3- 225 nur Wenige finden Ihn, weil sie Ihn auswärts suchen. Der doch innen ist. Gott ist ein Geist, imo wir sind im Leibe und bangen dem nach, was des Leibes ist; Gott ist ein reiner Geist, geschieden von allem Geschaffenen, und wir sind noch beladen mit diesem. Gott ist ein reines, einfaches Gut, wir sind unrein, zerstreuet und veränderlich; Gott ist das Licht, uns trübet und dunklet die Sünde, Er ist die Liebe, in uns regt sich der Haß. Diese Ungle'.chbeit zwischen Ihm und uns ist die Scheidewand, die uns hindert, Ihn zu finden; sollen und wollen wir Ihn finden, so muß sie niedergerissen werden, so müssen wir streben. Ihm ähnlich zu werden. Wie Gott innen und ein Geist ist, rein und einfach, die wesentliche Güte, das reinste Licht, die heißeste Liebe, so müssen auch wir, nach Maaßgabe unseres Wesens, seyn, wenn wir Ihn finden wollen, allem Aeußeren entsagen, einkehren in uns, auswerfen aus dem Herzen alle trügerischen Bilder und Formen, reinen Geistes, einfach und gerade seyn, erleuchtet vom Lichte Gottes, durchglühet vom Liebcfeuer des göttlichen Geistes; so nur dürfen wir Ihn suchen, s o nur werden wir Ihn finden, den Gott der Ruhe und des Friedens, der unserm Herzen Ruhe schenken wird, jene Ruhe, in der wir Ihn unmittelbar genießen und schauen werden. Jetzt sind wir in wahrer Armuth und Entledigung des Geistes, jetzt sind wir fähig, Gott zu schauen. Z. 114. In dieser wahren Ledigkeit des Geistes, in dieser stillen Einkehr in uns, in dieser Wahrnehmung und Hut unseres Herzens, in diesem ernstlichen Suchen Gottes findet der Mensch zugleich auch das, was ihm zu dieser nöthigen Aehm lickkeit mit Gott verhilft. War er zuvor dem Aeußern hingegeben, so wird er nun innerlich und lebt dem Geiste; war er fleischlich und irdisch gesinnet, so liebt er nun, was deö Geistes ist; war er beladen mit den Kreaturen, er wird ihrer nun ledig; war es finster in seinem Herzen, es 1L 226 wird erleuchtet, dieses Herz; war es kalt in göttlicher Liebe, die Flamme des heiligen Geistes wird es ergreifen. Das Alles aber muß innen gesuchet werden, wenn wir den hohen Schatz aller Gaben und Gnaden Gottes finden wollen; wer nicht da suchet, der verzichtet von selbst auf die besten Gnaden Gottes. §. 115 . Denn alles Aeußere ist unstät und vorübergehend, Gottes Gaben aber bleiben ewig; sollen sie uns zu Theil werden, so müssen wir die Sinne einkehren in den inneren Menschen, der Gottes Ebenbild ist. Hier empfangen wir die besten Gaben vom Vater der Lichter, bei dem keine Wandelbarkeit ist. Wie Er Selbst nun unwandelbar ist, so sind auch Seine Gaben, und nur ein unwandelbares, ruhiges Herz kann sie empfangen; nicht die Sinne, der äußere, sinnliche, von der unstäten Zeit ger triebene Mensch, sind derselben fähig, sondern der innere, von Gott in Heiligkeit, in Gerechtigkeit und Wahrheit geschaffene Mensch. Wirst du wohl dein Haus, deine Herrschaft und dein Gut der Pflege und Aufsicht eines Leichtfertigen anvertrauen, der sie weder pflegen noch schützen mag und kann? meinest du, Gott werde Seine heiligsten und theuersten Gaben dem sinnlichen, unstäten, leicht beweglichen Menschen anvertrauen, der sie nur vergeuden und verderben würbe? Traue nie einem sinnlichen Menschen eine wahrhafte Gabe Gottes zu, du würdest dich sehr betrügen; Gott findet in ihm keine ruhige, bleibende Stätte, er ist Seiner Gaben unfähig, und wollte auch Gott einem sinnlichen Menschen Seine beste Gabe geben. Er vermag es nicht, Er findet die geeignete Stätte nicht. Willst du dein Haus auf lockeren Sand oder gar auf das Wasser bauen? deine Sinne sind dieser lockere, lose Boden, sind das leicht bewegliche, immer unruhige Wasser, Gott kann dir nicht helfen. 227 8 » 116 » Weißt du, was David sagt und' wie er den Weg sich bezeichnet, zu empfangen die göttlichen Ga» ben? *) „Ich will hören (sagt er), was Gott in mir spricht, und Er spricht Friede in Sein^VM und''zü denen, die sich kehren zu ihrem Herzen. Innen hörest du Gott, innen ist der göttliche Friede?' Thue äußerlich, was du willst, zur Bezähmung deiner Sinne, faste, wache, hungere und friere, deine Meinung mag gut seun, weil du für einen hohen Zweck dich so mühest, das Ziel aber erreichest du mit allen diesen äußerlichen Peinlichkeiten nicht, du wirst sie ermatten, deine Sinne, aber getödtet werden sie nicht. Gieb auf diese äußere Uebung, gehe ein in dein Inneres, hier verfahre strenge und unerbitt- ! sich mit dir, hier binde und zügele, hien muß gestorben seyn und alles sich fügen unter den Sieg Und den Gehorsam gegen den inneren Menschen. , , ^ - §. 117 . ! Dieses Einkehren in dich, dieses Wahrnehmen Gottes ! im Innern macht dich sa eben empfänglich der göttlichen Kraft, die dich stärket zum Siege über die Sinne, mit ihr nur, wahrhaftig ntit ihr nur allein bringst du sie unter deinen Gehorsam. Diese göttliche Kraft empfängst du aber nur in deinem inneren Menschen; dieser fordert und ruft nun die Sinne zu sich, und daß sie ihm » gehorchen, ist die Wirkung der Kraft .Gottes, die er ^ empfangen hat: wo diese fehlt, dort ist keine Bändigung, , kein Sieg je zu hoffen. Wissen wir doch von manchen ! äußerlich sehr strenge Lebenden, die doch zuletzt gefallen sind! hart kämpften sie, .gber der Kampfplatz war nur außen, die Angreifenden waren nicht zu bändigen, sie standen auf ihrem Grund und Boden ; wäre der Kampf --- ' 'j . *) Psalm L4, 9 . - '» U ^ . 1 228 mit ihnen innen geschehen, der Sieg wäre entschieden ge, we'en über sie, der mit Gottes Kraft gestärkte innere Mensch wäre Sieger geworden; darum aber mußten sie fallen, denn Gottes Stärke fehlte. Hätte sich Adam nickt,in die äußeren Einne einergeben, wäre er in seinem .Innern geblieben, nie wäre er gefallen; aber sobald er das Erste Ihat^ war das Zweite, sein Fall nämlich, unvermeidlich,, H,.fehlte ihm die göttliche Kraft, die ihn einzig aufrecht erhalten konnte, und wer es ihm nachmachet, der muß und wird fallen, wie er. l" " ' - - -Z. 118 . Entgegnest du und ..sprichst: warum schuf denn Gott ^ den Menschen,.den En doch fallen ließ? — Hätte Er I ihn nicht erhalten könuen-.itnb sollen? Spreche nicht vom . Sollen Gottes, du Staub! sprichst du aber vom Köm i nen, so höre: wie Gott den Menschen geschaffen, ein ! Wesen mit Leib und Seele, begabt mit einem freien Willen. sich zu kehren, wohin er wolle, konnte Er, ohne gegen die Natur des Menschen gewaltsam einzuschreiten, ibn nicht abhalten; aus freiem Willen kehrte er sich zum Schwächsten und Gefährlichsten, zu feinen Sinnen, so mußte ihm denn auch dass Verderben begegnen. Er hätte sich ja eben so leicht zum'Besten wenden können, in sein Inneres, wo Gottes Bild war und die Wahrheit wohnte, ! hier hätte ihn die Wahrheit erhalten und er wäre nicht gefallen;' da er aber das Gegentheil that, von der Wahrheit'sich abwendete, "fo konnte sie nicht auf ihn wirken, und so mußte "er denn fallen : denn unempfänglich gött- lichep"Wahrheit sind'die Sinne,., nur der innere Mensch, des Menschen Geist., geschaffen nach Gott in der Wahrheit, ist ihrer'fähig. Das widerfährt jetzt noch allen, die der Sinnlichkeit fröhnen'f'die ihre Freiheit verkaufen als Knechte der'Sinne; klage Gott nicht an, diese Knechte tragen die Sckuld ihres Falles und Verderbens: Den unvermeidlichen Fall des Knechtes der Sinnlichkeit- fordert ^ 229 die Gerechtigkeit Gottes, Er hat ihm die Vernunft gegeben, er folge ihr, dann ist ihm geholfen; höret er ihre Stimme, dann ist auch Gott mit Seiner Hülfe da. Z tzt ist er Seines Eimvirkens, Seiner Gnade empfängt sich; so lange er den Sinnen fröhnet, ist es Gott Selbst unmöglich, ihm zu helfen. Wären die Sinne göttlicher Gnade empfänglich, dann müßten wohl alle jene hohen, sogenannte gelehrte geistliche Herren, derer ganzes Kunstwesen ein Werk der Sinnlichkeit ist, erworben durch sie und ausgehend auf sie, gar selig seyn, sie müßten die Leute sepn, die der Sünde gar mächtig widerstünden und widerstehen könnten; aber dem ist bekanntlich nicht also, sie fallen, wie andere Knechte der Sinne, ja sie fallen eher und tiefer, denn diese: denn wo die Sinnlichkeit überwieget, da ist wohl der Fall häufiger und vielfacher» So stehen sie denn als freiwillige Verbrecher unter der strafenden Gerechtigkeit Gottes, Der sie, wie alle andere Knechte der Sinnlichkeit, verstößt; gerne wollte Er sie zum Leben und zur Seligkeit erwecken, aber ihr böser Wille hindert die göttliche Einwirkung; sie sollten leben, siHber wählen den Tod, denn sie sind des inneren Lebens nicht fähig. ->k §. 119 . ^ Ja, innen muß die Seligkeit empfangen werden, nur der innere Mensch, der nach Gott geschaffen ist, ist ihrer fähig. Komme nicht mit deinem dir gar behenden Sprüchlein und poche auf des Herrn Wort, das du wahrlich nicht verstehest, und sage „Wer glaubt und getauft ist, wird selig!" Sprich, wie hast du denn den Glauben ergriffen; in Worten und gewissen Formen, vom Hörensagen angenommen, ist er in deinen innern Menschen eingedrungen, haben ihn deine Sinne, oder die Vernunft empfangen ? Nur die Vernunft, der Geist des ) Marc. w, >6. Ä30 Menschen empfängt das Leben des Geistes, empfängt das Leben des Glaubens; nur die vorn Geiste Gottes erleuchtete Vernunft ist des Glaubens fähig, und nur die- in derer Innerem dieses göttliche Licht leuchtet, sind gläubige ^Menschen '3, nur sie sind getaufet in dem Wasser deis Wiedergeburt, der Reue und der Sinnesänderung, sie sind die Wiedergcbornen im Geiste und durch den Geist der Wahrheit; sie werden selig, nicht jene, die mit ihrem bloßen Wortglauben sinnlich dahin leben als Sündenknechte, sie haben weder Glauben noch Seligkeit. Laß sie immer sprechen: ich glaube! es ist ein leeres Wort und dazu eine Luge. Ich besitze hundert Pfund Goldes, ruft ein citeler Prahler, und siehe da, nicht einen Pfennig Hüt er! Sie sind Heiden, ihr Leben zeugt es, sie sind jene unnützen, Herr, Herr, Rufer, denen Christus das Urtheil längstens schon gesprochen bat, daß sie nicht eingehen werden in Gottes Reich, weil sie des Vaters Willen Nicht thun; sie ver- vrthellet der Apostel (Jakobus) '"'): Dc? Glaube ohne die Werke des Glaubens ist todt! — Im Herzen leben wir, nickst in der Meinung j die Sinne meinen nur, und was sie meinen, verlierest sie so oft, was aber als wahrhaftes Leben in den Geist übergegangen ist, das bleibet und wird nicht verloren. Die Sinne müssen geheiliget werden, und das ist nur möglich, wenn sie unter die Zucht und Aufsicht des inneren Menschen gestellet und gezogen werden; *) Wen» wir von, Glauben und der Wahrheit recht urtheilen.,, nicht von der Menge, und sehen auf den Willen des Menschen, nicht auf die Versammlung, so sehen wir, daß unter einer so großen Menge der Kirnen ein Gläubiger schwerlich zu finden sey. Damals aber gab es wahre Maubige, als die Mgrtyrer geschlachtet wurden, als die, welche blutige (eichen begleitet hatten, wieder traurig zu den Gemeinden kamen und die 'Menge aüs 'lauter Traurcnden bestand ; als die Catechismus - Schüler gleich im ersten Glauben zur Marter geführt ^wurden, als die Weiber und das schwache Volk dennoch bis in den Tod unerschrocken geblieben sind. Da geschahen wahrhaftige Zeichen von, Himmel und Wunder auf Erden. Da -waren,-zwar wenige, aber wahre Gläubige, die auf dem engen und schmalen Wege gingen, der zum Leben führet. Origines >4- Homilie über den Propheten Zeremias. **) Jac. -, -6. s dann wirket der göttliche Glaube auf den ganzen Men- ^ schen und bringt Leben und Seligkeit. ! §. 120 . ! Hier könnte gefraget werden: wenn die Sinne des Le- ^ bens und der Wahrheit nicht fähig sind, warum sollen sie ! denn, eingekehret in den innern Menschen, mit diesem ver- ! bunden und geeiniget werden, gerade, als wenn ihm damit l gedienet wäre? Wir antworten: wo Zwei ein Drittes auf- ? nehmen und empfangen sollen, da muß immer das Schwär z chere und Geringere dem Stärkern und Hähern sich am j schließen und unterordnen, damit dieses die Schwäche und ? das Gebrechen des Geringeren ersetze. Nun bilden Leib unld z Seele eine Person, beide haben zusammen e i n Wirken; ^ die Seele kann nicht wirken ohne den Leib, sie kann die göttlichen Gaben nicht empfangen, es sey denn, daß sie ungehindert sey von den Sinnen, und nur dann ist sie ungehindert von ihnen, wenn selbe gänzlich abgezogen sind ^ von allen äußeren störenden Werken und eingekehret auf das > Innere. Jetzt ist die Seele fähig, die reine Wahrheit zu ^ empfangen; das Empfangene theilet sie nun den Sinnen mit, und so werden auch sie der göttlichen Wahrheit empfänglich, nicht zwar als außenbleibende, sondern als solche, die sich cinergcben haben in das Innere. Hier wird die Wahrheit zuerst und ursprünglich empfangen; von da aus gehet sie in die Sinne über und zwinget sie, zu folgen der Wahrheit, nach und in ihr zu leben und ihr zu ge- ° horchen. §. 121 . Das ist wohl ein nützliches und heilsames Band, welches den äußern mit dem inneren Menschen in Einklang bringt. S o vernimmt der ganze Mensch die Aussprüche der göttlichen Wahrheit. Ohne diese Vereinigung ist der äußere sinnliche Mensch stets dem Falle und der Sünde 232 ausgesetzet; ja der Geist selbst, obgleich allein fähig der göttlichen Wahrheit, kann diese nicht vernehmen und erfahren, wenn die äußeren Sinne zerstreuet und mit dem inneren Menschen nicht gceiniget sind. Einheit muß im Menschen scnn, der äußere wie der innere Mensch müssen ein Ziel, einen Willen haben; wie nur ein Gott ist / und ein Glaube, so muß Leib und Seele im genauesten Verbände stehen, wenn sie Gottes empfänglich werden und den ächten Glauben erhalten und bewahren sollen. Je zerstreuter die Sinne nach Außen, je unempfänglicher der Geist der göttlichen Wahrheit. Nur ein ruhiges Her; suchet Gott, nur in wechselseitiger Einheit wird Er gefunden; l davon heißt es bei dem Propheten "): „Siehe, ich will j sie locken uns null sie in eine Wüste führen und freund- i lich mt ihr reden. " In eine Wüste, sagt Er, wo es E stille und ruhig ist, wo die Kreaturen schweigen, der äus- !I sere Lärm nicht hinvringet, da will Ich aus Meinem vä- !> terlicken Herzen in ihr Herz sprechen, da wird sie hören ! und Mich vernehmen können. — Ja, wenn Gott Sein i Wort in die Seele spricht, dann müssen die Kreaturen ! schweigen, die Sinne müssen ruhen und den Geist das I Wort des Herrn.vernehmen lassen; und sollte es nicht billig seyn, daß die Knechte schweigen, wenn der Herr redet, wäre es nicht gegen alle Ehrfurcht und würde der Herr sich nicht entrüsten, wenn sie lärmten, während Er zu ihnen spräche? Und in deine Seele will Gott Sein Wort sprechen, und du wolltest nicht alles, was außer und in. dir ist, beschwichtigen und in Ruhe bringen , um das Wort der Wahrheit und der göttlichen Weisheit ungestört vernehmen zu können?^ §. 122 . Wohl wäre es große Unehrerbictigkeit gegen Gott, wenn Er Sein Wort sprechen rvyllte an dein Herz, und Osec.r, >4- 233 du würdest oder wolltest Ihn nicht hören oder Ihn in Seiner Rede unterbrechen; das thuest du aber wirklich, wenn du ohne Noch und ohne Befehl der Vernunft und deS Gewissens dich in unnütze Zerstreuungen einläßt. So wirst du nie zur wahren Liebe Gottes gelangen, denn t diese solltest du dadurch beweisen, daß du Sein Wort in Ehrfurcht und Stille anhörest; aber in dem Lärme und in dem unruhigen Treiben deiner Sinne, denen du nach- ! hängst, kannst du Sein Wort nie vernehmen, so kannst ! du Ihn denn auch nie aufrichtig und wahrhaft lieben. ^ Liebtest du Ihn von ganzer Seele, dann würdest du wohl deine unruhigen Sinne beschwichtigen und sie ein- rufen nach innen, um ruhig hören zu können, was der Herr spricht; du würdest Ihm gerne Rede und Antwort geben auf alles, was Er dir sagt und dich lehret. In diesem freundlichen Wechselgcspräche erzeuget sich die gegenseitige göttliche Liebe, mit der der Herr dich liebet und du Ihn hinwieder aus ganzer Seele liebest; so will aber > auch Gott geliebt sc>m, denn Christus sagt Z: „Wer I Mich liebet, der höret Mein Wort, und wer Mein Wort 1 hat und es hält, der ist's, der Mich liebet." Wer nun > aber Sein Wort nicht höret, der kann Ihn denn auch ! nicht lieben; die wahre, göttliche Liebe kann ja auch nur von dem ewigen Worte urständen, das Gott in der Stele spricht, wer dessen ermangelt, der stehst auch nicht auf dem ächten Grund und Boden der Liebe. Darum kehre ein in dich selbst, beschwichtige die Sinne, sammle die zerstreuten und höre, was der Herr in dir spricht, so gelangest du zum wahren Ursprung der göttlichen Liebe, j .An dieser göttlichen Quelle trinke dich satt, trinke die ^ Liebe bis zur Berauschung. §. 123 . Wer aus dieser Quelle getrunken hat, kann nur lieben: Lieben ist sein Leben, Lieben ist sein Stsrben; kbt *) Ich. -4- 234 er, so lebt er von der Liebe, stirbt er, so ist sein Tod die Liebe, wie das Loos fällt, es ist die Liebe, die es geordnet hat; sein Eigenthum ist die Liebe und der Liebe Eigenthum ist er, was die Liebe betrifft, das betrifft ihn, und was ihn betrifft, daran nimmt auch die Liebe wieder Antheil; wer ihm giebt, der giebt der Liebe, was ihm genommen wird, wird der Liebe genommen, die Liebe und er sind Eines. — Aber diese gottliebenden Menschen werden und können auch nur von ähnlich Gesinnten geliebt werden, sehr viele Andere werden sie Haffen; denn nur Wenige sind ihnen ähnlich, folglich ihrer würdig. Von diesen Wenigen sagt Paulus "): „Die Welt ist ihrer nicht werth", darum hasset sie selbe und füget ihnen Schmach zu. — §. 124 . Darin aber bestehet die besondere Würde der Liebe, daß sie geschmähet wird, sie will ja nicht Ehre vor der Welt; würde sie geehret vor der Welt, so würde sie vielmehr fürchten, ihre wahre Würde zu verlieren, sie kennet ja und will keine andere Ehre, als das Kreuz und die Schmach Christi, sie spricht mir Paulus : „ Es sey ferne von mir rühmen, denn allein in dem KreUze unsers Herrn Jesu Christi"; an und in diesem liegt alle meine Ehre und mein Ruhm; das Kreuz Christi aber ist Schmach, Haß, Verachtung und alles Leiden. Von daher nimmt der Christ seine Liebe, Ehre und seinen Ruhm. Fürchtest du dich, von der Welt verachtet und verschmähet zu werden, macht dir's Freude, wenn sie dich ehret, dann hast du die wahre göttliche Liebe noch nicht. Diese göttliche Liebe will niemand gleich seyn, als ihrem Geliebten; wer sie in Ungleichheit mit diesem bringen will, der peiniget sie wirklich, wer sie aber Ihm gleich behandelt, der ehret und erfreuet sie. Das *) Hebr. n, 38. -') Gal. 6, >4. 235 ist das einzige und wahrhafte Kennzeichen ächter Liebhaber Gottes und Jesu Christi. §. 125 . Diese göttliche Liebe aber entspringt aus dem väterlichen Herzen Gottes, wenn Er Sein ewiges Wort in der Seele spricht; denn in diesem Einsprechen des Vaters quellet zugleich die Liebe des heiligen Geistes aus, die die Seele und alle ihre Kräfte durchdringet, so segens- voll und kräft'g, daß alles, was der Mensch nun redet oder thut, Liebe ist und Liebe spendet. — Sieh', das ist die selige Frucht der Zurückgezogenheir, der Zügelung deiner äußern Sinne, der Einkehr in dein Inneres, der Entsagung des Vergänglichen und Eitelen, des Schweigens deines äußern Menschen, des stäten, ruhigen Hinblickes auf Gott! So muß Er Sich, so will Er aber auch Sich dir offenbaren, will und wird Sein Wort sprechen in deiner Seele, woraus die vollkommene Liebe entspringet. Ja, darin liegt die höchste Vollkommenheit des Geistes, wenn der Mensch sich alles Aeußeren entlediget, ganz in sich, in sein Inneres einkehret, damit Gott ungehindert in dieser Stille des Herzens reden und Werke wesentlicher Seligkeit wirken könne. - §. 126 . Und das ist die höchste Vollkommenheit der wahren Armuth des Geistes, das ist ihr eigentliches Ziel, Gott allein zu suchen, zu finden und Seiner wahrzunehmen und alles Irdischen zu vergessen; das ist jener „beste Theil", den Maria sich wählte, indem sie alles klebrigen außer sich vergaß, auf den Herrn allein merkte und Sein Wort erwägte in ihrem Herzen. Es wird hier keineswegs behauptet, als wäre zeitlicher Besitz und irdisches Gut durchaus und unmittelbar hindernd, zu Gott zu kommen, aber müheseliger, gefährlicher, weit herumführender ist doch gewiß der Weg dahin; du mußt dich doch 236 — freilich oft gegen deinen bessern Willen, bald da, bald dort in Etwas einlassen, was du nicht thun würdest, könntest oder dürstest du dem bessern Wunsche deines Herzens folgen, aber du mußt es thun, es fordern's deine Verhältnisse, denen du noch nicht entsagen konntest. Thue es aus Liebe Gottes, in der nöthigen Ordnung, du wirst deinen Lohn nicht dahin haben; wärest du freilich alles Vergänglichen ganz ledig, dann hättest du wohl den kürzern und leichtern Weg zum höchsten Ziele. Höre, was davon selbst ein tugendhafter Heide sagt "): „Willst du frei und ledig seyn in deinem Gemüthe, so mußt du entweder wirklich arm seyn oder leben wie ein Armer. — Dann aber bist du wahrhaft frei, wenn du dich ungehindert zum besten Theile, zu Gott nämlich, wenden kannst, und das wirst du nur vermögen bei gänzlicher Entledigung aller zeitlichen Dinge. Denn alles Zeitliche ist an sich eine Last, die nieder drückt und das Gemüth fesselt, das sich damit abgiebt; wer dessen frei ist, erschwinget sich ungehindert zu Gott. §. 127 . Ja, das entledigte Herz, der wahre Geistesarmc bat die ächte und edelste Freiheit! Laß immerhin die Reichen diese Freiheit schelten, sie schmähen sie einzig deshalb, weil sie ihrer entbehren; was man nicht selbst hat, dessen Besitz lobt man nicht gerne an Anderen. Der Geistesarme hat sie in seinem Innern gefunden, wo er Gott fand und alle Freiheit mit Ihm. Wer dem Sichtbaren, dem Aeußern nachhängt, der wird wohl auch gefesselt von selbem und dadurch gehindert an der Einkehr in sein Inneres, um Gottes da wahrzunehmen. Liebst du deine Freiheit und scheuest die Fessel der Kreatur, willst du Gott finden im Grunde deines Herzens, wo Seine eigentliche Wohnung ist, gehe ein in dieses Herz, kehre gerne und viel *) Seneka im >7ten Briefe an den Lucilius. 257 ein''). Das Beste am Menschen ist doch wobt sein Gemüth? und du wolltest dem Besten an dir nicht dienen, sondern dem Geringen? da wärest du ja wahrlich ein Thor, der seine Freunde verrathe und seinen Feinden diene! und alles Sinnliche ist deiner Seele Feind. Dienest du diesen,, es wird dich lohnen mit dem Lohne des Verrätbers, es wird dich lohnen mit dem ewigen Tode, womit der Feind lohnet; die Sinne lohnen dir mit dem, was ihnen eigen ist, mit Verderben und Untergänge, was sie selbst nicht haben, können sie auch dir nicht geben, nämlich das Leben. So erging es der ersten Mutter der Menschen: sie ,, schaute an, daß von dem Baume gut zu essen wäre und lieblich anzusehen , daß es ein lästiger Baum wäre und nahm von der Frucht und aß"; so diente sie der Sinnlichkeit und der Tod wurde ihr Lohn. Gleiches widerfährt Allen, die den Sinnen leben, sie sind sich selbst die Ursache ihres Verderbens; nicht Gott verdammet sie, sie sprechen sich selbst das Urtheil, sie wählen freiwillig den Tod, indem sie dem sinnlichen Verderben, der verderblichen Lust leben, sie selbst verzichten auf das Leben; und wollte ihnen Gott das Leben geben, sie wären unfähig, es zu fassen, denn allenthalben ist Tod in ihnen; und sollte Gott Sein bestes Gut — das Leben — dem sinnlichen Menschen geben? wäre es nicht so, als wenn du Perlen den Schweinen, und das Heiligthum den Hunden hinwürfest? Wahrlich! Er will Seine beste Gabe nicht verhöhnet, nicht mit Füßen getreten sehen! Darum wundere dich nicht, wenn du, hingegeben der Sinnlichkeit, thierisch dahinlebst, daß der Herr mit Seiner Gnade nicht einkehre bei dir, du bist ihrer nicht fähig, du hast sogar auch den Willen nicht, dich ihrer empfänglich zu machen; hättest du diesen, so würdest du sie zügeln, diese leichtfertigen Sinne, so würdest du Gottes gedenken in deinem Innern, dann wärest du in der gehörigen Stimmung ...5) Geh in dein Herz und lerne, . wie arm du noch an wahrer Tugend bist, " PersiuS Hte Sät. nach Fülleborns' Uebersetzung- 238 und Richtung, Seine Gnade zu empfangen. Je weiter du in den Sinnen herumschweifest, je weiter entfernest du dich von Gott; so kann Er aber Seine Gnade dir nicht geben, denn der Geber und Empfänger müssen sich nahe seyn. Gott ist nahe in deinem Herzen, darum kebre ein in dieses Herz, so bist du in der Nähe deS Herrn und wirst Seine Gnade empfangen. §. 128 . Und weißt du es nicht selbst aus leidiger Erfahrung, daß, wenn du außen wärest, die Sinne immer gewisse beunruhigende Eindrücke in die Seele zurückbrachten, die den innern Frieden störten oder wenigstens trübten? Liebst du nun den ungestörten Frieden und die ungetrübte Ruhe deines Herzens, zügle die Friedensstörer und lasse sie nicht unnöthig auskaufen, so bleibt dein Herz lauter und im Frieden. Weißt du doch, was der Apostel sagt: „Der j Friede Gottes, der allen Sinn übersteigt", kann wohl in der Sinnlichkeit nicht gefunden, nicht ergriffen werden; ihn können alle nicht erlangen, die den Sinnen dienen, die immer unstät und unruhig sind. Wer demnach zum wahren Frieden, zum Frieden Gottes gelangen will, muß sich über alle Sinnlichkeit, über alles sinnliche Denken und Wollen erheben und sich einergeben in sein Inneres, wo allein stäte Freude und Ruhe ist. Poche ja nicht auf deine Kraft und wähne, es schade dir nicht, wenn du dich in Dinge einlässest, die dich nicht treffen, wozu weder irgend eine Noth oder eine Pflicht dich auffordern; dahin hast du es wahrlich in deiner vermeinten Vollkommenheit noch nicht gebracht, daß du so rein, lauter und ruhig wieder zurücke kämest in dein Herz, als du geblieben wärest, hättest du deinem Vorwitze nach außen nicht unnöthig und unberufen gefröhnet. §. 129 . Oder wolltest du von gegenseitiger Erfahrung sprechen und sagen, daß dich zeitliche Geschäfte nicht beunruhigten. j 2ZS H dann erklärest du damit offenbar, daß du den wahren See- ^ lenfrieden weder kennest, noch je gekostet habest, dann ist ! dir das innere Leben noch ganz verborgen, dann weißt du ! noch nicht, baß vie höchste und gänzliche Armuth, die völ- I lige Entledigung des Geistes — von der wir seither handelten, das wahre, innere Leben gründe, ja, daß sie dieses selbst sey; dann weißt du noch nicht, daß der einzige Weg zu diesem innern Leben eben auch einzig nur die voll- i kommene Armuth und Freiheit des Geistes sey. Und wisse: es wird niemand ein wahrer Armer im Geiste ohne Gott und Seine Gnade, und Er giebt Sich und Seine Gnade E nur dem innigen Menschen, ihm nur entnimmt Er alles ^ Ungöttliche, Vergängliche und Fremde, und nur der Jn- s nigste ist auch der Aermste, und der Aermsie ist eben auch der Innigste; denn Innigkeit und Armuth stehen im glei- chen Verhältnisse. Die Innigkeit ächter vollkommener Art ^ ist ja nichts anderes, als ein gänzliches Verlassen und Ent- ! sagen sowohl seiner selbst, als aller Dinge nach außen und § innen. In dieser Innigkeit nun dringt der menschliche j Wille in den vollkommensten Willen Gottes ein, einiget sich ^ mit ihm, und zween Willen sind nun Einer. ^ §. 130. i Dieser vollkommenste Wille Gottes nun ist die Nachfolge der Lehre und des Lebens Jesu Christi; von Ihm sprach des Vaters Stimme bei der Taufe im Jordan ! „Der ist Mein geliebter Sohn, an Dem Ich ein Wohlge- ^ fallen habe, Den sollt ihr hören." An Dem Ich ein Wohl- ^ gefallen habe, sagt Er, zur deutlichen Erklärung, daß des l Vaters Wohlgefallen einzig im Sohne sey, und folglich ! auch an allen, die Ihm im Leben am ähnlichsten zu werden ^ suchen. Höret Ihn, sagt Er ferner, zum klaren Beweis, daß der Vater bestimmt wolle, der Lehre des Sohnes zu folgen. Nun prediget aber das Leben und die Lehre Christi Matth. 3, 17 . 240 allenthalben äußere, wie innere Armuth, und diese verlangt denn der mit Gott vereinigte Wille. So lange aber der Wille nur im bloßen Verlangen steht und er noch nicht selbst zum Wu'ke, zur Wirklichkeit in der That geworden ist, so lange ist es auch gewiß und offenbar, daß dieser Wille kein wahrhaft inniger und mit Gottes Willen ganz vereinigter Wille sey; denn wäre er's, dann würde er sogleich die Aufforderung des göttlichen Willens an sich erkennen, was er tbun oder lassen solle, er würde erkennen, daß dies der Wille Gottes sey: Christo in der Lehre, im Leben und Leiden nachzufolgen; je gleichförmiger nun die Nachfolge, je inniger das Leben, je inniger dieses, je genauer die Nachfolge. §. 131 . Ja, nur der innige Mensch gelangt zu einem wahren armen Leben, zur wahren Armuth des Geistes, und nur der wahre Geistesarme ist der allste innige Mensch. Armuth ohne Innigkeit wäre ein König ohne Land, ein Leib ohne Seele, eine Seele ohne Gott. Der Seele Leben ist Gott, des Leibes Leben die Seele; die Innigkeit macht das Leben fruchtbar und gottgefällig. Davon sagt Christus „Es sey denn, daß das Weitzenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibet es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte." Alle Dinge müssen in uns ersterben und wir in Gott, dann entsprießen dem Tode unzählige Früchte, ein Leben wird geboren in uns, Gott wohlgefällig; wer nickt fällt in diesen Grund und Boden, der wird auch nicht innerlich sterben, und wer da nicht stirbt, bringt keine wahren Früchte. Der äußerliche Schein macht es wohl hier nicht aus, diesen hat auch der Gassen- Bettler, und er ist deswegen noch kein Heiliger; innen muß gestorben werden und das Aeußere muß mit dem Innern übereinstimmen, das ist Vollkommenheit. »> Joh. 24, 241 §. 132. Dann aber ist der Mensch innerlich gestorben, wenn er der Sünde durchaus entsagt, jede unordentliche Neigung besieget, jede Tugend sich eigen gemacht hat, so, daß ihm die Tugend nun zum Wesen geworden ist; dann ist er ein inniger Mensch, wenn ihm alles Aeußere, Vergängliche peinlich ist; dann ist er ein armer Menich, wenn sich der Geist alles Fremden so entlediget hat, daß in ihm nichts übrig mehr ist, denn Gott allein, und Er ungehindert im Grunde der Seele Sein ewiges Wort sprechen kann. Diese Drei: innerlich sterben, innerlich leben, arm seyn im Geiste, stehen in einem Punkte, in der Ewigkeit, in der Einheit, in wesentlicher Reinheit; denn ächtes und wahres Sterben ist Einheit, und ächte Einheit ist Armuth und wahre Armuth ist Einheit, sie alle Drei sind Eines; sie sind jenes Eine, was Christus als das „Eine Nothwendige^ nennet. Wenn Gott Sein Werk in der Seele wirken soll, muß der Mensch in einer, sich selbst und allem Aeus- fern abgestorbenen, innigen, reinen Einheit seyn; diese Einheit ist allein des Wirkens Gottes empfänglich. Nur am klaren, ganz reinen Himmel leuchtet die Sonne am schönsten, nur in einer reinen, vereinfachten Seele kann die göttliche Sonne ihr volles Licht, ihren ganzen Segen ausspenden; wie viel sie der Einheit entbehrt, so viel entbehrt sie des Lichtes, denn Einheit ist des Lichtes Wesen, und deshalb wirkt es nur in der Einheit, wie jedes Ding nur wirket nach seiner Natur; wer sich von der Einheit entfernet, der entfernt sich vom göttlichen Lichte. Darum behaupten wir, daß die höchste Vollkommenheit des Menschengeistes darin bestehe, daß er innig sey und einig, und wer in dieser Innigkeit und Einheit bleibet, der nimmt immer zu an Vollkommenheit, auf den wirket unaufhörlich das göttliche Licht ein, welches seine Vernunft erleuchtet, zu erkennen die ächte Wahrheit; und eben diese Erkenntniß der reinen, ächten Wahrheit drin- 16 242 qet bin auf Einheit, und nimmermehr wird die durch Man- uichfalngkeir zerstreute und gehinderte Vernunft, nachhan- «end bald Diesem, jetzt Jenem, zu jenem wahren Lichte aclangen, in welchem die göttliche Wahrheit sich offenbaret. D'e>es wahre Licht ist höchst einfach, es kann alfo auch nur sein Licht ausstrahlen in einem reinen und einfachen Gemüthe; das sagt Christus in den Worten '3: „Ist dein Auge einfältig, so wird dein ganzer Leib licht sevn." Des Menschen Auge ist die Vernunft; ist diese einfach, dann ist alles, was er verstehet, reine Wahrheit, und was er thut, redet und wirket, ist gerecht und tu- genovoll. 8 . 133 . Darum wer unbetrogcn seyn will, treibe sich nicht im Aeußern, wo des Truges so viel ist, eben weil es vielerlei ist, herum, er kehre in sich ein, strebe nach Einheit des Lebens, des Lebens im Geiste; in das Eine, in das Reine kann sich kein Betrug mischen. Schwärme nicht 'in Reiche der Phantasie herum; diese ist eben die Betrügerin, die immer wunderliche und allerlei Bilder schaffet, die sie dir denn als Wahrheit verkaufet, du haschest danach und wähnest die Wahrheit ergriffen zu haben, und siebe, es ist ein loses Bild, ein glänzender Traum deiner oder fremder Einbildung; nimmst du die Wahrheit nach Bildern, so betrügst du dich wohl selbst und Andere. Glaube, der größte und künstlichste Phantast ist der Teufel, er ist im Handwerke ein wohlgeüb- ter Meister, ein Lügner und Gaukler von: Anbeginn, er mischet sich auch gerne in deine Phantasie und in ihre Geburten, bis zu Visionen wird er's mit dir bringen, denn deine Seele ist zertheilet, unstat und immer zerstreuet und so die rechte Stätte für seine Gaukeleien. Sey reinen Herzens; in eine reine, einfache, gottgeheiligte ) Matth. 6 , 22. 243 Seele vermag er nicht einzuwirken, aus ihr sind längstens alle Bilder, alle Spiele der äußern Sinne entfernet, nichts ist da, als Gott und die Tugend; Dieser aber ist unsichtbar und über alle Bilder und sinnliche Vorstellungen erhaben, und was Er da wirket und spricht, das ist so einfach, daß es nicht unter bildliche Vorstellungen kann gebracht, ja nicht einmal, kann ausgesprochen werden. Wer das erfahren hat und die reine Wahrheit versteht, der weiß, daß es wahr ist, und der haltet nichts von Visionen, besonders in dieser Zeit; ist ja die Wahrheit längst offenbaret worden in unserem Herrn Jesus Christus! Wer außer Ihm und Seiner Lehre Wahrheit sucht, der betrügt sich selbst und Andere, und die ihm glauben, sind krank im Glauben und sind eher Jünger des Widcrchrists, als Jesu Cbristi. Wer in Christo lebt und Er in ihm, der kann nichts Anderes bekennen, glauben und halten, als Christus; was sich anders offenbaret entweder in ihm oder in Andern, das verachtet er als Lüge, Betrug und Täuschung, und so bleibt er denn unbetrogen vom Geiste der Falschheit und des Irrthums. §. 134 . Nur wer zu dieser Einheit mit sich selbst gekommen ist, der ist ausgetreten aus dem Dienste der Phantasie; nicht Entzückungen, Visionen, Offenbarungen und dergleichen suchet er, ihm hat sich Gott im reinen Grunde seines einfältigen Herzens unmittelbar geoffenbarct, Seine Liebe ist die Offenbarung; rein und einfach, wie die göttliche Liebe ist sein Herz, darum kann diese auch Wurzel fassen im reinen ihr gleichförmigen Herzen. Diese Gottesliebe ist nun des Herzens seligste Lust und Freude, und nicht täuschend, nicht irreführend ist diese, sie ist übernatürliche, göttliche Wonne, so weit ihrer das reine Menschenherz hieniedcn immer nur fähig ist, sie lehnet sich nicht auf gegen die Wahrheit, die Gott Selbst ist; nicht nur nicht kann sie tauschen und irreführen, sie til- 244 get vielmehr jede sinnliche, »»göttliche Lust. Diese höchste, süßeste Wonne des Geistes darf jedoch keineswegs als höchster Zweck betrachtet und auf ihr, als solchem, bestanden werden; nicht nur darf ihretwegen Gott nicht geliebt, es muß ihr sogar um Gotteswillcn entsagt werden. Er allein muß um Sein Selbstwillen geliebt werden, Er allein muß das einzige Ziel und der Endpunkt der Liebe seyn, nur diese ist vollkommene Liebe. Liebten wir Gott aus einem noch so geistigen Interesse, was wäre unsere Liebe als, Eigennutz, grob oder fein, doch nur natürlich? wir aber sollen und wollen Ihn lieben um Sein Selbstwillcn! Das helfe uns Gott! Johann Tauler'ö geistliche Gesänge. Denn reckte Lauterkeit, die denket nicht; Wie mögen da Gedanken senn, Da ich verloren hab' das Mein? Ich bin encworden! Wer wahrlich steht im Geist entblößt, Von allen Sorgen ist erlöst. Wohl oder übel gilt mir gleich. Ich will so gern arm seyn als reich; Mir Bildern mag ich nicht umgehn. Muß meiner selbst gar ledig stehn: Ick bin entworden! Wer wahrlich steht im Geist entblößt. Von allen Sorgen ist erlöst. Fragt ihr, wie ich zur Bilderfreihcit kam? Wie ich die Einheit recht in mir vernahm. Und rechte Einheit dieß einprägt. Daß mich nicht Lieb' noch Leid bewegt; I. Von der Entwerdung. in neues Lied ich von der Bloßheit dicht'. 246 Ich bin entrvorden! Wer wahrlich steht im Geist entblößt. Von allen Sorgen ist erlöst. Fragt ihr, wie ich dem Geiste so entkam? Wie ich nicht dieß noch das in mir vernahm, Als bloße Gottheit sonder Grund; Da konnt' ich länger schweigen nicht, ich mußt' es machen kund: Ach bin entworden! Wer wahrlich steht im Geist entblößt, Von allen Sorgen ist erlöst. Seitdem ich so verlor'n in Abgrund kommen. Kann ich auch reden nicht, ich muß verstummen; Die klare Gottheit mich Verschlinget so in sich: Ich bin entworden! Doch diese Finsterniß macht tief erquickt und froh, Nachdem ich dring' durch alles so. Bei meinem Ursprung werd' ich nimmer alt. Nein, wie der Adler ich verjüngre bald; So sind all meine Kraft' fürwahr Verschlungen und erstorben gar. Wer wahrlich steht im Geist entblößt. Von allen Sorgen ist erlöst. Wer dergestalt nun ist verschwunden. Und innig hat die Finsterniß befunden. Der ist ohn' allen Kummer reich fürwahr; Das Liebesfeu'r mich so entzündet gar. Daß ich erstorben. Wer wahrlich steht im Geist entblößt. Von allen Sorgen ist erlöst. 247 Auf dieses Sterben und Entwerden Wird uns noch offenbart auf Erven Der Vater, Sohn und Beider Geist; Ja Jesus Christus ist und heißt Alles Guten Wonn' und Weide, Weit über alle Maaßen. Wer aber angelassen. Bleibt in stetem Leide! II. Gesang einer Gott liebenden und von Gottes Liebe ganz entflammten Seele. N)enn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel; Wenn Gott du liebst. Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! Drum Seele, hohen Stamms, vergeude deine Freiheit nie, Halt stets im Zaum des äußern Menschen Sinne; Was lieb und werth besonders deinem Herzen ist. Das stell gerad der strengsten Prüfung unter. Und findest du es l-uter nicht. Dann tilg es schnell mit aller Kraft aus dir. 248 So lieb und theuer Gott dir ist, Wenn anders Seine Gegenwart du fühlen willst. Wenn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel; Wenn Gott du liebst. Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! O Seele hohen Ursprungs, weile stets in dir, Schütz alles Fleißes deine Freiheit! Ein köstlich Gut fürwahr ist es, ein hoher Schatz, Den Menschengeist unsäglich labend. Wenn wahrhaft frei die Seele lebt. Willst dieses Schatzes habhaft werden du, Entsage fremder Lieb' auf immer, Dann find'st du ihn, dann wirst du seiner mächtig. Wenn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel; Wenn Gott du liebst, Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! Die Liebe Gottes hat dieß eigen. Nie geht sie in die Seele ein, Wo fremde Lieb' das Herz umgarnt; Vergebens trachtest du nach ihr, Sie will dich nicht, sie gehet dich vorüber. Dein Herz verlangt der Herr allein. Allein will Er Sich geben dir. Nur Ihn allein sollst fühlen du in deinem Innern. Wenn Gott du liebst. Dann findest du Ihn jeden Augenblick; Wenn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! Erheb dein Aug' zu diesem klaren Spiegel hin Und schau, wie dieses höchste Wesen deiner harret, Wie's dich verlangt, o meine Seele! Erschaue deutlich dort, wie nah' du Ihm verbunden Senk tausendmal des Tages dich In dieses Abgrunds unermeßne Tiefe; In dieser Tiefe wirst du Es erkennen. Wenn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel; Wenn Gott du liebst. Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! Schau unaufhörlich hin, o meine Seele! In diesen klaren, reinen Spiegel, Er strahlet Freude dir zurück, Weckt wahre Liebe dir im Herzen, Verscheuchet alle Sorgen dir. Es leuchtet tief in unserm Innern Die übcrselige Drei-Einigkeit, Sie senkt Sich in der Seele tiefsten Abgrund ein. Wenn Gott du liebst, Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Zieh Wenn Gott du liebst. Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! 250 Und namenlos und bildlos ist die Tiefe, Und in der unermeßnen Gottheit legt der Geist Ab alle Formen, alle Bilder. O! diests hehre, bolde Licht Durchgingt des Menschen Geist so innig. Daß er sich selbst durchaus erstirbt. Wenn Gott du liebst. Dann wird dir Wonne sonder Maaß und Ziel; Wenn Gott du liebst, Dann findest du Ihn jeden Augenblick: So ein unnennbar süß und selig Wesen Ist unser Gott! » III. Vorn freien Versinken in Gott. ^)ott hat unsäglich mich getröstet! Und wär' ich frei, wär' ledig ich von jedem Bande, Dann würde Er mich gänzlich umgestalten. Mich neu beleben, wie Sein frommer Will' es ist. Wie unaussprechlich selig wäre ich. Könnt' ich mit Christus immer wandern In unverrückter Freiheit ewiglich! Nicht stille stehen würd' ich Da, Fortschreiten immer weiter müßte ich, Eindringen in das i^nermeßne Meer der Gottheit. Beschwichtigt wären dann die Plagen alle. Des Drängers Stimme hört' ich ferner nicht. Wie selig wäre ich, o übersel'ges Wesen! 251 Wenn ungehindert, ungestöret ich In dir, o Gott, ich mich bewegen könnte! Wär's Wunder noch, wenn dann mein Herz In unermeßner Freude' schwämme? Du Unermeßlicher bist ja mein Ziel! Dieß Ziel, mein Gott, hast Du gestccket mir. Du wirst gewiß es mich erreichen lassen, Wenn ich in Einheit Dir, dem Einen, mich vereine. Es ist der Seele Liebe Kraft, Die Dich, o Gott, zum Gegenstand mir macht. Wie selig wäre ich, o übersel'ges Wesen, Wenn ungehindert, ungestöret ich An dir, o Gott, ich mich bewegen könnte! War's Wunder noch, wenn dann mein Herz In unermeßner Freude schwämme? Du Unermeßlicher bist ja mein Ziel! — IV. Von der wahren Armuth und Bloßheit des Geistes. §8as ihr mich fragt, will ich nach meiner Ueberzeugung sagen: Der wahre Geistesarme Ist geistlich unaussprechlich reich, Wo Geistesarmuth ist, Ist Gottes Geist daneben. Laß Kreuz und Leiden kommen. Den Geistesarmen stört es nicht; Sein Wille ungetrübt Nimmt ruhig stets aus Gottes Hand Stillschweigend ohne Widerrcd', Was immer Gott nur schicken mag, 252 Nickis läßt er sich betrüben. Zwar bitter ist der herbe Trank, Doch süß der Wein der Liebe. Am Geistesarmen hastet nichts mit Weile; Das Böse, Las ihm widerfahren kann. Bemerkt er an sich selbsien nicht: Nur fremden Kummer überall zu stillen, Zerschlag'ne Herzen aufzurichten. Ist seines Herzens Freud' und Wunsch. Verachte ihn, so tief du immer kannst. Nimm Vortheil ihm und eigenen Gewinn, Er will geachtet nimmer seyn. Vorn Eigennutz ist fern sein Herz. Wohl wäre Sterben seine Lust, Mit eignem Willen aber will er's nicht. D-ensifertig ist er gegen Jedermann; Uno ehrst du ihn, — er kennt der Ehre Nichtigkeit, Sein eigen Ich ist ihm so sehr entschwunden. Daß alles Gute, was ihm etwa widerfährt. Nicht als Verdienst, als bloßen Zufall er betrachtet. Er weiß von einem Schuldner seyn Wohl auf der weiten Erde nichts; Doch Gott zu danken für den Freund, den Er ihm schickte. Weiß wohl sein Herz, versteht sein frommer Sinn. Jedoch als Menschenknecht für Leibesnoth Läßt nie sein edler Sinn ihn dienen; Drum ist die kleinste Wohlthat, ihm erwiesen. Schon groß genug, um Weckers zu verbitten. Verlangst du Liebesdienst von ihm. Dann werde nur sein Dränger, So dient er unverdrossen dir. — Rechthaberei und Zank und Streit Sind ganz entfernt vom wahren Menschenfreund; Er kennt der irdischen Dinge Nichtigkeit, Stellt nie mit Andern in Vergleichung sich. Drum tritt er leichtlich Jedem aus dem Weg. Und weil sein Herz von Liebe Gottes brennt. Drum kehrt er gerne ein in dieses Herz. — Sein Knmpf ist Dulden, Sein Helm und Schild — Geduld, Mit ihr besiegt er viele Seelenleiden. Wird er geschmäht, die Liebe Gottes lehrt ihn schweigen, Lehrt ruhig ihn die Unbill tragen. In tiefer Demuth stellet er die Frage, Die Antwort giebt die Sanftmuth und die Güte. Den Tadel nimmt er leicht und ungekrankt dahin. — Nichts flicht er mehr, als Herr zu seyn und Richter über Andre. Und aller Menschen Gunst und Lob ist Ekel ihm, Nur Widriges erheitert sein Gemüthe. — So denke ich nach meinem Unvermögen Von Geistesarmuth und von ihren Wegen. Nun gebe Gott, daß Alle wir sie in uns finden! Amen. V. Von der Seligkeit des Seyns in Gott. Gottheit, unermeßner Abgrund, Von keinem Geiste je erkannt! Die Du Dir einversenket hast, Die sind im freien Liebesbande Dir verbunden. Doch fest gebunden ruhen sie In Deiner überreichen Wesenheit H, Je mehr und heftiger einer von der Liebe gefangen ist, je freier ist er an seinem Herzen und Gemüthe, sagt derselbe Tauler in der Predigt auf den ersten Sonntag nach Epiph. S. 128. 254 Genießen hier der wahren Ruhe. Denn außer Dir, o höchstes Wesen, Besteht kein Senn! In Dir allein, in keinen andern nicht. Besteht des Geistes Seyn und Bleiben. In Dir sind wir entledigt alles Wechsels, Hier gehn wir ein in Deine Wesenheit, Erschauen hier die Wahrheit in der Wahrheit, Das ew'ge Leben in sich selbst vhn' alles Meinen; Die Wahrheit nämlich ist in Allein wohl sich selbst geling In ihrem wahren Strahlenlichte. Dort ruhen wir, dort sollen wir abgründlich ruhen; Und hier entschwindet, hier verliert sich jeder Geist. Doch dieß Verlieren, dieß Entschwinden Ist eben erst das wahre, achre Finden. — Doch haftet noch mit Ungebühr dein Herz An einem der geschaffnen Dinge, Dann wirst du das wohl nimmermehr erfassen; Und doch nur so erkennest du Die höchste Ordnung, von der Wahrheit selbst bezeugt. Hier kannst du ohne alles Maaß Die Ordnung in der Einheit schauen. Und bist du dann in diese Einheit aufgenommen, Dann kennst du auch den form - und bildelosen Unterschied, Wo denn dieß form- und bildelose Bild Sicli in sich selbften einergiebt. Dieß Ein- und Ausergeben zwar Macht einen Unterschied der Dinge; Doch aber bleiben alle sie in einer Einheit ') *) Die Seele wird über alle Kräfte geführt in eine göttliche Einheit, von welcher Niemand sagen kann, wie sie sey, so daß sie, so zu sagen, alle Unterscheidung verlieret, nicht zwar nach ihrem Wesen, sondern nach den Dingen, welche in die äußern Sinne fallen, den» in der Einheit wird alle Vielheit verloren, und die Einheit bringt alle Vielheit zusammen in Eins. Tauler am 2ten Sonntag nach Epiph. Und stehen innen ohne Ausgang fest. Das Ein' im All, das All im Einen schauen, Ist wohl ein überreiches Finden! — Wer wirklich ist so reich geworden, Der kennt allein und ganz die wahre Freude.