unmittelbaren Grafen, später Fürsten zu Sayn-'Wittgenstein beider Linien. In beiden ist die Refor-mation zeitig cingeführt worden. Beide haben einen bergigen, für den Ackerbau wenig- günstigenBoden: aber an Gewerbsamkeit und Wohlstand stellt Altena bedeutend über Wittgenstein; und nurhierin allein scheint es gegründet, dafs namentlich auch die Anzahl der unehelichen Kinder im Ver-hältnisse "co-en die Einwohnerzahl im Kreise Wittgenstein mehr als eilfmal grüfser ist, als imKreise Altena. Ohugeachtet der Kreis Wittgenstein nur zwei kleine Städte, wenig Fabrikation undVerkehr, und keine grofse Handelsstrafse enthält, so übertrifft er in Bezug auf das Verhältnis derunehelichen Geburten zu der Einwohnerzahl selbst noch die volkreichste, wohlhabendste und genufs-reichste Stadt des preufsischen Staats, Berlin: er hatte, mn cs übersichtlich in kleinen Zahlen auszu-drücken, im Durchschnitte der hier betrachteten fünfzehn Jahre nahe zehn unehelich Geborene aufdieselbe Anzahl Einwohner, worauf in Berlin nur neun kamen.
In einem auffallenden Gegensätze steht in dieser Beziehung das Verhältnis der Insel Rügen unddes Fürstenthums Plefs gegen einander. Beide an entgegengesetzten Enden des Staats gelegen, durch-aus unähnlich an Abstammung des Volkes, Sprache, Religion, Gewerbe und Landes-Verfassung,stehen einander doch nahe in Bezug auf das Verhältnis der unehelichen Kinder zu der Einwohner-zahl. Die Insel Rügen hatte nämlich nahe vierzehn unehelich Geborene auf dieselbe Anzahl Ein-wohner, worauf das Fürstenthum Plefs deren dreizehn hatte.
Solche Erfahrungen mögen wenigstens dazu dienen, um Vorsicht in den Folgerungen zu em-pfehlen, welche' von den Aeufscrungen des Geschlechtstricbes auf den Zustand der Sittlichkeit irgendeines Landesthcils zu machen versucht werden möchten.
Das leibliche und geistige Wohlbefinden eines Volkes beruht wesentlich einerseits auf der Stufedes Wohlstandes und der Bildung, welche die grofse Masse desselben bereits erreichte; und an-drerseits auf der Sorgfalt der Regierung und der Zweckmäßigkeit ihrer Anordnungen. Für den preu-fsischbn Staat ist in dieser Beziehung so Vieles durch seine Regierung geschehen, dafs ein schnelle-res Wachsthum an geistigem und leiblichem Wohlsein nur gehemmt wird durch die Nothwendigkeit,in Sachen der Bildung der Zeit, Zeit zu lassen: das ist bessere Ucberzeugungen nicht aufzudringen,sondern nur die Mittel zur Entwickelung derselben durch eigene Vernunft und Kraft darzureichen,und die Gesinnungen und Handlungen, welche daraus hervorgehen, erst durch Gewohnheit im VolkeWurzel fassen zu lassen, ehe die Früchte derselben zu neuen Unternehmungen verwendet werden.Das geistige Wohlsein der Völker setzt ein leibliches so nothwendig voraus, dafs der Gegensatz zwi-schen materiellen und geistigen Interessen in der liöhern Staatskunst ein leeres Wortspiel wird. Auchin den wohlhabendsten Staaten des neueren Europa’s fehlt noch sehr viel dazu, dafs die grofse Masseder Nation in Nahrung, 'W ohnung und Kleidung, in Abwechselung von Arbeit und Erholung, in Si-cherheit, Bequemlichkeit und Annehmlichkeit ihres Familienlebens, denjenigen Umfang von materiel-len Gütern und davon abhängcndcin leiblichen Wohlsein und frohem Mathe besitze, welcher wesent-lich erfordert wird, um ihr zu demjenigen Maafsc von Leibeskräften, Gewandtheit und Ausdauer, vonAufmerksamkeit, Einsicht, Pflicht- lind Billigkeitsgefühl zu verhelfen, dessen Erreichung jeder verstän-dige Mensch ihr zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt, und selbst der seinigen wünschen mufs.
Wohlstand und Sittlichkeit verlängern zunächst die Dauer des menschlichen Lebens, und spre-