252 Romancero — Letzte Gedichte.
Ich horchte dem fernen WinzergcsangUnd dem kecken Gezwitscher der Finken —
So trank ich zerstreut, und an den WeinDacht' ich nicht während dem Trinken.
Jetzt aber steck' ich die Nase ins Glas,Und ernsthaft zuvor beguck' ichDen Wein, den ich schlucke; manchmal auch,
Ganz ohne zu gucken, schluck' ich.
Doch sonderbar! Während dem Schlucken wird mirZu Sinne, als ob ich verdoppelt,
Ein andrer armer Schlucker seiMit mir zusammengekoppelt.
Der sieht so krank nnd elend ans,
So bleich nnd abgemergelt.
Gar schmerzlich verhöhnend schaut er mich an,Wodurch er mich seltsam nergelt.
Der Bursche behauptet, er sei ich selbst,
Wir wären nur eins, wir beide,
Wir wären ein einziger armer Mensch,
Der jetzt am Fieber leide.
Nicht in der Schenke von Godesberg,
In einer KrankenstubeDcS fernen Paris befänden wir uns —
Du lügst, du bleicher Bube!
Du lügst, ich bin so gesund und rotWie eine blühende Rose,
Auch ich bin stark, nimm dich in acht,
Daß ich mich nicht erbose!
Er zuckte die Achseln und seufzte: „O Narr!"Das hat meinen Zorn entzügelt;
Und mit dem verdammten zweiten IchHab' ich mich endlich geprügelt.
Doch sonderbar! jedweden Puff,
Den ich dem Burschen erteile,
Empfinde ich am eignen Leib,
Und ich schlage mir Beule auf Beule.
Bei dieser fatalen BalgereiWard wieder der Hals mir trocken,
Und will ich rufen nach Wein den Wirt,
Die Worte im Munde stocken.