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Denkverse und Epigramme
Entstehung
Seite
76
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76_ Epigramme.

6Y. Willst du Frieden und Ruhe fürs Herz? Willst sicher du fortgehn?

Bleib' iu der Dcmuth Thal, kindlich bei Blumen und Quell!Auf den Höhen ist Kalt' und ist Sturm; du stürzest nur tiefer;

Aber sicher und warm birgt dich ein friedliches Thal.

70. WürzcvoujcdcmGcuuß ist Mäßigkeit! Schwelgern und SchlemmernWird selbst Freude zu Schmerz, Wasser des Lebens zu Gift.

71. Selbstsucht ist in dem Grund des Gcmüths die tiefste der Wurzeln;Che vernichtest du dich, ehe du sie je zerstörst!

Pflanzest du reichere Keime der Lieb' iu dein Herz, iu dein Wesen;Wirst du der Sclbstbcit auch mehr jegliche Nahrung entziehn.

72. Der ist bescheiden, der dann es noch bleibt, wenn man bitter ihn tadelt;Der ist gut, der es bleibt, wenn ihn auch Jeder verkennt.

7Z. Wie mein Auge dich sah'; so liebt' ich dich; aber vorbciflogIn dem Strome der Zeit dieses Genusses Moment.

Laß nur fliehen dahin! Ich faß' in mein Herz den Geliebten;Gegenwärtig mir stets, bleibst du mir ewig vereint.

7st. Wie? Freigeist benennt ihr den Mann? Lcibsclavcn benennt ihn,Der, verlassen vom Geist, fröhnet der sinnlichen Lust!

Knecht nennt Solchen vielmehr, au Leib, au Geist, an der Seele!Unfrei ist, wen das Fleisch zerrt zu den Thicrcn hinab!

75. Sage, mein Freund, wann wird die Kirche des Herrn triumphiren?Wenn sie die Streitende nicht, wenn sie die Leidende ist.

76. Viel' erheben die heilige Schrift jetzt; käuntcn nur AlleDen Buchstaben nicht bloß, kännten doch Alle den Geist!

77. Zwei sind derWeg',auf welchen dcrMcnsch zurWahrhcithindurchdringt;

Einer kann nimmer fürwahr ohne den anderen seyn:Offenbarung und ächte Vernunft! Erleuchtend einander,

Führen zum Licht sie den Geist, ja, zu der Quelle des Lichts.

78. Siehe, die Himmclskugcl, von Menschenhänden gebildet!Himmlisch fürwahr ist die Kraft, welche so himmlisches schafft.

79. Kleinliche, die ihr euch wild vcrtheidigct! Wisset, ein Hund beißtThöricht den Steiu, der ihn traf von dem Gewaltigeren.

80.Scheidet!"-Gebeut bas Geschick! Nicht wein' ich! Heilige LiebeEint auf ewig, erhebt über die Macht des Geschicks!

Treue Erinnerung wendet den Blick zu gcnossner Gemeinschaft;Schmeichelnde Hoffnung verheißt seliges Wiedersehn dort.

81. Ewiges Wiedersehn ist Frommen bereitet; o darumSehn sic zum letztenmal nie sich, ob weit auch getrennt.

Der die Herzen für Lieb' erschuf, der schaffet auch droben,

Wenn er hier Trennung verhängt, ewigen Wicdcrvcrciu.

82. Bist du von der Natur zum eitclen Thoren geboren?

Wahrlich du strebst ja umsonst nach der Bescheidenheit Schein!

Wenn auch mit aller Gewalt du bescheiden zu scheinen dich mühtest;Rühmen würde dein Stolz, wie so bescheiden du fettst!.