§. 26.
Stehen Zwei in gleicher Noth, so soll der Mensch in Lei,stung seines Licbewerkes allerdings die Personen berücksichti-gen, sie seiner Hülfe bedürfen. Mehr soll er den Guten, alsden Bösen berücksichtigen, denn ein guter Mensch beziehetund führet zurück alle Dinge auf Gott, er verherrlichetGott allzeit und in Allem; das thut nun der böse Menschnicht. Ueberdies gehören alle Dinge einem guten Menschenviel eher, als dem, der sie wirklich besitzet; will nun derBesitzer seine Schuld gehörig abtragen, so theile er mitdein guten Menschen, und das Dank- und Liebegebet einesFrommen zu Gott erwirbt dem Geber wohl mehr, alsdas eines Anderen.
Z. 27.
Ueberhaupt ist alles daö ein göttliches Liebewerk, wennder Mensch bei Leistung desselben verzichtet auf alles An-dere, ausser Gott und des Nächsten Nothdurft, daß erin seinem Werke nichts meine, noch suche, denn die EhreGottes, nicht suche Befriedigung der Lust der Natur, nochsonst irgend Etwas. Solche göttliche Liebewerke soll derVollkommene, der wahre Geistesarme wirken, frei dagegensich entschlagen aller anderen Dinge und Werke, entsprin-gen sie aus Antriebe des Bösen, oder seines selbst eigenensinnlichen Geistes. Und so ist wahre Armuth auch hierinein freies Vermögen, eine freie Kraft.
8. 28.
Da wir nun bisher von der Freiheit' des Geistes gere-det haben, wird es nun wohl auch nöthig seyn, zu unter-suchen, in wicferne die Freiheit eines Menschen geordnet,folglich göttlich, oder ungeordnet und regellos, folglich schäd-lich, verderblich und ausser Gott sey ? Die wahre Freiheit,die von Gott ausgehet und Alles auf Gott zurückführet,entspringet aus wahrer Demuth, sie endet in Demuth,in Geduld und allen Tugenden, und in Gott, der ihrZielpunkt ist. Stürmen gleich Menschen oder der böse Geist,