Druckschrift 
1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

Biographie. kt>7

znküudigen. „Ich war nie empfindlich über ein Urteil van Dir",schrieb er ihm., „das den Poeten betraf; auch ob Du irgend einemeiner Handlungen, die ich als Mensch übte — getadelt oder gelobthast, war mir, wenn auch nicht gleichgültig, doch keineswegs verletzlich;ich bin überhaupt weder von Dir verletzt, noch beleidigt, und meinStillschweigen ist keine stumme Klage. Ich klage nur über die Götter,die mich so lange Zeit im Jrrthnm ließen, über die Art, wie Dumein Leben und Streben begriffest. Du hast Letzteres nicht ver-standen, und das ist es, was mir Kummer gemacht. Du verstehstes noch nicht, hast nie mein Leben und Streben verstanden, und unsereFreundschaft hat daher nicht aufgehört, sondern vielmehr nie existiert."

Heine hat diesen Schritt oft bereut und Moser war natürlichtief gekränkt und verletzt. Eine Verständigung zwischen den beidenFrcnnden ist nicht wieder erfolgt; zehn Jahre später starb der stilleund bescheidene Alaun in seiner Vaterstadt Lippehne, wv er geradezum Besuch weilte.

Von den übrigen Frcnnden trat, wie bereits gesagt, nur Varn-hagcn für Heine ein. Michael Beer ließ ihm durch Jmmcrmannsagen, er hätte sich bei der Lektüre seines Buches Glacehandschuheanziehen müssen und wäre noch immer der alte Schwächling, dereine sv derbe Kost nicht ohne Indigestion vertragen könne; mit einemWorte, es wäre ihm etwas übel dabei geworden. Noch schärfer äußertesich ein anderer Freund, Moritz Veit, in seiner Besprechung desBuches; er befürchtete eine Krisis in dem Schaffen Heines und meint,er möge sich hauptsächlich vor einein „Stnmpfwerdcn seiner geistigenSehkraft hüten". Nicht einmal Karl Jmmcrmann wagt eS, demBuche einen kritischen Geleitbrief mitzugeben.

Für all dies entschädigte den Dichter nur das ' Interesse deSPublikums für sein Buch. Die Verbote und Angriffe hatten dem-selben einen ungewöhnlich großen Leserkreis erworben und HeineSName erfreute sich großer Beliebtheit. Sogar auf seine Familie fielein Strahl von dem Glanz seines NamenS, und als CharlotteEmbden kurze Zeit nach dem Erscheinen der Reisebilder eine Reisedurch Deutschland machte, wurde sie allerorten mit ungewöhnlichenEhrenbezeugungen aufgenommen.

Heine verkehrte damals fast nur mit seiner Familie, mit Mutterund Schwester und mit den beiden Onkeln Salomvn und HenryHeine. Solomon Heine hatte sich mit dem bücherschreibenden Neffenversöhnt; der Erfolg der „Reisebilder" war für den praktischen Mannein Gottesurteil, und er ergötzte sich weidlich an den klassischen Ge-stalten des dritten Teils der „Reisebildcr", an dem Marchese Gumpe-lino, in dem Heine einen reichen Nachbar des Onkels, der diesemmanchen Schabernack gespielt haben mochte, den Bankier LazarusGumpel in Ottensen, gezeichnet hatte, und an dein Lvtteriekollekteur