152 Biographie.
Heine noch einmal an seinem Krankenbette. Im ganzen nahmaber die Vereinsamung des Dichters immer mehr zn. Nur seineFreundinnen, Karoline Jaubert, die Fürstin Bekgiojoso, die Eng-länderin Lady Duff Gordon, die russische Gräfin Kalergis und vorallem jenes rätselhafte Wesen, das über Heines Sterbebett huscht,um dann lange Zeit spurlos zn verschwinden, erheiterten seineletzten Lebenstage.
Mit einer musikalischen Komposition führte sich jene junge Dame,eine Deutsche von Geburt, die früh nach Paris gekommen war, zumersten Male bei dem Dichter ein. Heine fand an der liebreizenden Er-scheinung großes Wohlgefallen und konnte bald keinen Tag mehrohne sie leben. Es entspann sich zwischen dem sterbenden Dichterund der jungen begeisterten und schönen Verehrerin ein merkwürdigesVerhältnis, eines jener Verhältnisse, das dem Psychologen viel zndenken geben mag, zu dem aber die Litteratnrkenner sofort in desgreisen Goethe Beziehungen zu Ulrike von Levetzow eine Parallelefinden werden. Die einzelnen Stadien dieses Verhältnisses sind vongroßem Interesse: man kann dieselben jetzt in den Erinnerungennachlesen, welche die Dame, nachdem die Bedenklichkciten und Skrupelder Jugend der reifen Überlegung des Alters Platz gemacht, unterdem Namen Camilla Selben veröffentlicht hat.
Weil sie ein Petschaft mit einer eingravierten Fliege führte,nannte sie Heine beständig „die Mouche", und unter diesem Namenwar sie bisher allein bekannt. Einen unsäglich rührenden Eindruckmachen die kleinen Billets, die der Dichter an diese Mouche richtete,voll LiebesbcdürfniS, voll heißer Sehnsucht und voll Schmerz . . .Das Postskriptum enthält gewöhnlich eine lakonische Mitteilung überseinen trostlosen Znstand.
Die Mouche war seine treue Freundin, die stunden- und tage-lang an seiner Matratzengruft saß, ihm vorlas, seine Briefe schrieb,die Korrektur der französischen Ausgabe seiner Werke machte, undder er die innigste Neigung zuwendete.
Damals — 1856 — war sein Znstand in der That trostlosgeworden. Und lag er so schlaflos ans seinem einsamen Lager, soerfüllte ihn unendliches Sehnen nach seiner Mutter und Schwester,abenteuerliche Gedanken durchkreuzten seine Fiebcrphantasien, erwollte einen Wagen, mit Matratzen gefüttert, bauen lassen, um inden Armen der Mutter seine Seele auszuhauchen. Die Unmöglichkeitdieses Planes einsehend, richtete er dringende Briefe an seine SchwesterCharlotte, zu ihm zu kommen, und Ende Oktober entsprach sie diesemWunsche, indem sie in Begleitung ihreS Bruders Gustav die Reisenach Paris unternahm. — Die Freude, seine innigst geliebte Schwesterwiederzusehen, war unbeschreiblich. Ihr Bett mußte in unmittelbareNähe des Krankenzimmers gesetzt werden, und manche Nacht, wenn