8g Heine: Neue Gedichte.
23.
König Harald Harfagar'.
Der König Harald HarfagarSitzt unten in Meeresgründen.
Bei seiner schönen Wasserfes;
Die Jahre kommen und schwinden.
Von Nixenzauber gebannt und gefeit.Er kann nicht leben, nicht sterben;Zweihundert Jahre dauert schonSein seliges Verderben.
Des Königs Haupt liegt auf dem SchoßDer holden Frau, und mit SchmachtenSchaut er nach ihren Augen empor;
Kann nicht genug sie betrachten.
Sein goldnes Haar ward silbergrau,Es treten die BackenknochenGespenstisch hervor aus dem gelben Gesicht,Der Leib ist welk und gebrochen.
Manchmal aus seinem LiebostraumWird er plötzlich aufgeschüttelt,
Denn droben stürmt so wild die FlutUnd das gläserne Schloß erzittert.
Manchmal ist ihm, als hört' er im WindNormannenruf erschallen;
Er hebt die Arme mit freudiger Hast,
Läßt traurig sie wieder fallen.
Manchmal ist ihm, als hört' er gar,Wie die Schiffer singen hier oben,
Und den König Harald HarfagarIm Heldenlieds loben.
' König der Norweger, 803—S30; er vereinigte durch glückliche Kriege dieIns dahin getrennten Landschaften Norwegens.