Biographie. 63
Mit der Zeit mid den Verhältnissen verändern sich auch die An-schauungen der Romantiker über die allmählich in den Hintergrundgetretene Parole der Ironie.
Schließlich verschwand die Ironie gänzlich aus den Schriften derSchule und erst durch einen ihrer philosophischen Doktrinärs gelangtesie wieder in den ästhetischen Vordergrund und endlich auch zu einerklaren und erschöpfenden Definition. Nun wird sie uns mich ver-ständlich und in ihrem innersten Kern als berechtigt erkennbar, wennSolger, der Ästhetiker der Romantik, sie auf die Nichtigkeit undVergänglichkeit der Idee im Leben deutet, als den unendlichen Schmerz,der uns erfaßt, wenn wir das Herrlichste durch sein notwendigesirdisches Dasein in das Nichts zerstieben sehen.
Geht aber seine Definition schon weit über das Programm derRomantik hinaus und rückt sie der modernen Idee des Schönen schonerheblich näher, so verfällt Solger dagegen ganz in die Schrullender romantischen Freunde zurück, wenn er im Verlaufe seiner Er-läuterungen als ein äußeres Kennzeichen der Ironie die Empfindungangicbt, „daß das Kunstwerk nicht das Wesentliche sei, sondern nurdie Hülle der inneren Idee".
Wir befinden uns mit dieser Erklärung wieder im tiefsten Dickichtder Romantik. Das ist genau dieselbe Ironie, aus der Schlegels„Lucinde", Ticcks erste Novellen, Wackenroders „Herzensergießungeneines kunstliebenden Klosterbruders" und „Phantasien über die Kunst"wie alle andern Träume und Verirrungcn der romantischen Schulebis auf die „neue Mythologie", die „christliche Kunst" und die Ver-teidigung der krassesten Reaktion hervorgegangen.
Und das war die Krisis der Romantik, die schließlich zurSchleppentrügerin deS Katholicismus wurde. Der Weihranch warnoch betäubender wie die blaue Blume, die Novalis als daS Symbolder Romantik hingestellt hatte.
Der Bankerott der romantischen Schule trat ein, indem das,was gut und wertvoll war, von ihren Prinzipien, in geläutertenFormen fortlebte, während alles übrige wie ein toller Spuk mehrund mehr verschwand. Vor der Sonne des jungen Tages verblaßteder Mondzauber der Romantik!
An poetischen Werken hat sie nichts Bleibendes hinterlassen, undnur ein Dichter ragt aus dem romantischen Chaos hoch empor, einDichter, dessen Größe freilich darin besteht, daß er den Grund-gedanken der Romantik in seiner vollen Reinheit Versinnlichte —Heinrich von Kleist.
Der wahre Geist der Romantik wurde, losgelöst von allen Jrr-nissen und Trübungen, auf einem ganz andern Gebiete und ineiner ganz neuen Richtung fortgebildet. Während Schelling eineheroische Mythologie des Mittelalters erfand und sein philosophisches