86 Biographie,
holt, daß seine Familie nie das geringste Bedürfnis gefühlt hake,ihn zn fördern, daß vielmehr im Gegenteil im Hanse des Oheimsdiejenigen Menschen stets eine gute Aufnahme fanden, die notorischals Gegner seines Renommees bekannt waren. Ein Litterat, der ihnaufs gemeinste angriff, ward bei Salomon Heine zu Tische geladen,und eine alte Mamsell, in deren Hause man am eifrigsten gegenihn als Schriftsteller räsvnnicrt hatte, erhielt von Salomon Heine, alssie schließlich doch noch einen Mann fand, die vollständige Ausstattung.Heine hatte daher ein Recht, zu behaupten: „In diesem Hause herrschtevon jeher eine ^.ria, oattüva, die meinen guten Leumund verpestete."
Unter solchen Umständen war natürlich die Grnndstimmung desDichters eine tieftraurige und setzte sich aus den Erinnerungen derVergangenheit und den Leiden der Gegenwart zusammen. Noch vieleJahre später rief Heine, als ihn ein gemeinsamer Freund an Ham-burg erinnerte, aus: „. . . . Die hochmütige Splitterrichterei beieigener balkendicker Verstocktheit, dieser Haß gegen alles Ungewöhnliche,diese angstvolle Abneigung gegen allcs, was mehr ist als sie selber,diese heuchlerische bürgerliche Sittlichkeit neben einer phantasielosenLiederlichkeit — wie gräßlich war mir das allcs!"
Heine wohnte damals in der ABC-Straße, und sein einziges„Plttsir" war, daß „er sich besser vorkam als alle andern."
Sein Umgang beschränkte sich in jener Zeit auf den engerenKreiS seiner Familie und einige wenige Freunde, von denen wirImmanuel Wohlwill und Friedrich Merckel bereits genannt haben,welchen sich der bekannte Thcaterkritiker F. G. Zimmermann, derImprovisator O. L. B. Wolfs, der Syndikus Karl Sieveking, derArzt D. A. Assing — der Schwager Brumhagens von Ense —, KarlTöpfer, Ludolf Wienbarg, Albert Methfessel und der LokaldichterK. G. Prötzel zeitweilig anschlössen.
Am innigsten war Heine mit Merckel befreundet, den er zumVertrauten seiner schriftstellerischen Pläne und seiner großen undkleinen Leiden machte. Zahlreiche Briefe an Merckel, der ein junger,aber für die Litteratnr begeisterter Kaufmann war, geben Zeugnisvon dieser Freundschaft, von der Heine wünschte, daß sie sich für dasganze Leben erhalten möge. Auch Friedrich Gottlicb Zimmermann,ein dramaturgischer Schriftsteller von nicht gewöhnlicher Bedeutung, übtezn jener Zeit einen bedeutenden Einfluß auf Heine aus. Er wußtewie wenige die außerordentliche Begabung des Dichters zu schätzen,schmeichelte ihm aber keineswegs und konnte wohl auch gelegentlichsarkastisch gegen ihn werden. An Zimmermann, der damals daskritische Orakel der Hamburger war, hatte sich auch Salomon Heinemit der Frage gewandt: „Sagen Sie mir, Herr Professor, istwirklich was an meinem Neffen?" Worauf jener natürlich diebefriedigendste Antwort gab.