5
muß sogar an Gnade und Tugenden arm seyn; denn dieGnade ist eine Kreatur, auch die Tugenden sind kreatür-lich. Die Gnade nämlich ist ein Licht, welches Gott schöpfetoder schaffet in Sich Selbst, und es der Seele eingleiset,womit Er sie abziehet vom Leiblichen in das Geistige,vom Zeitlichen und Vergänglichen in das Ewige, von derMannichfaltigkeit in das Einfache und Eine; ist nun dieSeele mittelst der Gnade erhaben über alles Irdische, überZeit und Mannichfaltigkeit, allem entrücket, sich einzigeinigend dem Einen, bann ist sie rein Geist, stehend inder Ewigkeit, dann wird Gnade gewandelt in Gott, nichtferner zieht Er sie durch krcatürliche Gnaden-Weiie, Erziehet sie unmittelbar durch Sich zu Sich, Er führet sievon Sich zu Sich, wie der heil. Augustin spricht: „OHerr! wer giebt mir einen andern Dich, daß ich von Dirzu Dir gehe?" und in dieser Rücksicht ist die Seele auchgnavearm, denn sie ist erhoben über die Gnade, durchGott in Gott versetzet.
§. 7 .
Ferner, auch tugendarm muß der Mensch seyn, dem esum wahre Vollkommenheit ernst ist; die Tugenden sindnämlich nach ihren Werken natürlich, nach ihrer Meinungaber und Absicht göttlich. Nun soll der Mensch aus lautererreiner Meinung, welche Gott ist, wirken, denn Gott liebtund nimmt die Tugend nicht nach den Werken, sondernnach der Meinung, und so wird die Tugend nicht natür-lich , sie wird übernatürlich und göttlich; und da jedes Wir-ken sein Ziel hat, so muß des Menschen Ziel Gott seyn,und nichts anderes, und mit solcher Tugend bestehet dieArmuth wohl. — Auch in folgender Hinsicht soll der Voll-kommene tugendarm seyn, nämlich, die Tugend muß inihm in solche Fertigkeit übergegangen seyn, er muß sich inallen Tugenden so ausgewirket haben, daß ihm das Bildder Tugenden gänzlich entschwunden sey, und er nicht mehrwirke tugendlich im Zufalle, sondern im Wesen, nichtin der Vielartigkcit, sondern in voller Einheit, und dieseTugend ist dann nicht mehr natürlich, sie ist göttlich; und