§. 58 .
Indessen findet man unter den geistlich arm seyn Wol-lenden zwei Partheien, die sich einander widersprechen, sichwechselseitig beurtheilen und richten, und jede meinet, dieAnderen haben Unrecht und gingen nicht auf dem wahrenWege der Vollkommenheit, und darin haben sie beide recht:denn alle beide stehen nicht in der höchsten Vollkommenheit.Einige derselben behalten ihre Habe äusserlich bei, überge-ben aber ihr Herz an Gott, wachen über dieses Herz, undtragen die möglichste Sorge, es rein zu erhalten, gebensich übrigens mit äufferlichen Uebungen und Werken wenigab, vielmehr ist ihr einziges Merken auf Gott, was Er,und wie Er in ihnen spreche und werke, wozu sie sich im-mer in gehöriger Bereitung halten; so gelangen sie manch-mal zu großer, innerlicher Betrachtung, und erfahren insich vorzügliche Gnadenwirkungen Gottes. Dazu verhilftihnen ihre unermudet fleißige Einkehr in sich, ihr stätes inne-res Versammeltseyn, ihr andächtiges Betrachten des Le-bens und Leidens unseres Herrn, das Wahrnehmen ihrerselbst; dadurch werden sie gereinigct und bewahret vor sünd-licben Gebrechen, und gelangen zur Reinheit des Herzens, iSind sie so weit fortgeschritten, dann theilet ihnen Gott >Seine Gnadenfüllc, deren sie nun schon fähiger und em- !pfänglicber sind, reichlicher mit, und sie gewahren ihrer inihrem Innern auf munnichfaltige Weise. Geben sie sich nun ^in dieser süßen, seligen Erfahrung ganz und ausschließend !alles, Gott und aller Seiner Ermahnung ohne Rückhalt hin, !so stehen sie an dem letzten und höchsten Punkte, Alles, gar !alles Aeußerliche und Innerliche, die Welt und sich selbst ,unbedingt zu verlassen und zu verläugnen, und Christo in !einem vollkommen armen Leben nachzufolgen. Das höchsteZiel haben sie nun errungen, sie stehen auf dem höchstenGrade der Vollkommenheit; können sie sich aber zur ganz- >liehen Entsagung alles Irdischen nicht entschließen, gebenaber im gottliebcnden Sinne der Armuth die Gaben der !Liebe, und wachen über ihr Herz: dann sind sie auch sogute, fromme Menschen, die eigentliche, wahre Vollkom-menheit aber haben sie nicht.