„Ach, wie gehoben ich mich fühle, Herr Bcgräbniß-Juspektor,durch die Bekanntschaft mit einem so lauteren, echt nationalempfindenden Gcmüth!"
Man promenirt jetzt langsam in den „Rues" und „Avenues"der Gräberstadt zwischen den Bäumen auf und ab, au deren Füßenabgefallene Kreuze, zerfetzte Kränze zu melancholischen Häufchenzusammengekehrt waren.
„Ich war nämlich Vorsitzende eines Comites", sagte FrauEmerenzia, „das es sich zur Aufgabe machte, bei den christlichenFrauen und Jungfrauen Düsseldorfs Unterschriften einer an dieStadtverordneten gerichteten Adresse gegen das Schaudprojcktzu sammeln."
„Was für ein Projekt?" frug der bleiche Mann.
„Denken Sie", eiferte der geistliche Herr, „die Juden sinnenunserer patriotischen Bürgerschaft au, diesem Nihilisten Heine —man kann es kaum aussprechen, so unverschämt ist es: ein Denkmalzu setzen! Stellen Sic sich recht vor, was das heißen will! EinDenkmal —dem Wüstling Heine! Dem Demokraten Heine!Dem Atheisten Heine! Und, was das Frechste ist — demJuden Heine! Sie werden zugeben, es ist einfach eine sittlicheUnmöglichkeit."
Der Kirchhofs-Beamte strich über sein schlichtes Stirnhaar,das wie Bronee matt glänzte. Er schwieg eine Weile, ersticktseufzend, bitter nachdenklich. Dann sagte er hastig, eruptiv: „Mehrdavon! Alles, was Sie wissen!"
„Sie scheinen aufgebracht, nicht wahr, die Idee ist so frivol,daß kaum Heine selbst sie gesagt haben konnte?!"
„Kaum; Sie haben Recht Denn er hat es ja gewußt:
Unser Grab erwärmt der Ruhm?
Thorenworte! Narrenthum!
Uebrigens — was denkt man denn am Strande der Düffel überHeine's dichterische Dualitäten?"
„Das scheint mir ein ganz unwesentlicher Punkt zu sein fürdie Denkmal-Angelegenheit. Fragen Sie lieber: war er einGläubiger? Ein Reichstreuer? Mit einem Wort: ein Charakter?!