116
fet nun freilich der sinnliche Mensch nicht, an ihm wirdes immer wahr bleiben: so lange er lebt, ist er vor demFalle nicht sicher, er, noch befangen von der Sinnlich-keit. Diese sich entwvrdenen Menschen aber leben nichtmehr in der Zeit, ihr Leben, „ihre Wohnung, wie Pau-lus sagt, ist im Himmel." Wer nun ganz eingegangenist in diese Wohnung, in diesen Himmel, der muß darinbleiben, er vermag nicht mehr daraus zu kommen. Bindeeinen Menschen mit starken, unzerbrechlichen Banden, bindehundert derselben, vermögen sie sich zu ledigen ohne Hülfeeines Anderen? So hat Gott das sich entwordcne Ge-müth gebunden, daß es unvermögend ist, sich von Ihm zulösen, oder von der ganzen Welt gelöset zu werden, ja selbstden Willen zu dieser Lösung hat es verloren; es liebt dasBand, es soll nicht zerbrochen werden.
§. 11 .
Damit hebest du ja die Freiheit des Willens auf, ent-gcgnest du? Ich sage: nicht nur nicht aufgehoben wird dieFreiheit des Willens, sie wird vielmehr erst gegeben, die-ses göttliche Liebeband ist ja erst die wahre Freiheit; oderkennest du eine andere Freiheit, als das Vermögen unddie Kraft, nichts anderes zu wollen, als was Gott will? —Sage an, wer ist ein freier König? doch wohl der Unüber-windliche, der mit unbeschränkter Gewalt herrschende; ge-wiß jener nicht, der überwunden von seinen Feinden, ausseinem Besitzthume getrieben wird! Siehe, so ist auchder Wille ein freier König, wenn er seine Feinde überwin-det und sie in Gott, in Dem er, nach Paulus Worten,„alles vermag ", bändiget und im Zaume hält. Zu die-sem Siege verhilft ihm das ernstliche Andenken und stattBetrachten des Leidens unseres Herrn. Wer dahin nochnicht gelangt ist, zu dieser die Welt besiegenden Selbstver-läugnung, der glaube nur, daß er in das Heiligthum undin das Geheimniß des Leidens des Herrn noch nicht einge-gangen ist, dem ist das Geheimniß des Kreuzes noch unbe-kannt, der hat die süße Frucht dieses Lebensbaumes nochnicht gekostet.