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Ich las Heine's „Buch der Lieder" Mitte der 3Ver Jahreauf dem Gymnasium und schrieb damals manches unter dem Ein-fluß seiner Muse. Weniges davon ist gedruckt worden, überhauptdruckfähig. Doch kann ich mich nicht gerade zu „den Jungen rechnen,die ihm verzweifelt nachgesungen"; jung und gesund, nahm ichalles bald humoristisch realistisch. Als Student, 1839—1843,sielen mir dann die philosophischen Schriften Heines in die Hand,ich studirtc Theologie; allerdings wirkte der Skeptiker störend aufmeine Studien ein. Doch kann ich ihm nicht gerade vorwerfen,daß er an meinem Abfall von der Theologie Schuld sei. Es wardie Zeit der Junghegelei, die Kritik der Junghcgelianer undeigene Anlage zu philosophischer Denkfreiheit bestimmten mich.
Nicht alles indessen, was Heine später geschrieben oder gethanhat, habe ich billigen können, teils des Gehalts, teils der Formwegen. Aber ich bin kein Antisemit. Diese Partei sollte bedenken,daß kein Germane deutschem Patriotismus kräftigeren Ausdruck ver-liehen hat, als Heine in seinem Gedichte: „In dem Schloßhof zuCanossa", daß kein Christ herrlicher den Frieden, der von JesuAntlitz und Wort sich über die Welt ergossen hat, gefeiert hat alsHeine in seinem zaubrisch schönen Gedichte „Frieden", „Hoch amHimmel stand die Sonne."
Er hat Spöttereien geschrieben, die verletzend wirken können;aber seine Ironie hat die Philister aus ihrem Stumpfsinn, ausder Trägheit, aus dem Wust von Vorurtheilen aufgerüttelt, worinder Genius des deutschen Volkes verlernte, gesund zu fühlen undzu denken, und die Bande abzuschütteln, durch die ihn politischerund priesterlicher Despotismus am freiem Gange zu einer höherenBildungsstufe hinderten. Es verhält sich in dieser Beziehung mitihm wie in Frankreich mit Voltaire. Wie neben letztcrem I. I.Nousseau so stand neben Heinrich Heine Ludwig Börne.
Professor l)r. tzerman Semmig.