Nachwort zum „Romanzero". 1Z9
„enter Schlingel und liederlicher Galgenstrick, der sich mitseinem Schweine um die Wette in den Kot wälzt. Die keuscheSusanne brachte der Dunkel ihrer Sittlichkeit, die sie unbesieg-bar glaubte, gar schmählich zu Falle, und sie, die einst denGreisen so glorreich widerstanden, erlag der Verlockung desjungen Absalon, Sohn Davids. Die Töchter Lots hingegenhatten sich im Verlauf der Zeit sehr vertugendhaftet und gel-ten in der andern Welt für Muster der Anständigkeit; derAlte verharrte leider bei der Weinslasche.
So närrisch sie auch klingen, so sind doch diese Nachrichtenebenso bedeutsam wie scharfsinnig. Der große skandinavischeSeher begriff die Einheit und Unteilbarkeit unserer Existenz,sowie er auch die unveräußerlichen Jndividualitätsrechte desMenschen ganz richtig erkannte und anerkannte. Die Fort-dauer nach dem Tode ist bei ihm kein idealer Mummenschanz,wo wir neue Jacken und einen neuen Menschen anziehen;Mensch und Kostüm bleiben bei ihm unverändert. In deranderen Welt des Swedenborg werden sich auch die armenGrönländer behaglich fühlen, die einst, als die dänischen Mis-sionäre sie bekehren wollten, an diese die Frage richteten: obes im christlichen Himmel auch Seehunde gäbe? auf die ver-neinende Antwort erwiderten siebetrübt: der christliche Himmelpasse alsdann nicht für Grönländer, die nicht ohne Seehundeexistieren könnten.
Wie sträubt sich unsere Seele gegen den Gedanken des Auf-Hörens unserer Persönlichkeit, der ewigen Vernichtung! Derüorror vavui, den man der Natur zuschreibt, ist vielmehr demmenschlichen Gemüte angeboren. Sei getrost, teurer Leser,es gibt eine Fortdauer nach dem Tode, und in der anderenWelt werden wir auch unsere Seehunde wiederfinden.
Und nun, lebe wohl, und wenn ich dir etwas schuldig bin,so schicke mir deine Rechnung. —
Geschrieben zu Paris, den 30. September 1831.
Heinrich Heine.