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* Baden. Die Geschichte dieses Landes, in der neuesten Zeit durchdie Entwickelung eines großartigen öffentlichen Lebens ein Lichtpunkt in derpolitischen Geschichte Deutschlands, trug bis zu den gewaltigen Änderungen desJahres 1830 einen ganz andern, ja einen entgegengesetzten Charakter. Vordieser Epoche, welche so viele Verhaltnisse von Grund aus umgestaltete, bot sichJahre lang kaum ein historisches Moment für das Auge des Beobachters ; statteiner Bewegung moralischer Kräfte, der trockene Stoff zu einer Alltagschronik vonmateriellen Dingen, statt der Geschichte eines Volkes, die Geschichte eines Mannes,der wie Ludwig Xl V. von sich sagen mochte: „Der Staat bin ich." Es war dieWiederholung eines allgemeinen Bildes von Herrschast der Reaction, Militair-aristokratie, materiellen Lasten und geistigem Druck. Dieses Alles, den vollkom-mensten Absolutismus reprasentirend, bestand in Baden neben dem Namen einerVerfassung, welche durch Vereinigung von Gewalt und Hinterlist factisch vernich-tet war und ohne die Garantien von Preßfreiheit und Volksbewaffnung nicht inMark und Leben übergehen konnte. Das Volksleben war nur ein passives, dieGeschichte schien auf dem bezeichneten Punkte stillstehen zu wollen. Aus diesemeintönigen Bilde hob sich das Jahr 18L9 mit einigen markirten Zügen hervor; eswar die vom Großherzog Ludwig versuchte Einführung der preußischen Kirchen-agende (s. L iturgieveranderungen), versucht auf Schleichwegen und gegendie badifche Kirchenverfassung, welche indeß ebenfalls durch Nichtberufung der Ge-neralsynode so gut als vernichtet war; es war ferner die Sacularfeier der GeburtKarl Friedrichs, durch den Contraft seiner segensreichen Regierung mit der Gegen-wart eine wahre Ironie in dieser Zeit, und gleichsam eine Vorbedeutung des Um-schwungs, den das folgende Jahr bringen sollte. Am 30. Marz 1830 starb Lud-wig nach kurzem Krankenlager, und den erledigten Thron bestieg Leopold, ein SohnKarl Friedrichs, freudig begrüßt von dem hoffenden Volke. Seine erste öffentlicheErklärung war das Gelübde, die Verfassung heilig zu halten. Bald folgten dieLebenszeichen einer durchgreifenden Veränderung, die Cabinetsherrschaft machteeiner constitutionnellen Regierung Platz, die Camarilla trat nach und nach in denHintergrund; mit einem lange nicht gekannten Vertrauen empfing das Volk dieseUnterpfander einer bessern Zukunft. Dieses Vertrauen erhielt in Baden die gesetz-liche Ruhe, wahrend die Folgen der französischen Juliusrevolution Europa erschüt-terten, ein lange gesammelter Gahrungsstoff aufbrauste, und von zwei Seiten dieSturmflut an die Grenzen schlug. Unter Ludwigs Regierung hatte eine Zeit ge-fährlich werden mögen, welche allenthalben das Bewußtfein verletzter Rechte undInteressen weckte und von einem scheintodten Volksgeiste den Grabstein hob.Jetzt wurde sie es nicht, und die sogenannten Unruhen in Karlsruhe im September1830 waren nichts als ein Unfug der Straßenjugend gegen Juden, von einem un-verständigen Polizeidirector als Revolution behandelt, und ohne Excesse, als diedes aufgebotenen Militairs. Gegen das Ende des Jahres .1830 fanden die Wah-len für den nächsten Landtag statt, wobei die Negierung eine erklarte Nichteinmi-schung beobachtete; das Volk entwickelte eine im höchsten Grade lebendige Teil-nahme, und eine tiefgehende geistige Bewegung warf sich in diese Bahn zu demZiel einer gesetzlichen Reform. Die praktischen Lehren der Cabinetsherrschaft selbsthatten die Masse mit solchem constitutionnellen Sinn durchdrungen; das Übrigewirkte der Einfluß der Zeitereignisse überhaupt und des Thronwechsels, einer Ver-änderung, welche jederzeit Erwartungen spannt und Hoffnungen aufregt. Unterdiesem dreifachen Einfluß ging aus den freien Wahlen eine Volkskammer hervor,welche der treue Ausdruck des Gefammtwillens war, die Blüte des Volks an In-telligenz, Charakterkraft und redlichem Willen. Noch vor dem Zusammentritt derStände, solchen-Geistes gewiß und die Ohnmacht ihm gegenüber nicht minder füh-lend, zogen sich zwei unpopulaire Mitglieder des Ministeriums aus demselben zu-Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 10