Biographie. 28
Wucherers, der iu der Schule allgemein „der Hcringsphilosoph" oder„der Atheist" hieß, uud mit dem Heine besonders vertrauten Umgangpflegte. Er hatte mit dem Knaben, der im elterlichen Hanse nichtgern gesehen wurde, geheime Zusammenkünfte, bei denen sie dieWerke Spinozas lasen und stundenlang die ernstesten philosophischenDiskussionen führten. Harry sprach nie gern über den jungen, gelb-bleichen Menschen, der allen andern so unheimlich war. Wahrscheinlichhatte das Kornwuchergeschäft seines VatcrS und seines jüngerenBruders so früh schon sein Gemüt verbittert und ihn so menschen-scheu gemacht. Dieser Freund, eine „Znsammcnmischung von Galle,Zerknirschung, Exaltationen und einigen guten Anlagen zu einemMargniS Posa," war sehr befähigt, sprachgewandt und reich anKenntnissen; er hat ans Heines rationalistische Richtung entschiedenen,vielleicht sogar unheilvollen Einfluß gehabt.
Die Lektüre des Knaben war überhaupt eine merkwürdige. Ob-wohl eigentlich planlos, zeigte sie doch schon bestimmte Neigungenund Richtungen. Die Mutter hatte den Kindern Reisebcschrcibnngcnund illustrierte Werke, die in das Gebiet der Länder- und Völker-kunde einschlugen, besonders warm empfohlen, Harry aber las den— „Don Qnixote" in der llbcrsehung von Tieck. Es ist ungemeincharakteristisch, welch mächtigen Eindruck dieses Grundbuch des Welt-Humors auf Heine ausübte.
Neben diesem Buche gehörten noch „Gullivers Reisen" von Swiftzur Lieblingslcktiire des Knaben. Der Einwirkungen beider Büchererinnert er sich später noch oft mit wehmütiger Rührung.
Die politische Situation hatte sich inzwischen gewaltig verändert.Der Druck der napvleonischcn Zwangsherrschaft war unerträglich ge-worden, eine Zeit der Läuterung und der Sammlung war heran-gebrochen und eine Generation erstanden, der Vaterland und Freiheitdie heiligsten Güter waren. Ihr Mut und ihre Begeisterung wuchsen,nachdem Napoleon den Zauber der Unbesiegbarkeit durch den un-glücklichen Feldzng nach Nußland eingebüßt und die große Armee inden Wellen der Beresina ihr eisiges Grab gefunden hatte. Der Sterndes Imperators war im Erbleichen und als am 17. März 1813Friedrich Wilhelm IIb den berühmten Aufruf „An mein Volk" undam 28. März die Proklamation von Kalisch erließ, in welcher „dieWiederherstellung deutscher Freiheit uud Unabhängigkeit und einesehrwürdigen Reiches aus dem ureigenen Geiste des deutschen Volkes"verheißen wurde, „damit Deutschland verjüngt und lebenskräftig undin Einheit gehalten unter Europas Völkern dastehe," da brauste einSturm der Begeisterung durch ganz Deutschland und entzündete intaufenden junger Herzen die Begeisterung für den Befreiungskrieggegen Frankreich. Auch alle Schüler der Oberklasse des Düssel-dorfer Lyecums, unter ihnen Harry Heine, erboten sich im Früh-