Carrel
379
gabilitirte sich 1819 in Breslau, gab aber schon im folgenden Jahre auchdiese Stelle auf. Seitdem lebt er theils zu Heidelberg, theils zu FrankfurtM Main, und hier setzt er seine verdienstliche Wirksamkeit als ausgezeichneterSchriftsteller fort, vorzugsweise auf dem theologischen Gebiete. Von sei-nen Schriften sind vorzüglich bemerkenswert!): „Religion und Philosophie inFrankreich" (Göttingen 1827); eine Reihe gehaltvoller französischer Abhand-lungen, welche die Kunde der religiösen Bestrebungen in Frankreich unter denJeutschen zu verbreiten geeignet sind und durch C.'s gediegene Anmerkungen undZusätze einen höhern Werth erhalten haben. „Über alleinseligmachende Kirche"sLTHeile, Frankfurt 1826 und Göttingen 1827). „Was heißt römisch-katho-lische Kirche? Aus kirchlichen Autoritäten zu beantworten versucht" (Altenburg1828). In diesen beiden Schriften wird die römisch-katholische Kirche im Ver-hältnisse zu Wissenschaft, Recht, Kunst, Wohlthätigkeit, Reformation und Ge-schichte nach vernünftigen Begriffen über Religion und Kirchenthum und nachdm Ergebnissen der Kirchengeschichte richtiger als je vorher beurtheilt, und dasPhantom einer alleinseligmachenden Kirche in nichts aufgelöst. Sie zeichnensich vorzüglich durch eine tiefe, von allem Dualismus entfernte Philosophieaus, wodurch es einzig möglich wird, das System der alleinseligmachendenKirche von Grund aus zu zerstören. Zwar gehört C. der katholischen Kirchean, er hat es aber aufgegeben, veralteten Kirchenlchren und Erfindungen der Vä-ter durch geschickte Täuschung den Schein des Lebens und der Wahrheit zuerhalten, und es ist ihm vielmehr ein Ernst und gilt ihm als seines Wirkens undLebens heilige Aufgabe, frei von den Fesseln fremder Autorität, und nur seinereignen wohlerworbenen Überzeugung folgend, das Reich der Wahrheit und derLiebe immer fester zu gründen. Er gehört daher, wie er sich selbst ausdrückt, derrömisch -katholischen Kirche als Einer, die sich für unfehlbar und alleinseligmachendausgibt, nicht mehr an, seit er die Unmöglichkeit in sich vorgefunden, dieselbe alsunfehlbare Lehrerin der Wahrheit anzuerkennen. Diesem erleuchteten Katholikenist die Katholicität nur jene Bereitwilligkeit, der Wahrheit sich ganz hinzugeben,sobald man derselben, durch wen es immer sei, ansichtig geworden sein möge. DenProtestantismus aber setzt er nur allein in jene Selbständigkeit des Geistes, welchegegen stde von Menschen ausgesprochene Behauptung protestirt, zufolge welcherirgend ein menschliches Individuum, oder eine Kaste, oder selbst eine Kirche, als bevor-zugtes, unverbrüchliches Organ der Wahrheit für alle Zeiten angesehen werden soll.In dieser Auffassung sind ihm wahre Katholicität und wahrhafter Protestantismusnur die explicirten Momente der Einen Humanität. Diese Idee einer reinen,freien und allgemein christlichen Kirche, rein von allem menschlichen Ausatz, freivon aller Hierarchie, nur auf Anerkennung der allgemeinen Grundsätze des Chri-ftenthums dringend, nicht lutherisch, nicht zwinglisch, nicht calvinisch, nicht rö-misch, nicht griechisch, sondern allein christlich, hat C. ausgesprochen und erörtertin der Schrift: „Kosmorama. Eine Reihe von Studien zur Orientirung in Na-tur, Geschichte, Staat, Philosophie und Religion" (Frankfurt am M. 1831).Seine Schrift: „Der Saint-Simonismus und die neuere französische Philoso-phie" (Leipzig 1831), ist ein interessanter Beitrag zur Geschichte dieserPartei. Seine neuesten Leistungen sind: „Die letzten Dinge des römischenKatholicismus in Deutschland" (Leipzig 1832) und „Über das Cölibatgesetzdes römisch-katholischen Klerus" (Frankfurt am M. 1832), worin er dieAnsichten, welche er bereits in der Beurtheilung der drei Hauptschriften über die-sen Gegenstand (f. Cölibat) in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kri-tü" (1829) dargelegt hat, weiter entwickelt. (46)
Carrel (Armand), aus einer Kaufmannsfamilie stammend, ward um1800 geboren. In dem feurigen Knaben erwachte früh die Neigung zum
/
s,