204 Romancero — Letzte Gedichte.
Fürwahr, der Leib des Weibes istDas Hohelied der Lieder;Gar wunderbare Strophen sindDie schlanken, weißen Glieder.
O welche göttliche IdeeIst dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,Der lockige Hauptgedanke!
Der Brüstchen Rosenknospen sindEpigrammatisch gefeilet;
Unsäglich entzückend ist die Cäsur,Die streng den Busen teilet.
Den plastischen Schöpfer offenbartDer Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem FeigenblattIst auch eine schone Stelle.
Das ist kein abstraktes Begriffspoem!Das Lied hat Fleisch und Rippen,Hat Hand und Fuß; es lacht uud küßtMit schöngereimten Lippen.
Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das LiedDen Stempel der Vollendung.
Lobsingen will ich dir, o Herr,Und dich ini Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,Den himmlischen Poeten.
Versenken will ich mich, o Herr,In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinen: StudiumDen Tag mitsamt den Nächten.
Ja, Tag und Nacht studier' ich dranWill keine Zeit verlieren;
Die Beine werden nur so dünn —Das kommt vom vielen Studieren.