39
der Gnade, und in dieser Gnade stehet der entledigte Gei-stesarme. Darum kennet er auch das Fundament der wah-ren Tugend; die Weisheit der Welt aber unv ihre Schüler,beladen mit ihrem sündlichen Selbst, vermögen nicht zurErkenntniß dieser Wahrheit zu gelangen, sie üben eineTugend, weil es sie so behaget zu thun, oder sie sonsteinen irdischen Pvrtbeil dadurch gewinnen, ihre Tugendist Kunstübung, ist Werk der Natur, nicht Wirkung derGnade, der sie ermangeln.
§. 47 .
Aber nicht nur die Tugend lehret die Gnade kennen,sie ist es auch, die uns unsere Sünden und Gebrechenentdecket. Es ist eine große Vollkommenheit, sagt Erego-rius, seine Unvollkommenheit erkennen, denn die Sündeblendet den Menschen, daß er seine Gebrechen nicht erkenne;fanget er aber endlich an, Ekel zu finden an sich undder Sünde, sich und sie zu verabscheuen, dann gebet inseinem Innern ein Licht auf, in diesem erkennet er seineGebrechen und seine Sündhaftigkeit, jetzt weiß er, wasSünde ist, nun kann er ihr und er wird ihr entsagenund sich wenden zur Tugend. Dieses Erkennen und diesesKönnen ist Wirkung der Gnade, die ihm nicht nur alleindie Sünde, sondern die Ursache der Sünde, und nichtnur die groben, im Aeussern sich zeigenden Unthaten, son-dern auch die geheimen, innern, nicht so leicht merkbarenFehler und Gebrechen entdecket, das Schwanken seinerVernunft, die Schwäche seines Willens: und es gehöretwahrlich viel des göttlichen Gnadenlichtes dazu, um seineSchwache und sein Elend ganz zu erkennen; dazu ist aberNiemand fähig, dieses Gnadenlichtes ist keiner empfäng-lich, als der wahre Arme im Geiste, er allein ist vermö-gend , seinen Seelenstand ganz zu durchschauen. Darumhaben wir oben schon mit Mehreren: gesagt und gezeigt,daß einzig in der ächten Armuth des Geistes, in völligerEntledigung seiner und aller Dinge die wahre Vollkom-menheit bestehe, in ihr allein alle Wahrheit erkannt undunfehlbar verstanden werde, so wie Tugend und Laster,