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Johann Tauler's Nachfolgung des armen Lebens Christi
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wesentlich; richtet aber der Mensch sein ganzes Streben undseine ganze Kraft nicht auf die Tugend, die er erreichenwill, so entgehet ihm das Wesen der Tugend, und ihmwird keine Tugend wesentlich werden, denn dem Wesen derTugend steht er selbst entgegen.

§. 10.

Auch stcbct die Vollkommenheit des Menschen nicht ein-zig in der Ledigkeit und Freiheit des inneren, sondern auchdes äusseren Menschen, denn der Mensch ist Menschnicht allein der Seele, sondern auch dem Leibe nach.Darum ist es nicht genug, nur ledig zu seyn nach deminneren Menschen, auch der äussere muß entlediget seyn, soviel es ihm möglich ist, und dieses äußerliche und innereHinwenden und Kehren aller Dinge aus die Tugend machtihn allein ganz vollkommen, denn" in der Tugend bestehetdie Vollkommenheit. Ist nun der Mensch innerlich undäusserlich abgestorben allem Irdischen und jeder Kreatur,haftet er an nichts weiter, so schadet es dem Adel undder Reinheit seiner Armuth keineswegs, wenn Zeitlichesihm äusserlich zukömmt, und die Kreatur mit Gunst sichzu ihm wendet; er ist ja ledig dessen allen der Neigungnach, und was ihm zufällt, oder sonst zukommet ohne seinZuthun, das steht er an, wie es auch wirklich ist, alseine Gabe von Gott, der nur sein Bestes will, es seynun was es sey, Liebe oder Leid, bitter oder susse. Denndein aller Dinge Ledigen, der sich einzig an Gott hält, demmuß der gütige Gott mit allem Gute gleichsam entgegen-gehen, es sey leibliches oder geistliches Gut, er nehme esnur an von Ihm, er nimmt es ja von Gott, und nichtvon den Geschöpfen.

§. 11 .

Wie aber, wenn ihm zu viel zufiele, wie soll derVollkommene sich hier benehmen? Er nehme, daß ihm seineArmuth allzeit bleibe, und er nicht hafte daran, als seyer durch die kleinere oder grössere Gabe nun reicher; istdoch nur Gott sein Reichthum, und nicht zeitliches Gut!