Druckschrift 
Johann Tauler's Nachfolgung des armen Lebens Christi
Seite
121
Einzelbild herunterladen
 

121

beschränkten Formen, Vorstellungen und Bildern nickt,und eben deshalb ist es das Werk Gottes über alle mensch-liche Vernunft.

§. 17-

So viel erkennet wohl die Vernunft, daß es das edelsteund über alle geschaffene Dinge erhabenste Werk, die ein-zige, wahre Seligkeit des Geistes sey, darum strebet sieauch mit aller Anstrengung darnach, ob sie es möge erken-nen und begreifen, ihr aber wird es in ihrer Befangenheit hicnieden nie gelingen; wäre es, so wäre das Himmelreichauf der Erde, die Ewigkeit in der Zeit erschienen, sieselbst, die Vernunft wäre der Himmel; doch mühet sie sichdarum, sie möchte es durchaus in der Zeit begreifen; derWille ist rege und in voller Thätigkeit, die Vernunft folgetim raschen Laufe nach, es ist einmal der sehnlichste undbrennendste Wunsck ihres Lebens bis zum Tode hin gewor-den. Ihren ernstlichen, unabänderlichen Willen, dieseshöchste Geheimniß des Geistes zu erkennen, leget sie da-durch an Tag, daß sie sich aller geschaffenen Dinge, allesirdischen Treibens freiwillig entlediget; nun stehet sie derPforte des heiligen Geheimnisses nahe, entblößet alles zeit-lichen Wissens, aller sogenannten menschlichen Weisheit,tritt sie, begnadiget endlich mit übernatürlichem Lichte, mitdem Lichte des Glaubens in das heilige Dunkel der verbor-genen Gottheit ein; jetzt wird sie vom Erkennen kenntniß-los und von Liebe liebelos, d. i., nun erkennet sie nichtmehr nach menschlicher Weise, sondern nach göttlicher;nun liebt sie nickt mehr nack ihrer bisherigen, ihr eigenenLiebe, sie liebet nun in göttlicher Liebe, nach Paulus Wor-ten *):Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir."Der Geist ist zeitlich gestorben und lebet nun göttlich. Darumschmähet nicht immer über die Vernunft, ihr thuet ihr ge-wissermaßen gar sehr Unrecht; sie will das Leben, sie suchet,sie sehnet sich darnach; treibet euch mit ihr, oder vielmehr

l

*) Gal. 2 , 2o.