118 Buch der Lieder.
Süßen Kuß, mit sanftem Munde,Drückt die Dame, sorgsam sinnend,Ans Almansors braune Locken —Und es wölkt sich seine Stirne.
Thränenflut ans lichten AugenWeint die Dame, sorgsam sinnend,Auf Almansors braune Locken —Und es zuckt um seine Lippen.
Und er träumt: er stehe wieder,Tief das Haupt gebeugt und triefend,In dem Dome zu Cordana,
Und er hört viel dunkle Stimmen.
All die hohen RiescnscinlenHört er murmeln unmutgrimmig,Länger wollen sie's nicht tragen,Und sie wanken und sie zittern; —
Und sie brechen wild zusammen,Es erbleichen Volk und Priester,Krachend stürzt herab die Kuppel,Und die Christengötter wimmern.
Die Wallfahrt nach Kevlaar.'y
Am Fenster stand die Mutter,
Im Bette lag der Sohn.
„Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,
Zu schaun die Prozession?"
*) Bei dem ältesten Abdruck war dies Lied von folgender Nachbemerkung begleitet:
„Der Stoff dieses Gedichtes ist nicht ganz mein Eigentum. Es entstand durchErinnerung an die rheinische Heimat. — Als ich ein kleiner Knabe war, und imFranciskanerkloster zu Düsseldorf die erste Dressur erhielt und dort zuerst Buch-stabieren und Stillsitzen lernte, saß ich oft neben einem andern Knaben, der mirimmer erzählte: wie seine Mutter ihn nach Kevlaar (der Accent liegt auf der erstenSilbe, und der Ort selbst liegt im Geldernschen) einstmal mitgenommen, wie sie dorteinen wächsernen Fuß für ihn geopfert, und wie sein eigener schlimmer Fuß da-durch geheilt sei. Mit diesem Knaben traf ich wieder zusammen in der oberstenKlasse des Gymnasiums, und als wir im Philosophen-Kollegium bei Rektor Schall-meyer nebeneinander zu sitzen kamen, erinnerte er mich lachend an jene Mirakel-Erzählung, setzte aber doch etwas ernsthaft hinzu: jetzt würde er der Mutter Gottesein wächsernes Herz opfern. Ich hörte später, er habe damals an einer unglücklichenLiebschaft laboriert, und endlich kam er mir ganz ans den Augen und aus demGedächtnis. — Im Jahre 1819, als ich in Bonn studierte, und einmal in derGegend von Godesberg am Rhein spazieren ging, hörte ich in der Ferne die wohl-bekannten Kevlaar-Lieder, wovon das vorzüglichste den gedehnten Refrain hat:„Gelobt seist du, Maria!" und als die Prozession näher kam, bemerkte ich unterden Wallfahrtern meinen Schulkameraden mit seiner alten Mutter. Diese fährteihn. Er aber sah sehr blaß und krank aus.
Verlin, den 16. des Maimonds 1322. H. Heine."