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Johann Tauler's Nachfolgung des armen Lebens Christi
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oder zu wirken vermagst. So stehet denn Vollkommen-heit der Tugend in wahrer Armuth des Geistes. Schützestdu deine eigene Noth, Krankheit oder sonstiges unumgäng-liches Bedürfniß vor und sprichst: wenn ich meine Noth-durst behalte, soll das meine Vollkommenheit hindern ?Wenn es wahre Nothdurft ist für dich, was du zurückbe-haltest, dann ist's nicht gegen die Tugend, denn auch sie bateine Ordnung; in diesem Falle bist du dir selbst dein näch-ster Armer, entzögest du dir's, so handeltest du gegen dieOrdnung, in gleichseitiger Noth ist wohl jeder sich derNächste.

Z. 20.

Die dritte l'rfache, warum der Mensch die wahreArmuth des Geistes sich eigen zu machen streben soll, ist,damit er sich selbst und allen Kreaturen um so leichter, völ-liger und vollkommener absterbe, daß Gott allein in ihmund er in Gott leben könne. Solch armes Leben ist einLeben des Sterbens; in diesem Sterben aber urständet dasewige Leben.und die Seligkeit, wie der heilige Johannessagt 'I:Selig sind die Todten, die im Herrn sterben."Werde arm und sterbe, aus dem Tode keimet das Leben,der Herr sagt es'"):Es sey denn, daß das Waitzen-korn in die Erde falle und sterbe, sonst bringt es nichtFrucht, stirbt es aber, so bringt es viele Frucht." Soist es auch in der Wahrheit! Wer alle Früchte des Lebenswill, muß auch alle Tode durchgehen; das thuet aber undnur er vermag es auch, der wahre Geistesarme. Wahr istdas Wort eines Geisteslehrers: das Leben nach dem Evan-gelium ist ein Kreuz und eine wahre Marter, die nimmtaber nur der geistlich Arme auf sich und nur er sammelt so-mit alle Früchte des Lebens; wie es aus den WortenChristi erhellet:Willst du vollkommen seyn (sagt Er),so verkaufe alle Dinge, alles was du hast, gieb es den Ar-

*) Offenb. >4,**) Ioh. ir, 24.