57 -
Mir scheint, ein Fürst könne die Treue dererwelche ihm eifrig dienen, nicht genug belohnen. Wirhaben ein Gefühl von Gerechtigkeit, das uns zurDankbarkeit anhält, und dem wir nachgeben müssen.Uebrigcns aber verlangt der Vorthcil der Großen, daßsie eben so großmüthig belohnen, als mild bestrafen;denn Minister, welche sehen, daß ihre Tugend daSMittel zu ihrem Glücke ist, werden sicherlich nicht zumVerbrechen ihre Zuflucht nehmen, und werden liebervon ihrem Herrn Wohlthatcn, als vvn Fremden Be-stechung annchmcn. Gerechtigkeit und Klugheit stim-men also hierin überein, und es ist ebenso unklug alshart, aus Mangel an Belohnung und Freigebigkeit,die Treue der Minister auf die Probe zu stellen.
Es gibt Fürsten, welche in einen ihren Interesseneben so schädlichen Fehler verfallen; sie wechseln garzu leicht mit den Ministern, und bestrafen die geringsteUnregelmäßigkeit des Verfahrens mit allzngroßer Härte.Minister, welche unmittelbar unter dcnAugcn des Fürstenarbeiten, können, sobald sie einigeZcit im Amte gewesensind, ihm nicht mehr ihre Fehler ganz verbergen; jescharfblickender er ist, desto leichter weiß er sic zu fas-sen. Fürsten die nicht Philosophen sind, werden leichtungeduldig, werden verdrießlich über die Schwächenderer, die ihm dienen, verabschieden sic, und stürzensic ins Unglück. Fürsten die richtiger denken, haben